Antisemitismus als Prüfstein politischer Selbstverortung

Résumé
Ein Sammelband mit elf Historikerinnen und Historikern bzw. Publizisten unter Herausgeberschaft von Alexandre Bande, Pierre-Jérôme Biscarat und Rudy Reichstadt verfolgt in zwölf Kapiteln, wie sich die politischen Familien Frankreichs – vom Rassemblement National über die Regierungsrechte, Macrons Renaissance, Grüne, Sozialisten und Kommunisten bis zu La France insoumise, der außerparlamentarischen Linken und den Gelbwesten – seit dem Sechstagekrieg 1967 zum Antisemitismus verhalten haben. Ausgangspunkt ist die These, dass Antisemitismus von rechts historisch erwartbar sei, sein wiederholtes Auftauchen im linken Lager dagegen mehr über Verdrängungsmechanismen der französischen Gesellschaft verrate; als Scharnier dient dabei durchgehend das Verhältnis von legitimer Israelkritik und antisemitisch codiertem Antizionismus. Die Rezension würdigt den Band als dicht dokumentierte, quellennahe Bestandsaufnahme, die mit dem Reflex bricht, Judenhass allein der extremen Rechten zuzuschreiben, und die auch das eigene politische Lager der jeweiligen Autoren nicht schont. Zugleich benennt sie methodische Grenzen – eine „Sicht von oben“ ohne Archiv- oder Basisforschung, uneinheitliche analytische Zugriffe, das Fehlen einer vergleichenden internationalen Perspektive und eines eigenständigen Kapitels zu islamistisch geprägtem Antisemitismus – sowie eine auffällige Leerstelle gegenüber Literatur und Kunst. Ein Ausblick zeigt schließlich, dass sich die im Buch beschriebenen Muster in der Vorwahlkampfphase zur Präsidentschaftswahl 2027 nahezu unverändert wiederholen.

 

Eine Frage, die sich für jedes politische Lager anders stellt

Histoire politique de l’antisémitisme en France: de 1967 à nos jours. Hrsg. von Alexandre Bande, Pierre-Jérôme Biscarat und Rudy Reichstadt. Paris: Robert Laffont, 2024.

Der Band setzt mit einer Beobachtung ein, die zugleich sein Programm formuliert: Im März 2020 wird die frühere Gesundheitsministerin Agnès Buzyn, Tochter eines Schoah-Überlebenden, in sozialen Netzwerken als „Brunnenvergifterin“ verunglimpft – eine mittelalterliche Anklageformel, reaktiviert im Kontext der Covid-19-Pandemie. Von diesem Fall aus entfalten die Herausgeber Alexandre Bande und Pierre-Jérôme Biscarat, beide Historiker mit Bezug zur Gedenkarbeit der Fondation pour la Mémoire de la Shoah und der Maison d’Izieu, ihre Ausgangsfrage: Wie verhalten sich die politischen Strömungen Frankreichs – von der extremen Rechten bis zur extremen Linken – seit Ende der 1960er Jahre zu dem, was Delphine Horvilleur die „antisemitische Frage“ und Pascal Ory die „antijüdische Frage“ genannt haben? Der Band will nicht das Ausmaß antisemitischer Gewalt erklären oder eine Gesamtgeschichte des Judenhasses liefern, sondern Rhetorik, Bündnispolitik und Erinnerungspraxis der Parteien untersuchen, um zu klären, ob Antisemitismus dort strategisch-opportunistisch eingesetzt wird oder als verdrängtes, wiederkehrendes Element politischer Kultur fortbesteht.

Als chronologischer Ausgangspunkt dient der Sechstagekrieg von 1967 und insbesondere die Pressekonferenz de Gaulles vom 27. November 1967, in der er die Juden als „Volk von Elite, seiner selbst sicher und herrschsüchtig“ beschrieb 1. Raymond Aron prägte dafür die Formel vom „Zeitalter des Verdachts“: Nicht mehr die offene Verachtung, sondern Ambivalenz und Verdacht kennzeichnen seither den Umgang der politischen Klasse mit der jüdischen Frage. Von hier aus entwickeln die Herausgeber ihre leitende These: Antisemitismus von rechts sei historisch erwartbar, doch gerade sein Wiederauftreten im linken Lager – das sich seit der Dreyfus-Affäre rhetorisch auf dessen Ablehnung gründet – lege mehr über die Mechanismen der französischen Gesellschaft offen als der traditionelle Antisemitismus der extremen Rechten. Der Band schließt mit einem im September 2023 verfassten, um ein Nachwort zum 7. Oktober 2023 ergänzten Ausblick, der zeigt, wie unmittelbar die untersuchten Deutungsmuster in der Gegenwart wirksam werden.

Strukturell folgt der Band einer klaren Anordnung: Ein einleitendes Kapitel klärt das Verhältnis von Antisemitismus und Antizionismus begrifflich, bevor die übrigen elf Kapitel das politische Spektrum von rechts nach links durchmustern – Front National/Rassemblement National, Reconquête!, die Regierungsrechte, das Zentrum-Rechts, Macron und Renaissance, die Grünen, Sozialisten und Radikale, die Kommunistische Partei, La France insoumise, die außerparlamentarische extreme Linke und schließlich, als Sonderfall jenseits der Parteienlandschaft, die Gelbwestenbewegung. Die Autorenschaft ist heterogen: Neben universitär ausgebildeten Historikern (Garrigues, Debono, Igounet, Nivet) schreiben Publizisten, die institutionell der Antirassismus- und Antiverschwörungsarbeit nahestehen – Camus (Fondation Jean-Jaurès), Reichstadt (Conspiracy Watch), Debono (Chefredakteur von Le Droit de vivre, der Zeitschrift der Licra), Nivet (ehemaliger Generaldelegierter der Licra) sowie der frühere PCF-Aktivist Konopnicki. Diese Zusammensetzung prägt den Ton: Die meisten Beiträge arbeiten quellennah und chronikartig, gestützt vor allem auf Pressearchive – Le Monde dient als durchgehende Referenz –, weniger auf ein einheitliches analytisches Instrumentarium. Eine Definition wird über die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (Ihra) eingeführt, aber nicht in allen Kapiteln gleich konsequent angewandt.

Kapitelübersicht

Kapitel I: Antisionisme et antisémitisme – Alexandre Bande. Im Zentrum steht die begriffliche Klärung des Verhältnisses von Antizionismus und Antisemitismus, deren Diskurse sich seit den 1920er Jahren wiederholt überschneiden.

Kapitel II: Le Front national et le Rassemblement national face à l’antisémitisme – Valérie Igounet. Rekonstruiert wird die Geschichte des FN/RN von seinen personellen Wurzeln im kollaborationistischen und neofaschistischen Milieu bis zur „Dédiabolisation“ unter Marine Le Pen.

Kapitel III: L’antisémitisme, Éric Zemmour et le parti Reconquête ! – Jean-Yves Camus. Untersucht wird das Paradox eines jüdischen Politikers an der Spitze einer Partei der radikalen Rechten sowie Zemmours Geschichtsrevisionismus zugunsten Pétains.

Kapitel IV: Les temps de la droite : droites de gouvernement et antisémitisme – Jean Garrigues. Über fünf Jahrzehnte wird nachgezeichnet, wie die Regierungsrechte zwischen außenpolitischer Nahost-Neutralität und dem Werben um die jüdische Wählerschaft schwankte.

Kapitel V: Le centre droit et l’antisémitisme – Pierre-Jérôme Biscarat. Anhand von Raymond Barre und weiteren Fallbeispielen werden antisemitische Ausfälle und Wahlbündnisse mit dem FN im Zentrum-Rechts untersucht.

Kapitel VI: Emmanuel Macron et Renaissance – Alexandre Bande, Pierre-Jérôme Biscarat, Rudy Reichstadt. Beschrieben wird Macrons erinnerungspolitische Positionierung gegen Antisemitismus bei gleichzeitig wiederholten Kontroversen um seine Bezugnahmen auf Pétain und Maurras.

Kapitel VII: Les Verts face à l’antisémitisme – Emmanuel Debono. Erklärt wird der geringe Stellenwert der Antisemitismusbekämpfung bei den Grünen aus deren historisch gewachsener, palästina-solidarischer Grundhaltung.

Kapitel VIII: L’antisémitisme introuvable ? Socialistes et radicaux face à la haine des Juifs – Stéphane Nivet. Verfolgt wird, wie der Sozialismus Antisemitismus lange der extremen Rechten zuordnete, bis Manuel Valls 2015 erstmals einen „neuen Antisemitismus“ in den eigenen Reihen benannte.

Kapitel IX: La lente dérive du Parti communiste français face à l’antisémitisme – Guy Konopnicki. Gezeigt wird, wie die Kommunistische Partei den sowjetischen Antizionismus als Codewort für Antisemitismus übernahm und sich später kommunalpolitisch zunehmend an propalästinensische Positionen band.

Kapitel X: La France insoumise, Jean-Luc Mélenchon et l’antisémitisme – Milo Lévy-Bruhl. Analysiert wird, wie aus der Kritik an der Instrumentalisierung von Antisemitismusvorwürfen bei Mélenchon eine Rhetorik der Delegitimierung jeder solchen Anklage wurde.

Kapitel XI: Une histoire de l’antisémitisme à l’extrême gauche, de 1967 à aujourd’hui – Laurent-David Samama. Nachgezeichnet wird die Entwicklung der außerparlamentarischen Linken von einer jüdisch mitgeprägten trotzkistischen Frühgeschichte zu einer zunehmend antikolonial gerahmten Nahost-Rhetorik.

Kapitel XII: Les Gilets jaunes et l’antisémitisme – Rudy Reichstadt. Dokumentiert wird die Durchlässigkeit der Gelbwestenbewegung für antisemitische Verschwörungserzählungen und deren zögerliche Distanzierung davon.

I. Antisemitismus als semantischer Zwilling des Antizionismus

Alexandre Bandes Eröffnungskapitel rekonstruiert, wie sich seit den Protokollen der Weisen von Zion ein Antizionismus herausbildet, der von Beginn an – über die Zwischenkriegszeit, den sowjetischen „Kampf gegen den Kosmopolitismus“, die arabische Ablehnung des jüdischen Staates bis zur UN-Resolution 3379 von 1975 – mit antisemitischen Motiven durchsetzt ist. Bande zeichnet drei Etappen nach: den „ursprünglichen“ Antizionismus vor 1948, den „globalisierten“ Antizionismus der 1970er Jahre unter sowjetischer und arabischer Patronage sowie den „neuen Antisemitismus“ der Gegenwart, der sich seit den 2000er Jahren hinter dem Vokabular der Israelkritik verbirgt. Sein Kronzeuge ist Vladimir Jankélévitch, der den Antizionismus als Erlaubnis beschrieb, „demokratisch antisemitisch“ zu sein 2. Bande vertritt am Ende eine klare begriffliche Position: Wer die Existenz Israels als solche bestreite, überschreite die Grenze zur Diskriminierung; die Kritik an israelischer Politik dagegen bleibe legitim. Diese Setzung – nachvollziehbar begründet, aber selbst Teil einer politischen Debatte, die der Band an anderer Stelle als umstritten beschreibt – liefert das begriffliche Werkzeug, mit dem die folgenden Kapitel arbeiten, ohne dass die Spannung zwischen deskriptivem Anspruch und normativer Vorentscheidung je ganz aufgelöst würde.

II. Die Unmöglichkeit der Distanzierung: Front National und Rassemblement National

Valérie Igounet verfolgt die Geschichte des FN/RN von seinen Wurzeln in Ordre nouveau bis zur Gegenwart und zeigt, wie eng die Parteigründung 1972 mit ehemaligen Kollaborateuren, Waffen-SS-Veteranen und dem Negationisten François Duprat verflochten war. Die Chronik der „Détail“-Affäre von 1987, des „Durafour-crématoire“-Wortspiels von 1988 und der wiederkehrenden Eskapaden Jean-Marie Le Pens bildet das Rückgrat des Kapitels; Igounet arbeitet heraus, dass die von Marine Le Pen seit 2011 betriebene „Dédiabolisation“ gezielt den Antisemitismus-Vorwurf neutralisieren sollte, während Personal, Netzwerke (etwa die „GUD Connection“) und ein erheblicher Teil der Wählerschaft – Umfragen zufolge stimmen deutlich überdurchschnittliche Anteile der RN-Anhänger komplottheoretischen Aussagen über einen „zionistischen Weltkomplott“ zu – die alte Kontinuität konservieren. Louis Aliot bringt die parteiinterne Kalkulation auf den Punkt, wenn er den Antisemitismus als das eigentliche „Schloss“ bezeichnet, das es zu sprengen gelte, um Wählerstimmen zu gewinnen 3. Die Aufnahme der Klarsfelds in Perpignan, der Verzicht auf die Forderung nach Aufhebung des Gayssot-Gesetzes und die rhetorische Selbstinszenierung als „bestes Schutzschild“ jüdischer Franzosen erscheinen bei Igounet nicht als Bruch, sondern als taktische Fortschreibung derselben Grundhaltung mit anderen Mitteln. Das Kapitel liefert damit weniger eine neue These als eine dicht dokumentierte Widerlegung der Selbstdarstellung der Partei – überzeugend in der Beleglage, aber in der Anlage stark chronologisch-additiv, ohne systematische Analyse der Wählerbasis jenseits einzelner Umfragezahlen.

III. Ein jüdischer Politiker der radikalen Rechten: das Paradox Zemmour

Jean-Yves Camus stellt sich einer heiklen Konstellation: einem Parteiführer, der selbst Jude ist und dessen Partei Reconquête! dennoch, so die These, eine Geschichtsfälschung zugunsten Pétains betreibt und Kader aus dem antisemitischen Milieu der Ultrarechten toleriert. Camus rekonstruiert Zemmours biografischen Assimilationsdiskurs, seine Kritik am Crif als „obersten Tribunal“, das über die „arabische Politik Frankreichs“ richte 4, und seine Behauptung, Pétain habe Juden „gerettet“ – eine These, die der Historiker Laurent Joly als bewusste Instrumentalisierung entlarvt hat, um die Konvergenz von bürgerlicher Rechter und extremer Rechter zu ermöglichen. Camus zeigt zugleich, wie uneinheitlich die radikale Rechte selbst auf Zemmour reagiert: Ein Teil unterstützt ihn trotz seiner Herkunft, weil die Frontstellung gegen Islam und Einwanderung Vorrang habe; ein anderer, unverhohlen antisemitischer Teil lehnt ihn wegen seiner Herkunft ab. Die Präsenz einer negationistischen Buchhandlung beim „Fest der Ernte“ von Reconquête! 2023 wertet Camus als Indiz mangelnder Abgrenzung. Sein Kapitel überzeugt gerade dort, wo es die Ambivalenz nicht auflöst, sondern als strukturelles Merkmal beschreibt – eine Position, an die es Reconquête! selbst nicht zulässt, sich stellen zu müssen.

IV. Zwischen Neutralität und jüdischer Wählerschaft: die Regierungsrechte

Jean Garrigues zeichnet einen weiten Zeitbogen nach – von de Gaulle bis Valérie Pécresse – und identifiziert fünf Phasen: das „Zeitalter des Verdachts“ nach 1967, das „Zeitalter der Attentate“ der 1970er Jahre, das „Zeitalter des Zögerns“ angesichts des FN-Aufstiegs, das „Zeitalter der Reue“ seit Chiracs Vel-d’Hiv-Rede von 1995 und schließlich das „Zeitalter der Marginalisierung“ der Regierungsrechten seit 2017. Die Konstante, die Garrigues herausarbeitet, ist eine strukturelle Spannung zwischen der außenpolitischen Neutralitätslinie im Nahost-Konflikt – von de Gaulles Waffenembargo bis zu Chiracs kritischer Haltung gegenüber Israel – und dem Bemühen, die jüdische Wählerschaft nicht zu verprellen, die sich seit 1983 mehrheitlich nach rechts orientiert. Chiracs Versprechen an der Knesset, „die Anzeichen von Gewalt, Rassismus und Antisemitismus im Keim zu ersticken“ 5, markiert den Wendepunkt, dem Garrigues zufolge die Vel-d’Hiv-Rede von 1995 als eigentlicher Bruch mit der gaullistisch-Mitterrand’schen Ambiguität folgt. Zugleich dokumentiert das Kapitel unbequeme Fakten: lokale Wahlabsprachen mit dem FN in den 1980er und frühen 1990er Jahren, die Ablehnung des Gayssot-Gesetzes durch weite Teile der parlamentarischen Rechten 1990, Jean-Claude Gaudins Ausfälle gegen „jüdische“ Journalisten. Garrigues gelingt eine differenzierte Langzeitperspektive, die zeigt, dass moralische Klarheit und politisches Kalkül in dieser Familie selten deckungsgleich waren – auch wenn die Engführung auf Führungsfiguren die Frage nach der Parteibasis unbeantwortet lässt.

V. Anekdoten der Ambivalenz: das Zentrum-Rechts

Pierre-Jérôme Biscarat konzentriert sich auf drei Fallstudien, die exemplarisch für ein Lager stehen, das sich selbst als Hort der Mäßigung versteht: Raymond Barres Formel von den „unschuldigen Franzosen“ nach dem Anschlag auf die Synagoge in der Rue Copernic 1980 6, seine spätere Verteidigung Maurice Papons und Bruno Gollnischs sowie seine Rede von einer „jüdischen Lobby, die am stärksten mit der Linken verbunden ist“ 7 in einem Interview von 2007 – zwanzig Jahre nach den ursprünglichen Vorfällen und ohne jede Distanzierung. Biscarat kontrastiert diesen Fall mit den Wahlbündnissen Jean-Claude Gaudins und Charles Millons mit dem FN in den Regionalwahlen 1986 und 1998 sowie mit der Gegenposition François Bayrous, der als Einziger seiner Familie konsequent jede Kooperation mit der extremen Rechten verweigerte. Die Stärke des Kapitels liegt in der genauen Rekonstruktion einer einzelnen, oft verdrängten Interviewsequenz – die Beobachtung, dass praktisch keiner der zahlreichen Nachrufe auf Barre 2007 diese Passagen erwähnte, ist für sich genommen aufschlussreich. Die Schwäche liegt in der begrenzten Reichweite: Drei Personen stehen stellvertretend für ein ganzes politisches Lager, dessen breitere parlamentarische und regionale Dynamik nur skizziert wird.

VI. Erinnerungspolitik und ihre Grenzen: Macron und Renaissance

Das gemeinsam von Bande, Biscarat und Reichstadt verfasste, vergleichsweise knappe Kapitel zu Emmanuel Macron zeichnet ein Bild demonstrativer Kontinuität und wiederkehrender Ambivalenz zugleich. Einerseits übernimmt Macron 2017 explizit Chiracs Anerkennung der Verantwortung Frankreichs für die Deportation der Juden und erklärt den Antizionismus zu einer „der modernen Formen des Antisemitismus“ 8. Andererseits sorgen seine Pétain-Würdigung von 2018, seine Verwendung der maurrassianischen Formel vom „pays légal“ und „pays réel“ 2020 sowie sein Diktum über Maurras, den man nicht „verdrängen“ dürfe, für wiederholte Kontroversen, auf die Historiker wie Johann Chapoutot und Institutionen wie der Crif mit Unverständnis reagieren. Die Autoren belegen diese Ambivalenz präzise, verzichten aber auf eine eigene Deutung, warum ein Präsident, der sich selbst konsequent gegen Antisemitismus positioniert, wiederholt in dieselbe rhetorische Falle historischer Relativierung tritt. Das Kapitel bleibt damit eher chronikartig als erklärend – was angesichts der Kürze und der Nähe des Untersuchungszeitraums zur Gegenwart nachvollziehbar, aber als methodischer Kontrast zu den historisch tiefer gestaffelten Kapiteln spürbar ist.

VII. Ein blinder Fleck des Fortschritts: die Grünen und der Antisemitismus

Emmanuel Debono liefert einen analytisch scharfen Beitrag, weil er nicht nur Ereignisse auflistet, sondern eine These formuliert und konsequent durchhält: Der geringe Stellenwert der Antisemitismusbekämpfung bei EELV sei kein Zufall, sondern strukturell mit dem historisch gewachsenen, Palästina-solidarischen Selbstverständnis der Partei verknüpft. Von René Dumonts befremdlicher Reaktion auf das Copernic-Attentat 1980 über die Affäre um Jean Brières offen antisemitische Motion (Beschlussvorlage) von 1991 bis zur Beteiligung an der BDS-Kampagne, den Konflikten um die Bürgerehrung für Salah Hamouri in Lyon und die Einladung des Rappers Médine 2023 zieht Debono eine durchgehende Linie. Julien Bayous zunächst unbeholfene Reaktion auf den Mordfall Sarah Halimi, korrigiert erst Stunden später zur Formel, ein Angriff auf einen Juden treffe „ganz Frankreich“ 9, steht bei Debono exemplarisch für ein wiederkehrendes Muster: Antisemitismus wird bei den Grünen fast durchgängig in generischen Rassismus- und Diskriminierungsbegriffen aufgelöst statt als eigenständiges Phänomen benannt. Debono legt seine methodischen Grenzen selbst offen – eine „Sicht von oben“ anhand von Presseerklärungen, ohne systematische Archiv- oder Basisforschung – was die Aussagekraft nicht schmälert, aber den Rahmen absteckt, innerhalb dessen die These gilt.

VIII. Ein Antisemitismus, der sich nicht finden lässt? Sozialisten und Radikale

Stéphane Nivet spannt den Bogen von Pierre Mendès France, der noch 1967 mit antisemitischen Zwischenrufen konfrontiert wurde, bis zur Nupes-Ära. Sein Kapitel zeigt, wie der Sozialismus in den 1970er Jahren – gestützt auf die Figuren Léon Blum und Mendès France – Antisemitismus fast ausschließlich der extremen Rechten zuordnete, während innerhalb der eigenen Reihen die Unterscheidung zwischen Rassismus und Antisemitismus zunehmend verschwamm, etwa durch die Umbenennung des Mrap 1977. Als Wendepunkt markiert Nivet die von Manuel Valls 2015 geprägte Anerkennung eines „neuen Antisemitismus, der in unseren Vierteln entstanden ist“ 10 – eine Formel, die erstmals in der sozialistischen Familie explizit einen Antisemitismus benennt, der nicht der extremen Rechten entstammt. Die Enthüllungen über Mitterrands Vichy-Vergangenheit und seine fortgesetzte Freundschaft mit René Bousquet erscheinen bei Nivet als tiefe Zäsur im Selbstverständnis der Linken, während die „Note Boniface“ von 2001 und der Streit um die BDS-Sympathien innerhalb des PS zeigen, wie der Nahostkonflikt die Partei fortlaufend spaltet. Nivet endet mit dem Befund, dass Olivier Faures verspätete Erwähnung der jüdischen Opfer der Rafle du Vel d’Hiv 2022 in der Kontinuität eines strukturellen Zögerns steht. Das Kapitel überzeugt in der Verbindung von Erinnerungsgeschichte und Parteigeschichte, bleibt für die jüngere Gegenwart aber eher andeutend als ausgeführt.

IX. Vom sowjetischen Antizionismus zum postkommunistischen Zerfall: die KPF

Guy Konopnickis Beitrag, gestützt auf eigene Parteierfahrung von 1965 bis 1978, liest sich als insiderhaft grundierter Text. Er rekonstruiert, wie die Anklage des „Zionismus“ seit den Prager Prozessen und der „Ärzteverschwörung“ 1952/53 zum kodierten Ersatzwort für „Jude“ innerhalb der kommunistischen Bewegung wurde, und wie die KPF diese sowjetische Wirklichkeit trotz eigener jüdischer Kader systematisch verdrängte. Benoît Frachons Rede vom Juni 1967, die den Sechstagekrieg mit dem Bild beschreibt, „wie bei Faust führt Satan den Tanz an“ 11, steht exemplarisch für eine Rhetorik, die klassische antisemitische Motive in antizionistisches Vokabular kleidet. Konopnicki verfolgt den Weg der Partei von der zögerlichen Solidarität mit Israel 1967 über die vorbehaltlose Übernahme der PLO-Positionen in den 1970er Jahren bis zur kommunalpolitischen „Kommunitarisierung“ in den Vororten seit den 1980er Jahren, als die Partei in ihren verbliebenen Hochburgen zunehmend auf muslimische Wählerschaften angewiesen war. Der Höhepunkt dieser Entwicklung ist für Konopnicki der 2023 von der KPF-Fraktion eingebrachte Resolutionsentwurf, der Israel „Apartheid“ vorwirft – eine Volte, die den historischen Bogen von Jean-Claude Gayssots Namensgeberschaft für das Antinegationismus-Gesetz von 1990 zum genauen Gegenteil schließt. Das Kapitel ist quellenreich und persönlich grundiert, dabei aber auch spürbar subjektiv gefärbt; die Grenze zwischen historischer Rekonstruktion und Abrechnung mit der eigenen politischen Biografie verschwimmt gelegentlich.

X. Instrumentalisierungsrhetorik und subliminaler Antisemitismus: La France insoumise

Milo Lévy-Bruhls Kapitel ist analytisch dicht gearbeitet. Er unterscheidet zwei Vorwurfsstränge – Gleichgültigkeit gegenüber Antisemitismus und aktive Verbreitung antisemitischer Motive – und verfolgt beide anhand von Programmtexten und öffentlichen Äußerungen, vor allem Jean-Luc Mélenchons. Lévy-Bruhl zeigt, wie sich aus der berechtigten Sorge vor politischer Instrumentalisierung eine Rhetorik des „rayon paralysant“ (lähmender Strahl) entwickelt, mit der jede Antisemitismus-Anklage als bloßes Machtinstrument diskreditiert wird – Mélenchon selbst beschreibt die gegen Jeremy Corbyn gerichteten Vorwürfe so: „Der gute alte lähmende Strahl funktioniert hier auf Hochtouren“ 12. Als Beleg für die zweite These führt Lévy-Bruhl Mélenchons eigene, wiederholte Verwendung klassischer antisemitischer Motive an – vom Motiv des „deizidischen Volkes“ bis zur Unterstellung, Éric Zemmours vermeintlicher Rassismus entspringe „kulturellen Szenarien“ seines Judentums. Bemerkenswert ist, dass Mélenchon selbst 2007 noch vor „subliminalem Antisemitismus“ gewarnt hatte, bevor er später ähnliche Muster reproduzierte – ein Widerspruch, den Lévy-Bruhl minutiös herausarbeitet, ohne ihn zu psychologisieren. Das Kapitel geht theoretisch über die reine Beschreibung hinaus, weil es einen Mechanismus – die Verschiebung von Verharmlosung zu Delegitimierung der Kritik – rekonstruiert.

XI. Trotzkismus, Palästina und der Verlust der Orientierung: die außerparlamentarische Linke

Laurent-David Samama beschreibt eine Entwicklung von der jüdisch mitgeprägten Frühgeschichte des französischen Trotzkismus – von Alain Krivines Präsidentschaftskandidatur 1969 bis zur überproportionalen jüdischen Präsenz in der Ligue communiste révolutionnaire – zu einer Gegenwart, in der die extreme Linke den Nahostkonflikt zunehmend über die Kategorie des Antikolonialismus deutet und dabei, so Samama, wiederholt in die Nähe klassischer antisemitischer Motive gerät. Die Reaktionen von NPA, Révolution permanente und dem Parti des indigènes de la République auf das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, das der NPA in die Rhetorik des „Widerstands“ einordnet – „Diesmal steht die Offensive auf der Seite des Widerstands“ 13 –, bilden für Samama den vorläufigen Endpunkt einer seit der zweiten Intifada 2000 sich verstärkenden Entwicklung. Die Affäre um Gérard Filoches antisemitisches Twitter-Bildmontage von 2017 und die Kandidatur der verschleierten Ilham Moussaïd für den NPA 2010 dienen als Belege für eine wachsende Durchlässigkeit gegenüber islamistischen und identitätspolitischen Diskursen, die Samama unter Rückgriff auf Nathalie Heinichs Konzept des „blinden Flecks des Wokismus“ deutet. Das Kapitel ist material- und zitatreich, tendiert aber zur Häufung plakativer Einzelfälle, ohne immer klar zwischen Randgruppen und mehrheitsfähigen Positionen der radikalen Linken zu unterscheiden.

XII. Ein durchlässiges Protestmilieu: die Gelbwesten

Rudy Reichstadts Schlusskapitel behandelt mit den Gelbwesten den einzigen Gegenstand des Bandes, der keine Partei, sondern eine heterogene soziale Bewegung ist. Reichstadt dokumentiert eine Häufung antisemitischer Vorfälle – von Dieudonnés und Alain Sorals demonstrativer Präsenz an den Kreisverkehren über die „Quenelle“-Gesänge bis zum Angriff auf Alain Finkielkraut im Februar 2019, in dessen Folge sich das öffentliche Bewusstsein für das Problem erst verschärft habe. Zentral ist seine Auseinandersetzung mit der „Opferkonkurrenz“-Rhetorik, die die Shoah unpassend mit der eigenen Lage der Gelbwesten gleichsetzt, sowie mit der verbreiteten Vorstellung verborgener jüdischer „Strippenzieher“ hinter Macron. Reichstadt zitiert den Historiker Pierre-André Taguieff, der zwischen einer nicht per se antijüdischen Gesamtbewegung und einem realen antijüdischen Frankreich innerhalb der französischen Gegenwartsgesellschaft unterscheidet: Es gebe „ein antijüdisches Frankreich innerhalb des zeitgenössischen Frankreich“ 14. Reichstadt stützt sich auf Ifop-Umfragedaten, denen zufolge Gelbwesten-Sympathisanten überdurchschnittlich komplottheoretischen Aussagen über einen „zionistischen Weltkomplott“ zustimmen, und schließt mit der offenen Frage, ob das lange Zögern der Bewegung, sich zu distanzieren, nicht ein Zögern der französischen Gesellschaft insgesamt widerspiegele. Das Kapitel ist dicht mit Einzelbelegen gesättigt und profitiert davon, dass Reichstadt als Gründer von Conspiracy Watch mit der Materie seit Jahren befasst ist.

Was an diesem Befund spezifisch französisch ist

Mehrere Linien, die sich durch alle zwölf Kapitel ziehen, lassen sich als Besonderheiten des französischen Falls lesen und nicht ohne Weiteres auf andere Länder übertragen. Erstens die Zentralität der Dreyfus-Affäre als Gründungserzählung, an der sich noch die Rhetorik von 2023 misst – jede politische Familie muss sich, wie der Band zeigt, gegenüber diesem Bezugspunkt positionieren, auch wenn sie ihn nur implizit aufruft. Zweitens das Gewicht der Vichy-Erinnerung als durchgehendes Prüfmoment: Praktisch jedes Kapitel kehrt zur Frage zurück, wie eine politische Familie zu Pétain, zur Rafle du Vel d’Hiv und zu Chiracs Rede von 1995 steht; kaum ein anderes europäisches Land verfügt über eine derart institutionalisierte, jährlich wiederkehrende Erinnerungsliturgie, die zugleich als politischer Gradmesser fungiert. Drittens die Verschränkung von Kolonialgeschichte und jüdischer Gemeindepolitik: Die Sepharden-Einwanderung aus Nordafrika nach der Dekolonisierung und der Crémieux-Dekret-Komplex erklären die Rechtsverschiebung der jüdischen Wählerschaft seit den 1980er Jahren, die ohne die französisch-algerische Geschichte nicht verständlich wäre. Viertens die gaullsche „arabische Politik“ als außenpolitische Konstante, die – anders als etwa in Deutschland oder den USA – eine strukturelle Distanz zu Israel als Teil der Staatsräson etabliert und den Antisemitismusvorwurf gegenüber Regierungen aller Couleur wiederholt aktivierbar gemacht hat. Fünftens der ausgebaute juristische Rahmen – von der Loi Pleven 1972 über die Loi Gayssot 1990 bis zur Übernahme der Ihra-Definition 2019 –, der der Debatte eine Verrechtlichung verleiht, die in dieser Dichte nicht überall zu finden ist. Sechstens der republikanisch-universalistische Reflex, der es – wie besonders die Kapitel zu den Grünen, den Sozialisten und der KPF zeigen – in Teilen der Linken erschwert, Antisemitismus als eigenständige, von generischem Rassismus zu unterscheidende Diskriminierungsform zu benennen, weil dies dem republikanischen Ideal der Farbenblindheit zuwiderzulaufen scheint. Diese sechs Linien geben dem Band trotz seiner additiven Anlage einen roten Faden.

Offene Fragen, die sich aus dem Band ergeben

Der Band benennt eine zentrale methodische Grenze selbst: Debono spricht von einer „Sicht von oben“, die auf Presseerklärungen beruht, nicht auf Parteiarchiven, lokaler Basisarbeit oder mündlicher Geschichte. Diese Einschränkung gilt, unterschiedlich scharf formuliert, für fast alle Kapitel. Für die weitere Forschung ergeben sich daraus mehrere Anknüpfungspunkte. Erstens fehlt eine systematische, vergleichende Auswertung der Umfragedaten (Ifop, Fondapol/AJC, Conspiracy Watch), die im Band nur verstreut zitiert werden. Zweitens behandelt kein Kapitel die politischen Strömungen des Islamismus als eigenständigen Gegenstand mit eigener Genealogie – sie erscheinen nur als äußerer Faktor, der linke und grüne Politik beeinflusst, nie als eigenständig zu analysierendes Feld; angesichts des Gewichts, das der „neue Antisemitismus“ islamistischer Prägung im gesamten Band einnimmt, ist dies eine auffällige Leerstelle. Drittens fehlt eine vergleichende internationale Perspektive; Bezüge zu Jeremy Corbyns Labour Party tauchen mehrfach auf, doch ein systematischer Vergleich mit anderen europäischen Parteiensystemen unterbleibt, wodurch offenbleibt, was am französischen Befund spezifisch und was Teil eines europaweiten Musters ist. Viertens wäre ein rechtshistorisches Kapitel zur Antidiskriminierungsgesetzgebung wünschenswert, da die einzelnen Gesetze (Marchandeau, Pleven, Gayssot, Ihra-Resolution) bislang nur funktional, nicht in ihrer eigenen Entwicklungslogik behandelt werden. Fünftens bricht der Band mit dem Herbst 2023 faktisch ab; eine Fortschreibung, die den seither vergangenen Gaza-Krieg einbezieht, wäre inzwischen ein eigenständiges Desiderat.

Literatur und Kunst: eine auffällige Leerstelle

Bemerkungen zur Rolle der Literatur und der anderen Künste finden sich im Band nur am Rand, und diese Beiläufigkeit selbst verdient Aufmerksamkeit. Was auftaucht, sind vor allem Erscheinungsformen einer politisierten Populärkultur: antisemitische Gesänge, die auf die Melodie des Chant des Partisans gedichtet werden, ein von Alain Soral verbreitetes Rap-Video mit antisemitischer Bildsprache, die vom FN verlegten Karikaturenbände des Zeichners Konk oder das Titelbild des Bandes selbst, das den Straßenkünstler C215 bei der Restaurierung eines mit Hakenkreuzen beschmierten Simone-Veil-Porträts zeigt. Die umfangreiche negationistische Publizistik – Rassinier, Faurisson, Roques, Harwood – wird ausführlich behandelt, aber konsequent als ideologisch-politisches, nicht als literarisches Phänomen gelesen; ihre rhetorischen und narrativen Verfahren werden nicht eigens untersucht. Éric Zemmours Bücher (Le Suicide français, Mélancolie française, Destin français) werden im Kapitel von Jean-Yves Camus ausführlich zitiert und interpretiert, jedoch ausschließlich als politisches Argument, nicht als literarisches oder essayistisches Werk mit eigener Stilistik. Auffällig ist, dass ein Band, der wiederholt auf Édouard Drumont als Referenzfigur zurückgreift, dessen genuin literarisch-publizistische Wirkung nicht diskutiert, ebenso wenig wie die enge historische Verflechtung von Literatur und Politik, die gerade die Dreyfus-Affäre – über Zolas Interventionen – für die politische Kultur Frankreichs so folgenreich gemacht hat. Auch Film, Theater oder bildende Kunst als Orte der Auseinandersetzung mit Antisemitismus – abgesehen von einem beiläufig erwähnten Fernsehdokumentarfilm – bleiben ausgespart. Für einen Band, der die politische Geschichte des Antisemitismus in Frankreich schreiben will, wäre die Frage, wie sich diese Geschichte in literarischen und künstlerischen Formen niedergeschlagen und diese wiederum auf die politische Rhetorik zurückgewirkt haben, ein eigenständiges, bislang ungeschriebenes Kapitel.

Ausblick über das Buch hinaus: Wahlkampf 2027 als Testfall der beschriebenen Muster

Der Band selbst sagt natürlich zum Präsidentschaftswahlkampf 2027 nichts – er endet mit einem im Herbst 2023 verfassten Nachwort. Was folgt, ist deshalb keine Zusammenfassung von Buchinhalten, sondern eine Anwendung der im Buch entwickelten Analysekategorien auf die aktuelle Vorwahlkampfphase (Stand: August 2026). Dass sich diese Kategorien so unmittelbar weiter anwenden lassen, ist dabei selbst ein Befund – er bestätigt die These des Bandes, dass es sich um wiederkehrende Strukturmuster und nicht um abgeschlossene historische Episoden handelt.

La France insoumise: der „rayon paralysant“ in Echtzeit

Milo Lévy-Bruhls Kapitel beschreibt zwei ineinandergreifende Mechanismen bei Mélenchon: die Verharmlosung von Antisemitismusvorwürfen als politisches Manöver sowie die wiederholte, teils unbewusste Reproduktion klassischer antisemitischer Motive. Beide Mechanismen zeigten sich im März 2026 fast lehrbuchhaft: Bei einem Wahlkampfauftritt in Perpignan verhaspelte sich Mélenchon mehrfach beim Namen des Europaabgeordneten Raphaël Glucksmann, was diesem zufolge auf die jüdisch klingende Namensendung anspielte und bei Glucksmann die Reaktion auslöste, Mélenchon schließe sich damit selbst aus der Linken und der Republik aus. 15 Glucksmann verglich Mélenchon öffentlich mit Jean-Marie Le Pen und kommentierte auf X knapp mit „Ok Jean-Marie Le Pen“ 16. Mélenchons Reaktion – Bedauern über einen „Fehler“, zugleich die Deutung, eine anderthalbstündige Rede werde „auf vier Sekunden reduziert, um mich des Antisemitismus zu bezichtigen“– entspricht exakt dem von Lévy-Bruhl beschriebenen Doppelschritt aus Entschuldigung und Delegitimierung der Kritik als Instrumentalisierung. 17 Für den Wahlkampf 2027 ist diese Dynamik doppelt relevant: Erstens dürfte sie sich, dem im Buch beschriebenen Muster folgend, bei weiteren Gelegenheiten wiederholen. Zweitens belastet sie bereits jetzt Bündnisfragen am linken Rand– die Verhandlungen zwischen LFI, PS und den Grünen vor den Kommunalwahlen wurden durch die Affäre nachweislich erschwert, weil Sozialisten und Grüne Bündnisse zunehmend an Garantien gegen Antisemitismus knüpfen, 18 ein Streitmuster, das Nivet für den PS und Debono für die Grünen bereits für frühere Wahlgänge dokumentiert hatten. Mélenchon selbst hat seine vierte Kandidatur im Mai 2026 offiziell erklärt und dabei erklärt, am besten auf die gegenwärtige Lage vorbereitet zu sein 19 – die Frage, ob die von Lévy-Bruhl beschriebene Rhetorik ihn dabei eher stärkt oder schwächt, bleibt offen.

Rassemblement National: die Bewährungsprobe für den „Bouclier“-Anspruch

Valérie Igounets Kapitel zeigt, dass die Selbstinszenierung des RN als „bestes Schutzschild“ jüdischer Franzosen taktischer, nicht inhaltlicher Natur ist – belegt durch fortbestehende Netzwerke, tolerierte Randfiguren und eine Wählerbasis, die überdurchschnittlich komplottheoretischen Aussagen über einen „zionistischen Weltkomplott“ zustimmt. Für 2027 kommt eine zusätzliche, buchfremde Variable hinzu: Marine Le Pens Kandidatur war durch ihre erstinstanzliche Verurteilung im März 2025 zunächst blockiert; das Berufungsgericht reduzierte die Ineligibilitätsstrafe im Juli 2026 jedoch so weit, dass sie formal wieder kandidieren kann, während die Staatsanwaltschaft in der Kassationsinstanz weiterhin auf Bestätigung der ursprünglichen Strafe drängt. Diese juristische Unsicherheit betrifft nicht unmittelbar die Antisemitismus-Frage, doch sie bestimmt, welche Person – Le Pen oder Bardella – die von Igounet beschriebene Erzählung im Wahlkampf vertreten wird. Der Befund des Kapitels bleibt davon unberührt: Die „Dédiabolisation“ ist auf Wiederholung und Bestätigung durch öffentliche Auftritte angelegt, nicht auf eine überprüfbare inhaltliche Distanzierung.

Das bürgerliche Zentrum: der Streit um die eigene Gesetzgebung

Hier liefert die Gegenwart eine Illustration, die über das im Buch beschriebene Muster hinausgeht und zugleich dessen Kern bestätigt. Alexandre Bandes Eröffnungskapitel zeigt, dass die Grenzziehung zwischen legitimer Israelkritik und Antisemitismus seit der Ihra-Resolution von 2019 innerhalb der Regierungslager selbst umstritten ist. Im April 2026 wurde dieser Streit institutionell konkret: Die Abgeordnete Caroline Yadan (Renaissance) hatte einen Gesetzentwurf eingebracht, der „erneuerte Formen des Antisemitismus“ unter Strafe stellen sollte, unter anderem durch ein neues Delikt der „Aufforderung zur Zerstörung eines anerkannten Staates“ und eine Ausweitung der Terrorismus-Verherrlichung auf „implizite“ Billigung. Die eigene Fraktion zog den Entwurf am 16. April 2026 zurück, unter dem Druck von UN-Kritik, dem Koalitionspartner MoDem und einer Petition mit 700.000 Unterschriften, 20 während Kritiker – ausdrücklich sowohl von rechts als auch von links – eine Vermengung von Israelkritik und Antisemitismus sowie eine Gefährdung der Meinungsfreiheit anmahnten. Für den Wahlkampf 2027 bedeutet das: Die Regierungsmitte kann sich nicht mehr, wie es Bande und Biscarat/Reichstadt für Macron beschrieben haben, mit symbolischer Erinnerungspolitik begnügen, sondern muss eine gesetzgeberische Position beziehen, die im eigenen Lager selbst umstritten ist – ein Novum gegenüber der im Buch dokumentierten Zeit. 21 Zugleich konkurrieren im Zentrum mit Gabriel Attal und Édouard Philippe zwei ehemalige Premierminister um die Kandidatur, deren beider Strategie unter anderem darin besteht, sich als Bollwerk gegen den RN zu positionieren 22 – eine Konstellation, die den von Garrigues für die Regierungsrechte beschriebenen Balanceakt zwischen Nahost-Neutralität und dem Werben um die jüdische Wählerschaft in neuer Form fortschreibt.

Was aus dieser Beobachtung folgt

Drei Schlüsse lassen sich ziehen, ohne die zeitliche Grenze des Buches zu verwischen. Erstens bestätigen die Ereignisse von 2026 fast durchgehend die im Band beschriebenen Mechanismen – Verharmlosungsrhetorik links, taktische Normalisierung rechts, definitorischer Streit in der Mitte –, was dafür spricht, dass es sich tatsächlich um strukturelle, nicht um konjunkturelle Muster handelt. Zweitens verschiebt sich das Terrain von der Rhetorik zur Gesetzgebung: Während der Band Antisemitismus vor allem als Gegenstand von Reden, Bündnissen und Erinnerungspolitik behandelt, zeigt die Yadan-Affäre, dass 2027 auch über die rechtliche Kodifizierung des Antisemitismusbegriffs entschieden werden könnte – ein Feld, für das dem Buch, wie in der Rezension als Desiderat benannt, ein eigenes rechtshistorisches Kapitel fehlt. Drittens bleibt unklar, ob die Wählerschaft diese Auseinandersetzungen überhaupt als wahlentscheidend behandelt oder ob sie, wie schon bei den Gelbwesten von Reichstadt beschrieben, im Rauschen anderer Themen – Sicherheit, Kaufkraft, Migration – untergeht. Der Band liefert dafür kein Prognoseinstrument; er liefert aber die Begriffe, mit denen sich beobachten lässt, was tatsächlich geschieht.

Schlussbemerkung

Der Band überzeugt als dicht dokumentierte, chronologisch verlässliche Bestandsaufnahme, die für jede politische Familie Frankreichs seit 1967 die Ambivalenzen im Umgang mit Antisemitismus offenlegt und dabei mit dem verbreiteten Reflex bricht, das Problem allein der extremen Rechten zuzuschreiben. Seine Stärke liegt in der Materialfülle und in der Bereitschaft, auch das eigene politische Lager der jeweiligen Autoren nicht zu schonen – deutlich sichtbar bei Konopnicki, Nivet und Debono. Seine Grenzen liegen in der methodischen Uneinheitlichkeit zwischen den Beiträgen, der fehlenden vergleichenden Perspektive und der Leerstelle gegenüber dem Islamismus als eigenständigem Untersuchungsgegenstand. Als Nachschlagewerk zur politischen Rhetorik der letzten fünf Jahrzehnte bleibt er brauchbar; als Deutungsangebot bedarf er der Ergänzung durch die Forschungsrichtungen, die er selbst benennt, ohne sie einzulösen.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Antisemitismus als Prüfstein politischer Selbstverortung." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on August 9, 2026 at 18:17. https://rentree.de/2026/08/09/antisemitismus-als-pruefstein-politischer-selbstverortung/.
Anmerkungen
  1. „un peuple d’élite, sûr de lui-même et dominateur“ – Charles de Gaulle>>>
  2. „L’antisionisme est la permission d’être démocratiquement antisémite“ – Vladimir Jankélévitch>>>
  3. „C’est l’antisémitisme qui empêche les gens de voter pour nous“ – Louis Aliot>>>
  4. „un tribunal suprême […] la politique arabe de la France“ – Éric Zemmour>>>
  5. „tuer dans le germe les signes de la violence, du racisme, de l’antisémitisme“ – Jacques Chirac>>>
  6. „des Français innocents“ – Raymond Barre>>>
  7. „le lobby juif le plus lié à la gauche“ – Raymond Barre>>>
  8. „L’antisionisme est une des formes modernes de l’antisémitisme“ – Emmanuel Macron>>>
  9. „quand un Juif est attaqué, c’est toute la France qui est attaquée“ – Julien Bayou>>>
  10. „ce nouvel antisémitisme qui est né dans nos quartiers“ – Manuel Valls>>>
  11. „Comme dans Faust, Satan conduit le bal“ – Benoît Frachon>>>
  12. „Le bon vieux rayon paralysant est en plein fonctionnement ici“ – Jean-Luc Mélenchon>>>
  13. „Cette fois-ci, l’offensive est du côté de la résistance“ – Kommuniqué des NPA>>>
  14. „il y a une France antijuive dans la France contemporaine“ – Pierre-André Taguieff>>>
  15. Vgl. france12>>>
  16. Vgl. Franceinfo – Raphaël Glucksmann>>>
  17. Vgl. Franceinfo>>>
  18. Vgl. Parlons Politique>>>
  19. Vgl. Franceinfo>>>
  20. Vgl. Regards Actuels>>>
  21. Politique Magazine>>>
  22. Vgl. Europe 1>>>

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