Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst. Automatische Übersetzung:
Inhalt
Ein Philosoph an den Rändern der Literatur
Jean-Luc Nancy, Demande: philosophie, littérature (Galilée, 2015)
Jean-Luc Nancy (1940–2021), geboren in Caudéran bei Bordeaux, gehört zu jener Generation französischer Denker, die nach Heidegger und im Gespräch mit Derrida die Grenze zwischen Philosophie und Literatur nicht mehr als Verteidigungslinie, sondern als Arbeitsfeld begriffen hat. Er starb im Sommer vor fünf Jahren. Nach dem Studium bei Paul Ricœur lehrte Nancy jahrzehntelang in Straßburg, wo die enge, lebenslange Zusammenarbeit mit Philippe Lacoue-Labarthe zu gemeinsamen Schlüsselwerken führte – Le Titre de la lettre (1973, über Lacan) und vor allem L'Absolu littéraire (1978), die bis heute maßgebliche Studie zur literaturtheoretischen Frühromantik von Jena. Eine Herztransplantation Mitte der 1990er Jahre und ihre Folgen prägten sein Denken des Körpers und der Endlichkeit nachhaltig (L'Intrus, 2000). Sein eigentliches Werk gilt nicht der Literatur, sondern Begriffen wie communauté, corps, sens, adoration und der "Dekonstruktion des Christentums". Doch immer wieder wurde er zur Literatur hingeführt – und, wie der vorliegende Band zeigt, hin zur Fiktion selbst, ja zu jener "unendlichen Fiktion", die für ihn der Sinn ist.
Demande: philosophie, littérature, vor gut zehn Jahren mit Ginette Michaud zusammengestellt, sammelt die wichtigsten theoretischen Texte und Gespräche Nancys zur Literatur sowie eine Reihe schwer auffindbar gewordener Essays, die selbst die Ränder des literarischen Schreibens erproben – Gedicht, Erzählung, Theater, Oratorium. Der Band will, in den Worten des Verlags, "das ganze Spektrum" dieser Reflexion lesbar machen: die Literatur erfasst zuerst in ihrem Verhältnis zur Philosophie, radikaler aber in ihrem Verhältnis zur Sprache und zum Sinn. Trotz höchst unterschiedlicher Töne und Formen ergibt sich daraus ein Ensemble "von großer Kohärenz und Strenge" – ein partage des voix, eine Teilung und Mitteilung der Stimmen.
Die Grundkonstellation: demande statt Hierarchie
Der Titel ist programmatisch. Die Philosophie, so Nancys Diagnose, steht "von Geburt an" in einem gequälten Verhältnis zur Literatur: Sie erfindet die Literatur, indem sie sie ausschließt – als "Mythos", als Fiktion. Dieses Verhältnis denkt Nancy als demande, als Bitte und Forderung zugleich: Die Philosophie verlangt von der Literatur, dort zu bleiben, wo sie ist, in ihrer Fabel; sie verlangt von ihr aber auch ihr Geheimnis, ihre Verführungskraft; und schließlich verlangt sie, an deren Zauber und Macht teilzuhaben.
Nancy verweigert damit beide klassischen Lösungen: die platonische Unterordnung der Dichtung ebenso wie die romantische Verschmelzung. An ihre Stelle tritt ein wechselseitiges Verlangen ohne Erfüllung. Jede der beiden fordert von der anderen die Wahrheit, die sie selbst nicht besitzt – und weiß zugleich, dass die andere sie ihr nicht geben kann. Dieses Beharren auf einer antwortlosen Bitte ist die Bewegung, die beide am Leben hält. Würde eine vollendet, kippten Philosophie und Literatur in Weisheit und Mythos um, in eine Welt, in der man nicht mehr bittet, sondern befiehlt. Die Préface ("Coda") formuliert diese Grammatik des Bandes lapidar: "Philosophie und Literatur sind Weisheit und Mythos, in die Bitte eingetreten."
Das Leitbild: Rückzug und Zug (retrait/trait)
Das wiederkehrende Urbild ist der Rückzug der Götter. In dem titelgebenden Text der ersten Sektion verschwinden die Götter nicht woandershin, sie ziehen sich aus ihrer eigenen Präsenz zurück. Was bleibt, spaltet sich sofort: in Wahrheit (Sache der Philosophie) und Erzählung, muthos (Sache der Literatur). Der "Rückzug" (retrait) ist derselbe "Zug" (trait), der die Grenze zwischen beiden zieht – eine Grenze, die trennt und zugleich verbindet, das "Unentwirrbare" (l'indémêlable). Beide sind dadurch, schreibt Nancy, "unwiderruflich atheologisch" und haben gemeinsam die Aufgabe, dieses entre-deux offenzuhalten, ohne es mit Bedeutung, Offenbarung oder Apokalypse zuzuschütten. In diesem Bild ist Nancys gesamtes Programm enthalten: kein Drittes, das die zwei versöhnte, sondern die Sorge um den offenen Spalt selbst.
Die vier Großteile
Teil I – Littérature
Hier verhandelt Nancy Buch, Werk, Erzählung und Schrift. Les raisons d'écrire (1977) nimmt Batailles Satz "Mein Grund zu schreiben ist, B. zu erreichen" als Leitfaden – B. als Frau, Initiale, Babel, Bibel, Bibliothek – und entfaltet das Schreiben als Antwort auf einen Anruf, nicht auf eine Frage: Verantwortung als bloße Verpflichtung zu antworten. Récit, récitation, récitatif (2010), eine Hommage an Lacoue-Labarthe, zeigt, dass keine Erzählung ohne récitant auskommt und dass sie Ursprung und Anfang dissoziiert: Wenn sie beginnt, liegt ihr Ursprung schon hinter ihr (Proust: "Longtemps, je me suis couché de bonne heure…"). De l'œuvre et des œuvres (2011) verschiebt den Werkbegriff von der Vollendung zur Operation, von der entéléchie zur énergie – das Werk lebt von seiner Unvollendung (Joyces work in progress, Blanchots désœuvrement). Pour ouvrir le livre (2013) schließlich begründet, warum Literatur zugleich mündlich (Lacoue-Labarthe) und geschrieben ist: Das Tönen muss zurückkehren, um sich zu hören.
Teil II – Poésie
Das poetologische Zentrum bildet Calcul du poète (1997), eine dichte Hölderlin-Lektüre. Ihre beiden Axiome: Bei Hölderlin zählt der Dichter mehr als die Dichtung, und die Aufgabe des Dichters ist ein Kalkül. Nicht Synthese (Sache des Philosophen), sondern Synopse; nicht Konstruktion einer Totalität, sondern die exakte Berührung eines Punktes im "Maß", in der "Zäsur", in der Synkope. Am Vers "Seit ein Gespräch wir sind…" zeigt Nancy, wie Poesie das ursprüngliche Differenz-Denken vollzieht – als "Niederlage des Idealismus". Faire, la poésie (1997) hält fest: Wenn wir an einen Saum von Sinn gelangen, dann poetisch; Poesie "macht" das Schwierige. Die beiden Gespräche – Compter avec la poésie (mit Pierre Alferi, 1995) und La raison demande la poésie (mit Emmanuel Laugier, 2003) – liefern die einprägsamsten Formeln des Bandes: "Man muss mit der Poesie rechnen", und "die Vernunft verlangt die Poesie" – ihren eigenen Exzess, der nicht ihr Vergessen ist. Hier wird auch die Etymologie des vers (versus, der Wendepunkt des Pfluges) gegen die prosa (prorsus, geradeaus) ausgespielt: "Der Vers denkt den Tod." Wozu Dichter korrigiert schließlich mikrologisch die pathetisch isolierte Hölderlin-Frage und damit ihre heideggerianische Aufladung.
Teil III – Sens
Die theoretische Mitte. Répondre du sens (2000) entfaltet die These, dass "wer schreibt, antwortet" – auf théa, die namenlose Göttin der Ilias. Sinn ist nicht Bedeutung (Verweis von Signifikant auf Signifikat), sondern "Gesang des Sinns", konstitutiv resonant und plural: der unendliche Sinn ist identisch mit der Unendlichkeit singulärer Sinne. Corps-théâtre (2011) ergänzt Heideggers In-der-Welt-sein um das, was es auslässt – die Existenz will sich in Szene setzen; ein Subjekt, das in Präsenz kommt, ist ein Leib (Artaud, Claudel, Heiner Müller). Die Unterabteilung "Demande" versammelt Après la tragédie, Résurrection de Blanchot (die "Auferstehung des Todes", nicht der Toten), Le neutre und – als Grenzgänge – den Lexikonartikel Exclamations sowie die konzentrierte Schlussformel La seule lecture: Die einzige Lektüre, die sich von der informierenden, der mitgerissenen und der suchenden abhebt, ist die laute – sie übergibt den Text Lippen, Kehle, Zunge und versetzt den Sinn in "das Echo des Murmelns der Dinge".
Teil IV – Parodos
Nancys Vorbemerkung erklärt den Doppelsinn: parodos (Einzugsgesang des Chors, "Durchgang") und parôdia (Parodie). Diese Texte sind keine Theorie über Literatur, sondern Antworten auf Aufträge, die ihn ins "Als-ob" lockten. Psychè (1978) variiert Freuds Notiz "Psyche ist ausgedehnt, weiß nichts davon"; La Jeune Carpe (1979) parodiert Valérys La Jeune Parque metrengetreu. Hier betritt Nancy selbst die Bühne der Literatur – "von der Seite", um die These zu leben, dass Philosophie und Poesie gemeinsamer Geburt sind.
Die Zwiesprache mit Philippe Lacoue-Labarthe
Kein Name durchzieht Demande so beharrlich wie der Philippe Lacoue-Labarthes (1940–2007), und keiner verdiente eigene Aufmerksamkeit so sehr. Die beiden verband nicht bloß eine Arbeitsteilung, sondern eine echte Mit-Stimmigkeit – jenes partage des voix, das Nancy zum Programm erhebt. Aus der Straßburger Zusammenarbeit gingen Le Titre de la lettre und L'Absolu littéraire hervor; was im vorliegenden Band aber sichtbar wird, ist die Fortsetzung dieser Zwiesprache über den Tod des Freundes hinaus. Récit, récitation, récitatif und Après la tragédie sind ausdrücklich Hommagen, Noli me frangere ist ein gemeinsam verfasster, in einen Dialog (Lothario/Ludovico) übergehender Text – und in Après la tragédie heißt es unverhohlen, Nancy höre Philippes Stimme in der seinen weiterklingen. Inhaltlich teilten beide die "Wahrheit Hölderlins gegen Hegel", die Aufmerksamkeit für Rhythmus, Zäsur und Theater (das Heidegger ausließ) sowie das Denken der "mimèsis sans modèle". Aber Lacoue-Labarthe war, anders als Nancy, selbst zwischen Philosophie und Poesie geteilt – er schrieb Gedichte –, und gerade diese Differenz macht ihn im Band zum Komplementär: Wo Nancy bekennt, man sei "Philosoph oder Dichter, sehr selten beides", verkörpert der Freund die ständige Versuchung der anderen Seite. So wird das Buch auch zu einer Trauerarbeit, in der die demande ihre intimste Gestalt annimmt: als Bitte einer Stimme an eine andere, die nicht mehr antworten kann – und die gerade deshalb nicht verstummt.
Rezeption in Frankreich und Deutschland
In Frankreich gilt Nancy als eine der zentralen Stimmen der "Dekonstruktion" nach Derrida, breit rezipiert vor allem über das Denken der Gemeinschaft (La Communauté désœuvrée, 1986) und des Körpers (Corpus, 1992); die literaturtheoretische Linie blieb dagegen meist im Schatten dieser politisch-ontologischen Themen – Demande macht sie nachträglich als eigenes Werkfeld sichtbar. In Deutschland wurde Nancy besonders intensiv aufgenommen, was angesichts seiner durchgehenden Auseinandersetzung mit Kant, Hegel, Hölderlin, Schelling und Heidegger naheliegt; Übersetzungen bei Diaphanes und anderen sowie die enge Verbindung über die Jenaer Frühromantik machten ihn zu einem festen Bezugspunkt der germanistischen wie philosophischen Debatte. Bezeichnend ist, dass viele Texte des Bandes zuerst oder gleichzeitig auf Deutsch erschienen (etwa Kalkül des Dichters, Stuttgart 1997) – ein Indiz für die besondere deutsch-französische Resonanz dieses Denkens.
Was von Nancys Fragen bleiben wird
Eine deutsche Übersetzung von demande muss zwangsläufig eine Bedeutungsentscheidung treffen, die das Französische gerade vermeidet, weil dort Bitte, Forderung, Verlangen, Anfrage und – etymologisch (lat. demandare) – das Anvertrauen in einem einzigen Wort koexistieren. Wählt man Bitte, gewinnt man das Gebethafte und Demütige von Nancys „prière, supplication", verliert aber die fordernde Schärfe der „exigence éperdue"; wählt man Forderung oder Verlangen, kehrt sich dieses Verhältnis um. Hinzu kommt, dass demande bei Nancy reflexiv gebraucht wird („la demande se demande") – ein Sich-selbst-Erbitten, das im Deutschen kaum ohne Bruch nachzubilden ist, da „Bitte bittet sich" oder „Verlangen verlangt sich" entweder gekünstelt oder semantisch verengt klingt. Am ehesten löst man die Aporie nicht durch ein Äquivalent, sondern durch das Offenhalten selbst: den Terminus stehen lassen und glossieren – womit die Übersetzung performativ vollzieht, was Nancy meint, nämlich eine Bitte, die ohne abschließende Antwort bleibt.
Demande ist kein systematisches Werk, sondern ein über fünfunddreißig Jahre gewachsenes Geflecht – mit den Stärken und Schwächen einer solchen Sammlung. Die Stärke: Man sieht die erstaunliche Konstanz und die feinen Verschiebungen eines Denkens, das immer dieselbe Bruchlinie umkreist; Calcul du poète und Répondre du sens sind die theoretischen Höhepunkte, die Hommagen an Lacoue-Labarthe verbinden Begriffsschärfe mit echter Trauerarbeit. Die Schwäche: erhebliche Redundanz und eine dichte, anspielungsreiche Schreibweise. Für den Einstieg empfehlen sich die Coda, Faire, la poésie und La raison demande la poésie.
Was also überdauert? Vermutlich vor allem die Form seiner Fragen. Seine zentrale Frage – wie Philosophie und Literatur sich "verlangen" können, ohne ineinander aufzugehen – ist keine, die sich "lösen" ließe; sie ist als offene gestellt und gewinnt ihre Kraft daraus, dass sie offen bleibt. Drei Linien dürften produktiv bleiben.
Erstens die Frage nach dem Sinn jenseits der Bedeutung: dass Sinn nicht im Verweis eines Zeichens auf einen Begriff liege, sondern in der Resonanz einer Stimme an ein Hören, plural und nie abgeschlossen. In einer Zeit, in der Sprachmodelle Bedeutung als statistische Relation behandeln, gewinnt Nancys Insistieren auf Sinn als Anruf, Adresse und Antwort eine unerwartete Aktualität – als Frage danach, was Sprechen über das Berechnen von Wahrscheinlichkeiten hinaus überhaupt sei.
Zweitens die Frage nach der Materialität des literarischen Worts – nach Stimme, Atem, Synkope, lauter Lektüre. Hier berührt sich Nancy mit einer Philologie, die wieder nach Klang, Rhythmus und Körper des Textes fragt; seine Begriffe (récitatif, résonance, coupe) bieten ein Vokabular, das die Kluft zwischen close reading und theoretischer Reflexion überbrücken kann.
Drittens die ethische Wendung: Schreiben und Lesen als Verantwortung, als Verpflichtung zu antworten, ohne je die richtige Antwort zu besitzen. Das ist Nancys leiseste, aber vielleicht haltbarste Hinterlassenschaft – ein Bild der Literatur als nie abgeschlossener gemeinsamer Antwort auf einen Anruf, dessen Ursprung sich entzieht.
Bleiben dürfte mithin nicht ein System (so man hier davon sprechen kann), sondern eine Haltung: die Bereitschaft, die Grenze zwischen den Diskursen nicht zu befrieden, sondern offenzuhalten – und im Offenhalten selbst eine Form von Wahrheit zu erkennen. Ob Nancys spezifische Begriffe in den Handapparat der Literaturwissenschaft eingehen oder ob seine dichte, anspielungsreiche Schreibweise sie eher abschreckt, wird sich zeigen. Seine Frage aber – was es heißt, dem Sinn zu antworten und für ihn einzustehen – wird man so bald nicht los, weil sie keine ist, die man beantworten und dann ablegen könnte. Sie verlangt, wie er selbst es vom Sinn sagte, immer wieder aufs Neue gestellt zu werden:
Peut-être faut-il que la demande se divise pour se faire entendre: de philosophie à littérature et de littérature à philosophie. Sans doute doit-elle s'ouvrir ainsi parce qu'elle est sans réponse. Réponse l'exténuerait, mais demande se demande toujours à nouveau. Elle se redemande et sa répétition, son redoublement tendu entre le cours du dire (le discours) et son irruption ou son suspens (l'annonce, l'appel, « ce matin-là … ») composent une prière, une supplication, qui paraît demander le sens mais qui se sait déjà, irrésistiblement, former elle-même tout ce qu'il y a de sens prononcé au monde. Même pas une prière, mais simplement la venue interminable du sens qui se confond avec sa propre demande.
Jean-Luc Nancy, Demande: philosophie, littérature
Vielleicht muss die Bitte sich teilen, um sich Gehör zu verschaffen: von der Philosophie zur Literatur und von der Literatur zur Philosophie. Zweifellos muss sie sich so öffnen, weil sie ohne Antwort bleibt. Antwort würde sie erschöpfen, doch Bitte bittet sich immer wieder aufs Neue. Sie erbittet sich abermals, und ihre Wiederholung, ihre Verdoppelung, gespannt zwischen dem Lauf des Sagens (der Rede, "Diskurs") und seinem jähen Einbruch oder seiner Aussetzung (der Ankündigung, dem Anruf, dem „an jenem Morgen …"), fügen sich zu einem Gebet, einer Anflehung, die nach dem Sinn zu verlangen scheint, sich aber bereits, unwiderstehlich, als das weiß, was sie selbst ist: all dessen, was an Sinn in der Welt gesprochen wird. Nicht einmal ein Gebet, sondern schlicht das unaufhörliche Kommen des Sinns, das mit seiner eigenen Bitte in eins fällt.
Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de. Es existiert eine automatische Übersetzung in französischer Sprache.





