Kolonisation im Plural: wie Historiker heute von der Eroberung erzählen

Résumé
Kaum ein Land tut sich mit seiner imperialen Vergangenheit so schwer wie Frankreich, das sich selbst über Jahrhunderte konsequent als Nation und nicht als Empire gedacht hat – noch die Dritte Republik vermied das Wort „empire“ für die eigenen Kolonialbesitzungen, während gleichzeitig ein Sechstel der Weltbevölkerung unter französischer Herrschaft stand. Emmanuelle Saada, Historikerin an der Columbia University und Spezialistin für das französische Kolonialrecht, zieht in ihrem neuen Buch „Histoires et colonisations: des récits de la conquête aux héritages postcoloniaux“ (Gallimard, 2026) die Summe aus drei Jahrzehnten internationaler Forschung zu diesem verdrängten Erbe: Sie fragt nicht primär, was in Algerien, Indochina oder Westafrika geschah, sondern wie Historikerinnen und Historiker seit dem „tournant colonial“ der 1990er Jahre gelernt haben, koloniale Macht überhaupt zu denken – als fragiles, oft improvisiertes Gebilde statt als allmächtige Maschine. Der Bogen reicht von der Eroberung Algeriens 1830, deren Rechtfertigungserzählung schon damals eine algerische Gegenerzählung gegenüberstand, bis zu den tagesaktuellen Reparationsforderungen, die Frankreich seit Emmanuel Macrons Rede von 2017 bis zum algerischen Parlamentsbeschluss vom Dezember 2025 begleiten. Warum dieses Buch trotz seiner analytischen Kühle gerade an seinen Rändern zur brisanten Zeitdiagnose wird – und wo es an seine eigenen methodischen Grenzen stößt –, zeigt die Rezension.

 

Von der Eroberung zum Erbe: was dreißig Jahre Kolonialforschung gelernt haben

Emmanuelle Saada, Histoires et colonisations: des récits de la conquête aux héritages postcoloniaux, Bibliothèque des histoires (Paris: Gallimard, 2026).

Schon der Titel ist Programm. Weder „Histoire“ noch „colonisation“ stehen im Singular: Saada verweigert sich damit doppelt der Vorstellung einer einzigen, kohärenten kolonialen Erzählung – sowohl auf der Ebene des Geschehens (es gab nicht die Kolonisation, sondern eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Kolonisationsprojekte) als auch auf der Ebene seiner Erzählbarkeit (es gibt nicht die Geschichte davon, sondern konkurrierende, situierte „histoires“, je nachdem, wer sie erzählt). Der Untertitel spannt dazu einen zeitlichen Bogen von den „récits de la conquête“ – den Erzählungen, mit denen die Eroberung selbst erst zum sinnhaften Ereignis wurde – bis zu den „héritages postcoloniaux“, den bis in die Gegenwart wirksamen Erbschaften. Diese doppelte Pluralisierung lässt sich exemplarisch an Saadas Behandlung der Eroberung Algeriens festmachen, die zugleich den im Untertitel angelegten Bogen von der Konquista-Erzählung zum postkolonialen Erbe in einem einzigen Fall vorführt. Die „récit de la conquête“ von 1830 existiert von Beginn an nicht im Singular: Der französischen Rechtfertigungserzählung – Feldzug gegen die Piraterie, später „mission civilisatrice“ – steht bereits 1833 die Gegendarstellung des algerischen Beamten Hamdan Khodja gegenüber, dessen ins Französische übersetzter Bericht Le miroir die Eroberung als Barbarei im Namen der „Zivilisation“ entlarvt; Saada erinnert zudem daran, dass mit den bei der Eroberung geraubten Manuskripten und Archiven dem heutigen Algerien zugleich die Mittel entzogen wurden, sich selbst zu erzählen. Fast zwei Jahrhunderte später hat sich diese Konkurrenz der „histoires“ zum offenen politischen Konflikt um das „héritage postcolonial“ verschärft: von Emmanuel Macrons Einstufung der Kolonisation als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (2017) bis zum Beschluss des algerischen Parlaments vom Dezember 2025, der von Frankreich „Reparationen“ und „förmliche Entschuldigung“ fordert. Genau an dieser Vervielfältigung und Politisierung der „histoires“ innerhalb einer „colonisation“ zeigt sich, was der Titel methodisch verspricht: keine Meistererzählung, sondern eine Historiographie der konkurrierenden, bis heute umkämpften Erzählungen.

Ein französischer Beamter notiert 1941 aus Ouagadougou, man „besetze das Land, verwalte es aber nicht“ – ein Satz, der die Ambivalenz greifbar macht, um die es in diesem Buch geht: Kolonialherrschaft als Gleichzeitigkeit von brachialer Gewalt und chronischer Schwäche, von totalitärem Anspruch und löchriger Wirklichkeit. Emmanuelle Saada, an der Columbia University lehrende Historikerin und Rechtssoziologin mit Spezialisierung auf das französische Kolonialrecht, hat mit Histoires et colonisations keine weitere chronologische Gesamtdarstellung des europäischen Kolonialismus vorgelegt, sondern eine historiographische Bilanz: Sie fragt nicht in erster Linie, was in den Kolonien geschah, sondern wie Historikerinnen und Historiker seit den 1990er Jahren – dem „tournant colonial“ der Geschichtswissenschaft – gelernt haben, danach zu fragen. Das Buch ist damit zugleich Einführung, Forschungsbericht und Interventionsschrift in einem Feld, das in Frankreich seit der Jahrtausendwende zum Schauplatz erbitterter politischer und akademischer Kämpfe geworden ist.

Die Ausgangsdiagnose der Einleitung ist doppelt: Zum einen ist im 21. Jahrhundert „die ganze Welt, menschlich und nichtmenschlich“, in unterschiedlichem Maße von den Folgen der Kolonisationen geprägt, doch diese Erfahrung sei universell, ohne gemeinsam zu sein – die Bevölkerungen der Welt hätten sie höchst unterschiedlich erlebt und erlitten. Zum anderen ist jede Geschichte der Kolonisationen untrennbar mit ihrer Historiographie verwoben, weil das Feld in besonderem Maße von politischen Positionierungen und normativen Urteilen durchdrungen sei. Saada situiert ihr Projekt explizit in einer persönlichen und intellektuellen Genealogie (im „Avant-propos“ macht sie das programmatisch): als Angehörige einer Generation, die – anders als ihre Eltern – nicht mit dem Narrativ von den „Wohltaten der Kolonisation“ aufgewachsen ist, sondern das Fehlen jeder kolonialgeschichtlichen Bildung selbst erfahren hat; als Kind einer Familie mit tunesisch-kolonialer Erfahrung; und als Wissenschaftlerin, die seit den 1990er Jahren zwischen amerikanischer und französischer Historiographie changiert. Ihr methodisches Vorbild ist bezeichnenderweise nicht ein Theoretiker des Kolonialismus, sondern Raul Hilberg: Wie dieser die Vernichtung der europäischen Juden als Summe unterschiedlich koordinierter Praktiken vieler Akteure rekonstruierte, will Saada Kolonisation als Bündel von Praktiken – nicht als monolithisches System oder bloße Ideologie – verstehen. Das Buch endet, in der Konklusion, mit einer Bilanz dieses „Umbruchs“ und einem Blick auf die Gegenwart der Reparationsdebatten, bis hin zum algerischen Parlamentsbeschluss vom Dezember 2025, der die französische Kolonisation als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ einstuft, und der Verurteilung des belgischen Staates im Dezember 2024 für die Zwangsverschickung kongolesischer „Mischlingskinder“. Der Bogen von der Konquistadoren-Erzählung des 16. Jahrhunderts bis zu diesen tagesaktuellen Restitutions- und Entschädigungsdebatten ist damit gespannt.

Emmanuelle Saada schreibt dieses Buch erkennbar aus einer doppelten Position heraus, die für die Lektüre nicht unwichtig ist. Aufgewachsen in der Pariser Banlieue als Angehörige einer Familie mit tunesisch-kolonialer Geschichte, studierte sie an der École normale supérieure Geschichte und Soziologie und promovierte 2001 an der EHESS bei Gérard Noiriel mit einer sozialhistorischen Arbeit über die „question des métis“ im französischen Kolonialreich – eine Untersuchung darüber, wie das Auftauchen einer „métis“-Bevölkerung zwischen den 1890er und 1950er Jahren (vor allem in Indochina) die Rechtsbegriffe von Abstammung und Staatsbürgerschaft im Imperium neu verhandelte. Bereits 1994 war sie im Rahmen eines Austauschprogramms zwischen der ENS und der New York University in die USA gegangen; seit 2006 lehrt sie an der Columbia University, wo sie heute das Department of French and Romance Philology leitet. Saada ist damit seit drei Jahrzehnten zwischen der französischen und der amerikanischen Historiographie positioniert – eine Erfahrung, die sie selbst im „Avant-propos“ als konstitutiv für ihren Blick auf das Feld benennt und die erklärt, warum das Buch so systematisch angelsächsische und frankophone Forschung zusammenführt, wie es eine rein „hexagonal“ verortete Autorin kaum leisten könnte.

Fachlich kommt Saada aus der Rechts- und Sozialgeschichte des zweiten französischen Kolonialreichs, nicht aus der globalgeschichtlichen Synthese. Ihr Erstlingswerk, Les enfants de la colonie. Les métis de l’empire français entre sujétion et citoyenneté (La Découverte, 2007; engl. Empire’s Children: Race, Filiation, and Citizenship in the French Colonies, University of Chicago Press, 2012), wurde mit dem Prix Auguste Pavie ausgezeichnet und war Finalist des Prix Jean Zay; es etablierte sie als Spezialistin für die juristische Konstruktion von Rasse und Zugehörigkeit im Kolonialrecht – ein Interesse, das sie seither in zahlreichen Aufsätzen (u. a. in Genèses, den Annales und French Politics, Culture & Society) sowie in einem laufenden Projekt zu Recht und Gewalt im kolonialen Algerien (1844–1902, mit Fokus auf dem Code de l’indigénat) fortführt. Histoires et colonisations markiert insofern einen bewussten Perspektivwechsel: von der minutiösen rechtshistorischen Fallstudie zur breiten historiographischen Synthese, vom Spezialistendiskurs zur Bilanz für ein größeres Publikum. Diese Herkunft aus der Kärrnerarbeit der Rechtsgeschichte erklärt zugleich eine Stärke des Buches – die auffällige Sensibilität für juristische Kategorien, Statusfragen und die Feinmechanik kolonialer Verwaltung, die in vielen kulturhistorisch grundierten Gesamtdarstellungen zu kurz kommt – ebenso wie eine gewisse Vorsicht gegenüber den großen, theoretisch aufgeladenen Meistererzählungen der Dekolonialität, denen die Autorin mit dem nüchternen Blick der Archivarbeiterin begegnet.

Forschungsstand, Begriffe, Methode, Aufbau

Saadas Forschungsstand ist enorm breit gefasst: Sie bilanziert die englisch- und französischsprachige Historiographie seit dem 18. Jahrhundert, mit Schwerpunkt auf den letzten drei Jahrzehnten, und bezieht konsequent auch nicht-historische Nachbardisziplinen ein – Anthropologie (Georges Balandier, Ann Laura Stoler), Rechtssoziologie, Literaturwissenschaft (Peter Hulme, Saidiya Hartman), politische Theorie. Sie situiert ihre eigene Position bewusst zwischen zwei rivalisierenden Interpretationsschulen: einerseits den Vertretern einer „Dekolonialität“, die die Kolonisation – im Anschluss an Aníbal Quijano, Walter Mignolo u. a. – als konstitutives Element der Moderne selbst begreifen, mit dem Jahr 1492 als eigentlichem Epochenbruch; andererseits Historikerinnen und Historikern, die die Kolonisation „an ihren Platz zurückweisen“ wollen, ihre Reichweite relativieren und die Kontinuität vorkolonialer „Indigenität“ betonen (Camille Lefebvre, M’hamed Oualdi, Frederick Cooper). Saada bezieht hier explizit Stellung, ohne sich vollständig einem Lager zuzuschlagen: Sie würdigt die Verdienste beider Ansätze, warnt aber vor dem Risiko, dass totalisierende „Kolonialitäts“-Narrative paradoxerweise die Sprache und Kategorien des Kolonialen reproduzieren, indem sie der europäischen Allmacht zu viel Gewicht geben.

Begrifflich arbeitet das Buch – hier liegt seine methodische Pointe – nicht mit einer Definition, sondern mit einer Genealogie des Begriffs „Kolonisation“ selbst: von colonia über die französische Verleugnung des eigenen Imperiums („l’empire, c’est l’autre“, zugespitzt an Michelet und Renan demonstriert) bis zur sukzessiven Ersetzung durch das neutralere „Outre-mer“ ab den 1930er Jahren. Weil der Begriff, wie Saada mit Walter Bryce Gallies argumentiert, „essentiell umstritten“ ist – vergleichbar mit „Demokratie“ oder „soziale Gerechtigkeit“ –, entscheidet sie sich gegen eine Wesensdefinition und für ein Wittgensteinsches „Familienähnlichkeits“-Modell: Kolonisation ist, was ein bewegliches Bündel von Merkmalen (Landaneignung, Bevölkerungsverschiebung, Arbeitszwang, Souveränitätsprojektion, rassistische Hierarchisierung) in wechselnden Konstellationen aufweist. Diese Offenheit erprobt sie an drei Grenzfällen – den USA, Israel, Irland –, deren kolonialer Charakter höchst umstritten ist, gerade weil sie die Verleugnungsmechanismen und die politische Aufladung des Begriffs exemplarisch zeigen.

Methodisch verpflichtet sich Saada einer doppelten Dezentrierung: Erstens soll die Perspektive der Kolonisierten – nicht als homogener „Blick der Besiegten“ (Nathan Wachtels berühmte Formel wird kritisch gewendet), sondern in ihrer Vielfalt von Gleichgültigkeit bis Widerstand – ernst genommen werden, was eine Erweiterung des Quellenkorpus jenseits des „geschwätzigen“ Kolonialarchivs erfordert (mündliche Überlieferung, indigene Schriftlichkeit, „gegen den Strich“ oder „im Sinne der Textur“ gelesene Archive nach Guha und Stoler). Zweitens soll die Analyse zwischen den Maßstabsebenen wechseln, von der Interaktion zwischen Individuen bis zu zwischenstaatlichen Beziehungen. Der rote Faden des gesamten Buches – das ist die eigentliche These – ist, dass der „koloniale Umbruch“ der Geschichtswissenschaft seit den 1990er Jahren vor allem neue Weisen hervorgebracht hat, Macht zu denken: ihre Ausübungsformen, ihre Objekte, ihre Reichweite.

Die Gliederung folgt konsequent dieser Machtperspektive und nicht einer Chronologie: Sieben Kapitel fragen nacheinander, was „entdecken“, „erobern“, „kolonisieren“ bedeutete (Kap. 2), wie Wissen und Macht verschränkt waren (Kap. 3), wie Herrschaft ausgeübt wurde (Kap. 4), wie ausgebeutet (Kap. 5), wie regiert (Kap. 6) und schließlich wie dekolonisiert wurde (Kap. 7) – gerahmt von einem konzeptionellen ersten Kapitel zum Begriff der Kolonisation selbst. Saada begründet diese Wahl ausdrücklich damit, dass sie keine Dichotomie zwischen „machenden“ Kolonisatoren und „erleidenden“ Kolonisierten reproduzieren, sondern eine – wenn auch asymmetrische – geteilte Geschichte von Praktiken beider Seiten erzählen will.

Kapitelweise Analyse

Kapitel 1 – „Écrire l’histoire des colonisations“

Das erste Kapitel dekonstruiert den Begriff der Kolonisation historisch-semantisch, bevor er analytisch verwendet wird. Saada zeigt, wie sich „Kolonie“, „Kolonisation“, „Kolonialismus“ und „Imperialismus“ im 18. und 19. Jahrhundert nacheinander herausbilden, zunehmend negativ konnotiert werden und – gerade in Frankreich – systematisch verdrängt werden: Die dritte Republik denkt sich, anders als Großbritannien, kaum je als Imperium, was sich in der beharrlichen Vermeidung des Wortes „empire“ für die eigenen Kolonialbesitzungen zeigt. Anhand der Typologien von Leroy-Beaulieu und Girault (Handels-, Ausbeutungs-, Siedlungskolonien) sowie der neueren „Settler Colonialism“-Forschung (Patrick Wolfe) entfaltet das Kapitel ein ganzes Begriffsarsenal, das es dann an drei Grenzfällen – USA, Israel, Irland – erprobt. Gerade die minutiöse, um Ausgewogenheit bemühte Rekonstruktion der Kontroverse um den kolonialen Charakter Israels, von Fayez Sayegh und Maxime Rodinson über die israelischen „Neuen Historiker“ bis zu den Ereignissen seit Oktober 2023, zeigt exemplarisch Saadas Verfahren: Sie stellt die Positionen (Ilan Pappé, Gershon Shafir versus Kritiker des „Settler Colonialism“-Paradigmas) nebeneinander, ohne ein abschließendes Urteil zu fällen, macht aber deutlich, dass der Streit selbst diagnostisch für den „essenziell umstrittenen“ Charakter des Kolonisationsbegriffs ist. Für den französischen Kontext ist die Pointe des Kapitels die These, dass die Verleugnung des eigenen Imperiums – „l’empire, c’est l’autre“ – eine lange, bis in die Gegenwart reichende Tradition hat, die sich vom Sprachgebrauch der Dritten Republik bis zur bis heute wirksamen Konstruktion eines rein nationalen „roman national“ zieht.

Kapitel 2 – „Découvrir, conquérir, coloniser“

Das zweite Kapitel hinterfragt das scheinbar naturwüchsige Nacheinander von Entdeckung, Eroberung und Kolonisierung, das sich aus dem iberischen Modell (Kolumbus, Cortés) als historiographische Selbstverständlichkeit verallgemeinert hat. Über die Todorov-Sahlins-Obeyesekere-Debatte um Captain Cooks Tod auf Hawaii, über die Kontingenz der „ersten Kontakte“ (Inga Clendinnen) bis zur Kritik an der überstrapazierten „Entdeckungs“-Rhetorik in Afrika macht Saada deutlich, dass weder Modernität notwendige Voraussetzung noch Sieg der Kolonisatoren automatische Folge der Begegnung war. Besonders eindrücklich ist der Abschnitt zur „Vision der Besiegten“, der Nathan Wachtels klassischen Ansatz von 1971 würdigt, ihn aber zugleich relativiert, weil er die Vielfalt der Reaktionen – von javanischer Gleichgültigkeit bis algerischer Empörung 1833 – unterschlägt. Für Frankreich bedeutsam ist hier vor allem die Dekonstruktion der Algerien-Konquista als Blaupause und die Reflexion über den Diebstahl algerischer Manuskripte und Archive im Zuge der Eroberung – ein Verlust, der, wie Saada mit Youssef Ben Ismail festhält, dem heutigen Algerien die Fähigkeit genommen habe, „sich selbst zu erzählen“.

Kapitel 3 – „Connaître“

Das dritte Kapitel widmet sich der Verschränkung von Wissen und Macht und bildet, mit seiner ausführlichen Behandlung von Edward Saids Orientalismus, den Subaltern Studies und der lateinamerikanischen Dekolonialität, das theoretisch dichteste Kapitel des Buches. Saada rekonstruiert präzise die Genealogie dieser drei Strömungen, referiert ihre wechselseitigen Kritiken (Homi Bhabhas Ambivalenzkonzept gegen Saids vermeintlichen Manichäismus, Aijaz Ahmads marxistischer Einwand gegen die Überschätzung von Diskursen) und stellt ihnen eine dritte, empirisch orientierte Wissenschaftsgeschichte gegenüber (Kapil Raj, Bernard Cohn), die koloniales Wissen als dialogisches, hybrides Produkt begreift statt als reine Herrschaftsprojektion. Das Kapitel endet mit einer für das ganze Buch charakteristischen Volte: Statt eines geschlossenen „Codes des Westens“ zeigt sich bei genauerem Hinsehen eine „unruhige Modernität“ – ängstliche, unsichere koloniale Akteure, deren Wissen stets lückenhaft blieb. Für den französischen Kontext ist bemerkenswert, wie Saada die seit 2000 in Frankreich boomende, oft moralisch aufgeladene Erforschung kolonialer Repräsentationen (etwa den Sammelband Sexe, race & colonies) kritisch seziert: Diese Literatur, so ihr Vorwurf, reproduziere durch die bloße Zurschaustellung rassistischer Bilder unbeabsichtigt genau jene Objektivierung, die sie anprangere, weil sie nie danach frage, was die abgebildeten Frauen selbst gedacht oder empfunden haben könnten.

Kapitel 4 – „Dominer“

Kapitel 4 ist das analytisch anspruchsvollste Kapitel zur Machtfrage im engeren Sinne. Saada zerlegt zunächst den Mythos eines monolithischen Kolonialstaats – über Handelskompanien, Missionare und private „chartered companies“ bis zur chronischen Unterverwaltung (ein Verwalter auf 66.000 Einwohner in Obervolta) – und rezipiert dann kritisch die foucaultsche Rezeption in der Kolonialgeschichte: Konzepte wie „Gouvernementalität“ und „Biomacht“ werden zwar produktiv importiert (etwa in der These vom kolonialen „Laboratorium“ moderner Regierungstechniken), aber auch relativiert durch Frederick Coopers vielzitierte Formel, koloniale Macht sei „arteriell, nicht kapillar“ gewesen – konzentriert statt diffus. Der Abschnitt zur „Souveränität in Frage“ (Lauren Bentons Konzept „geschichteter Souveränität“, Richard Whites Middle Ground) und der abschließende Abschnitt zu Kollaboration, Widerstand und Arrangement runden das Bild einer strukturell schwachen, aber gerade dadurch oft besonders gewaltsamen Herrschaft ab. Für Frankreich ist der Abschnitt zu den „kolonialen Widersprüchen“ zentral: Saada zeigt, wie die – in Frankreich seit den 2000er Jahren omnipräsente – Rhetorik vom Widerspruch zwischen republikanischem Universalismus und kolonialer Diskriminierung (Bancel/Blanchard/Vergès) historisch jünger ist, als es scheint, und wendet sich gegen Dominique Schnappers Deutung der „nationalité sans citoyenneté“ als bloße „juristische Monstrosität“: Mit Gary Wilder plädiert sie dafür, von inneren Antinomien des Republikanismus statt von einem Bruch zwischen Metropole und Kolonie zu sprechen.

Kapitel 5 – „Exploiter“

Das fünfte Kapitel verortet Sklaverei, Kapitalismus und Umweltausbeutung in einem gemeinsamen Argumentationsbogen. Saada zeichnet nach, wie die Abschaffung der Sklaverei (1833/1848) das Problem nicht löste, sondern in die Frage nach „freier“, aber gleichwohl erzwungener Arbeit verschob – die „mission civilisatrice“ wird hier maßgeblich als Erziehung zur Lohnarbeit entlarvt. Der Abschnitt zum „racial capitalism“ und zur These des ungleichen Tauschs zwischen Zentrum und Peripherie situiert die Debatte in der Tradition Wallersteins, ohne deren ökonomistische Verkürzungen zu übernehmen, während der Umweltabschnitt (Ausbeutung als „Bezwingung widerspenstiger Natur“, so wörtlich Fanon zu Algerien) das Kapitel zeitgemäß an die Klimadebatte anschließt. Für den französischen Fall ist entscheidend, wie die Konzessionsgesellschaften in Französisch-Äquatorialafrika ab 1898 – vierzig Kompanien auf drei Vierteln des Territoriums – als Fortsetzung des Ancien-Régime-Systems der „compagnies à charte“ gelesen werden: ein Argument gegen die gängige Zäsur zwischen „erstem“ und „zweitem“ Kolonialreich.

Kapitel 6 – „Gouverner“

Kapitel 6 untersucht die produktiven, nicht bloß repressiven Dimensionen kolonialer Macht: Bildung, Religion, Körper, Geschlecht, Sexualität, Rechtskategorien. Besonders aufschlussreich ist der Vergleich der Schulpolitik in Algerien mit jener in der Bretagne und im Baskenland – rhetorisch gleichgesetzt, faktisch durch eklatante Unterschiede in den Einschulungsraten (1,73 % 1892 in Algerien) konterkariert – der zeigt, wie die „Nationalisierung“ der Metropole und die „Zivilisierung“ der Kolonie zwar sprachlich verwandt, praktisch aber fundamental ungleich waren. Saada folgt hier Fanny Colonnas Umkehrung der üblichen Perspektive: Nicht die algerische Bildungspolitik erscheint als Sonderfall, sondern die französische Schule selbst wird, im Licht der kolonialen Erfahrung, als selektives, keineswegs neutrales Instrument sozialer Reproduktion lesbar. Für Frankreich bedeutet dieses Kapitel eine der schärfsten Volten des Buches: Die koloniale Situation dient als Vergrößerungsglas, das verborgene Mechanismen der Metropole selbst offenlegt.

Kapitel 7 – „Décoloniser“

Das letzte Kapitel schließlich problematisiert die Vorstellung einer sauberen Zäsur um 1960. Saada unterscheidet eine „erste Dekolonisation“ (amerikanische Unabhängigkeiten 1776–1825), die eher Umformung als Bruch imperialer Strukturen war, von der „zweiten“, raschen Welle nach 1945, deren Deutungen zwischen Neokolonialismus-These (Nkrumah, Sartre) und jüngeren, stärker ereignisgeschichtlich orientierten Revisionen changieren. Das Kapitel mündet – anders als die vorangegangenen, stärker forschungsgeschichtlich verankerten Kapitel – bereits in die Gegenwartsdebatte um Erbschaften, Traumata und toxische Rückstände des Kolonialen, die dann in der Konklusion vertieft wird. Für Frankreich ist die Analyse der „Rückwirkungen in die ehemaligen Metropolen“ zentral, die algerische wie karibische Migration, das Verhältnis von Kolonialgeschichte und heutigem strukturellem Rassismus sowie die Frage nach der Aktualität kolonialer Kategorien in Einwanderungsdebatten verbindet.

Frankreichs verleugnetes Imperium: eine Historiographie zwischen Konquista und Reparationen

Der Gesamtwert des Bandes liegt weniger in neuen Einzelbefunden – Saada betreibt konsequent Synthese, keine Primärforschung – als in der Konstruktion eines kohärenten Analyserasters, mit dem sich die zersplitterte internationale Forschung der letzten dreißig Jahre erstmals systematisch und in einem einzigen Band zusammendenken lässt. Bemerkenswert und überraschend ist dabei vor allem dreierlei. Erstens die konsequente Weigerung, sich auf eine der beiden großen konkurrierenden Meistererzählungen festzulegen – weder die dekoloniale These einer alles durchdringenden „Kolonialität der Macht“ noch die entgegengesetzte Relativierung kolonialer Wirkmächtigkeit werden unkritisch übernommen; Saada hält stattdessen die Spannung zwischen beiden methodisch produktiv offen. Zweitens die immer wiederkehrende Beobachtung, dass koloniale Macht strukturell schwach, unsicher und improvisiert war – ein Befund, der dem populären Bild einer allmächtigen, planvollen Kolonialmaschine entgegensteht und zugleich erklärt, warum diese Schwäche keineswegs mit geringerer Gewalt einherging, sondern sie oft gerade erzeugte. Drittens die Bereitschaft, die eigene Gegenwart – bis hin zu Ereignissen aus dem Winter 2025/26 – konsequent in die historiographische Reflexion einzubeziehen, was dem Buch eine seltene Aktualität, aber auch eine gewisse Kurzatmigkeit an seinen Rändern verleiht.

Wie unmittelbar diese Gegenwartsanbindung reicht, zeigt allein die Konklusion: Saada verweist auf den Beschluss des algerischen Parlaments vom Dezember 2025, der die französische Kolonisation als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ einstuft und „Reparationen“ sowie „förmliche Entschuldigungen“ fordert, ebenso wie auf die im selben Monat in Algier abgehaltene „Conférence internationale sur les crimes coloniaux“, in deren Gefolge die Afrikanische Union die Dekade 2026–2036 zur Dekade „der Reparationen“ erklärte. Kaum ein Jahr älter ist die Verurteilung des belgischen Staates durch das Brüsseler Berufungsgericht (Dezember 2024) zu Entschädigungszahlungen an fünf Klägerinnen wegen der Zwangsverschickung kongolesischer „Mischlingskinder“ – ein Urteil, das unmittelbar auf den im März 2024 vorgelegten Bericht der belgischen Parlamentskommission zum kolonialen Kongo folgt und das Saada als seltenes Beispiel anerkannter Opfer kolonialer „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ liest. Auch die Neubewertung des „Settler-Colonialism“-Arguments im Israel-Kapitel stützt sich explizit auf den Gazakrieg seit Oktober 2023, dessen Opferzahlen und Zerstörungsgrad Saada als „tragische statistische Argumente“ für die These der „logique de l’élimination“ wertet – eine Formulierung, die den nüchternen Ton des übrigen Buches an dieser Stelle merklich unter Druck setzt. Und selbst der Schlusssatz der Konklusion verlässt den historiographischen Rückblick vollends zugunsten der Tagespolitik, wenn Saada die russische Intervention in der Ukraine sowie die amerikanischen Ambitionen gegenüber Venezuela und Grönland als Wiederkehr des kolonialen „Kernbestands“ von Machtprojektion, Ressourcenaneignung und Gewalt im 21. Jahrhundert benennt. Gerade weil diese Beispiele so nah am Erscheinungsdatum liegen, fehlt ihnen freilch die Distanz, die das Buch sonst so konsequent gegenüber seinem Gegenstand einhält.

Zu den Stärken des Buches zählt zunächst die enorme, souverän gehandhabte Materialfülle: Kaum eine relevante historiographische Debatte der letzten Jahrzehnte – von der Cook-Kontroverse bis zur Reparationsdebatte, von den Subaltern Studies bis zum Settler Colonialism – bleibt unberücksichtigt, ohne dass das Buch in bloße Aufzählung verfiele. Saadas ausgeprägter Sinn für Ambivalenz und ihre Weigerung, vorschnelle moralische Urteile zu fällen, machen das Buch zu einem Modell wissenschaftlicher Redlichkeit in einem hochpolitisierten Feld; besonders deutlich wird dies im Umgang mit dem israelisch-palästinensischen Fall, den sie weder verharmlost noch instrumentalisiert. Hinzu kommt die konsequente Komparatistik über den französischen Rahmen hinaus (britische, spanische, portugiesische, US-amerikanische, israelische, japanische Fälle), die dem Buch eine Weite verleiht, die viele französischsprachige Kolonialgeschichten vermissen lassen.

Als Schwäche ließe sich anführen, dass die programmatische Vermeidung einer chronologischen Erzählung zugunsten der thematischen Gliederung gelegentlich zu Redundanzen und Wiederholungen führt – dieselben Fallbeispiele (Algerien, Indien, das kongolesische Kuba-Reich, Neukaledonien) kehren in wechselnden Kapiteln wieder, ohne dass ihre jeweilige Gesamtentwicklung an einer Stelle gebündelt würde. Auch bleibt, trotz aller komparatistischen Weite, der Schwerpunkt faktisch stark französisch-britisch-nordamerikanisch geprägt; die iberischen Imperien des 16.–18. Jahrhunderts, das Osmanische Reich, russische und ostasiatische Kolonisationsformen erscheinen eher als Kontrastfolie denn als gleichberechtigt behandelte Fälle. Schließlich bleibt die Frage, wie stark „indigene“ Perspektiven tatsächlich zu Wort kommen, trotz aller methodischen Reflexion darüber teilweise unbefriedigend beantwortet: Das Buch bleibt, was seine Quellenbasis angeht, weitgehend eine Geschichte über Kolonisierte auf Grundlage westlicher Sekundärliteratur, nicht eine Geschichte, die primär aus deren eigenen Quellen schöpft – ein Umstand, den Saada selbst offen benennt, ohne ihn ganz aufzulösen.

Aus dieser Spannung ergeben sich unmittelbar die Desiderate weiterer Forschung, die das Buch selbst benennt oder nahelegt: eine systematischere Einbeziehung außereuropäischer, insbesondere asiatischer und ostasiatischer Kolonisationsformen jenseits der europäischen Blaupause; eine methodisch reflektierte Ausweitung der Quellenbasis auf mündliche und materielle Überlieferungen der kolonisierten Gesellschaften selbst, über punktuelle Fallstudien hinaus; eine stärkere Verzahnung von Wirtschaftsgeschichte und Kulturgeschichte der Kolonisation, die im Buch eher additiv nebeneinanderstehen; und schließlich eine genauere historische Untersuchung der Reparationsdebatten selbst, die Saada zwar aufmerksam verfolgt, aber – naturgemäß, angesichts ihrer Aktualität – noch nicht abschließend historisieren kann. Insgesamt liegt mit Histoires et colonisations ein Buch vor, das seine Leserschaft nicht mit fertigen Antworten, sondern mit geschärften Fragen entlässt – und gerade darin seinem eigenen methodischen Programm treu bleibt.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Kolonisation im Plural: wie Historiker heute von der Eroberung erzählen." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on August 28, 2026 at 04:51. https://rentree.de/2026/08/28/kolonisation-im-plural-wie-historiker-heute-von-der-eroberung-erzaehlen/.

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