Vom auferlegten Schweigen zur eigenen Stimme: Gedächtnis und Theater bei Polina Panassenko

Résumé
Polina Panassenkos Roman „À voix haute“ (Éditions de l’Olivier, 2026) erzählt in vier, zwischen 2002 und 2024 angesiedelten Zeitschichten von zwei ineinander verschränkten Ausbildungswegen: Eine junge Französin russischer Herkunft durchläuft in Paris und Moskau eine Schauspielschule, deren autoritäre Hierarchie sie schließlich als erste Schülerin überhaupt von sich aus verlässt, und verfolgt parallel dazu, gegen das Schweigen ihres Großvaters, die Spur ihres 1938 im sowjetischen Lagersystem umgekommenen Urgroßvaters bis in die Archive von Moskau und die Weiten der Kolyma. Der Aufsatz liest diese Doppelbewegung als Erzählung über das Erlernen einer eigenen Stimme gegen ein über Generationen weitergegebenes Schweigen und zeigt, wie Panassenko dafür Bildungsroman und archivarische Spurensuche zu einer Gattung verbindet, in der dokumentierte Verhörprotokolle und Urteile unvermittelt neben die fiktionale Erzählung treten. Dabei verfolgt die Interpretation, wie sich diese Spannung in der Raumstruktur, in einer zwischen kindlicher Nähe und historiografischer Distanz oszillierenden Erzählperspektive, in einer ausgeprägt gegenderten Figurenkonstellation und, nicht zuletzt, in der Sprache selbst niederschlägt, die für Großvater und Enkelin dieselben Wörter mit unvereinbaren Bedeutungen füllt. Ausgehend vom Kafka-Motto des Romans und über einen Vergleich von Anfang und Schluss zeigt der Aufsatz abschließend, dass das titelgebende laute Sprechen im Buch kein einmaliger Befreiungsakt ist, sondern eine wiederholte, oft vergebliche Übung, die dennoch, von der verweigerten Gedenktafel bis zur Inschrift der letzten Buchseite, dem Schweigen etwas entgegensetzt.

 

Eine Tür, die sich nur einen Spalt öffnet

Polina Panassenkos 2026 erschienener Roman À voix haute (Éditions de l’Olivier) beginnt mit einem Kind, das nicht weiß, wie man Blutflecken auswäscht, weil die Mutter tot ist und niemand sonst gefragt werden kann. Er endet mit dem in kyrillischer und lateinischer Schrift notierten Namen eines 1938 in einem sowjetischen Lager gestorbenen Bauern. Zwischen diesen beiden Polen entfaltet sich eine Erzählung, die zwei scheinbar getrennte Ausbildungswege ineinanderführt: die einer jungen Französin russischer Herkunft, die Schauspielerin werden will, und die einer Enkelin, die das Schweigen ihrer Familie über die stalinistischen Repressionen aufzubrechen versucht. Beide Wege verlangen dasselbe: das Erlernen einer Stimme, die trägt. Dem Roman ist ein Kafka-Motto vorangestellt, das diese Konstellation vorwegnimmt: „Kein anderer als du konnte hier eintreten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt“ 1. Die Tür, von der bei Kafka die Rede ist, kehrt im Roman in vielfältiger Gestalt wieder – als Türcode einer Moskauer Gemeinschaftswohnung, als Panzertür eines Archivs, als verweigerte Gedenktafel –, und stets stellt sich dieselbe Frage: Wer darf sprechen, wer muss schweigen, und was geschieht mit dem, was durch eine Wand hindurch nicht mehr zu hören ist. Der vorliegende Aufsatz argumentiert, dass À voix haute diese Frage nicht behauptend, sondern über die Form selbst verhandelt: über eine Erzählstimme, die zwischen kindlicher Naivität und archivarischer Recherche wechselt, über eine Gattungsmischung aus Bildungsroman und Ahnenforschung, über eine Raumstruktur, die von der engen Küche bis in die Weite der Kolyma reicht, und über eine Poetik, die dokumentarisches Material nicht illustrierend, sondern gleichberechtigt neben die Fiktion stellt.

Gelesen im Rückbezug auf Tenir sa langue (2022) erweist sich À voix haute weniger als Fortsetzung denn als Weiterführung derselben autofiktionalen Figur und Familienkonstellation auf einer anderen Ebene: Wo der erste Roman, entlang eines Gerichtsverfahrens um die Rückgewinnung des Geburtsnamens Polina, von der 1993 erfolgten Emigration nach Frankreich, der kindlichen Aneignung des Französischen und dem Tod der Mutter erzählt und mit dem Tod des Großvaters, dessen Begräbnis in Moskau die letzten Seiten füllt, endet, setzt der zweite Roman zeitlich in dieser Familiengeschichte an anderer Stelle ein, zwischen 2002 und 2024, und macht aus der im ersten Buch bereits als abgeschlossene Tatsache erwähnten Schauspielkarriere der Erzählerin den eigentlichen Bildungsweg des Romans, während der Tod des Großvaters, in Tenir sa langue das körperlich erfahrene, intime Zentrum des Schlusses, in À voix haute zu einer eher beiläufig berichteten Randnotiz neben der historisch-politischen Recherche zum verschollenen Urgroßvater wird. Auffällige Kontinuitäten reichen bis in Details: Der kodierte Klingelton der Moskauer Gemeinschaftswohnung kehrt ebenso wieder wie ein Fahrer namens Andreï, der in beiden Büchern an einer Schwelle zum Tod, dort zum Begräbnis, hier zur Gedenkstätte in der Kolyma, zur Hilfsfigur wird, und auch die dokumentarische Poetik bleibt bestehen, nur ihr Material wechselt: Cerfa-Formular und Gerichtsprotokoll im ersten, NKWD-Akte und Zeugenaussage im zweiten Roman. Der entscheidende Unterschied liegt in der Reichweite des historischen Blicks: Während Tenir sa langue seinen Konflikt weitgehend im privaten, administrativen Raum der eigenen Biografie und des Zerfalls der Sowjetunion verhandelt, öffnet À voix haute diesen Konflikt zurück bis in den stalinistischen Terror der 1930er Jahre und vorwärts bis in die Erinnerungspolitik des heutigen Russlands, sodass der Titelwechsel selbst die Bewegung des Gesamtwerks zusammenfasst: von der Zunge, die man für sich behält, zur Stimme, die, wenn auch nur auf der letzten Seite eines Buches, laut wird.

Fabrice Gabriel skizziert in seiner Kritik in Le Monde vom 30. August 2026 den Einstieg über die verwaiste, von einer kommunistischen, Gauloises rauchenden Nachbarin betreute Erzählerfigur und lobt die Erzählkunst, die durch scheinbare Naivität echte Emotion erzeuge. Den eigentlichen Kern des Buches sieht er in der Ausbildung der Erzählerin an einer nach seiner Einschätzung angesehenen, zugleich aber altbackenen und offen sexistischen Moskauer Theaterschule, wo sie ihren Großvater wiedertrifft, eine zärtlich gezeichnete Figur mit einem schmerzhaften Familiengeheimnis. Der Roman zeichne dabei ein Bild des Russlands der 2010er Jahre zwischen aufkeimendem Widerstand gegen Putin und fortbestehenden sowjetischen Reflexen aus Angst, Gehorsam und Resignation, bevor er sich im letzten Drittel in eine Reise gen Osten und in die Vergangenheit verwandle, eine regelrechte Spurensuche nach dem Großvater des Großvaters. Gabriel schließt mit dem Befund, dass sich der zunächst rätselhafte, fast agentenromanhafte Prolog am Ende des Buches auflöse und bescheinigt der Autorin insgesamt beachtliches erzählerisches Können, wie schon sein knapper Kommentar andeutet, man sei „tout simplement épaté“.

In Le Monde vom 3. September 2026 wird vermeldet, dass Panassenko den Prix littéraire Le Monde für À voix haute erhalten hat. Im angeschlossenen Interview erläutert die Autorin mehrere für eine Einordnung hilfreiche Punkte: Sie besteht darauf, das Buch trotz eigener Archivrecherche als Roman und nicht als autobiografisches Zeugnis zu verstehen, beschreibt die Theaterschule als bewusst gewähltes Abbild der hierarchischen Machtstrukturen Russlands und deutet ihre Mehrsprachigkeit nicht als Mangel, sondern als Ressource des Schreibens. Zur Entstehung berichtet sie, von Anfang an gewusst zu haben, dass die Handlung von der Theaterschule in eine genealogische Recherche kippen werde, und erklärt die politische Tragweite dieser Recherche mit dem Hinweis auf die Schließung des Gulag-Museums und die 2021 erfolgte Auflösung der Organisation Memorial, ohne die eine solche Spurensuche kaum möglich gewesen wäre. Den Titel selbst deutet sie, mit Verweis auf den Vorgängerroman, weniger als Beschreibung denn als Hoffnung, da im Buch die meisten Figuren gerade nicht laut, sondern in Andeutungen und Halbsätzen sprechen: „à voix haute, c’est surtout une espérance“.

Vier Zeitschichten einer Spurensuche

Der Roman setzt 2002 in einer französischen Provinzstadt ein. Die Erzählerin, gerade in die Pubertät gekommen, lebt bei einer Nachbarin, weil der Vater verreist ist und die Mutter kurz zuvor gestorben ist; eine frühe Szene in einem Tabakladen, in der eine Verkäuferin eine französische Zehn-Francs-Münze aus sowjetischer Zeit zurückweist, führt vor, dass Zugehörigkeit an Kleinigkeiten hängt und jederzeit entzogen werden kann. Von dort springt die Handlung zu Sommeraufenthalten bei den Großeltern in Moskau, wo die Erzählerin ihrem Großvater erstmals von ihrem Wunsch erzählt, Schauspielerin zu werden – eine Ambition, die zunächst als kindlicher Einfall behandelt, dann aber ernst genommen wird, als eine befreundete Regisseurin sie einem strengen Sprech- und Vortragstest unterzieht. Bereits hier deutet sich die erste Leitfrage an: Was bedeutet es, für andere überzeugend zu sprechen, wenn man in der eigenen Familie gelernt hat, lieber zu schweigen?

Der zweite Erzählabschnitt, datiert auf 2011, verlagert sich zunächst nach Paris, wo die inzwischen erwachsene Erzählerin über Umwege einen russischen Theaterlehrer ausfindig macht, der sie auf die Aufnahmeprüfung einer Moskauer Schauspielschule vorbereitet. Ihre Zulassung führt sie in eine Klasse mit strenger interner Hierarchie, angeführt von einem charismatischen, autoritären Regisseur, den der Text nur „der Andere Meister“ nennt. Parallel dazu beginnt sie, über eine im Internet gefundene Datenbank politischer Repressionsopfer nach dem Schicksal ihres Urgroßvaters, eines gewissen Iwan Rebizov, zu forschen, dessen Namen sie ihrem sonst auskunftsfreudigen Großvater erst mühsam entlocken muss. Die zweite Leitfrage tritt hervor: Wie verhält sich das disziplinierte Nachsprechen fremder Rollen im Theater zu dem Versuch, eine eigene, unautorisierte Version der Familiengeschichte zu erzählen?

Der dritte, umfangreichste Teil verknüpft den Schulalltag mit den russischen Massenprotesten gegen die gefälschten Parlamentswahlen vom Dezember 2011. Die Erzählerin nimmt heimlich an einer Demonstration auf dem Bolotnaja-Platz teil, verheimlicht dies aus Rücksicht auf ihren verängstigten Großvater und treibt zugleich, mit wachsender Hartnäckigkeit, ihre Archivrecherche voran, bis sie in einem Lesesaal der Nationalarchive erstmals die Gerichtsakte und ein Fahndungsfoto ihres Urgroßvaters in Händen hält. Der Konflikt zwischen den Erwartungen der Schule und dem eigenen Erkenntnisinteresse eskaliert, bis die Erzählerin – als erste Schülerin überhaupt, wie ihr der Andere Meister mit einer Mischung aus Überraschung und Anerkennung bestätigt – die Ausbildung von sich aus abbricht. Die dritte Leitfrage: Ist der Ausstieg aus der zugewiesenen Rolle bereits der erste Satz einer eigenen Erzählung?

Der vierte Teil springt nach 2019: Die Erzählerin ist inzwischen professionelle Schauspielerin in Frankreich, setzt aber von dort aus telefonisch und brieflich die Suche fort, bis sie die Erlaubnis erhält, die Gefangenenakte in Moskau einzusehen, und anschließend über Chabarowsk nach Magadan und in die Taiga der Kolyma reist, um mit Hilfe eines dortigen Laienhistorikers den Sterbeort ihres Urgroßvaters zu bestimmen. Ein knappes Nachwort aus dem Jahr 2024 berichtet, wie der Versuch, in Moskau eine Gedenktafel anbringen zu lassen, an den gegenwärtigen politischen Verhältnissen scheitert. Die vierte Leitfrage, die den ganzen Roman überwölbt, lautet damit: Lässt sich eine im zwanzigsten Jahrhundert erzwungene Sprachlosigkeit im einundzwanzigsten Jahrhundert tatsächlich aufheben, oder wiederholt sich das Schweigen unter neuen Vorzeichen?

Auf mehreren Ebenen ist Panassenkos französischer Roman À voix haute auch ein Text über die Gegenwart Russlands, auch wenn der Roman den Namen Putins nur selten direkt und die Ukraine-Invasion von 2022 gar nicht ausspricht.

Am konkretesten wird es im dritten Teil, der in den Winter 2011/2012 fällt. Panassenko lässt die Parlamentswahl vom Dezember 2011 und die anschließende „Rochade“ zwischen Medwedew und Putin ganz beiläufig, aber genau datiert einfließen: Medwedew kündigt Putins erneute Kandidatur an, und im Straßenbild kursieren bereits Schlüsselanhänger, die per Fingerbewegung Medwedews Gesicht in Putins verwandeln. Die Erzählerin liest heimlich die Novaja Gaseta, begleitet ihren Großvater zur Wahlurne (mit der Sorge, dass sein Stimmzettel für die Opposition sichtbar sein könnte), und die Fernsehmeldung „Russland Einig hat gewonnen“ mit Medwedews Kommentar über „eine wahrhaftige Demokratie“ ist unverkennbar ironisch gerahmt. Wenig später nimmt die Erzählerin an der Bolotnaja-Demonstration teil, OMON-Kolonnen inklusive; ihr Nachbar Kostia, der sie als Kind noch mit Patriotismus-Quizfragen malträtiert hatte, nennt Putin und Medwedew inzwischen abschätzig „Vova“ und „Dima“ und rechnet sich selbst der „Opposition“ zu.

Eine zweite, subtilere Ebene ist die Schauspielschule selbst als Miniaturmodell autoritärer Verhältnisse: Die Studierenden führen ein Doppel-Tagebuch, eine ehrliche Fassung für sich und eine „zensierte Version“ für den Lehrer, und Vadim sammelt diese „Impressionen“ wie eine Aufsichtsbehörde. Diese Praxis liest sich unmittelbar als Echo der sowjetischen Selbstzensur, nur in den Alltag einer Kunstschule verlegt.

Am unmittelbarsten gegenwartsbezogen ist die Busfahrt durch die Kolyma 2019, in der zwei Mitreisende in einem langen, unwidersprochenen Dialog Stalin verherrlichen („er hat gut daran getan, sie zu deportieren“), sich einen „Putin in jeder Region“ wünschen und, als sich herausstellt, dass der Mann aus der Ukraine stammt, unvermittelt zu Hetze gegen die Ukraine und die baltischen Staaten übergehen („Sklaven der Amerikaner“); die Erzählerin merkt trocken an, dass seit der Annexion der Krim zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Jahre vergangen sind. Diese Szene, kurz vor der eigentlichen Kriegszeit angesiedelt, liest sich im Rückblick fast wie eine Vorahnung.

Am Ende des Romans wird der Gegenwartsbezug explizit, ohne dass der Krieg selbst benannt würde: Im Epilog vom November 2024 scheitert der Antrag auf eine Gedenktafel für den ermordeten Urgroßvater an einer Kulturbehörde, die als Bedingung stellt, die Tafel dürfe „den Tod nicht erwähnen“. Die Ansprechpartnerin der Erinnerungsinitiative erklärt der Erzählerin unmissverständlich, dass es sich um einen Vorwand handle, „diese Erinnerung ist nicht willkommen“, und nennt zwei konkrete, real existierende Vorgänge: die Auflösung der Menschenrechtsorganisation Memorial und die Schließung des Gulag-Museums. Beides sind historisch verbürgte Ereignisse aus den Jahren 2021/2022, die der Roman also unverkennbar in die unmittelbare Gegenwart hineinragen lässt, auch wenn er den Krieg gegen die Ukraine, der diesen Rückbau der Erinnerungskultur mit ausgelöst hat, an keiner Stelle beim Namen nennt. Gerade diese Aussparung liest sich als bewusste Verfahrensentscheidung: Der Roman lässt die Konsequenzen der Gegenwart sichtbar werden, ohne sie explizit zu benennen, ganz so, wie er es zuvor am Beispiel des Großvaters selbst als Sprechweise unter Bedrohung beschrieben hat.

Die Schauspielschule als Probebühne der Anpassung

Gattungsgeschichtlich lässt sich À voix haute am ehesten als Kreuzung zweier in der französischen Gegenwartsliteratur etablierter Formen beschreiben: dem Bildungsroman, der die Ausbildung einer jungen Schauspielerin verfolgt, und dem sogenannten récit de filiation, der Erzählung von der Erforschung der eigenen Herkunft, wie sie seit Georges Perec und, in autofiktionaler Zuspitzung, seit Annie Ernaux zu einem eigenen Genre der französischen Prosa geworden ist. Panassenko radikalisiert dieses Verfahren, indem sie dem fiktionalen Bericht dokumentarisches Rohmaterial unmittelbar einmontiert: Verhörprotokolle, Gerichtsbeschlüsse, Zeugenaussagen und ein Sterbezertifikat erscheinen im Wortlaut, typografisch abgesetzt, ohne erzählerische Vermittlung. Der Roman ist damit zugleich Zeugnisliteratur und Fiktion, ein Verfahren, das im Text selbst reflektiert wird, wenn die Erzählerin an einer Stelle direkt bemerkt, dass die Aktensprache „eine Sprache für sich“ habe, die erst übersetzt werden müsse. Dass zugleich der Vorgängerroman der Autorin, Tenir sa langue (2022), im Buch selbst als frühere Veröffentlichung angeführt wird, verankert À voix haute explizit in einer Werkreihe, die sich mit Sprache, Herkunft und Zugehörigkeit zwischen Russland und Frankreich beschäftigt, ein Zusammenhang, auf den weiter unten im Zusammenhang mit der Rolle der Sprache zurückzukommen sein wird.

Die Figurenkonstellation ist auffallend asymmetrisch organisiert um Anwesenheiten und Abwesenheiten. Die tote Mutter, deren Fehlen die Eingangsszenen strukturiert, wird nie zu einer ausgestalteten Figur, bleibt aber als Leerstelle in nahezu jeder Beziehung der Erzählerin zu älteren Frauen spürbar, zur Nachbarin Nicole in Frankreich, zur Tante in Moskau, zur Archivmitarbeiterin Olga, zur Museumsmitarbeiterin Véra. Diese Reihe älterer Frauen, die der Erzählerin abwechselnd Zugang zum Theater und Zugang zu den Archiven verschaffen, bildet ein informelles Netz weiblicher Vermittlung, das der offiziellen, überwiegend männlich besetzten Ordnung der Institutionen entgegensteht: Die Unterschriften unter den Verhörprotokollen und Urteilen von 1937 bis 1939 – Platonow, Owtschinnikow, später der Lagerarzt Nikolajew und der Fingerabdruck-Sachverständige Powerennow – gehören durchweg Männern, während es Frauen sind, die der Erzählerin Zugänge öffnen, sei es unter Bruch der Vorschriften. Der Großvater bildet den eigentlichen Gegenpol der Erzählerin: Er spricht fast durchgehend in der ersten Person Plural, ein grammatisches Symptom der erlernten Selbstauslöschung, die der Text explizit benennt: „Wenn das Ich spürt, dass man versucht, es aus dem Wir herauszulösen, löst es sich sofort im Plural auf“ 2. Als Kontrastfigur fungiert der gleichaltrige Nachbarsjunge Kostia, der, anders als die Erzählerin, nie ausgewandert ist und sich über ein possessives „wir“ definiert, das die Erzählerin ausdrücklich ausschließt; sein Verhör über die „wahre“ Muttersprache kulminiert in dem Satz „Du sprichst nicht vier Sprachen, du sprichst gar keine“ 3, eine Szene, die das Thema der doppelten, nirgends ganz legitimen Sprachzugehörigkeit exemplarisch verdichtet.

Innerhalb der Schauspielschule wiederholt sich diese Machtordnung in miniaturisierter, ausdrücklich gegenderter Form. Der Andere Meister sortiert seine Klasse öffentlich in ein „goldenes Trio“ begabter junger Männer, eine breite Mittelschicht „viriler“ Jungen und, darunter, die weiblichen Rollen, deren Rangfolge sich einzig danach bemisst, wie gut sie den männlichen Figuren als Kontrapunkt dienen können, Ehefrauen und Mätressen oben, Mütter und alte Frauen darunter, Statistinnen ganz unten. Die Formulierung des Textes, wonach sich diese Rangordnung „hauptsächlich danach richtet, auf welche Weise sie den Jungen als Gegengewicht dienen können“ 4, legt offen, dass die Bühne hier weniger ein Ort ästhetischer Ausbildung als eine Apparatur zur Einübung patriarchaler Zuordnung ist. Konsequent erhält im Unterricht bei einem jüngeren Gastdozenten fast ausschließlich die männliche Hälfte der Klasse inhaltliche Rückmeldung, während er einer Schülerin, die um Kritik bittet, mit sichtbarem Bedauern erklärt, für Frauen genüge es „manchmal, schön zu sein“ 5. Kommunikationsformen werden damit selbst zum Gegenstand der Erzählung: das strenge Sprechverbot in der Nähe der Wohnungstür, die Ida Albertovnas Sprechübung mit dem imaginären Zitronenstück, bei der man den Vokal so lange wie möglich dehnen soll, „Je weiter du ziehst, desto länger dehnst du das o von ‚Zitrone‘“ 6, die anonymen Zeugenaussagen, die wortgleich von der Hand desselben Ermittlers stammen, und schließlich die späteren Telefonate mit russischen Archivbehörden, die regelmäßig mit der einschüchternden Frage enden, für wen die Anruferin sich eigentlich halte. All diese Formen zeigen: Sprechen ist im Roman nie ein neutraler Akt, sondern immer an eine Machtposition gebunden, die über Erlaubnis oder Verbot entscheidet.

Eine Erzählstimme zwischen Kindheit und Aktenordner

Erzählt wird durchweg in der ersten Person, überwiegend im historischen Präsens, das der französischen Gegenwartsprosa seit langem als Mittel dient, um Distanz zwischen erlebendem und erzählendem Ich einzuebnen. Panassenko nutzt diese Nähe konsequent: Direkte Rede erscheint kursiv, ohne Anführungszeichen, unmittelbar in den Fließtext eingelassen, sodass gesprochene und erzählte Sprache ineinanderfließen und die für autofiktionale Texte typische Ungewissheit erzeugen, wo Erinnerung endet und literarische Formung beginnt. Zugleich wird diese szenische Präsensnähe immer wieder von einer zweiten, deutlich anders temperierten Stimme unterbrochen: der des Archivmaterials, das in Blockform, mit Zeilenumbrüchen, Großbuchstaben und Aktenzeichen, unverändert in den Text eingeschoben wird. Dieses Verfahren erzeugt eine dokumentarische Mehrstimmigkeit, die weniger illustriert als konfrontiert: Der bürokratischen Sprache der Anklage – „Kulak“, „Volksfeind“, „Artikel 58“ – wird die tastende, oft ratlose Sprache der Enkelin gegenübergestellt, die eingesteht, die „Sprache der Archive“ nicht zu beherrschen.

Die Handlungsstruktur besteht aus zwei parallel geführten, sich zunehmend verschränkenden Strängen: der linear fortschreitenden Ausbildungsgeschichte (Aufnahmeprüfung, Schuljahr, Austritt, spätere Berufstätigkeit) und der episodisch vorangetriebenen genealogischen Recherche, die immer wieder durch bürokratische Verzögerungen, Absagen und Zufallsfunde unterbrochen wird. Bezeichnend ist, dass beide Stränge an denselben Wendepunkten aufeinandertreffen: Just als die Erzählerin durch eine geschlossene Stadt, in die sie als Doppelstaatlerin nicht einreisen darf, unfreiwillig freie Tage erhält, nutzt sie diese, um erstmals die Archivakte einzusehen; und ihr Austritt aus der Schauspielschule fällt zeitlich mit der Zuspitzung der Recherche zusammen. Die Zeitstruktur selbst ist mehrfach geschichtet: Auf der Ebene der erzählten Gegenwart wechseln die Datierungen 2002, 2011, 2019 und 2024 einander ab, unterbrochen von analeptischen Einschüben in die Kindheit; auf einer zweiten, historiografischen Ebene liegt die Zeitschicht der Repressionen von 1928 bis 1938, deren Dokumente unvermittelt in die Gegenwart der Erzählerin hineinragen. Diese doppelte Zeitstruktur trägt eine implizite These: Zwischen der Terrorherrschaft der 1930er Jahre, der von Wahlfälschung und Einschüchterung begleiteten Ära um 2011/2012 und der 2024 verweigerten Gedenktafel besteht kein Bruch, sondern ein Kontinuum eingeübten, generationenübergreifend weitergegebenen Schweigens.

Wände, die hören, und eine Geografie des Verschwindens

Die Raumstruktur des Romans ist entlang einer Grundopposition von Enge und Weite organisiert. Auf der einen Seite steht die Moskauer Gemeinschaftswohnung, in der der Großvater lebt: ein Raum, dessen soziale Ordnung noch immer von einem längst überholten Klingelcode reguliert wird und in dem an bestimmten Wänden nur im Flüsterton gesprochen werden darf, weil dahinter Nachbarinnen wohnen, denen im Familiengedächtnis eine Geschichte des Denunziantentums anhaftet. Der Motivkomplex von Tür, Guckloch und Wand, den das Kafka-Motto eröffnet, wird hier in den Alltag übersetzt: Die alte Nachbarin, die Urgroßmutter von Katia, erschrickt selbst Jahrzehnte nach dem Ende des Terrors noch bei jedem unangekündigten Klingeln, weil sie als Kind miterlebt hat, wie ein Familienmitglied nachts abgeholt wurde. Die Erzählerin selbst formuliert die Denkfigur, die diesem Raum zugrunde liegt, sprachvergleichend: „Im Französischen nennt man eine fensterlose Wand eine blinde Wand. Im Russischen nennt man sie eine taube Wand“ 7, ein doppelsprachiges Wortspiel, das die gesamte Erkenntnisbewegung des Romans vorwegnimmt: Wo es nichts zu sehen gibt, muss man lernen, dem Schweigen selbst zuzuhören.

Diesem klaustrophobischen Innenraum steht im vierten Teil eine Geografie äußerster Weite gegenüber: die über siebentausend Kilometer lange Bahnstrecke, die einst den jungen Großvater von Moskau in den Fernen Osten brachte, und die Reise der Erzählerin über Chabarowsk und Magadan bis in das Lagergebiet der Kolyma, wo Goldminen bis heute Tag und Nacht in Betrieb sind. Diese Weite ist keine befreiende Landschaft, sondern eine Landschaft der Auslöschung: Die Erzählerin bemerkt, dass sie das, was sie durch das Busfenster sieht, anderswo „Landschaft“ nennen und vermutlich schön finden würde, dass ihr dieses Wort hier aber durch das Wissen um die Toten unter der Erde verwehrt bleibt. Ein wiederkehrendes Motiv ist dabei die Überschreibung des Vergangenen durch Gegenwärtiges: der Park, der zunächst nach dem Dichter Ossip Mandelstam benannt schien, sich dann aber als nach einem Parteifunktionär gleichen Nachnamens benannt erweist; das gigantische Sowjethotel Kosmos, dessen Foyer eine Statue de Gaulles ziert, während draußen dieselbe Ausstellungsskulptur zu sehen ist, die die Erzählerin erst spät korrekt liest – nicht „Arbeiter und Bäuerin“, sondern „Arbeiter und Kolchosbäuerin“ –; und schließlich, am unmittelbarsten, das Wohnviertel mit bunten Hochhäusern, das heute über dem Massengrab von Wladiwostok steht, ohne jede Markierung dessen, was sich darunter befindet. Semantisch korrespondiert dieser Raumstruktur ein Feld von Bildern des Verborgenen und des Untergrunds: Der Großvater bewahrt eine im Text als „trompe-l’oreille“ – als Täuschung des Ohrs anstelle des Auges – bezeichnete Sprechweise, mit der er Katastrophales im Tonfall des Alltäglichen mitteilt; die Angst, die er an seine Kinder weitergegeben hat, beschreibt die Erzählerin als „eine Grundwasser-Angst“ 8, die unsichtbar durch Generationen sickert. Auch das Gold der Kolyma, von Häftlingen aus der gefrorenen Erde geschürft, wird zu einem Bild zirkulierender, unsichtbar gewordener Gewalt, wenn die Erzählerin sich fragt, ob sich in den Eheringen ihrer eigenen Familie womöglich genau dieses Gold befindet.

Eine gemeinsame Sprache mit getrennten Bedeutungen

Über die bereits benannten Beobachtungen hinaus – die Klingelordnung, die Raumaufteilung der Gemeinschaftswohnung, die grammatische Fluchtbewegung des Großvaters in den Plural – lässt sich der Roman auch unmittelbar als Erzählung über die Sprache selbst lesen, die auf mehreren, ineinandergreifenden Ebenen verhandelt, wem das Sprechen erlaubt ist und was ein und dasselbe Wort in verschiedenen Mündern bedeutet. Am deutlichsten zeigt sich das an der semantischen Kluft zwischen den Generationen, die im Gespräch über den verschollenen Urgroßvater unverhüllt zutage tritt. Für die Erzählerin sind Begriffe wie „Kulak“ oder „Volksfeind“ historische Kategorien, mit denen sich das begangene Unrecht benennen lässt; für den Großvater bleiben es Anklagepunkte, vor denen man sich bis heute zu schützen hat. Der Text macht diese doppelte Semantik ausdrücklich zum Thema: „Mein Großvater und ich sprechen nicht dieselbe Sprache. Die Wörter sind dieselben, aber ihr Sinn ist ein anderer“ 9. Dieselben Lexeme tragen hier zwei unvereinbare Wirklichkeiten: eine, in der Erinnerung ein Akt der Gerechtigkeit ist, und eine, in der dieselben Wörter noch immer als Bedrohung empfunden werden. Die an anderer Stelle beschriebene Flucht des Großvaters ins kollektive „wir“ erweist sich von hier aus nicht bloß als psychologisches Symptom, sondern selbst als Sprachhandlung: eine über Jahrzehnte trainierte Redestrategie, mit der sich der Sprecher aus der Angriffsfläche des Satzes herausnimmt, ohne je explizit zu lügen.

Eine zweite Ebene betrifft die Mehrsprachigkeit der Erzählerin selbst, die in der bereits geschilderten Verhörszene mit dem Nachbarsjungen Kostia als Mangel statt als Fähigkeit gelesen wird: Wer zwischen zwei Sprachen lebt, gilt in dieser Logik keiner von beiden gegenüber als vollwertig. Bemerkenswert ist, dass sich dieses Muster ein drittes Mal wiederholt, sobald die Erzählerin auf die bürokratische Aktensprache der Verhörprotokolle trifft, die, wie bereits an der Erzählform selbst sichtbar wurde, obwohl kyrillisch geschrieben und lexikalisch russisch, als eine dritte, eigens zu erlernende Sprache innerhalb der eigenen Muttersprache erscheint. Damit entsteht ein dreistufiges Sprachgefälle: das Französische der Kindheit in Frankreich, das Alltagsrussisch der Familie und das sowjetisch-bürokratische Russisch der Akten, dem gegenüber sich die Erzählerin in jedem der drei Fälle als unzureichend kompetent erlebt, eine Erfahrung, die weniger von mangelnder Sprachbeherrschung als von der jeweils fremden Autorität handelt, die über Zugehörigkeit entscheidet.

Der Titel des Romans lässt sich als Zuspitzung dieses Sprachkonflikts lesen und gewinnt seine volle Bedeutung erst im Rückbezug auf den Vorgängerroman der Autorin. Tenir sa langue heißt wörtlich „die eigene Zunge festhalten“, umgangssprachlich jedoch schlicht „den Mund halten“; von dieser Aufforderung zum Schweigen aus gelesen, markiert À voix haute den genauen Gegenentwurf, nicht mehr die Zunge im Zaum, sondern die Stimme laut. Wie der Vergleich von Romananfang und Romanschluss weiter unten zeigen wird, macht der Text diese Bewegung an zwei Stellen wörtlich hörbar, wenn er die Wendung „à voix haute“ selbst ins Spiel bringt: einmal als verinnerlichtes Verbot, einmal als eingelöstes Verlangen. Sprache ist in diesem Roman also nicht allein Mittel der Verständigung, sondern der eigentliche Austragungsort seines Konflikts: Die Erzählung besteht im Kern aus dem mehrfach ansetzenden, mühsamen Versuch, eine über Generationen zum Schweigen erzogene Sprache lauter werden zu lassen, ohne sie dadurch ihrer Genauigkeit zu berauben.

Das Dokument als Mitautor

Die Poetik des Romans lässt sich als eine Ästhetik des Zuhörens beschreiben, die sich selbst mehrfach reflektiert. Der Großvater fordert die Erzählerin wiederholt auf: „Frag mich mehr, stell mir Fragen, danach wird niemand mehr da sein, um zu erzählen“, eine Aufforderung, die im Verlauf des Romans zur heimlichen Poetik der Erzählerin selbst wird, die ihr gesamtes Verfahren als beharrliches Fragen an ein widerständiges Material beschreibt. Autopoetologisch verdichtet sich dies in der Schauspielausbildung: Die Zitronenübung, in der das bloße Dehnen eines Vokals bereits als schauspielerische Leistung gilt, und die spätere Weigerung, sich in die vorgegebene Rollenhierarchie der Schule zu fügen, lesen sich rückblickend als Vorstufen zu einer Stimme, die sich schließlich nicht mehr an fremden Texten, sondern an der eigenen Familiengeschichte erprobt. Der Satz, mit dem die Erzählerin ihren Austritt verkündet, „Ich werde die Schule verlassen“ 10, markiert nach Auskunft des Anderen Meisters ein Novum in der Geschichte der Institution, da bislang stets die Schule über den Verbleib ihrer Schülerinnen entschied; der Roman inszeniert diesen Moment als ersten selbstermächtigten Sprechakt der Erzählerin, dem die eigentliche Erzählarbeit erst folgt.

Intertextuell ist der Roman dicht grundiert. Neben dem Kafka-Motto tritt der Dichter Ossip Mandelstam als zentrale Bezugsfigur hervor, dessen letzte Lebenswochen die Erzählerin parallel zur eigenen Recherche studiert und dessen Sterbeort sich, wie sich über die Unterschriften zweier Lagerbeamter erweisen lässt, mit dem ihres Urgroßvaters deckt: „Ich glaube, sie sind am selben Ort gestorben“ 11. Aus Nadeschda Mandelstams Erinnerungen, aus Warlam Schalamows Erzählungen aus Kolyma, aus Arlette Farges Le Goût de l’archive und aus Paul Ricœurs La Mémoire, l’histoire, l’oubli zieht der Text Reflexionsfolien, mit denen die Erzählerin ihre eigene Sucherfahrung deutet; Ricœurs im Roman zitierter Satz, wonach „Dokumente nur sprechen, wenn man sie befragt, das heißt, wenn man verlangt, dass sie eine Hypothese bestätigen“, benennt unmittelbar das methodische Prinzip des gesamten vierten Teils. Auch die schulische Kanonlektüre – Sophokles’ Antigone, deren Titelfigur für das Bestattungsrecht eines Toten gegen die Staatsraison kämpft – erhält im Licht der späteren Handlung eine unübersehbare Doppelbödigkeit, ebenso wie das Abschiedsgeschenk des Anderen Meisters, Wladimir Sorokins Roman Le Lard bleu, dessen literarische Verstörung gegen die disziplinierte Aktensprache der Repression kontrastiert wird. Intermedial speist sich der Text aus Theater, Fotografie, Kassettenaufnahmen klassischer Musik, Fernsehnachrichten von Wahlabend und Protest, einem Facebook-Interview des Anderen Meisters, Google-Maps-Routenberechnungen, Foren für Ahnenforschung und, nicht zuletzt, aus Liedern: Ein sowjetisches Protestlied wird auf dem Bolotnaja-Platz von der Menge mitgesungen, während Jahre später an einer Strandpromenade in Chabarowsk ausgerechnet ein französisches Chanson aus Lautsprechern klingt, jenes Lied, mit dem 1980 ebendieses Hotel Kosmos eingeweiht worden war, das die Erzählerin bei ihrer Ankunft in Moskau bewohnt. Die Wiederkehr dieser Melodie über Jahrzehnte und Kontinente hinweg führt vor, wie eng französische und sowjetische Kulturgeschichte in der Biografie der Erzählerin verflochten sind.

Von der kodierten Klingel zur eingeschriebenen Grabinschrift

Der Vergleich von Anfang und Schluss macht die Bewegung des Romans in aller Deutlichkeit sichtbar. Zu Beginn steht ein Kind, das nicht weiß, an wen es sich mit einer Frage wenden soll, weil die Mutter fehlt; am Ende steht eine erwachsene Frau, die ihrem sterbenden Großvater ein Versprechen gegeben hat und es, wenn auch gegen erheblichen Widerstand, einzulösen versucht. Zu Beginn regiert eine Klingelordnung, deren Sinn selbst der Erzählerin unklar bleibt und die sie doch gehorsam befolgt; am Ende steht der Versuch, den Namen eines Verschwundenen öffentlich, an einer Hauswand in Moskau, sichtbar zu machen, ein Versuch, der 2024 ausdrücklich mit der Begründung abgelehnt wird, die Gedenktafel dürfe „den Tod nicht erwähnen“ 12. Der Roman antwortet auf diese Verweigerung nicht mit Resignation, sondern mit einer Verlagerung des Sprechakts vom öffentlichen in den privaten, zugleich aber gedruckten und damit potenziell öffentlichen Raum des Buches selbst: Die letzten Zeilen bestehen aus Name, Geburtsort, Verhaftungs- und Sterbedatum des Urgroßvaters, zunächst auf Russisch, dann auf Französisch. Damit schließt sich der Bogen zum Romantitel: An zwei entscheidenden Stellen benutzt der Text die Wendung „à voix haute“ selbst, einmal, um die vom Großvater internalisierte Norm zu benennen, die Staatsmacht niemals „mit lauter Stimme“ infrage zu stellen 13, einmal, um den Wunsch der Erzählerin zu formulieren, endlich „es laut auszusprechen und Gerechtigkeit zu fordern“ 14. Der Schlusssatz des Buches erfüllt genau diesen zweiten Anspruch, wenn auch nicht auf der von der Erzählerin ursprünglich erhofften Gedenktafel, sondern auf der letzten Buchseite: „In Erwartung dieses Tages schreibe ich ihn hier hin“, heißt es unmittelbar vor der Inschrift, eine Formulierung, die die Literatur selbst als Ersatzort öffentlichen Gedenkens ausweist, solange der eigentliche Ort verweigert bleibt.

Eine Stimme für die Stummen

À voix haute erzählt, entlang zweier ineinander verschlungener Ausbildungsgeschichten, von der Mühe, eine Stimme zu finden, die weder die vorgegebene Rolle einer Schauspielschule noch das ererbte Schweigen einer traumatisierten Familie einfach reproduziert. Der Roman verweigert sich dabei jeder triumphalen Erlösungserzählung: Die Archivrecherche endet nicht mit einer feierlichen Rehabilitierung, sondern mit einer bürokratisch verweigerten Gedenktafel, und die Schauspielkarriere mündet nicht in eine glanzvolle Bühnenlaufbahn, sondern in ein Ensemble in der französischen Provinz. Gerade in dieser Zurückhaltung liegt die Konsequenz des Buches: Es zeigt, dass das Sprechen gegen ein über Generationen gewachsenes Schweigen kein einmaliger, abschließender Akt ist, sondern eine wiederholte, oft erfolglose Übung, die dennoch – wie die Zitronenübung im Metroschacht, wie die tastende Lektüre einer Gefängnisakte – jedes Mal ein Stück weiter reicht als beim letzten Mal. Wenn der Roman am Ende den Namen Iwan Rebizovs in zwei Sprachen notiert, vollzieht er im Kleinen genau jenes Verfahren, das er im Großen beschreibt: Er ersetzt eine verweigerte offizielle Inschrift durch eine literarische, verleiht damit einem Toten, dem selbst ein Grab verwehrt blieb, die Form eines Textes – und macht aus der Erzählerin, die einmal Schauspielerin werden wollte, letztlich jene Stimme, die für einen anderen spricht, weil dieser es selbst nicht mehr kann.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Vom auferlegten Schweigen zur eigenen Stimme: Gedächtnis und Theater bei Polina Panassenko." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on September 7, 2026 at 04:08. https://rentree.de/2026/09/07/vom-auferlegten-schweigen-zur-eigenen-stimme-gedaechtnis-und-theater-bei-polina-panassenko/.
Anmerkungen
  1. „Nul autre que toi ne pouvait entrer ici, car cette entrée n’était faite que pour toi.“>>>
  2. „Si le „je“ sent qu’on essaie de l’extraire du „nous“, il se dissout aussitôt dans le pluriel.“>>>
  3. „Tu ne parles pas quatre langues, tu n’en parles aucune.“>>>
  4. „La distinction… se fait principalement dans la manière dont elles peuvent servir de contrepoint aux garçons.“>>>
  5. „Vous savez, Sveta, pour les femmes, il suffit parfois d’être belle.“>>>
  6. „Plus tu tires loin, plus tu fais durer le o de „citron“.“>>>
  7. „En français, un mur sans ouverture s’appelle un mur aveugle. En russe, ça s’appelle un mur sourd.“>>>
  8. „C’est une peur phréatique.“>>>
  9. „Mon grand-père et moi ne parlons pas la même langue. Les mots sont les mêmes mais leur sens est différent.“>>>
  10. „Je vais quitter l’École.“>>>
  11. „Je pense qu’ils sont morts au même endroit.“>>>
  12. „La plaque commémorative ne doit pas faire mention de la mort.“>>>
  13. „ne pas remettre en cause à voix haute“>>>
  14. „en parler à voix haute et demander justice“>>>

Ähnliche Artikel


Neue Artikel und Besprechungen


Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.