Die Mine als Text, die Stadt als Körper: Kiruna bei Maylis de Kerangal

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst. Automatische Übersetzungen:

I. Einleitung: der erste Abend und die Grammatik des Raumes

Maylis de Kerangal, Kiruna (Lille: Éditions La Contre Allée, 2019).

Maylis de Kerangal reist im winterlichen Dunkel nach Kiruna, einer nordschwedischen Stadt, die vollständig von der riesigen Eisenerzmine geprägt wird. Schon bei der Ankunft erkennt sie, dass die Mine wie ein schwarzer Berg am Horizont nicht nur die Landschaft, sondern das gesamte Leben der Stadt ordnet. Sie fährt durch verschneite Straßen, steigt in die Stollen hinab, begegnet Ingenieurinnen, Bergarbeitern, Stadtplanern und Bewohnern und verfolgt die Geschichte einer Stadt, die sich selbst versetzen muss, weil die immer weiterwachsende Mine den Boden unter ihren Häusern instabil macht. Während sie den dumpfen Erschütterungen der Sprengungen lauscht, alte Fotografien betrachtet, die Geschichte des Streiks von 1969 rekonstruiert und den Spuren der Sámi nachgeht, entdeckt sie eine Welt aus geologischen Schichten, Erinnerungen und verborgenen Konflikten. Immer wieder stößt sie jedoch an Grenzen: Die tiefsten Bereiche der Mine bleiben ihr verschlossen. So tastet sie sich an ihr eigentliches Ziel heran, indem sie die Oberfläche liest – die Menschen, ihre Stimmen, ihre Geschichten und die Zeichen einer Landschaft, die von der Förderung des Erzes geformt wird. Als sie Kiruna schließlich wieder verlässt, verschwindet die Mine aus dem Blick, doch die Erfahrungen und Begegnungen bleiben zurück. Gerade aus dieser begrenzten Perspektive entwickelt sich die eigentliche Bewegung des Buches. Kiruna lässt sich als Reflexion über die Unmöglichkeit unmittelbarer Erkenntnis lesen. Statt die Mine direkt zu erfassen, erschließt die Erzählerin ihre Wirkungen an der Oberfläche – in den Körpern der Menschen, in den Geschichten der Bergarbeiter und Bergarbeiterinnen, in der Verlegung der Stadt, in den Konflikten mit den Sámi und in den Sedimenten unterschiedlicher Zeiten. Die Handlung besteht daher weniger in einer Folge spektakulärer Ereignisse als in einem beharrlichen Umkreisen eines verborgenen Zentrums. Die Mine wird zum Bild eines Ursprungs, der die sichtbare Welt formt, ohne selbst vollständig sichtbar zu werden. Indem die Erzählerin die Oberfläche abschreitet und den Grund imaginieren muss, wird Kiruna zu einer Poetik des indirekten Wissens: Verstehen entsteht nicht durch vollständige Transparenz, sondern durch Aufmerksamkeit für Spuren, Fragmente und Resonanzen. Die Verlegung der Stadt erscheint dabei als Ausdruck einer Moderne, deren Produktivität ihre eigenen Voraussetzungen untergräbt. So entwirft de Kerangal eine Form des Schreibens, die das Verborgene nicht auflöst, sondern seine Dunkelheit bewahrt und gerade darin eine Möglichkeit der Erkenntnis findet.

Der Zusammenhang zwischen Kiruna und Kerangals poetologischen Überlegungen aus La lentille et le roman (2026) liegt in einer gemeinsamen Theorie des Sehens. In Kiruna beginnt die Wahrnehmung mit der Unschärfe: Bei der nächtlichen Ankunft lösen sich Landschaft und Stadt zunächst im Dunkel auf, und nur die Scheinwerfer des Busses erzeugen für kurze Augenblicke ein lesbares Außen. Auch die Mine selbst bleibt der Erzählerin letztlich entzogen; sie kann nicht bis zum Zentrum vordringen und ist gezwungen, sich mit Ausschnitten, Spuren und einzelnen Stimmen zu begnügen. Aber diese Begrenzung wird produktiv. Wie die Fresnel-Linse, die aus vielen kleinen, diskontinuierlichen Flächen besteht und dennoch Licht bündelt, funktioniert auch der Roman als eine Optik des Partikulären: Er erzeugt keine totale Übersicht, sondern macht aus Fragmenten ein Bild, das immer partiell bleibt. Der unscharfe Blick ist daher Bedingung der Erkenntnis. Die Erzählerin liest die Oberfläche, imaginiert den verborgenen Grund und setzt aus Details, Erinnerungen und Dokumenten ein Gefüge zusammen, das das Unsichtbare nicht aufhebt, sondern sichtbar macht, ohne seinen Rest an Dunkelheit zu beseitigen. In diesem Sinne verwirklicht Kiruna bereits jene Poetik, die de Kerangal später in La lentille et le roman explizit formuliert: Der Roman ist eine Linse, die nicht alles zeigt, sondern den Blick auf das Einzelne schärft und gerade durch seine begrenzte Reichweite eine andere Form des Sehens ermöglicht.

Maylis de Kerangal eröffnet Kiruna mit einer Szene, die weniger eine Ankunft als einen Moment der Erkenntnis markiert. Im Bus vom kleinen Flughafen der nordschwedischen Bergbaustadt löst sich die Umgebung zunächst nicht zu einem lesbaren Ganzen. Lichthöfe, Splitter von Fassaden und einzelne Lichtpunkte treten hervor, ohne sich zu einer Ordnung zu fügen. Kiruna erscheint zunächst als Ansammlung disparater Zeichen – Kräne, Kreisverkehre, orangefarbene Fenster – ohne jenes Zentrum, das den Raum strukturiert. Als die Erzählerin die Mine erkennt, entsteht Kohärenz:

C’est seulement au moment où je reconnais la mine, où j’identifie sa forme alors qu’elle se masse dans l’axe de la route – sommet plat, profil en palier, pente douce – que l’espace s’organise, qu’il trouve soudain son unité. Elle est là, close et mate, plus noire que le ciel, dressée au-delà d’une surface plane, et claire – la clarté fluorescente de la neige dans la nuit.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Es ist erst in dem Moment, in dem ich die Mine erkenne, in dem ich ihre Form identifiziere, wie sie sich in der Achse der Straße verdichtet – flacher Gipfel, Stufenprofil, sanfte Neigung –, dass sich der Raum ordnet und seine Einheit findet. Sie ist da, verschlossen und matt, schwärzer als der Himmel, jenseits einer ebenen Fläche aufgerichtet und zugleich hell – das fluoreszierende Leuchten des Schnees in der Nacht.

In dieser Szene verdichtet sich bereits das poetische Programm des Buches. Die Mine erscheint nicht als Objekt unter anderen Objekten, sondern als das Prinzip, das den Raum organisiert. Nicht die Stadt bestimmt die Wahrnehmung der Mine; vielmehr erhält die Stadt ihre Gestalt durch die Präsenz des unterirdischen Erzlagers. Kiruna ist keine Stadt, die zufällig über einer Mine entstanden ist. Die Mine bildet den verborgenen Mittelpunkt, von dem aus sich die sichtbare Welt strukturiert.

Das Schreiben de Kerangals folgt dieser Umkehrung. Nicht die menschliche Siedlung, sondern die Logik des Untergrunds bestimmt die Grammatik des Sichtbaren. Der vorliegende Essay verfolgt fünf miteinander verschränkte Linien: die Dialektik von Stadt und Mine und die Dynamik der Selbstzerstörung im Erfolg; die anthropomorphe Metaphorik der Mine als eines lebendigen Körpers; die Vorstellung von Geschichte als Schichtung unterschiedlicher Zeiten; die Frage nach den Frauen und ihrer langsamen Aneignung eines lange verbotenen Raumes; schließlich die poetologische Reflexion des Textes selbst, der aus dem Scheitern der unmittelbaren Recherche eine eigene Schreibweise entwickelt. Diese Perspektiven bilden keine voneinander getrennten Themenfelder. Sie gleichen vielmehr konzentrischen Schächten, die zur selben Materie hinabführen. In ihrem Zentrum steht die Frage, wie sich etwas schreiben lässt, das sich dem unmittelbaren Blick entzieht.

II. Siamesische Zwillinge: die Selbstzerstörung im Erfolg

Das Bild der gemeinsam Geborenen

Im Abschnitt „sœurs siamoises“ formuliert de Kerangal eine der leitenden Einsichten ihrer Recherche. Nach langen Beobachtungen der Mine in den frühen Morgenstunden schreibt sie:

À Kiruna, la ville et la mine ont surgi de terre comme deux sœurs siamoises à la fin du dix-neuvième siècle, et sont aujourd’hui encore le recto et le verso d’une même réalité. Cette histoire de co-création et de dépendance réciproque est au cœur de ce qui motive mon voyage, elle éclaire la tension phénoménale qui organise les lieux.

Maylis de Kerangal, Kiruna

In Kiruna sind die Stadt und die Mine wie zwei siamesische Zwillinge Ende des neunzehnten Jahrhunderts aus der Erde aufgetaucht und sind heute noch die Vorder- und Rückseite einer einzigen Wirklichkeit. Diese Geschichte der gemeinsamen Schöpfung und wechselseitigen Abhängigkeit liegt im Herzen dessen, was meine Reise motiviert; sie erhellt die phänomenale Spannung, die die Orte organisiert.

Das Bild der siamesischen Schwestern besitzt mehr als illustrativen Charakter. Es beschreibt eine Form der Verwachsung, in der beide Teile untrennbar miteinander verbunden bleiben. Stadt und Mine teilen denselben Körper. Gerade daraus entsteht jene Dynamik, die de Kerangal als innere Tragik Kirunas beschreibt.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1899 hat die Mine ihre eigene Grundlage untergraben. Mehr als eine Milliarde Tonnen Erz wurden dem Gestein entnommen; die Folgen dieser Extraktion zeigen sich an der Oberfläche. De Kerangal beschreibt diesen Prozess in einer Sprache, die geologisches Vokabular mit einer Bildlichkeit verbindet, die die räumlichen Folgen sichtbar macht:

Affaissements, éboulis, fractures : plus la mine s’étend sous terre et plus les fissures apparaissent en surface. Ce phénomène de réplique, qui n’est pas propre à la mine de Kiruna, semble avoir évolué ici plus rapidement que prévu, finissant par menacer directement des maisons situées le long de la veine et par entraîner des évacuations urgentes, effectuées au coup par coup et sans plan établi dès les années 60.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Senkungen, Steinschlag, Risse: Je weiter die Mine sich unter der Erde ausbreitet, desto mehr Risse erscheinen an der Oberfläche. Dieses Nachbeben-Phänomen, das nicht nur für die Mine von Kiruna typisch ist, scheint sich hier schneller entwickelt zu haben als erwartet, und bedroht schließlich direkt die Häuser entlang der Ader und hat seit den 1960er Jahren Notevakuierungen ausgelöst, die ad hoc und ohne einen festgelegten Plan durchgeführt wurden.

Bemerkenswert ist die Mehrdeutigkeit des französischen Wortes réplique, das sowohl ein Nachbeben als auch eine Antwort bezeichnen kann. Die Mine antwortet gleichsam auf ihre eigene Expansion. Ihre unterirdische Ausdehnung spiegelt sich in den Rissen an der Oberfläche. Produktion und Zerstörung sind dabei untrennbar miteinander verbunden.

Der Kreislauf der Abhängigkeit

Diesen Zusammenhang beschreibt de Kerangal mit großer analytischer Klarheit:

Intimement liés, les destins de la mine et de la ville sont désormais pris dans une même impasse : si la mine continue de s’étendre sans que rien ne bouge, les habitants, menacés, finiront par vider les lieux. Or la mine a besoin des hommes pour fonctionner, et du cadre de vie que leur donne la ville pour les retenir dans cette région des confins, enfouie dans la nuit polaire ou baignée du soleil de minuit. Si la mine fermait ou si le rythme d’extraction du minerai ralentissait afin de préserver ce qui peut encore l’être, alors Kiruna se viderait sans doute d’au moins la moitié de ses habitants : il n’y aurait plus assez d’emplois pour retenir ici ceux qui vivent, directement ou non, de cette ressource.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Eng miteinander verbunden, sind die Schicksale der Mine und der Stadt nun in einer gemeinsamen Sackgasse gefangen: Wenn die Mine sich weiter ausdehnt, ohne dass sich etwas verändert, werden die bedrohten Bewohner schließlich die Orte verlassen. Doch die Mine braucht Menschen zum Funktionieren, und den Lebensrahmen, den die Stadt ihnen bietet, um sie in dieser Randregion zu halten, vergraben in der Polarnacht oder gebadet im Mitternachtssonne. Würde die Mine schließen oder würde das Tempo der Erzgewinnung verlangsamt, um zu bewahren, was noch zu bewahren ist, würde Kiruna zweifellos mindestens die Hälfte seiner Einwohner verlieren.

Die Argumentation beschreibt einen geschlossenen Kreislauf. Die Mine braucht die Stadt, weil sie Arbeitskräfte benötigt; die Stadt braucht die Mine, weil ihre wirtschaftliche Existenz von ihr abhängt. Der Widerspruch lässt sich nicht auflösen, ohne eine der beiden Seiten zu gefährden.

Die Entscheidung von LKAB und den Planungsbehörden besteht daher nicht in der Überwindung dieser Spannung, sondern in ihrer räumlichen Verlagerung. Kiruna wird versetzt. Die Kommunikationsstrategien des Unternehmens begleiten diesen Prozess mit einer Sprache, die Verlust in Zukunft übersetzt:

Ces stratégies de communication jouent à plein, qu’elles rassurent ou que l’on fasse semblant d’y croire. Elles ont pour objet de faciliter l’abandon des maisons et d’encourager l’appropriation de la nouvelle ville, oui, mais avant tout de convertir une solution imposée en issue consensuelle, de transformer l’obligation émanant d’un seul en action collective, de substituer à l’anxiété de la perte l’excitation d’une ville à inventer, de faire du « déménagement » un « développement ».

Maylis de Kerangal, Kiruna

Diese Kommunikationsstrategien entfalten ihre volle Wirkung, ob sie tatsächlich beruhigen oder ob man nur so tut, als ob. Ihr Zweck ist es, die Aufgabe der Häuser zu erleichtern und die Aneignung der neuen Stadt zu fördern, ja, aber vor allem eine aufgezwungene Lösung in ein einvernehmliches Ergebnis zu verwandeln, die Verpflichtung eines Einzelnen in kollektives Handeln umzuwandeln, die Angst vor dem Verlust durch die Aufregung einer zu erfindenden Stadt zu ersetzen, aus dem ‚Umzug‘ eine ‚Entwicklung‘ zu machen.

De Kerangal richtet ihr Augenmerk auf diese sprachlichen Verschiebungen. Aus dem Umzug wird Entwicklung, aus einer Notwendigkeit ein Projekt. Indem sie diese Transformationen sichtbar macht, entwickelt ihr Text eine eigene Gegensprache, die die Diskrepanz zwischen Rhetorik und Erfahrung freilegt.

Am Ende des politischen Horizonts erscheinen die Stimmen der Sámi, deren Perspektive einen anderen Akzent setzt:

À rebours de la première mondiale fascinante vantée dans les médias, ils voient le déménagement de Kiruna comme une conséquence sinistre de la prolifération minière et de la pression ultralibérale que connaît la région. La preuve topographique que l’on est ici dans l’une des ruines du capitalisme.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Im Gegensatz zur faszinierenden Weltneuheit, die in den Medien angepriesen wird, sehen sie den Umzug von Kiruna als düstere Folge der Minenproliferation und des ultraliberalen Drucks in der Region. Den topografischen Beweis dafür, dass man sich hier in einer der Ruinen des Kapitalismus befindet.

Das Bild der siamesischen Schwestern erhält dadurch eine weitere Dimension. Was von ihrer Verbindung bleibt, ist keine harmonische Einheit, sondern eine Landschaft, in der sich die Spuren ihrer gemeinsamen Geschichte eingeschrieben haben.

III. Die Mine als lebendiger Körper: eine Anthropologie des Untergrunds

Unter die Haut der Erde

Schon früh formuliert de Kerangal das eigentliche Ziel ihrer Reise. Sie sucht keine bloßen Informationen und keine technische Dokumentation, sondern eine Erfahrung, die sich dem Körper einschreibt:

J’ai voulu descendre dans la mine, passer la tête sous la peau de la planète comme on passe la tête sous la surface de la mer afin d’entrer dans une autre réalité aussi déterminante et invisible que l’est l’intérieur du corps humain. J’ai voulu vivre cette expérience, j’ai voulu l’écrire : je suis partie à Kiruna.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Ich wollte in die Mine hinabsteigen, meinen Kopf unter die Haut des Planeten stecken, wie man den Kopf unter die Meeresoberfläche steckt, um in eine andere Wirklichkeit einzutauchen, die genauso bestimmend und unsichtbar ist wie das Innere des menschlichen Körpers. Ich wollte diese Erfahrung leben, ich wollte sie schreiben: Ich bin nach Kiruna gefahren.

Die Metapher vom Eintauchen unter die Meeresoberfläche veranschaulicht einen Übergang, der weder vollkommen noch endgültig ist. Ein Teil des Körpers bleibt in der bekannten Welt, während der andere bereits in eine verborgene Sphäre vordringt. Das Unsichtbare erscheint dabei nicht als exotische Gegenwelt, sondern als jener Bereich, der die sichtbare Welt überhaupt erst ermöglicht. In dieser Analogie entsprechen sich das Innere des menschlichen Körpers und der Untergrund der Erde. Beide entziehen sich dem Blick und bestimmen dennoch die Oberfläche.

Diese Beziehung strukturiert den gesamten Text. De Kerangal beschreibt die Erde mit Begriffen, die gewöhnlich dem Körper vorbehalten sind: Haut, Adern, Tiefe, Rhythmus. Zugleich erscheinen die Menschen in Bildern, die an geologische Prozesse erinnern – an Schichtung, Sedimentierung und Ablagerung. Zwischen Körper und Gestein entsteht eine fortlaufende Bewegung der Analogien.

Der Pulsschlag der Mine

Besonders deutlich tritt diese Anthropomorphisierung im Abschnitt „–1365“ hervor, der die gegenwärtige Fördertiefe bezeichnet. Dort heißt es:

La mine est active 24 heures sur 24, 7 jours sur 7 et 365 jours par an. Elle ne connaît aucun jour de pause, ni les machines qui refroidissent, ni les moteurs qui se rechargent : ici, ça ne s’arrête jamais. C’est un corps vivant.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Die Mine ist 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und 365 Tage im Jahr aktiv. Sie kennt keinen einzigen Ruhetag, weder die Maschinen, die sich abkühlen, noch die Motoren, die sich aufladen: Hier hört es niemals auf. Es ist ein lebendiger Körper.

Der abschließende Satz wirkt wie ein Befund. Die Mine besitzt einen eigenen Rhythmus, der nicht unterbrochen wird. Ihr Stoffwechsel kennt keinen Stillstand. In diesem Sinn erscheint sie als Organismus mit eigener Zeitlichkeit.

Unmittelbar daran knüpft die Arbeit der Menschen an. Die Bergleute wechseln sich in Achtstundenschichten ab. Dieser Rhythmus, schreibt de Kerangal, offenbare die Besonderheit der Arbeit unter Tage, ihre Risiken und ihre Wirkungen auf den menschlichen Organismus. Der Körper der Mine und die Körper der Arbeiter sind in denselben Takt eingebunden.

Die Fahrt in die Tiefe

Diese Verschränkung verdichtet sich während der Fahrt in den Schacht. Gemeinsam mit Lars fährt die Erzählerin im Wagen die Spiralen des Tunnels hinab. Dabei richtet sich ihre Aufmerksamkeit nicht allein auf die Umgebung, sondern ebenso auf den eigenen Körper:

J’essaie de me représenter la scène en coupe, la voiture de profil dans le boyau, Lars et moi à l’intérieur, et la hauteur de roche qui ne cesse d’augmenter au-dessus de nos têtes, qui s’accroît à mesure que nous basculons dans la matière. […] J’ai l’impression que mon cœur accélère, que le sang s’active plus fort dans mes veines, je me demande si la pression va se faire sentir ici comme lorsque je plonge en apnée l’été au bas des falaises de Sainte-Marguerite.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Ich versuche, mir die Szene im Querschnitt vorzustellen, das Auto im Profil in dem Schacht, Lars und ich darin, und die Felsenhöhe, die über unseren Köpfen unaufhörlich zunimmt, die wächst, während wir uns in die Materie neigen. […] Ich habe das Gefühl, dass mein Herz schneller schlägt, dass das Blut stärker in meinen Adern arbeitet, ich frage mich, ob sich der Druck hier genauso bemerkbar machen wird wie wenn ich im Sommer am Fuß der Klippen von Sainte-Marguerite apnoe-tauche.

Erneut erscheint das Tauchen als Modell des Abstiegs. Die Erzählerin liest den Raum durch ihren Körper. Herzschlag, Blutkreislauf und Druckempfinden werden zu Instrumenten der Wahrnehmung. Das Unsichtbare erschließt sich nicht über Distanz und Abstraktion, sondern über Resonanz.

Auf diese Weise entsteht eine doppelte Phänomenologie. Während die Erzählerin die feuchten Wände, die Pfützen und das monochrome Grau des Tunnels beschreibt, registriert sie zugleich die Reaktionen des eigenen Körpers. Erkenntnis wird damit zu einem Vorgang, der Beobachtung und Selbstbeobachtung verbindet.

Die akustische Präsenz des Untergrunds

Neben dem Sichtbaren und Tastbaren besitzt die Mine eine akustische Dimension. Im Abschnitt „acoustique“ notiert de Kerangal:

Je perçois parfois la vibration de la mine, sourde, qui semble s’intensifier la nuit quand la ville dort, ou bien ce grondement sec quand on dynamite la roche à plus d’un kilomètre dans le fond de la terre. J’écoute.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Manchmal spüre ich die dumpfe Vibration der Mine, die sich in der Nacht zu intensivieren scheint, wenn die Stadt schläft, oder dieses trockene Grollen, wenn man das Gestein in mehr als einem Kilometer Tiefe im Innern der Erde sprengt. Ich lausche.

Der knappe Satz am Ende besitzt eine eigentümliche Zurückhaltung. Er verzichtet auf Erklärung und Deutung. Wahrnehmung tritt an die Stelle der Analyse.

Die Vibrationen der Mine unter der ruhenden Stadt verweisen auf die unterschiedlichen Rhythmen beider Körper. Während die Stadt schläft, arbeitet die Mine weiter. Unter der Ruhe der Oberfläche setzt sich eine Bewegung fort, die niemals vollständig aussetzt. Die dumpfen Erschütterungen werden so zur akustischen Signatur jener verborgenen Aktivität, die das Leben der Stadt trägt und zugleich bedroht.

IV. Geschichte als geologische Schichtung: konkurrierende Zeitlichkeiten

Koordinaten und Tiefen

Die Komposition von Kiruna folgt einer räumlichen Logik. Auf geografische Koordinaten folgen Tiefenangaben wie –514 oder –1365. Diese Struktur überträgt die Prinzipien der Geologie auf die Form des Textes. Geschichte erscheint als Schichtung. Je tiefer der Blick reicht, desto ältere Sedimente treten hervor.

Diese Vorstellung formuliert de Kerangal während ihres Besuchs im Bergbaumuseum von Lewarde:

Espaces, empreintes, indices, voix, remémoration : ce jour-là, j’accède à la mine comme on accède à un lieu total, livré grandeur nature, un endroit dont la singularité tient, entre autres, aux différentes temporalités qui s’y entrechoquent, interfèrent, se réactivent, formant ce circuit troublant où l’on se déplace par un jeu de glissement continuel. Ou comment l’existence d’une mine en un lieu donné a provoqué une accélération de l’histoire. Suscité des migrations et sédimenté une culture, stimulé les sciences et la technique, aménagé un territoire, mobilisé le droit, l’économie, l’urbanisme, créé une sociabilité, engendré un langage. Dès lors, la mine s’érige en lieu politique.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Räume, Abdrücke, Spuren, Stimmen, Erinnerung: An jenem Tag erreiche ich die Mine, wie man einen vollständigen Ort erreicht, in Originalgröße übergeben, einen Ort, dessen Einzigartigkeit unter anderem in den verschiedenen Zeitlichkeiten liegt, die dort aufeinanderprallen, sich überlagern, sich gegenseitig reaktivieren, und diesen beunruhigenden Kreislauf bilden, in dem man sich durch ein kontinuierliches Gleitspiel bewegt. Oder: Wie die Existenz einer Mine an einem bestimmten Ort eine Beschleunigung der Geschichte ausgelöst hat. Migrationen herbeigeführt und eine Kultur sedimentiert, Wissenschaften und Technik angeregt, ein Territorium geformt, das Recht, die Wirtschaft, den Städtebau mobilisiert, eine Geselligkeit erschaffen, eine Sprache hervorgebracht. Von da an erhebt sich die Mine zu einem politischen Ort.

Es folgt eine lange Reihe von Wirkungen: Migrationen, technische Entwicklungen, rechtliche Regelungen, neue Formen des Zusammenlebens und die Herausbildung einer eigenen Sprache. Geschichte lagert sich ab wie Gestein. Kultur erscheint als Sediment.

Die Zeit der Sámi

Der Geschichte des Bergbaus setzt de Kerangal eine ältere Zeitschicht entgegen:

Ces informations, issues de la cartographie géologique d’un sol, n’ont su recouvrir une autre donnée, essentielle, qui situe Kiruna dans un temps qui précéda la Suède et précéda la mine, un temps qui fait apparaître la Laponie […] et les Sámis, dernier peuple autochtone d’Europe, hommes et femmes de tradition nomade dont une minorité pratique encore l’élevage des rennes : Kiruna est depuis 1973 le siège de leur parlement.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Diese Informationen, entstammend der geologischen Kartierung eines Bodens, konnten eine andere, wesentliche Tatsache nicht überdecken, die Kiruna in einer Zeit verortet, die Schweden vorausging und der Mine vorausging, eine Zeit, die Lappland sichtbar macht […] und die Sámis, das letzte indigene Volk Europas, Männer und Frauen in einer nomadischen Tradition, von denen eine Minderheit noch die Rentierhaltung praktiziert: Kiruna ist seit 1973 der Sitz ihres Parlaments.

Die Geschichte der Mine beginnt mit der Gründung von LKAB. Die Geschichte der Sámi reicht weiter zurück. Ihre Präsenz bildet eine tiefere Schicht, die durch die industrielle Expansion nicht ausgelöscht, aber überdeckt wurde. Die Wanderwege der Rentierherden und die Logik des Bergbaus geraten dabei zunehmend in Konflikt.

Die verschiedenen Zeiten bestehen nebeneinander. Keine ersetzt die andere vollständig. Gerade diese Überlagerung macht den Ort lesbar.

Der Streik von 1969

Zur Geschichte der Mine gehört auch die Geschichte ihrer Konflikte. De Kerangal erinnert an den Streik des Jahres 1969:

Un coup d’arrêt tout de même, la grève de décembre 1969, quand, au matin du 9, trente-cinq mineurs de Svappavaara posent leurs outils et débrayent, bientôt rejoints par ceux des autres sites. Leur malaise est profond. LKAB a doublé sa production durant les dix dernières années, engrangeant des bénéfices importants tandis que la paie des mineurs, elle, n’a pas augmenté en proportion. Les hommes ne veulent plus être payés à la pièce, ils exigent un salaire mensuel ; surtout, ils dénoncent un « esclavagisme ultramoderne » et revendiquent la suppression du contrôle des temps de travail par des systèmes censés chronométrer chaque tâche.

Dennoch ein Einschnitt: der Streik vom Dezember 1969, als am Morgen des 9. fünfunddreißig Bergleute von Svappavaara ihre Werkzeuge niederlegten und streikten, bald gefolgt von denen der anderen Standorte. Ihr Unbehagen ist tief. LKAB hat seine Produktion in den letzten zehn Jahren verdoppelt und dabei beträchtliche Gewinne eingefahren, während der Lohn der Bergleute nicht proportional gestiegen ist. Die Männer wollen nicht mehr im Akkord bezahlt werden, sie fordern ein Monatsgehalt; vor allem prangern sie einen ‚ultramodernen Sklavismus‘ an und fordern die Abschaffung der Arbeitszeiterfassung durch Systeme, die jede Aufgabe stoppen sollen.

Der Ausdruck „esclavagisme ultramoderne“ verdichtet die Erfahrung einer Modernisierung, die mit neuen Formen der Kontrolle verbunden ist. Elektrifizierung und Rationalisierung erscheinen nicht als Gegenbilder zur Ausbeutung, sondern als ihre zeitgenössische Gestalt.

Wenn Lars bemerkt, sein Großvater habe einst eine wichtige Rolle in der Gewerkschaft gespielt, zugleich aber hinzufügt, heute sei all das vorbei, dann wird sichtbar, wie institutionelle Narrative Konflikte in die Vergangenheit abschieben. Geschichte sedimentiert. De Kerangal versucht, diese Schichten erneut freizulegen.

Das Museum und die Linearität des Fortschritts

Besondere Aufmerksamkeit widmet de Kerangal den Formen, in denen Geschichte ausgestellt und erzählt wird. Das Museum unter Tage auf der Ebene –514 erscheint als ein Ort der Inszenierung. Die dort präsentierte Geschichte folgt einer linearen Erzählung des Fortschritts:

D’emblée, j’éprouve devant ce récit, devant ces documents, ces machines, ces dioramas et ces objets, une impression de linéarité, d’évolution constante, inéluctable, comme si rien ne s’était jamais vraiment opposé à ce dessein industriel, à ce mouvement en avant que l’on appelle aussi « la marche du Progrès », et qui occulte la dose de croyance, de convoitise, de courage et de violence qu’il fallut pour imaginer la mine et la rendre réelle – la dose de folie aussi.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Sogleich verspüre ich vor dieser Erzählung, vor diesen Dokumenten, diesen Maschinen, diesen Dioramen und diesen Gegenständen den Eindruck der Linearität, einer beständigen, unausweichlichen Entwicklung, als ob sich diesem industriellen Vorhaben, dieser Vorwärtsbewegung, die man auch ‚den Marsch des Fortschritts‘ nennt, niemals wirklich etwas entgegengestellt hätte – und die das Maß an Glauben, Gier, Mut und Gewalt verbirgt, das nötig war, um die Mine zu erdenken und zu verwirklichen – das Maß an Wahnsinn auch.

Das Diorama erzeugt eine Erzählung ohne Brüche. Konflikte, Widersprüche und Zufälle verschwinden hinter einer Logik kontinuierlicher Entwicklung. Die Geschichte wird geglättet und in ein geschlossenes Narrativ überführt.

Dem stellt de Kerangal die Erfahrung von Lewarde gegenüber. Dort ist es die Stimme eines ehemaligen Bergarbeiters, die den Ort wieder belebt. Vergangenheit erscheint nicht als museales Objekt, sondern als etwas, das durch Erinnerung und Körperlichkeit erneut gegenwärtig wird. Geschichte zeigt sich hier nicht als geradlinige Abfolge, sondern als ein Geflecht von Zeiten, die sich gegenseitig durchdringen.

V. Feministische Archäologie: die Eroberung eines verbotenen Raumes

Die lange Bewegung in die Tiefe

Die Frauenfiguren des Buches bilden keine eigenständige Episode. Vielmehr zieht sich ihre Geschichte durch den gesamten Text. Von den Köchinnen der frühen Jahre über die legendäre Svarta Bjørn und die Bohrerin Ing-Marie bis zur Geologin Alice entsteht eine Kontinuität, die unterschiedliche Generationen miteinander verbindet.

Im Abschnitt über Ing-Marie formuliert de Kerangal diese Entwicklung ausdrücklich:

De fait, à Kiruna comme ailleurs, la relation des femmes à la mine peut se lire comme une longue descente, comme l’histoire de la conquête lente, progressive d’un espace interdit. L’accès au monde souterrain leur fut longtemps défendu, les employer « au fond » étant tout simplement illégal. L’un des articles du Worker Protection Act de 1949 le stipule clairement : « Women must not be used for work underground in mines or quarries ».

Maylis de Kerangal, Kiruna

Tatsächlich kann man, in Kiruna wie anderswo, das Verhältnis der Frauen zur Mine als einen langen Abstieg lesen, als die Geschichte der langsamen, schrittweisen Eroberung eines verbotenen Raumes. Der Zugang zur unterirdischen Welt war ihnen lange verwehrt, sie ‚im Schacht‘ zu beschäftigen war schlicht illegal. Einer der Artikel des Worker Protection Act von 1949 legt das unmissverständlich fest: ‚Frauen dürfen nicht für Arbeiten im Untertagebau in Minen oder Steinbrüchen eingesetzt werden.‘

Der Zugang zur unterirdischen Welt war über Jahrzehnte rechtlich ausgeschlossen. Das Verbot betraf nicht allein die Arbeit selbst. Es definierte den Untergrund als männlichen Raum und stabilisierte damit eine symbolische Ordnung, die Frauen von einem zentralen Bereich der industriellen Welt ausschloss.

Svarta Bjørn

Zu den eindrucksvollsten Gestalten des Textes gehört Anna Rebecka Hofstad, bekannt unter dem Namen Svarta Bjørn. Zwischen Geschichte und Legende angesiedelt, erscheint sie als eine Figur voller Ambivalenzen:

Svarta Bjørn. J’aime ce nom qui trame ensemble le viril et le féminin, la protection et la violence, la cambuse sordide, la fourrure chaude et le foyer noir, la sauvagerie et la tendresse, ce surnom que les cuisinières seront plusieurs à recevoir par la suite sur ce même chantier.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Svarta Bjørn. Ich liebe diesen Namen, der das Männliche und das Weibliche verflicht, den Schutz und die Gewalt, die sordide Scheune, das warme Fell und den schwarzen Herd, die Wildheit und die Zärtlichkeit – diesen Spitznamen, den mehrere Köchinnen auf demselben Arbeitsplatz danach noch erhalten werden.

Der Name bringt Gegensätze zusammen, ohne sie aufzulösen. Gerade diese Spannung bestimmt die Figur. In den Erzählungen über Anna erscheinen Stärke und Verletzbarkeit, Unabhängigkeit und Ausbeutung nebeneinander.

De Kerangal rekonstruiert diese Widersprüche, ohne sie zu harmonisieren:

Son père aurait péri dans un naufrage, sa mère serait morte quand elle était enfant […] La tradition populaire insiste sur sa force : elle serait vigoureuse comme un homme quand fine pourtant, la taille prise dans le tablier, si vigoureuse que nombreux sont ceux qui sifflent à la voir charger sur son dos un gros sac de farine qu’elle remonte le long de la voie ferrée. […] Un récit prend forme, dont le verso est tracé à rebours de ce personnage de femme libre régnant sur une cantine et tenant les hommes à bout de gaffe ou les choisissant selon son plaisir : Anna aurait été alcoolique, exploitée par les terrassiers, abusée.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Ihr Vater soll bei einem Schiffbruch ums Leben gekommen sein, ihre Mutter sei gestorben, als sie ein Kind war […] Die Volksüberlieferung besteht auf ihrer Kraft: Sie sei kräftig wie ein Mann, und dabei doch fein, die Taille in der Schürze gefasst, so kräftig, dass viele pfeifen, wenn sie einen großen Sack Mehl auf dem Rücken die Eisenbahnlinie entlangträgt. […] Eine Erzählung nimmt Gestalt an, deren Kehrseite die dieser freien Frau, die über eine Kantine herrscht und die Männer auf Abstand hält oder sie nach Belieben wählt, gegenläufig gezeichnet ist: Anna soll Alkoholikerin gewesen sein, von den Arbeitern ausgebeutet, missbraucht worden.

Gerade diese Koexistenz widersprüchlicher Erzählungen macht sichtbar, wie weibliche Figuren tradiert werden. Sie erscheinen zugleich als Heldinnen und als Opfer. De Kerangal entscheidet sich nicht für eine der beiden Versionen. Sie macht vielmehr die Mechanismen sichtbar, die beide hervorbringen.

Ing-Marie und die Möglichkeit der Nähe

Nach ihrer Begegnung mit Ing-Marie notiert de Kerangal:

Je la regarde longuement. Je la regarde en ce jour comme une amie possible.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Ich betrachte sie lange. An diesem Tag erscheint sie mir wie eine mögliche Freundin.

In dieser knappen Formulierung liegt ein wesentliches Moment ihrer historischen Imagination. Vergangene Figuren bleiben nicht Objekte der Betrachtung. Sie werden als Subjekte wahrgenommen, denen eine Form von Nähe möglich ist. Historisches Verstehen erhält dadurch eine persönliche Dimension, ohne in Identifikation aufzugehen.

Alice

Den vorläufigen Endpunkt dieser Entwicklung bildet Alice, die Geologin. In ihrer Person verbindet sich technische Kompetenz mit Entscheidungsverantwortung. Am Ende ihrer Selbstbeschreibung sagt sie:

Voilà : c’est moi qui pilote la production.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Ich bin es, die die Produktion leitet.

Der Satz besitzt eine besondere Prägnanz. Zwischen den Köchinnen der frühen Lager, den ersten Arbeiterinnen und der Geologin, die heute den Produktionsprozess lenkt, spannt sich eine lange historische Bewegung.

De Kerangal beschreibt Alice mit großer Aufmerksamkeit für ihre alltäglichen Gesten und ihre pragmatischen Entscheidungen. Gerade diese Nüchternheit verleiht der Figur ihre Bedeutung. Alice verkörpert keine Ausnahmefigur außerhalb der Geschichte. Sie steht vielmehr am Ende eines langen Prozesses, in dem sich Frauen schrittweise einen Raum angeeignet haben, der ihnen über Jahrzehnte verschlossen blieb.

VI. Poetologie der Unmöglichkeit: Schreiben als Gegenrecherche

Das verweigerte Zentrum

Das eigentliche Paradox von Kiruna liegt darin, dass die Erzählerin ihren Gegenstand nie vollständig erreicht. Der Zugang zu den Arbeitsbereichen der Mine bleibt ihr versperrt:

J’aimerais descendre encore, sortir de la zone d’accueil, quitter le musée et gagner les zones de travail, mais Lars secoue la tête, implacable : l’accès m’est interdit, sécurité oblige, confidentialité. La mine se dérobe, elle se retire. Pour l’atteindre, je vais devoir me tourner vers la ville, vers ceux qui vivent ici. Arpenter la surface, imaginer le fond.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Ich würde gerne noch weiter hinabsteigen, die Empfangszone verlassen, das Museum hinter mir lassen und die Arbeitsbereiche erreichen, aber Lars schüttelt den Kopf, unerbittlich: Der Zugang ist mir verboten, aus Sicherheitsgründen, aus Gründen der Vertraulichkeit. Die Mine entzieht sich, sie zieht sich zurück. Um sie zu erreichen, werde ich mich der Stadt zuwenden müssen, jenen, die hier leben. Die Oberfläche abschreiten, den Grund imaginieren.

Die Formulierung „La mine se dérobe“ bezeichnet mehr als eine organisatorische Beschränkung. Die Mine erscheint als etwas, das sich dem unmittelbaren Zugriff entzieht. Gerade aus dieser Erfahrung entwickelt sich die poetische Methode des Textes.

Da das Zentrum unzugänglich bleibt, richtet sich die Aufmerksamkeit auf seine Spuren. Die Oberfläche wird zum Ort der Erkenntnis. Menschen, Gespräche, Erinnerungen und Landschaften erscheinen als Indizien eines Unsichtbaren, das nie vollständig sichtbar wird.

Gegen die Sprache der Institutionen

Zu dieser poetologischen Haltung gehört die Aufmerksamkeit für die Sprache, mit der Unternehmen und Planungsbehörden den Umzug Kirunas begleiten. De Kerangal analysiert die Bilder und Begriffe, mit denen die Zukunft der Stadt entworfen wird. Besonders die Visualisierungen von Kiruna 2 erscheinen ihr als Formen kontrollierter Wahrnehmung:

quelque chose résiste : si les limites de Kiruna 2 s’effacent en sfumato sur les images, le terrain, lui, se donne pour un enclos, un espace où quelque chose est écrit d’avance, un terrain qui, par ailleurs, d’ici une centaine d’années, mais peut-être plus tôt, sera à son tour menacé par la mine.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Etwas widersetzt sich. Wenn sich die Grenzen von Kiruna 2 auf den Bildern in Sfumato auflösen, so präsentiert sich das Gelände selbst als ein Gehege, ein Raum, in dem etwas im Voraus festgeschrieben ist, ein Gelände, das außerdem in etwa hundert Jahren, vielleicht früher, seinerseits von der Mine bedroht sein wird.

Der Begriff sfumato, der aus der Malerei stammt, beschreibt hier eine ästhetische Strategie der Unschärfe. Die Visualisierungen lösen Konturen auf und lassen Grenzen verschwimmen. Dem setzt de Kerangal die Materialität des Geländes entgegen. Die Realität des Bodens widerspricht der Offenheit der Bilder.

Damit entwickelt der Text eine Sprache, die den institutionellen Erzählungen nicht frontal entgegengesetzt ist, sondern ihre Mechanismen sichtbar macht. Die Gegensprache entsteht aus Genauigkeit. Sie besteht in der Aufmerksamkeit für jene Elemente, die sich der glatten Logik von Werbung und Planung entziehen.

Das Licht der Scheinwerfer

Bereits zu Beginn des Buches findet sich ein Bild, das die epistemologische Grundfigur des Textes umreißt. Während der Fahrt vom Flughafen beschreibt die Erzählerin die Dunkelheit außerhalb des Busses:

Plus tard, j’éprouve ce même trouble sur la portion de route qui sépare l’aéroport de la ville : l’espace autour du car est fondu au noir, relief et végétation indistincts, profondeur de champ inconcevable. Seuls les phares du véhicule construisent l’extérieur, ils font surgir la route dans une courte distance, ils la créent, blanche, deux traces parallèles et une crête centrale.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Später empfinde ich diese gleiche Beunruhigung auf dem Straßenabschnitt, der den Flughafen von der Stadt trennt: Der Raum um den Bus herum ist im Schwarzen aufgelöst, Relief und Vegetation ununterscheidbar, die Schärfentiefe unvorstellbar. Nur die Scheinwerfer des Fahrzeugs konstruieren das Äußere, sie lassen die Straße in einer kurzen Distanz auftauchen, sie erschaffen sie, weiß, zwei parallele Spuren und eine mittige Wölbung.

Die Passage besitzt programmatischen Charakter. Erkenntnis entsteht nicht aus einer totalen Übersicht, sondern aus begrenzeten Lichtkegeln. Wahrnehmung bleibt fragmentarisch. Das Dunkel verschwindet nicht, sondern bildet den notwendigen Hintergrund jeder Sichtbarkeit.

De Kerangals Schreibweise folgt derselben Logik. Sie beleuchtet einzelne Ausschnitte – eine Geste, eine Stimme, ein Gesicht, einen Gegenstand – und lässt die Bereiche außerhalb dieses Lichtkreises bestehen. Das Nichtwissen wird dadurch nicht zum Mangel, sondern zu einem Bestandteil des Verfahrens.

Schreiben und Subterranität

Am Ende kehrt der Text zu seinem Ausgangspunkt zurück. Die Mine bleibt auch nach der Reise teilweise verborgen. Die tiefsten Arbeitsbereiche, die Bergleute und die eigentliche Extraktion entziehen sich weiterhin dem Blick. Doch die Umkreise dieses Unsichtbaren sind sichtbar geworden: die Geschichte, die Körper, die Konflikte, die Sprache und die unterschiedlichen Zeiten, die sich an diesem Ort überlagern.

Kurz vor der Abreise beschreibt de Kerangal eine scheinbar beiläufige Geste:

D’un geste machinal, je fais tourner autour de mon doigt l’anneau en os de renne acheté la veille au marché […] À l’approche de l’aéroport, je cherche des yeux le renard blanc, à longue queue plate, qui marchait souverain le long des palissades, le premier soir.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Mechanisch drehe ich den Ring aus Rentierknochen um meinen Finger, den ich tags zuvor auf dem Markt gekauft habe. […] Als wir uns dem Flughafen nähern, halte ich Ausschau nach dem weißen Fuchs mit dem langen flachen Schwanz, der am ersten Abend entlang der Zäune gelaufen war.

Der Fuchs erscheint als Motiv der Wiederkehr. Er bildet eine Verbindung zwischen Anfang und Ende des Buches. Ob die Erzählerin ihn tatsächlich wiederfindet, bleibt offen. Entscheidend ist die Bewegung des Suchens selbst. Der Text endet nicht mit einer endgültigen Erkenntnis, sondern mit der Beharrlichkeit des Blicks.

Der Ring aus Rentierknochen führt zugleich auf die Welt der Sámi zurück. In seiner kreisförmigen Bewegung verdichtet sich die Struktur der Erzählung. Das Schreiben bewegt sich um einen Mittelpunkt, den es nie vollständig erreicht. Es nähert sich ihm, umkreist ihn und hält die Distanz aufrecht, die jede Erkenntnis begleitet.

VII. Coda: was die Mine erzählt

Maylis de Kerangals Kiruna nähert sich ihrem Gegenstand auf indirektem Weg. Die Erzählerin gelangt nicht bis zu den tiefsten Ebenen des Bergwerks und beobachtet die Arbeit unter Tage nur aus der Distanz. Gerade aus dieser Begrenzung entwickelt sich jedoch die besondere Form des Textes. An die Stelle unmittelbarer Anschauung treten die Menschen, die Erinnerungen, die Spuren und die Geschichten, die sich um das Unsichtbare herum angesammelt haben.

Die Mine erscheint dadurch nicht allein als technisches Objekt oder wirtschaftliche Ressource. Sie erweist sich als historisches und kulturelles Gefüge. Sie hat eine Stadt hervorgebracht, Landschaften verändert, Migrationen ausgelöst, Konflikte erzeugt und neue Formen des Zusammenlebens hervorgebracht. Sie hat Körper geformt, Sprachen geprägt und unterschiedliche Zeitlichkeiten miteinander verschränkt.

Die Struktur des Buches folgt dieser Bewegung. Die kurzen Abschnitte wirken wie einzelne Gesteinsproben, die nebeneinandergelegt werden. Schicht um Schicht entsteht ein Bild, das nie vollständig abgeschlossen ist. Die Form des Textes übernimmt damit die Logik seines Gegenstandes. Wie ein Schacht führt sie tiefer in die Materie, ohne jemals einen letzten Grund zu erreichen.

Die letzten Zeilen des Buches lauten:

Quand je me retourne, la mine a disparu et l’anneau chauffe contre ma peau.

Maylis de Kerangal, Kiruna

Als ich mich umdrehe, ist die Mine verschwunden, und der Ring erwärmt sich an meiner Haut.

Die Mine entzieht sich dem Blick. Geblieben ist die Wärme eines Gegenstands, der an eine ältere Geschichte erinnert. Die Spur der Sámi-Welt, die Erinnerung an den Markt und die Berührung des Knochens bleiben gegenwärtig. In dieser unscheinbaren Geste verdichtet sich die Bewegung von Kerangals Text. Schreiben bedeutet hier, dem Verschwindenden eine Form von Nähe zu bewahren und den Dingen, die sich dem Blick entziehen, ihre sinnliche Gegenwart zurückzugeben.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Die Mine als Text, die Stadt als Körper: Kiruna bei Maylis de Kerangal." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Juni 18, 2026 at 20:25. https://rentree.de/2026/06/18/die-mine-als-text-die-stadt-als-koerper-kiruna-bei-maylis-de-kerangal/.

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.


Neue Artikel und Besprechungen