Neugallien als Denkfigur: Ideologie und Männlichkeit bei Caroline Bouffault

Résumé
Caroline Bouffaults Roman „Les Désarmantes“ (2026) entwirft die Nouvelle-Gallia, ein aus einem eurasischen Krieg hervorgegangenes Gemeinwesen, in dem eine pazifistische Frauenregierung die Armee abgeschafft und die männliche Bevölkerung in sogenannten Néo-Villages untergebracht hat; vor diesem Hintergrund verfolgt der Roman die kanadische Journalistin Alba Larochette, die für ein geplantes Buch mit Präsidentin Imogène K. und Vizepräsidentin Maisie Pressolles spricht, sowie Charlie, Imogènes Tochter, deren heimliche und regelwidrige Schwangerschaft mit dem resozialisierten Gaël das Regime aus einer intimen Perspektive zeigt. Der vorliegende Aufsatz nähert sich diesem Gedankenexperiment mit sechs ineinandergreifenden Zugängen: Er prüft zunächst einen feministischen Interpretationszugang, ob die Umkehrung der Geschlechterordnung Befreiung oder Fortschreibung von Herrschaft bedeutet, verfolgt ideologiekritisch die Rechtfertigungssprache der Macht, seziert diskursanalytisch Formulare und Euphemismen, untersucht narratologisch den Wechsel der Erzählperspektiven, verortet den Roman intertextuell in einer Reihe verwandter Machtumkehrungsfiktionen und fragt zuletzt kritisch nach der Konstruktion von Männlichkeit selbst. Eingeleitet wird die Analyse durch die zugespitzte These der Verlagsankündigung, wonach die kriegerischen Gefahren der Gegenwart überwiegend männlich verursacht seien; der Aufsatz nimmt diese Provokation ernst, ohne sie unwidersprochen zu übernehmen, und zeigt, dass der Roman selbst, in seiner erzählerischen Zurückhaltung gegenüber männlichen Figuren, eine vergleichbare Ambivalenz auslebt: Er diagnostiziert die Beschädigung von Männlichkeit präzise, verweigert sich aber jedem Bild ihrer Überwindung.

 

Aktuelle männlich codierte Kriegsgefahr als Ausgangsthese

Die Ankündigung des Verlags Fugue stellt dem Roman eine pointierte Behauptung voran: Der gegenwärtige weltpolitische Kontext sei alarmierend, kriegerische Reden häuften sich, und die Nouvelle-Gallia habe auf diese Bedrohung mit einer radikalen Lösung reagiert, indem sie die gesamte Macht Frauen anvertraut und Männer für die Dauer einer Korrektur ihrer durch ein jahrtausendealtes Patriarchat beschädigten Erziehung aus der Öffentlichkeit entfernt habe. In dieser Formulierung steckt eine Prämisse, die für das Verständnis des Romans zentral ist: Die kriegerischen Gefahren der unmittelbaren Gegenwart werden dort implizit als eine Angelegenheit gelesen, die von Männern ausgeht.

Wer diese These mit Beispielen aus der Gegenwart unterlegen wollte, würde zunächst auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin verweisen. Dessen 2022 begonnener Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert im Spätsommer 2026 unvermindert an, und Russland hat dabei, gemessen an den Opferzahlen, kaum einen vergleichbar verlustreichen Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg geführt. Putin inszeniert sich seit Jahren gezielt als Verkörperung physischer Männlichkeit, mit von seiner Präsidialverwaltung verbreiteten Fotografien beim Judo, bei der Jagd oder mit freiem Oberkörper zu Pferd, und er hat diese Selbstdarstellung gesetzlich flankiert. Ein 2013 erlassenes und 2022 auf Erwachsene ausgeweitetes Gesetz verbietet jede öffentliche Darstellung nichttraditioneller sexueller Beziehungen, seit 2023 sind geschlechtsangleichende medizinische Eingriffe untersagt, und der Oberste Gerichtshof erklärte die internationale LGBT-Bewegung im November 2023 zur extremistischen Organisation. Ergänzt wird dies durch eine pronatalistische Familienpolitik, die 2024 zum Jahr der Familie ausgerufen wurde und Frauen der Mutterrolle, Männern hingegen der Rolle des wehrfähigen Familienoberhaupts zuweist.

Als zweites Beispiel ließe sich der amtierende amerikanische Präsident Donald Trump anführen, der seit seinem Amtsantritt im Januar 2025 die militärische Interventionsbereitschaft der Vereinigten Staaten sichtbar ausgeweitet hat, mit Luftschlägen gegen iranische Nuklearanlagen, mit Angriffen auf islamistische Milizen in Nigeria, Somalia und dem Irak sowie, zu Beginn des Jahres 2026, mit einer Militäroperation gegen Venezuela, in deren Verlauf der venezolanische Präsident Nicolás Maduro gefangen genommen wurde. In den Tagen danach drohte Trump öffentlich auch Kuba, Kolumbien und Mexiko und stellte erneut die Annexion des autonomen dänischen Territoriums Grönland in Aussicht. Auch Trump inszeniert die eigene Männlichkeit gezielt, von der erhobenen Faust nach dem Attentatsversuch im Juli 2024 über seine Aufnahme in die Hall of Fame des Wrestling-Verbands WWE bis zu Auftritten in den vorwiegend männlichen Podcast-Publika von Joe Rogan und anderen während des Wahlkampfs 2024. Nach Amtsantritt setzte sich diese Inszenierung institutionell fort: Am 20. Januar 2025 erkannte eine präsidiale Verfügung nur noch zwei, biologisch definierte Geschlechter an, eine Woche später schloss eine weitere Verfügung transsexuelle Personen vom Militärdienst aus, und im September 2025 verkündete Verteidigungsminister Pete Hegseth vor versammelten Generälen die Rückkehr zu einem einheitlichen männlichen Standard für körperliche Fitness, verbunden mit neuen Bart- und Frisurenvorschriften sowie der Umbenennung seines Ministeriums in Kriegsministerium, wie es seither in offiziellen Verlautbarungen heißt.

Als drittes Beispiel wäre der islamistische Extremismus zu nennen, von den Terrornetzwerken des Islamischen Staates und seiner Ableger in Westafrika und der Sahelzone über die andauernden Huthi-Angriffe auf die internationale Schifffahrt im Roten Meer bis zur Talibanherrschaft in Afghanistan, die eine religiös begründete Entrechtung von Frauen mit fortgesetzter militärischer Gewalt verbindet. In allen drei Fällen liegt die politische und militärische Entscheidungsgewalt bei Männern, was der Verlagsankündigung zufolge kein Zufall wäre, sondern Ausdruck eines strukturellen Musters, das die eigene Männlichkeit zugleich als persönliches Schauspiel und als verbindliche gesellschaftliche Norm behandelt.

Der Roman selbst, das zeigt die im Folgenden entfaltete Analyse, verhält sich zu dieser These komplizierter, als es der Werbetext suggeriert. Schon die feministische Lektüre der Geschlechterumkehrung wird fragen, ob eine solche Zuschreibung von Gewalt an ein Geschlecht einer Argumentationsform verhaftet bleibt, die sie eigentlich überwinden will. Auch aus wissenschaftlicher Perspektive ist die Zuschreibung nicht unumstritten: Historikerinnen und Politikwissenschaftlerinnen verweisen darauf, dass Frauen in politischer Führungsverantwortung, von Margaret Thatcher im Falklandkrieg bis zu Indira Gandhis Kriegen gegen Pakistan, ebenfalls militärische Gewalt eingesetzt haben, und dass sich Kriegsbereitschaft eher aus institutionellen Anreizen, Herrschaftsstrukturen und ökonomischen Interessen erklären lässt als aus dem Geschlecht der jeweiligen Entscheidungsträgerin oder des Entscheidungsträgers. Die Ausgangsthese der Verlagsankündigung ist damit weniger eine gesicherte Diagnose als eine Provokation, die das Gedankenexperiment des Romans plausibel macht und die er, wie zu zeigen sein wird, nicht bruchlos bestätigt.

Der Roman entwirft mit der Nouvelle-Gallia ein Gemeinwesen, das aus den Trümmern eines eurasischen Krieges hervorgegangen ist. Auf dem Gebiet ehemaliger französischer Grenzregionen hat eine pazifistische Partei die Macht übernommen, die Armee abgeschafft und die männliche Bevölkerung, mit Ausnahme weniger junger Männer, in sogenannten Néo-Villages untergebracht. Offiziell dienen diese Einrichtungen der Entradikalisierung ehemaliger Kombattanten, faktisch handelt es sich um eine dauerhafte Verwahrung, die von der Regierung als vorübergehende Übergangslösung bezeichnet wird. Schon in dieser Grundkonstellation liegt eine Frage angelegt, die den gesamten Text durchzieht: ob eine radikale Umkehrung der Geschlechterordnung als Befreiung oder als Fortschreibung von Herrschaft unter neuen Vorzeichen zu lesen ist.

Eine der beiden zentralen Figuren, die kanadische Journalistin Alba Larochette, reist als eine der ersten ausländischen Berichterstatterinnen in das abgeschottete Land, um für ein geplantes Buch mit Präsidentin Imogène K. und Vizepräsidentin Maisie Pressolles zu sprechen. Ihre Interviews, in denen Imogène K. mit knappen Sätzen und statistischen Verweisen antwortet, während Maisie Pressolles die Gründungsgeschichte des Regimes als eine Abfolge kluger taktischer Entscheidungen darstellt, bilden das Material für Albas eigenes Werk, dessen Entstehung der Roman an mehreren Stellen offenlegt. Bereits hier zeigt sich, wie stark der Text an der Sprache interessiert ist, mit der Macht sich selbst erklärt, und wie sehr Albas journalistisches Schreiben selbst zu einem Gegenstand der Beobachtung wird.

Die zweite Erzählachse folgt Charlie, der biologischen Tochter Imogènes, die wie jedes Kind des Regimes als Irini in einem staatlichen Institut aufgewachsen ist. Charlie führt eine heimliche Beziehung zu Gaël, einem sogenannten Rédoff, einem unter Auflagen resozialisierten Mann, und wird, entgegen der vom Staat bevorzugten Praxis kontrollierter Fortpflanzung, auf natürlichem Weg schwanger. Die bürokratischen Verfahren, die eine solche Beziehung offiziell absichern sollen, mit Formularen zu Einwilligung und Kontaktverlauf, zeigen, wie tief die Sprache der Institutionen in intime Beziehungen hineinreicht. Charlies Erzählstrang macht sichtbar, was in Albas Interviews zunächst nur als Behauptung erscheint, nämlich die alltägliche Reichweite eines Systems, das sich selbst als schützend versteht.

Beide Linien laufen zusammen, als Gaël Alba um Hilfe bei einer Flucht nach Kanada bittet, ein Ereignis, das mit Charlies Fehlgeburt und mit Imogènes gesundheitlichem Verfall zusammenfällt. Der Roman endet nicht mit einer eindeutigen Bilanz, sondern mit Ausschnitten aus einem Onlineforum, in dem Nutzerinnen und Nutzer aus verschiedenen Ländern über Gaëls Weggang streiten, gefolgt von einer letzten Szene im Präsidentenbüro, in der eine neue Ministerin über eine wachsende Zahl männlicher Bewerbungen für die Néo-Villages berichtet. Diese Vielstimmigkeit im Schluss ist Ausdruck eines Erzählverfahrens, das sich über den gesamten Roman hinweg beobachten lässt, nämlich der ständige Wechsel der Perspektive, die Mischung aus Interview, Chatverlauf, Redemanuskript und personaler Erzählung. Sechs Zugänge lassen sich an diesem Verfahren und an seinen Gegenständen entwickeln: eine feministische Lektüre der Geschlechterumkehrung, eine ideologiekritische Betrachtung der Herrschaftssprache, eine diskursanalytische Untersuchung von Formularen und Protokollen, eine narratologische Analyse des Erzählverfahrens, eine intertextuelle Verortung des Romans in einer Reihe verwandter Texte sowie, abschließend, eine kritische Betrachtung der Männlichkeitskonstruktion im Roman selbst.

Umkehrung der Geschlechterordnung als ambivalentes Projekt

Der feministische Zugang liegt bei einem Text wie diesem nahe, weil der Roman sein Gedankenexperiment offen benennt: Was geschieht, wenn eine Gesellschaft die politische, ökonomische und reproduktive Macht vollständig in weibliche Hände legt? Das Motto aus Virginie Despentes‘ „King Kong Théorie“, das dem Roman vorangestellt ist, formuliert die Ausgangsthese in verdichteter Form: Alles, was die Sprecherin an ihrem Leben schätzt, verdankt sie ihrer eigenen Virilität. Damit wird der Begriff der Virilität von seiner biologischen Bindung an Männlichkeit gelöst, noch bevor die Romanhandlung beginnt, und als Eigenschaft reklamiert, die auch Frauen zugänglich ist. Der Roman selbst verfährt komplizierter mit dieser Ablösung, denn im politischen System der Nouvelle-Gallia bleibt Virilität an den männlichen Körper gebunden, nur eben als Gefahrenquelle, nicht als Machtquelle.

Zentral für eine feministische Lektüre ist die Szene, in der Alba Imogène K. direkt mit dem Essentialismus-Vorwurf konfrontiert und fragt, ob das Regime Männer auf eine gewalttätige Dimension reduziere. Imogène antwortet nicht mit einer normativen Setzung, sondern mit einer Reihe statistischer Angaben zu Verkehrstoten, Verurteilungen, Tötungsdelikten und Sexualstraftaten aus der Zeit vor dem Krieg, ergänzt um den Hinweis auf Wehrpflicht und jahrelange Kriegspropaganda. Diese Argumentationsfigur, Zahlen statt Ideologie, entspricht exakt dem Verfahren, das Lucile Peytavin in ihrem Essay „Le Coût de la virilité“ verfolgt, auf den der Roman im Nachwort verweist. Die Frage, die sich hieraus für die Literaturkritik ergibt, betrifft den Status dieser Statistik innerhalb der Fiktion: Dient sie als Beleg für die Berechtigung des Regimes, oder markiert der Roman durch die Kälte von Imogènes Diktion selbst eine Distanz zu dieser Rechtfertigung? Der Satz „Die Politik verwaltet die Massen, Spitzenklöppelei ist Sache der Romanautorinnen“, mit dem Imogène jede emotionale Nachfrage abwehrt, deutet auf Letzteres hin und öffnet die Möglichkeit einer kritischen Lektüre der eigenen Regierungsfigur.

Eine feministische Analyse muss zugleich die Risse innerhalb der neuen Ordnung berücksichtigen, denn der Roman zeigt seine Frauenfiguren keineswegs als homogenen Block. Der Streit zwischen Charlies Mitbewohnerinnen Niki und Léo über Frauen, die ohne Periduralanästhesie gebären und pflanzliche statt medikamentöser Behandlungen bevorzugen, führt eine innerfeministische Debatte über Wahlfreiheit und Kollektivinteresse vor, die an Auseinandersetzungen um sogenannten Choice-Feminismus erinnert. Auch die Szene um die vernachlässigte Prostatakrebsforschung, in der Gesundheitsministerin Yasmina Kander eingesteht, dass männliche Krankheitsbilder systematisch unterfinanziert wurden, zeigt, dass ein auf Geschlecht basierendes Herrschaftssystem neue blinde Flecken erzeugt, auch wenn es alte beseitigt. Eine feministische Kritik, die nicht bei der Bestätigung des Gedankenexperiments stehen bleibt, wird gerade an diesen Rissen ansetzen und fragen, ob der Roman eine Alternative zu binären Machtverhältnissen entwirft oder ob er, wie viele Texte seines Genres, letztlich nur die Vorzeichen tauscht.

Herrschaftssprache und ihre Rechtfertigungslogik

Der ideologiekritische Zugang untersucht, wie der Roman Sprache als Instrument der Machtsicherung vorführt, unabhängig davon, welches Geschlecht diese Sprache spricht. Auffällig ist die Kontinuität zwischen dem gestürzten Vorgängerregime und der neuen Ordnung: Imogène K. räumt im Gespräch mit Alba ein, dass die Néo-Villages an bereits existierende Lager des früheren Verteidigungsministeriums anknüpfen, in denen ehemalige Kriegsgefangene unter dem Vorwand einer nötigen Beobachtungsphase festgehalten wurden. Der Satz, mit dem sie diese Herkunft kommentiert, „man kann sagen, dass der Same gelegt war“, markiert eine Rechtfertigungsstrategie, die politischen Systemen häufig eigen ist: Verantwortung wird historisiert und dadurch relativiert, ohne dass die Fortführung der Praxis selbst infrage gestellt würde.

Besonders ergiebig für eine ideologiekritische Lektüre ist Imogènes Ausweichmanöver, wenn Alba nach der Sicherung der Néo-Villages fragt. Auf die Nachfrage, ob „sichern“ nicht eigentlich „einsperren“ bedeute, antwortet die Präsidentin nicht mit einer Verneinung, sondern mit der Feststellung, dass alles nur vorübergehend sei, und lenkt das Gespräch anschließend mit der wiederholten Aufforderung „Präzisieren Sie Ihren Gedanken“ von der eigentlichen Frage weg. Dieses rhetorische Muster, Fragen an die Fragestellerin zurückzugeben, statt sie zu beantworten, entspricht einer Verhörtechnik, die zugleich Kontrolle über das Gespräch demonstriert. Der Roman lässt diese Technik unkommentiert stehen und überträgt die Bewertung an die Leserschaft, was der Ideologiekritik gerade recht ist: Sie kann am unmarkierten Text zeigen, wie Herrschaftssprache funktioniert, ohne dass eine Erzählinstanz das Urteil vorwegnimmt.

Interessant ist ferner, dass der Roman auch die Gegenseite der Ideologieproduktion einbezieht. Der eingangs zitierte Leitartikel des kanadischen Journalisten Gus River, der Nouvelle-Gallia als das Land mit den meisten Gefangenen weltweit bezeichnet und eine militärische Intervention andeutet, arbeitet mit einer Rhetorik von Brüderlichkeit und historischer Schuld, die strukturell der Rechtfertigungssprache des Regimes selbst ähnelt: Auch hier werden Zahlen und moralische Kategorien eingesetzt, um eine bestimmte politische Handlung als alternativlos erscheinen zu lassen. Eine ideologiekritische Lesart kann an dieser Parallele zeigen, dass der Roman kein einseitiges Zerrbild eines Regimes zeichnet, sondern die Mechanik der Rechtfertigung als solche zum Thema macht, unabhängig davon, welches politische Lager sie bedient. Der Begriff „Régime“, den Gus River in einer Fußnote bewusst dem Vokabular von Demokratie oder Republik entgegensetzt, während die Bewohnerinnen der Nouvelle-Gallia denselben Begriff selbstverständlich und ohne despektierlichen Unterton verwenden, ist ein weiteres Beispiel dafür, wie ein und dasselbe Wort je nach Sprecherposition entgegengesetzte Bedeutungen annimmt.

Formulare, Protokolle und die Grammatik der Kontrolle

Ein diskursanalytischer Zugang, der sich an Foucaults Beobachtung orientiert, dass moderne Macht weniger über Verbote als über Verwaltungssprache funktioniert, findet in diesem Roman reiches Material. Die Szene, in der Charlie ein Onlineformular zur Offizialisierung ihrer Beziehung mit Gaël ausfüllen soll, führt exemplarisch vor, wie ein bürokratisches Verfahren intime Vorgänge in abfragbare Kategorien zerlegt: Ob ein körperlicher Kontakt stattgefunden habe, wer davon die Initiative ergriffen habe, ob eine ausdrückliche Zustimmung ausgetauscht worden sei, mit jeder Antwort verzweigt sich das Formular in eine neue, detailliertere Frage. Charlie empfindet diesen Vorgang selbst als Verhör, und der Roman lässt diese Wahrnehmung stehen, ohne sie zu widerlegen. Die Sprache des Formulars beansprucht, das Gleichgewicht zwischen den Partnerinnen und Partnern zu sichern, produziert aber faktisch ein Machtgefälle zwischen Staat und Paar, das strukturell demjenigen ähnelt, das sie zu korrigieren vorgibt.

Auch der Wortschatz, mit dem der Roman staatliche Praktiken benennt, verdient diskursanalytische Aufmerksamkeit. Begriffe wie „Réintégration“ für die geplante, aber immer wieder aufgeschobene Rückkehr der Männer ins zivile Leben, „neutralisation douce“ für den Einsatz von Betäubungspfeilen gegen aufständische Bewohner der Néo-Villages oder die Bezeichnung „Rédoff“ für resozialisierte Männer funktionieren als Euphemismen, die eine Praxis benennen, ohne ihre Härte auszusprechen. Die junge Mitbewohnerin Niki übersetzt diese Sprache an einer Stelle unfreiwillig zurück, wenn sie die Betäubungspfeile schlicht als Mittel beschreibt, mit dem man Menschen wie wilde Tiere einschläfert, während ihr Mitbewohner Léo die euphemistische Version verteidigt. Dieser kurze Dialog macht sichtbar, dass die Distanz zwischen Verwaltungssprache und konkretem Vorgang innerhalb der Romanwelt selbst umstritten ist, nicht erst aus der Perspektive der externen Leserschaft.

Auch die Nachrichten- und Meldeformate, die der Roman collagiert, etwa die Sendung „Actualités républicaines“ oder das Onlineforum am Romanende, gehören in den diskursanalytischen Blick. Sie zeigen unterschiedliche Register derselben Ereignisse: die offizielle, geglättete Version im Staatsfernsehen, die aufgeheizte und teils frauenfeindliche Version in den anonymen Forenbeiträgen, dazwischen Albas journalistische Chroniken, die selbst wieder einer redaktionellen Linie unterliegen, wie die Auseinandersetzung mit ihrem Chefredakteur Michel zeigt. Der Roman inszeniert damit ein Spektrum von Sprachen über dieselbe Wirklichkeit, ohne eine davon als neutral auszuzeichnen, was einer diskursanalytischen Lektüre die Möglichkeit gibt, den Text selbst als Archiv konkurrierender Deutungsangebote zu behandeln.

Perspektivwechsel als Verfahren erzählerischer Unschärfe

Eine narratologische Untersuchung setzt an der Erzählstruktur an, die den Roman in kurze, mit Ort und Datum überschriebene Kapitel gliedert und dabei konsequent zwischen mehreren Figuren wechselt: Alba, Charlie, Imogène und, in geringerem Umfang, Maisie tragen je eigene Kapitel, die in personaler Erzählweise nah an das jeweilige Bewusstsein heranrücken. Diese Anlage erzeugt eine Konstellation, in der keine Figur über vollständiges Wissen verfügt. Alba kennt die Innensicht des Regierungsapparats nicht, Charlie kennt die außenpolitische Wahrnehmung ihres Landes kaum, und Imogène, deren Kapitel in den style indirect libre wechseln, etwa wenn ihre Gedanken zur bevorstehenden Großmutterschaft in der Formel „Grand-mère!“ münden, hat selbst keinen Zugriff auf das, was in Charlies Beziehung zu Gaël tatsächlich geschieht. Die Leserschaft ist damit die einzige Instanz, die alle Stränge zusammenführen kann, was strukturell der politischen Situation im Roman entspricht: Niemand innerhalb der Fiktion weiß, was in den Néo-Villages wirklich geschieht, ein Zustand, den auch die internationale Presse im Roman beklagt.

Der Wechsel der Erzählperspektive korrespondiert zudem mit einem Wechsel des sprachlichen Registers. Albas Kapitel sind geprägt von einer schnellen, umgangssprachlich grundierten Assoziationsbewegung, etwa wenn ihre eigene Argumentation gegenüber ihrem Vorgesetzten Michel im Bild einer Wasserrutsche beschrieben wird, die von allein weiterläuft. Imogènes Kapitel dagegen sind sprachlich zurückgenommener, von Aufzählungen des Tagesprogramms und knappen Sacheinschätzungen bestimmt, was ihre Selbstwahrnehmung als Amtsträgerin spiegelt, die private Regungen konsequent zurückdrängt. Charlies Kapitel schließlich mischen kindliche Zutraulichkeit mit zunehmender Wut, besonders in den späten Passagen, in denen sie ihren Ärger über Gaëls Verschwinden nicht länger reguliert, sondern bewusst kultiviert. Diese stilistische Differenzierung der Erzählstimmen ist mehr als ein technisches Mittel, sie individualisiert die politische Erfahrung des Regimes, ohne sie auf eine einzige, repräsentative Stimme zu verengen.

Auch die eingestreuten nicht-linearen Formate, Chatverläufe zwischen Alba und ihrem Partner Ruben, ein transkribiertes Fernsehinterview mit einem Politikwissenschaftler aus der Vorkriegszeit, das Onlineforum am Ende des Romans, erweitern das narratologische Repertoire um Textsorten, die üblicherweise außerhalb literarischer Prosa verortet werden. Diese Montage lässt sich als Versuch lesen, eine Gesellschaft nicht nur zu beschreiben, sondern in ihren tatsächlichen Kommunikationsformen abzubilden, wodurch der Roman selbst zu einem Dokument über mediale Vermittlung von Politik wird, nicht nur zu ihrer Darstellung.

Eine Fiktion im Gespräch mit ihren Vorläufern

Der letzte Zugang betrachtet den Roman im Verhältnis zu den Texten, auf die er sich im Nachwort selbst beruft, und behandelt damit die Fiktion nicht als isoliertes Gedankenexperiment, sondern als Beitrag zu einer bestehenden Gesprächslinie. Bouffault nennt explizit Chloé Delaumes Sorcières de la République, Naomi Aldermans Le Pouvoir und Jane Hennigans Les Papillons de Nuit als Werke, in denen politische Macht, wie sie schreibt, aus den Händen der Männer im kleingeschriebenen Sinn (l’homme statt l’Homme) abgezogen wird. Diese Formulierung ist bemerkenswert, weil sie zwischen dem generischen „Mensch“ und dem biologischen Geschlecht unterscheidet und damit signalisiert, dass die Autorin ihren eigenen Text bewusst in eine Reihe von Machtumkehrungsfiktionen stellt, die alle mit derselben Grundfrage arbeiten: Wie verändert sich eine Gesellschaft, wenn physische oder politische Dominanz das Geschlecht wechselt.

Ebenso aufschlussreich ist der Umgang mit Sachliteratur. Neben Peytavins bereits erwähntem Essay nennt der Roman Olivia Gazalés Le Mythe de la virilité als zweite Quelle, aus der Maisie Pressolles ihre Argumentationslinie beziehe, eine Zuschreibung, die den fiktiven Figuren eine reale intellektuelle Genealogie gibt und dadurch die Grenze zwischen politischem Traktat und Roman bewusst durchlässig macht. Auch Alexander Solschenizyns Archipel Gulag, auf das sich sowohl Alba als auch ihr Kontrahent Gus River beziehen, wird als gemeinsamer Bezugspunkt zweier gegensätzlicher politischer Lesarten eingeführt: Beide Figuren ziehen die Analogie zwischen Lager und Néo-Village heran, ziehen aus ihr aber entgegengesetzte politische Schlüsse, was zeigt, wie ein einzelner intertextueller Bezug innerhalb desselben Romans mehrfach besetzt werden kann.

Eine intertextuelle Lektüre wird schließlich auch die spielerischen Verweise berücksichtigen, etwa das Motto einer staatlichen Kreativitätsorganisation, „Sois sage ô ma violence“, das die bekannte Anfangszeile aus Baudelaires „Recueillement“ aufnimmt und deren ursprüngliches Objekt, den Schmerz, durch Gewalt ersetzt. Diese Umformung eines Verses der Weltliteratur zu einem staatlichen Erziehungsslogan zeigt exemplarisch, wie der Roman literarisches Erbe als Material einer fiktiven Staatspädagogik vorführt, und lädt dazu ein, den Vorgang der Aneignung selbst als Kommentar zu lesen: Auch literarische Tradition ist, sobald sie in den Dienst einer Institution gestellt wird, nicht vor Instrumentalisierung geschützt. Eine intertextuelle Analyse kann an dieser Stelle über den Einzeltext hinausgehen und fragen, wie das gesamte Subgenre der feministischen Machtumkehrungsfiktion mit seinen eigenen Vorbildern umgeht, zitierend, revidierend oder ironisch brechend, und wo „Les Désarmantes“ sich in diesem Feld positioniert.

Männlichkeit zwischen Verwahrung und Inszenierung

Ein abschließender Blick auf die Konstruktion von Männlichkeit führt die fünf vorangehenden Zugänge zusammen und stellt zugleich eine eigene, kritische Frage: Gelingt es dem Roman, männliche Figuren mit derselben Komplexität auszustatten wie seine weiblichen Protagonistinnen, oder bleibt Männlichkeit letztlich Projektionsfläche? Auffällig ist zunächst ein formales Detail, das sich bereits in der narratologischen Analyse andeutete: Keine der personalen Erzählperspektiven gehört einem Mann. Gaël, Nate Caran, Guy oder der namenlose Politikwissenschaftler, der Jahre nach seinem Fernsehauftritt Suizid begeht, werden ausschließlich von außen gezeigt, durch Charlies Beobachtung, durch Albas Notizen, durch Maisies Erinnerung. Diese konsequente Auslassung ist selbst eine Aussage: Der Roman verweigert sich der Innensicht auf männliche Erfahrung und macht damit strukturell erfahrbar, was er inhaltlich beschreibt, nämlich den Ausschluss von Männern aus den Räumen, in denen über sie entschieden wird.

Innerhalb dieser Beschränkung gestaltet der Text Gaël mit bemerkenswerter Sorgfalt. Seine Kindheit, geprägt von der Trennung von Mutter und Schwester, von Luftschutzkellern und täglichen Verlustmeldungen, wird in knappen, unpathetischen Sätzen skizziert, ebenso seine Angst vor Freunden, die im Dispensaire enden oder sich das Leben nehmen. Die Szene um den Tod des Heimbewohners Guy, in der Gaël darauf besteht, die Leiche im Kellergeschoss zu besuchen, zeigt eine Trauerfähigkeit, die im Kontrast zu Guys eigener Verschlossenheit steht und die Charlie zunächst als Zärtlichkeit deutet. Doch derselbe Roman relativiert diese Lesart, indem er offenlegt, dass Gaëls Verhalten von einer sogenannten Note de compatibilité civile überwacht wird, einem Bewertungssystem, das über seine Aufnahme in ein Integrationsprogramm entscheidet. Seine Zurückhaltung gegenüber Charlie, seine sorgfältig kontrollierten Reaktionen, sein Bedürfnis, keinen Fehler zu begehen, lassen sich ebenso als Symptom permanenter Beobachtung lesen wie als Ausdruck eines gereiften Charakters. Der Roman entscheidet diese Frage nicht, was ihn komplexer macht, als eine eindimensionale Opferfigur es wäre, zugleich aber auch schwerer greifbar: Gaëls spätere Flucht mit Albas Hilfe, ohne Ankündigung und ohne Rücksicht auf die Schwangerschaft, bricht rückwirkend mit dem Bild des sanften, reformierten Mannes und legt nahe, dass seine Milde zumindest teilweise erzwungenes Verhalten unter Kontrolle war, kein autonom gereifter Charakterzug.

Der gesellschaftliche Druck, der männliches Verhalten normiert, wird an mehreren Institutionen sichtbar, die weit über die reine Verwahrung in Néo-Villages hinausgehen. Das Videospiel Citizen Pax, das in den Néo-Villages verpflichtend zwei Wochenstunden eingesetzt wird, trainiert Empathie, indem es Spieler in die Perspektive verwundbarer Figuren zwingt, eine pädagogische Konstruktion, die Imogène selbst als beunruhigend erlebt, als sie im Testmodul buchstäblich in einen ertrinkenden Mann hineinversetzt wird. Die Musées de la Guerre, die Kinder ab sechs Jahren zu Pflichtbesuchen verpflichten und Spielzeugwaffen neben nachgestellte Massengräber legen, richten sich zwar an alle Irinis, doch der Rundfunkbericht vermerkt eigens, dass männliche Irinis eine besondere emotionale Bürde zu tragen hätten, weil sie sich nicht mit den Verbrechen ihres Geschlechts solidarisch fühlen dürften. Diese Formulierung macht deutlich, dass Schuld im Roman kollektiv und biologisch zugewiesen wird, noch bevor ein Kind irgendeine Handlung begangen hat. Die dreifach erhöhte Suizidrate unter erwachsenen Rédoffs, die der Roman beiläufig, fast statistisch nüchtern erwähnt, ist die konkreteste Kennziffer für die Kosten dieses Drucks.

Bilder gelungener oder alternativer Männlichkeit bietet der Roman nur in gebrochener Form an. Nate Caran, der von der Bevölkerung verehrte Rédoff mit tadellosem Auftreten, wird explizit als mediale Konstruktion entlarvt, deren Körperlichkeit von einer künstlichen Intelligenz als Wunschbild vorgeschlagen und von Entwicklerinnen bereitwillig übernommen wurde, bis hin zur ironischen Volte, dass sein Avatar ausgerechnet die hilflose Rettungsfigur in Citizen Pax verkörpert. Damit wird die Idee eines vorbildlichen, begehrenswerten Mannes selbst als Produkt entlarvt, hergestellt nach denselben Mechanismen, die vor dem Regimewechsel Schönheitsideale und Kriegsheldentum produziert hatten, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Als Gegenbild dazu montiert der Roman im Schlusskapitel Stimmen aus einem misogynen Onlineforum, in dem sich Nutzer wie Motisclator, ein selbsternannter Coach für „Virilität in sieben Schritten“, gegen das Regime positionieren. Zwischen diesen beiden Polen, der glatten Staatsikone und dem reaktionären Forumsteilnehmer, bleibt für eine undramatische, selbstbestimmte Männlichkeit erstaunlich wenig Raum. Ansatzweise deutet sich ein solches Bild in kleinen Nebenfiguren an, etwa in Michel, Albas kanadischem Chefredakteur, dessen fürsorgliche Sorge um Alba mit unbeholfenem, aber ehrlichem Ringen um die eigenen „Vorannahmen als dominanter Mann“ einhergeht. Doch diese Figur bleibt Randerscheinung, außerhalb der Nouvelle-Gallia angesiedelt und ohne erzählerisches Gewicht.

Eine konstruktive Zukunftsvision für Männlichkeit entwirft der Roman folgerichtig nicht. Die Réintégration, jenes Versprechen einer vollständigen Rückkehr der Männer ins zivile Leben, bleibt bis zum letzten Kapitel ein Datum ohne Termin, umstritten zwischen Imogènes Drängen auf Beschleunigung und Maisies Sorge, das Land sei noch nicht bereit. Die Schlussszene, in der eine Ministerin von Hunderten ausländischer Bewerbungen für einen freiwilligen Eintritt in Néo-Villages berichtet, liest sich weniger als Hoffnungszeichen denn als bittere Pointe: Wenn Männer sich woanders freiwillig in eine Struktur begeben, die im eigenen Land als Übergangslösung gilt, wird die Frage, wie ein Leben jenseits von Verwahrung oder Verherrlichung aussehen könnte, gerade nicht beantwortet, sondern verschoben. Der Roman bleibt damit seiner insgesamt beobachteten Verweigerung moralischer Auflösung treu, was als literarisches Verfahren nachvollziehbar ist, zugleich aber eine Leerstelle hinterlässt: Wer eine positive Gegenerzählung zu Verwahrung einerseits und Karikatur andererseits sucht, findet im Text vor allem Diagnosen, kaum Entwürfe.

Eine Bilanz ohne Schlusspunkt

Die sechs Zugänge, feministisch, ideologiekritisch, diskursanalytisch, narratologisch, intertextuell und zuletzt die Betrachtung der Männlichkeitskonstruktion, lassen sich nicht additiv nebeneinanderstellen, sie greifen ineinander. Die feministische Frage nach der Ambivalenz der Geschlechterumkehrung wird erst durch die ideologiekritische Analyse der Rechtfertigungssprache konkret fassbar, diese wiederum stützt sich auf das diskursanalytische Vokabular der Formulare und Euphemismen, das seinerseits nur sichtbar wird, weil die narratologische Anlage des Romans mehrere, einander nicht vollständig informierte Stimmen nebeneinanderstellt. Die intertextuelle Verortung zeigt, dass diese Verfahrensweise nicht zufällig gewählt ist, sondern einer literarischen Tradition entstammt, die sich seit einigen Jahren wiederholt der Frage widmet, was mit Herrschaft geschieht, wenn sie das Geschlecht wechselt, ohne ihre Struktur zu verändern. Und die abschließende Betrachtung der Männlichkeit zeigt, dass dieselbe erzählerische Zurückhaltung, die den Roman gegenüber der Frauenfigur Imogène auszeichnet, auf der Seite der männlichen Figuren zu einer strukturellen Leerstelle wird: Der Text diagnostiziert die Beschädigung von Männlichkeit präzise, verweigert sich aber, wie in seiner gesamten Anlage, einem Bild ihrer Überwindung.

Was den Roman für eine literaturwissenschaftliche Untersuchung ergiebig macht, ist gerade der Verzicht auf eine eindeutige moralische Auflösung. Weder wird die Nouvelle-Gallia als Utopie gefeiert, noch als reine Dystopie verurteilt, und auch die Fluchtgeschichte Gaëls, die im Onlineforum als Verrat, als Befreiung oder als tragische Notwendigkeit gedeutet wird, bleibt in ihrer Bewertung offen. Diese Offenheit ist selbst eine Aussage: Der Roman misstraut jeder Sprache, die eine politische Ordnung als vollständig gerechtfertigt oder als vollständig verwerflich beschreibt, und überträgt diese Skepsis konsequent auf seine eigene Form. Eine Literaturkritik, die sich auf diesen Text einlässt, wird ihn deshalb kaum an einer einzigen Deutungslinie festmachen können, sondern muss die sechs hier vorgeschlagenen Zugänge im Wechselspiel lesen, so wie der Roman selbst seine Stimmen im Wechselspiel führt.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Neugallien als Denkfigur: Ideologie und Männlichkeit bei Caroline Bouffault." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on September 3, 2026 at 07:29. https://rentree.de/2026/09/03/neugallien-als-denkfigur-ideologie-und-maennlichkeit-bei-caroline-bouffault/.

Neue Artikel und Besprechungen


Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.