Wo die Jungs hinfahren: Alix Boirot

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Ein anthropologischer Blick auf die Konstruktion von Männlichkeit im Sommer

Alix Boirot, Où vont les garçons ? Enquête sur les masculinités en vacances (Éditions Les Léonides, 2026)

Es gibt einen Satz, den die Anthropologin Alix Boirot während ihrer Feldforschung an der Costa Brava angeblich tausendfach gehört hat, in allen denkbaren Tonlagen, von der zaghaften bis zur prahlerischen: „Gibt es da Mädchen?“ Er fällt, kaum hat man einer Gruppe junger Männer den Club beschrieben – die Etagen, das Rooftop, die Elektromusik –, und er fällt mit der unbeirrbaren Sicherheit dessen, der weiß, worauf es im Leben ankommt. Boirot hat fünf Jahre und sechzehn Monate gebraucht, davon drei Sommer als Schlepperin für eine Diskothek, um ein Phänomen zu verstehen, das einer ihrer Befragten am ersten Abend treffend zusammenfasste: „Wir sind hier, um was zu trinken und Spaß zu haben, ist doch nicht so kompliziert.“ Die Pointe ihrer Untersuchung besteht darin, dass es eben doch kompliziert ist – und zwar genau in dem Maße, in dem es sich einfach gibt.

Die Feldforscherin als Schlepperin, oder: das Unbehagen am eigenen Gegenstand

Beginnen wir mit der Methode, denn sie ist Teil des Befunds. Boirot ließ sich drei Sommer lang als „rabatteuse“ anstellen – als jene Figur, die nachts auf dem Bürgersteig steht, Gruppen abfängt, sie zum Lachen bringt und in einen bestimmten Club lotst. Es ist, so erfährt man, der einzige Posten im Nachtgewerbe, der dauerhaften Kontakt, Mobilität zwischen Straße und Club und einen freien Tag zum Beobachten verbindet. Barfrauen reden im Lärm des Dancefloors mit niemandem; Türsteher sollen gefürchtet, nicht vertraut sein. Die Schlepperin dagegen ist der Club nach außen – eine soziale Position, die sich, wie sich zeigt, hervorragend für teilnehmende Beobachtung eignet, weil sie die Forscherin zwingt, die Codes selbst zu lernen. Denn um teilzunehmen, muss man die Spielregeln kennen.

Bemerkenswert offen schildert Boirot dabei, dass sie ihren Gegenstand zunächst nicht mochte. Sie kam aus dem Lager der Rucksackreisenden, einer Identität, die sich, wie sie weiß, zu einem guten Teil über die Verachtung des Pauschaltourismus konstruiert. Diese Abneigung, betont sie, war kein professionelles Detail, sondern eine Bedrohung ihrer Fähigkeit zu verstehen – und genau hier wird die Reflexion produktiv. Im Anschluss an Martina Avanza, die über die fremdenfeindliche Lega Nord forschte, ohne deren Ideen zu teilen, und an Didier Fassin, der dafür plädiert, die moralischen Urteile des Forschers nicht zu verbergen, sondern zu objektivieren, macht Boirot aus ihrer Distanz ein Erkenntnisinstrument. Wer seinen Gegenstand zu sehr liebt, sieht ihn schlecht; wer ihn zu sehr verachtet, gar nicht. Die Notiz aus dem Sommer 2017, in der sie sich plötzlich dabei ertappt, einen Ort gegen junge Franzosen zu verteidigen, die ihn – ganz wie sie selbst früher – vorschnell aburteilen, ist einer der ehrlichsten Sätze des Buches. Der Blick hatte sich verschoben, fast ohne ihr Zutun.

Und noch etwas prägte die Erhebung: dass Boirot eine junge Frau in einem männlich dominierten Festumfeld war. Allein, weiblich, vermutet heterosexuell – das genügte, um sie in die Kategorie der „sexuell verfügbaren“ Frauen einzusortieren, jene Kategorie, die die jungen Touristen bereitwillig auf sämtliche anwesenden Frauen projizierten. Ihre Gespräche begannen oft mit der Erkundung ihres Beziehungsstatus, und der Hinweis auf ihre „zweite Mütze“, die der Anthropologin, half wenig: Man hielt sie für nicht ganz aufrichtig, gekommen, um Abenteuer zu suchen. Sie hat aus dieser misslichen Lage die schönste mögliche Konsequenz gezogen und ihre teilnehmende Beobachtung der Verführung damit beginnen lassen, dass sie selbst beobachtet verführt wurde.

Die Fabrik der Erwartung

Bevor das Fest ein Erlebnis ist, ist es ein Versprechen. Lloret existiert für die Ankommenden zunächst nur im Imaginären – als jenes „touristische Imaginäre“, das Rachid Amirou beschrieb: ein Bündel von Vorstellungen über Raum, Bewohner, Atmosphäre, erwartete Praktiken, gespeist aus den Erzählungen der Gleichaltrigen, aus Marketing, aus den Amateurvideos der sozialen Netzwerke. Dieses Imaginäre erzeugt nicht nur das Begehren nach einem Ort, es formt auch das spätere Verhalten: Man fährt hin, um vor Ort die Bilder wiederzufinden, die man schon vor der Abreise im Kopf hatte. Die Referenz, die über allem schwebt, ist der amerikanische Spring Break – eine Praxis, die, der medialen Aufmerksamkeit zum Trotz, nur etwa zehn Prozent der US-Studierenden betrifft, deren Bildsprache aber, von MTV in den achtziger Jahren in die Welt getragen, zur internationalen Grammatik des Partytourismus wurde.

Diese Grammatik ist von Anfang an eine geschlechtsspezifische. Boirot analysiert das Werbematerial der spezialisierten Reiseagenturen mit dem Begriff des „male gaze“, des „männlich unterstellten Blicks“, den Laura Mulvey 1975 in die Filmtheorie einführte: Frauen erscheinen darin nicht als handelnde Figuren, sondern als Ikonen, geschnitten auf das ästhetische Vergnügen eines unterstellt männlichen Betrachters. John Berger hatte das wenige Jahre zuvor in eine Formel gegossen, die hier wörtlich aufgeht – Männer handeln, Frauen erscheinen; der Mann blickt, die Frau betrachtet sich dabei, betrachtet zu werden. Genau diese Asymmetrie zeigen die Plakate und Promovideos: Meereslandschaften, Mengen – und junge Frauen, oder zumindest Teile ihrer Körper. Männliche Figuren erscheinen seltener, fast immer in Gruppe und, im Gegensatz zu den Frauen, fast immer als ganze Personen. Die Fragmentierung des weiblichen Körpers in Brust, Gesäß, Bauch ist dabei nicht Stilmittel, sondern, mit Martha Nussbaums Vokabular der Objektivierung gesprochen, die bildliche Reduktion einer Person auf instrumentell verfügbare Teile. Ein Plakat, das Boirot beschreibt, fasst das Genre zusammen: Ein junger Mann hebt seine Tauchbrille, um die Frau im Bikini im Vordergrund besser betrachten zu können; eine weitere zieht sich von hinten aus dem Pool. Der Mann im Bild ist nicht nur anwesend, er modelliert den Blick – er ist die Anweisung an den Betrachter, wie zu sehen sei. Die Werbung verkauft, mit einem augenzwinkernden, aber unmissverständlichen Code, ein Paradies für heterosexuelle Männer, bevölkert von verfügbaren Frauen-Objekten. Es lohnt, hier kurz innezuhalten: Die Agentur, betont Boirot, ist nicht der Schuldige, sie wendet bloß die geltenden Regeln an. Das ist die unbehaglichere Erkenntnis – dass kein Drahtzieher nötig ist, wenn ein ganzes Feld dieselbe Bildsprache atmet. Schon hier wird dem künftigen Touristen ein Skript überreicht, in dem seine Rolle die des begehrenden, zugreifenden Subjekts ist – und mit der Rolle die Erwartung, sie auch auszufüllen.

Das Imaginäre arbeitet bereits in der Vorbereitung. In den Foren posten Sechzehnjährige Anfragen nach einem Ort mit „beaucoup de filles!!“, und die Antworten bestätigen mit der Autorität des Erfahrenen, dass man dort „nicht enttäuscht“ sein werde. Spannend ist die anthropologische Lesart eines unscheinbaren Gegenstands: des Kondoms. Es einzupacken erfüllt einen sanitären Zweck, aber es markiert vor allem eine Erwartung. Ein Befragter erinnert sich, dass über Sex nie gesprochen wurde – „aber natürlich haben wir alle dasselbe gedacht, schließlich fuhren wir nach Lloret, und wir haben sicher alle Kondome mitgenommen.“ Die Selbstverständlichkeit dieses Schlusses, das stillschweigende Einverständnis einer ganzen Gruppe, ist aufschlussreicher als jede explizite Ankündigung. Ebenso die minutiösen Vorab-Verhandlungen darüber, wie man im Schlafsaal bei einer Eroberung die nötige Intimität herstellt: Wer räumt das Zimmer? Gibt es eine Rotation? Wer hätte Vorrang? Diese Logistik des Hypothetischen ist, wie Boirot fein bemerkt, weniger praktisch als projektiv – sie erlaubt es, sich in die kommenden Genüsse hineinzuträumen, so wie das Einpacken von Sommerkleidung im Winter eine antizipierte Freude bereitet. Mit Erving Goffman ließe sich das als „Vorderbühnen-Vorbereitung“ lesen: Längst bevor der Auftritt beginnt, wird die Requisite geprüft, die Rolle memoriert, das Versprechen an die Mitspieler abgegeben. Und genau in diesem Versprechen liegt schon die Falle. Wer mit Kondom und Eroberungsplan anreist, hat sich vor den Freunden zu etwas verpflichtet, das er später einlösen muss – der Performanzdruck beginnt nicht in der ersten Nacht, sondern beim Kofferpacken.

Der maßvolle Exzess

Wer das Treiben von außen betrachtet, sieht Anomie: sinnentleerte Nächte, Alkohol als Maske über der Leere. Boirot dreht den Blick um. Für die jungen Feiernden, schreibt sie, liegt das Risiko nicht im Exzess, sondern in der Langeweile. Saufen, rauchen, Substanzen – das ist keine romantische Herausforderung des Lebens, sondern eine pragmatische Versicherung gegen das, was am meisten gefürchtet wird: dass nichts passiert. Wir sind, in ihrer schönen Formel, näher am Soma aus Huxleys „Schöner neuer Welt“ als am Drogentagebuch. Sich zu amüsieren ist eine ernste Angelegenheit, eine Aufgabe, die Zeit, Geld und technisches Geschick verlangt. Anthropologisch lässt sich der Urlaub als das fassen, was Victor Turner die „liminale Phase“ nannte: ein Schwellenzustand außerhalb der Alltagsordnung, in dem die gewohnten Rollen ausgesetzt scheinen und sich eine egalitäre „communitas“ der Mitreisenden bildet. Doch Turners Pointe ist gerade, dass die Schwelle keine Regellosigkeit ist, sondern eigene, oft strengere Regeln kennt – und in Lloret heißt die Regel: Beweise, dass du dazugehörst.

Der entscheidende Begriff ist hier der des „kontrollierten Kontrollverlusts“, des „calculated hedonism“, den die Forschung zum nächtlichen Ausgehen geprägt hat. Was wie zügelloser Rausch aussieht, ist tatsächlich sorgfältig gerahmt: Man verliert die Kontrolle, weil man sich in einer Umgebung wähnt, die für das Feiern gemacht ist, mit Fußgängerzonen und Freunden als Sicherheitsnetz. Die vermeintlich grenzenlose Freiheit ist eine extrem normierte, ja ritualisierte Freiheit. Selbst die körperlichen Belege des Exzesses werden zu Beweisstücken: die leeren Flaschen auf dem Fliesenboden, der Kassenzettel für Shots, an die man sich nicht erinnert. Und das Erbrochene – Boirot widmet ihm eine bemerkenswerte Passage – verliert in diesem Kontext seinen Ekel und wird, mit Mary Douglas und Georges Bataille im Hintergrund, zur Tapferkeitstrophäe, zur Kriegswunde, die die Verwegenheit vor der Prüfung der Massenintoxikation bezeugt.

Hier zeigt sich erstmals die Geschlechtergrenze. Auch viele junge Frauen trinken in Lloret exzessiv, machen Trinkwettbewerbe, kippen Shots. Aber der totale Kontrollverlust bleibt für sie deutlich weniger toleriert. Der Exzess ohne andere Grenze als die des Körpers ist eine zum Männlichen hin geneigte Tendenz – und damit selbst schon eine Bewährungsleistung: Wer am meisten verträgt, am längsten durchhält, die spektakulärste Spur hinterlässt, sammelt vor den Kumpels Kapital. Was als Beweisstück gilt, ist also geschlechtlich kodiert, und derselbe Rausch, der den jungen Mann zum Helden der Nacht macht, beschädigt den Ruf der jungen Frau. Es ist der klassische „double standard“, übersetzt in die Sprache leerer Flaschen – ein erster Hinweis darauf, dass dieselbe Praxis je nach Geschlecht ungleich verbucht wird.

Die Maschine und ihre Hierarchien

Boirots Buch ist dort am stärksten, wo es vom Imaginären in die Maschinerie hinabsteigt. Denn die Atmosphäre der Nacht, das stellt sich heraus, ist kein spontanes Aufwallen jugendlicher Energie, sondern ein industrielles Produkt – standardisiert, segmentiert, auf Gewinn optimiert. Was der Club verkauft, erklärt ein Manager, ist nicht der Alkohol (der bringt das Geld), sondern „ein Festerlebnis“. Und die Aufgabe der Schlepperin besteht in einer selbsterfüllenden Prophezeiung: Man preist einen rappelvollen Club an, obwohl jeder Abend bei null beginnt. Nur wenn genug Gruppen glauben, es werde voll, wird es tatsächlich voll. Ein nächtliches Illusionistenstück.

In dieser Maschine offenbart sich, was Boirot mit Recht als intersektionales Phänomen liest. An der Tür entscheidet der „physio“, der Physiognomiker – eine Berufsbezeichnung, die eine prosaische Tätigkeit (Gesichter merken, Ärger erkennen) zur fast übersinnlichen Intuition adelt. Doch hinter der zelebrierten Eingebung verbergen sich höchst objektivierbare Kriterien. Der Eintrittspreis, in Lloret frei vom Türsteher festgelegt, dient zugleich der Gewinnmaximierung und der Sortierung: Ein unerwünschter Gast – Boirot betont, sie habe nie eine unerwünschte Gästin gesehen – bekommt selten ein klares Nein, sondern einen absurd hohen Preis als sanfte Abweisung.

Die Kriterien dieser Sortierung sind Geschlecht, Nationalität und Hautfarbe. Die Clubs sind nach Herkunftsländern segmentiert; ein Manager beschreibt das System, ungerührt, mit der Metapher der Verkehrsampel: Grün für Nordeuropa, Orange für die „Latinos“ (zu denen er die Franzosen zählt), Rot für alles außerhalb Europas. „Ich habe mit niemandem ein Problem“, fügt er hinzu, „aber hier reden wir über Business.“ Die rassistische Selektion läuft, wie Boirot präzise dokumentiert, meist über den Preis: Ein Eintritt, der für als weiß gelesene junge Männer zwischen sechs und fünfzehn Euro kostete, sprang für rassifizierte Personen auf mindestens fünfundzwanzig. Besonders entlarvend ist die Beobachtung, wie sich das Kriterium der Race, wenn die Forscherin Unbehagen zeigt, geschmeidig in ein Kriterium der Klasse übersetzt – den angeblich zu „populären“ Stil –, während weiße Gäste im selben Stil anstandslos hereinkamen und tadellos gekleidete schwarze oder maghrebinische Männer draußen blieben.

Hier liegt eine der bittersten Ironien des Buches. Junge rassifizierte Franzosen kommen wiederholt nach Lloret, gerade weil sie sich dort weniger diskriminiert fühlen als zu Hause: „Bei uns siehst du, eine Bande Araber, sofort haben sie Angst. Hier willst du rein, du zahlst, fertig.“ Dass ein Ort offener Selektion als das geringere Übel erscheint, sagt weniger über Lloret aus als über das Maß alltäglicher Ausgrenzung in den Herkunftsländern. Boirot widersteht der Versuchung, die Szene zu skandalisieren, und macht stattdessen sichtbar, wie eine xenophobe Risikomanagement-Theorie – die nationale und rassische Homogenität verspreche weniger Reibung – sich als ökonomische Vernunft ausgibt.

Die Inszenierung der Virilität

Und die Männlichkeit selbst? Boirot folgt der Soziologin Raewyn Connell und denkt sie im Plural, als „Konfiguration von Praktiken“, nicht als feste Identität – und stets in Relation zu Weiblichkeiten und zu anderen Männlichkeiten, die untereinander hierarchisiert sind. Connells Begriff der „hegemonialen Männlichkeit“ meint dabei keinen Charaktertyp, sondern eine normative Position, an der sich alle Männer abarbeiten müssen, auch jene, die sie nie erreichen: ein bewegliches Ideal, das gerade durch die ständige Anstrengung, ihm zu genügen, seine Wirkung entfaltet. Damit verschiebt sich der theoretische Akzent von der Frage, was ein Mann ist, zu der Frage, was er fortwährend tun muss, um als einer zu gelten. Candace West und Don Zimmerman haben dieses Tun „doing gender“ genannt – Geschlecht nicht als Eigenschaft, sondern als laufende, vor anderen erbrachte Leistung, die jederzeit beurteilt werden kann. Der Partytourismus erweist sich als privilegiertes Labor für eben diese Leistung, denn er konzentriert auf engstem Raum und in komprimierter Zeit alles, was Männlichkeit zur Bewährungsprobe macht: die Gleichaltrigen als unausweichliches Publikum, den Alkohol als Bühnenrequisit, das Begehren als Prüfungsfach. Was hier vor sich geht, ist im Sinne Michael Kimmels ein „homosocial enactment“: Die jungen Männer führen ihre Virilität weit weniger für die Frauen auf, um die es vorgeblich geht, als für die anderen Männer, deren anerkennender oder spöttischer Blick über Rang und Zugehörigkeit entscheidet. Die Frau ist im Zweifel weniger Ziel als Zeugin – oder, kälter gesagt, das Beweismittel, das man den Kumpels vorlegt.

Das Überraschendste an Boirots Befund ist die Diskrepanz zwischen dem hypersexualisierten Imaginären und der eher zahmen Wirklichkeit. Auch sie war, wie sie zugibt, vom Vorab-Imaginären erfasst und erwartete laufend sinnliche Szenen. Tatsächlich aber, so ihr Fragebogen unter den Feiernden bestätigt, sehen die meisten ihre Erwartungen nicht erfüllt: Wenige küssen jemanden, noch weniger schlafen mit jemandem, und die jungen Touristen haben im Urlaub nicht mehr Sex als im Alltag. Was entsteht, ist eher eine Atmosphäre des „sexuellen Voyeurismus“ als der Interaktion – das Simulakrum genügt, wie Jean-Didier Urbain über den touristischen Ehebruch schrieb.

Der Zusammenbruch des Mythos erschüttert das Selbstvertrauen vieler junger Männer – und zwar genau in dem Maße, in dem Männlichkeit hier nicht als Besitz, sondern als ständig zu erbringender Nachweis verstanden wird. Die psychologische Forschung spricht von „precarious manhood“: Anders als die Weiblichkeit, die als biografischer Status gilt, muss Männlichkeit erworben und kann jederzeit wieder verloren werden, weshalb sie unter chronischem Beweiszwang steht. Aufschlussreich ist deshalb, wie die jungen Männer ihren Misserfolg erklären. Kaum jemand zweifelt am Glauben an den Ort der leichten Promiskuität; das hieße ja, das Skript selbst infrage zu stellen, an dem die eigene Rolle hängt. Man beschuldigt lieber sich selbst – zu schüchtern, die Sprache nicht beherrscht – oder, häufiger, die Frauen. Da ist die Sprachbarriere, die übersieht, dass auch Französinnen anwesend sind und dass Verführung mehr ist als zwei, drei Sätze. Da ist das „mathematische Problem“ – achtzig Männer auf zwanzig Frauen –, das, fast ohne es zu merken, die strukturelle Wahrheit dieser Reiseziele benennt: dass die Feiernden ganz überwiegend heterosexuelle Männer sind, ein selbstgemachter Engpass, in dem Männer vor allem auf andere Männer treffen – die homosoziale Bühne hat strukturell mehr Akteure als Zuschauerinnen. Und da ist, am gravierendsten, die Umdeutung des weiblichen Neins in eine Strategie der Beherrschung. Im essentialistischen Rollenmodell, das Michel Bozon beschrieben hat, gilt der Mann als von Natur hypersexuell, die Frau als jene, die gewährt oder verweigert. Der männliche Misserfolg wird so zur Entscheidung der Frau, ihre Sexualität nicht zu „gewähren“, und ihre Autonomie zur feindseligen Taktik umgedeutet. Manche meinen, die bloße Versicherung guter Absichten genüge, um Zustimmung zu erlangen – und wer sich, als „netter Kerl“, abgewiesen sieht, geht zu Belästigung und Beschimpfung über. Die Aggression ist hier kein Ausbruch, sondern die Kehrseite des Drucks: Wo Männlichkeit am Erfolg bemessen wird und der Erfolg ausbleibt, wird die Verweigerin zur Schuldigen am drohenden Statusverlust.

Hier zieht Boirot die schärfste Linie ihres Buches. Die Verführung ist von Herrschaft durchzogen, und sie gefährdet die jungen Frauen weit mehr als die Männer, weil für sie beide möglichen Wege vermint sind. Wer sich auf Sex einlässt, riskiert die Reputation, besonders wenn die Sache schnell endet – selbst wenn nicht sie es war, die sie beendete. Wer ablehnt, setzt sich der Belästigung dessen aus, der sich für einen guten Jungen hält und ein Nein nicht akzeptiert. Die männliche Inszenierung, das Überspielen des überbordenden Begehrens vor den Augen der Peers, ist für die Männer eine Frage des Status; für die Frauen ist sie eine Frage der Sicherheit.

Was bleibt

Boirots Verdienst liegt darin, ein Phänomen ernst genommen zu haben, das fast alle entweder verklären oder verachten – und beides ist eine Weise, nicht hinzusehen. Sie zeigt, dass unter der vorgespielten Sorglosigkeit ein ritualisierter Abschnitt der Männlichkeitskonstruktion abläuft, in dem sich Machtverhältnisse und gewöhnliche Gewalt einüben. Der Partytourismus, scheinbar reine kollektive Kommunion, organisiert ebenso sehr das Beieinander-unter-sich und die Zurückweisung: sexuell, rassistisch, klassenbezogen.

Was den Blick der Anthropologin dabei auszeichnet, ist die Weigerung, die Beteiligten zu Karikaturen zu machen. Die jungen Männer, die nach „Mädchen zum Klarmachen“ fragen, sind keine Monster, sondern Akteure eines Skripts, das sie nicht geschrieben haben und dessen Kosten ungleich verteilt sind. Was Boirot über die ganze Untersuchung hinweg sichtbar macht, ist genau dieser Druck: Männlichkeit ist hier nichts, was man hat, sondern etwas, das man unablässig vorführen, beweisen, gegen die Angst des Scheiterns verteidigen muss – vor den Augen der anderen Männer und auf Kosten der Frauen, die vom Zielobjekt zur bloßen Zeugin und vom Subjekt zum Beweismittel herabgestuft werden. Die Schlepper, die Türsteher, die Bewohner mit ihrer affektiven Kränkung über eine Stadt, die im fremden Blick zur austauschbaren Billig-Kulisse schrumpft – sie alle bevölkern eine chorische Erzählung, in der niemand die ganze Wahrheit besitzt. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe jenes Befragten vom ersten Abend, der meinte, das alles sei „nicht so kompliziert“. Es ist tatsächlich nicht kompliziert – solange man sich weigert, genau hinzusehen. Sobald man es tut, beginnt die Anthropologie.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Wo die Jungs hinfahren: Alix Boirot." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Juni 21, 2026 at 08:19. https://rentree.de/2026/06/21/wo-die-jungs-hinfahren-alix-boirot/.

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