Persönliches Pantheon – eine Geschichte der Republik in 20 Bestattungen: Michel Winock

Der Tod als Erzählachse der Dritten Republik

Michel Winock, Pompes funèbres: les morts illustres, 1871–1914 (Perrin, 2024).

Winocks Buch versammelt zwanzig Sterbefälle zwischen der Semaine sanglante von 1871 und dem Kriegsbeginn 1914 und macht aus ihnen den Zugang zu einer politischen und kulturellen Geschichte der Dritten Republik. Die Grundfigur ist denkbar einfach: Am Punkt des Todes wird, wie Winock in der Einleitung schreibt, „die Bilanz eines Lebens“ gezogen, öffentlich und in Konkurrenz verschiedener Deutungen. Die Trauerfeier ist dabei nicht nur Anlass zur Würdigung, sondern ein Ort, an dem sich Meinungsströmungen bündeln, an dem widersprüchliche Urteile aufeinandertreffen und an dem – so die implizite These – die Bruchlinien der Epoche in verdichteter, dramatisierter Form sichtbar werden: der Gegensatz von Klerikalen und Laizisten, von Republikanern und Monarchisten, von Dreyfusards und Antidreyfusards, von Nationalisten und Internationalisten, von männlich dominierter Öffentlichkeit und einer sich erst formierenden Frauenbewegung. Der Tod fungiert damit als diagnostischer Moment: Was an einer Person und an ihrer Zeit strittig war, entlädt sich am offenen Grab, wo die übliche Zurückhaltung gegenüber Verstorbenen – Winock hält eigens fest, dass die „Waffenruhe der Trauer“ in dieser Epoche nicht existiert – gerade nicht greift.

Bemerkenswert ist, dass diese Problemstellung nirgends als forschungslogische These formuliert wird, die es zu beweisen gälte. Winock stellt sie eher als Beobachtung und persönliches Erkenntnisinteresse vor, nicht als Hypothese, die am Ende der zwanzig Kapitel bilanziert würde. Für eine kulturwissenschaftliche Lektüre liegt der Ertrag des Buchs deshalb weniger in einer explizit ausgearbeiteten Theorie des Totenkults als in der Materialfülle, die es für eine solche Theoriebildung bereitstellt: Trauerreden, Autopsieberichte, Nachrufe aus dem gesamten politischen Spektrum, Exhumierungsprotokolle, Streitigkeiten um Bestattungsorte.

Die Einleitung umfasst nur wenige Absätze. Winock begründet darin seine Auswahl von zwanzig Personen, „die auf verschiedene Weise ihre Epoche verkörpert haben“, benennt seine Kriterien nicht systematisch, sondern eher additiv – manche seien bejubelt, andere verachtet oder ignoriert worden – und macht deutlich, dass er keine „Ehrenwache“ errichten, sondern von Sympathien und, seltener, Abneigungen nicht absehen will. Als kulturhistorischen Rahmen nennt er die Entstehung des modernen Totenkults im 19. Jahrhundert: das Dekret von 1804, aus dem der Friedhof Père-Lachaise hervorging, die Verlagerung der Bestattung aus dem Kirchenraum an den Stadtrand, die Personalisierung der Gräber, die Allerheiligen-Wallfahrt. Als Leitmotiv dient ihm ein Satz Michelets, „Die Geschichte ist eine Auferstehung“, den er programmatisch auf sein eigenes Vorhaben überträgt.

Auffällig – und für die Einordnung des Buchs zentral – ist das Fehlen eines Schlussteils. Auf das letzte Kapitel, das dem Kriegstod Charles Péguys gewidmet ist, folgt unmittelbar ein Anhang mit kapitelweise geordneten Leseempfehlungen („Pour en savoir plus“) und ein Register. Es gibt keine zusammenfassenden Seiten, die die zwanzig Fallstudien noch einmal aufeinander beziehen, Muster benennen oder eine Synthese anbieten. Die Lektüre endet dort, wo die Chronologie endet, mit dem Attentat auf Péguy und – im Rückblick des Autors auf sein eigenes Verhältnis zu dessen Nachleben – mit einem Ausblick auf die Vichy-Zeit und die spätere Rehabilitierungsdebatte. Für eine Studie, die sich als Geschichte eines halben Jahrhunderts versteht, ist dieser Verzicht auf eine explizite Synthese eine methodische Entscheidung mit Folgen, auf die im Fazit zurückzukommen ist.

Begriffliches Instrumentarium, methodische Entscheidungen, Verhältnis zur Forschung

Winock arbeitet mit wenigen, eher literarisch als theoretisch grundierten Begriffen: dem „Totenkult“ des 19. Jahrhunderts, dem „persönlichen Pantheon“, das er sich selbst und implizit auch dem Leser zuschreibt, und der Vorstellung, dass „die Lebenden mit den Toten leben“. Eine explizite Verankerung in der einschlägigen sterbe- und erinnerungsgeschichtlichen Forschung – etwa in Philippe Ariès‘ Geschichte des Todes im Abendland, in Michel Vovelles Arbeiten zu Tod und Mentalität oder in Avner Ben-Amos‘ Studie zu Trauerfeiern, Politik und Gedächtnis in der modernen Republik („Funerals, Politics, and Memory in Modern France“) – findet nicht statt; auch Pierre Noras Konzept der lieux de mémoire wird nur am Rande über ein Zitat zu Michelet gestreift, nicht als Bezugsrahmen ausgewiesen. Winock schreibt hier weniger als Theoretiker des kollektiven Gedächtnisses denn als Historiker der politischen Kultur der Dritten Republik, ein Feld, das er selbst über Jahrzehnte mitgeprägt hat.

Auf der Ebene der einzelnen Kapitel stützt sich das Buch konsequent auf vorliegende Spezialforschung: Anne Carols Studie zur Zerstückelung Gambettas, Mona Ozoufs Ferry-Biographie, Thierry Billards Felix-Faure-Biographie, Henri Mitterrands und Michel Drouins Arbeiten zu Zola, Marie-Hélène Baylacs und Édith Thomas‘ Biographien zu Louise Michel, Steven Hauses englischsprachige Studie zu Hubertine Auclert, die Péguy-Biographien von Arnaud Teyssier, Jean-Pierre Rioux und Géraldi Leroy. Das Buch ist damit eine Synthese vorhandener biographischer Forschung, verbunden durch das gemeinsame Motiv des Sterbeorts und der Trauerfeier, nicht schwerpunktmäßig eine auf Primärquellen im engeren Sinn – etwa unveröffentlichten Archivalien – gegründete Einzeluntersuchung.

Die auffälligste methodische Entscheidung betrifft die Erzählhaltung. Jedes Kapitel beginnt mit den Todesumständen, entfaltet dann rückblickend eine biographische Skizze und schließt mit der Trauerfeier und der posthumen Nachwirkung – aber in fast jedes Kapitel schaltet sich der Autor selbst ein: Wann er die jeweilige Person kennenlernte, welches Buch ihn prägte, wie sich sein Urteil im Lauf des Lebens veränderte. Diese Verfahrensweise korrespondiert mit Winocks 2024 erschienenem Band Ego-Histoire und macht Pompes funèbres zu einem Grenzfall zwischen Sachbuch und intellektueller Autobiographie. Die Kapitelfolge selbst ist streng chronologisch nach Todesjahr geordnet, nicht thematisch gruppiert; eine explizite Typologie von Trauerfeiern (Staatsbegräbnis, ziviles Begräbnis, diskrete Bestattung, umstrittene Exhumierung) wird nicht ausgearbeitet, ergibt sich aber implizit aus der Abfolge. Der Fußnotenapparat ist sparsam und beschränkt sich im Wesentlichen auf Nachweise wörtlicher Zitate; es handelt sich um ein für ein allgemeines Publikum geschriebenes Buch, nicht um eine mit vollständigem wissenschaftlichem Apparat versehene Monographie. Als Belegmaterial dominiert die zeitgenössische Presse über das gesamte politische Spektrum – von La Croix bis L’Intransigeant, von L’Aurore bis L’Action française –, die Winock ausgiebig zitiert, um die Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Deutungen sichtbar zu machen.

Befunde

Ein Teil der Befunde bestätigt, was man von einer politischen Geschichte der Dritten Republik erwarten würde: Die Staatsbegräbnisse Victor Hugos, Gambettas, Carnots und, mit Einschränkungen, Ferrys festigen eine republikanische Zivilreligion; die klerikal-antiklerikale Frontlinie strukturiert praktisch jeden Nachruf; politische Gewalt (Carnots Ermordung, Jaurès‘ Ermordung) und ihre mediale Verarbeitung ziehen sich durch das gesamte Buch; Frauen wie Louise Colet und Hubertine Auclert werden im Vergleich zu ihren männlichen Zeitgenossen posthum deutlich geringer gewürdigt.

Überraschender ist die wiederkehrende Motivik der Zerstückelung und Verwahrung des Körpers als politisches Objekt: Gambettas Leichnam wird nach der Autopsie buchstäblich aufgeteilt – Herz, Gehirn, Darmteile gehen an Freunde, Laboratorien und Institutionen, das Herz findet erst 1920 seinen Weg ins Panthéon, während Kopf und Arm bis heute als verschollen gelten. Ähnlich zieht sich die dreifache Exhumierung Michelets als familienrechtlicher Streit über mehrere Jahre hin. Überraschend ist auch die Instabilität der politischen Lager, die das Buch an mehreren Stellen sichtbar macht: Rossel wird weder von der Linken noch von der Rechten als „einer der ihren“ beansprucht; Rocheforts Trauerzug vereint 1913 Anhänger der extremen Linken und der extremen Rechten; der Nationalist Maurice Barrès trauert öffentlich um Jaurès und äußert Sympathie für Louise Michel. Schließlich revidiert das Buch an einer Stelle explizit eine über Jahrzehnte akzeptierte Version: Zolas Tod durch Kohlenmonoxidvergiftung gilt heute, gestützt auf spätere Recherchen, eher als vorsätzlicher Mord denn als Unfall – eine Umdeutung, die zeigt, wie lange ein Todesfall Gegenstand nachträglicher historischer Revision bleiben kann.

Die zwanzig Sterbefälle im Einzelnen

1871, Louis Rossel

Der junge protestantische Offizier und Absolvent der Polytechnique dient im Génie-Korps und macht die Belagerung von Metz mit, wo er dem Marschall Bazaine vergeblich eine Politik des Widerstands nahelegt. Nach der als Schande empfundenen Kapitulation flieht er, als Bauer verkleidet, durch die feindlichen Linien und schließt sich der Commune an – nicht aus sozialistischer Überzeugung, sondern aus patriotischer Empörung darüber, dass Paris allein noch kämpfen will. Als Kriegsdelegierter der Commune scheitert er an der Zersplitterung der Kommandogewalt zwischen Kommune, Sicherheitsausschuss und Nationalgarde und tritt zurück; nach der Semaine sanglante wird er verhaftet, vor ein Kriegsgericht gestellt und am 28. November 1871 auf dem Exerzierplatz von Satory erschossen, nachdem er in Abschiedsbriefen an seine Schwester Bella noch um Fassung gebeten hat. Winock erzählt zugleich seine eigene Entdeckung Rossels über ein antiquarisches Buch von Roger Stéphane und über Édith Thomas‘ Biographie – ein Hinweis darauf, wie sehr die Auswahl des Bandes von persönlicher Lektüreerfahrung geprägt ist. Aufschlussreich an dem Kapitel ist vor allem, dass Rossel bis heute von keinem der beiden großen Lager beansprucht wird: Der Linken gilt er als zu militärisch und zu kritisch gegenüber der Commune, der Rechten bleibt er der „irregeleitete Patriot“. An seinem Fall lässt sich studieren, wie Gedächtniskulturen gerade jene Figuren an den Rand drängen, die sich keiner ihrer vorgefertigten Kategorien fügen.

1874, Jules Michelet

Der Historiker stirbt hochbetagt in Hyères; weil er die Angst vor dem Scheintod teilte, wird sein Leichnam zunächst einbalsamiert. Es folgt ein mehrjähriger Streit: Sein Schwiegersohn Alfred Dumesnil lässt ihn gegen den Willen der Witwe Athénaïs in Hyères bestatten, worauf diese gerichtlich eine Exhumierung erwirkt und den bereits stark beschädigten Sarg – das Protokoll spricht von einer im Wasser treibenden Bahre – über Toulon nach Paris überführen lässt, wo eine Menschenmenge tagelang an der Wohnung in der rue d’Assas vorbeizieht, bevor der Trauerzug über mehrere Boulevards zum Père-Lachaise führt und Gabriel Monod im Namen der Witwe spricht. Das Kapitel verknüpft diese Beisetzungsgeschichte mit einer Skizze von Michelets Geschichtsschreibung – seiner Kontroverse mit Louis Blanc über Robespierre und die Terreur, seiner Vorstellung des „Volkes“ als eigentlichem Geschichtssubjekt – sowie mit der von Roland Barthes beschriebenen erotisch-anthropologischen Deutung von Michelets Werk. Instruktiv an dem Kapitel ist vor allem, wie der Leichnam selbst über Jahre hinweg zum materiellen Streitgegenstand einer familiären und juristischen Auseinandersetzung wird, an dem sich die Verfügungsgewalt über das Andenken eines „großen Mannes“ ganz konkret entscheidet.

1876, Louise Colet

Die einst mehrfach preisgekrönte Dichterin – viermal in Folge Trägerin des großen Poesiepreises der Académie française – stirbt am Tag der feierlichen Eröffnung der neu republikanisch gewählten Abgeordnetenkammer, ohne diesen politischen Umschwung noch erlebt zu haben; ihre Tochter setzt gegen ihren erklärten Willen eine kirchliche Zeremonie durch, und die Beisetzung im Familiengrab ihres getrennt lebenden Mannes verläuft mit wenigen Trauergästen. Victor Hugos knappe Tagebuchnotiz steht damit in auffälligem Missverhältnis zu einer Karriere, die von einer glanzvollen Jugend in Aix-en-Provence über zahlreiche literarische Liebschaften – darunter Victor Cousin, Alfred de Musset, Alfred de Vigny – und den berüchtigten Messerangriff auf den Pamphletisten Alphonse Karr bis zu einem produktiven Alterswerk reicht. Ihr Nachleben verdankt sich bis heute weit stärker der leidenschaftlichen, oft zerrütteten Beziehung zu Flaubert als ihrem eigenen umfangreichen Werk. Was das Kapitel damit vor Augen führt, ist der Mechanismus, mit dem eine kommerziell wie institutionell erfolgreiche Schriftstellerin posthum auf die Rolle einer Nebenfigur in der Biographie eines männlichen Kanon-Autors reduziert wird.

1876, George Sand

Anders als der Titel suggeriert, gilt das Kapitel weniger der Trauerfeier selbst als der langjährigen Freundschaft und ästhetisch-politischen Kontroverse zwischen Sand und Flaubert, die Winock in ausführlichen Briefwechseln dokumentiert: Flauberts Bekenntnis zur „Unpersönlichkeit“ des Romans und zum reinen Formwillen trifft auf Sands Beharren, Literatur müsse eine gesellschaftliche Aufgabe erfüllen; politisch stehen Flauberts Skepsis gegenüber dem allgemeinen Wahlrecht und Sands seit 1830 ungebrochener Republikanismus einander gegenüber, obwohl sie selbst 1848 eine Kandidatur für die Nationalversammlung ablehnte. Nach ihrem Tod scheitert im Parlament zunächst ein Antrag, ihr auf Staatskosten ein Denkmal zu errichten, weil man darin einen „gefährlichen Präzedenzfall“ sieht; erst 1884 in La Châtre und 1904 im Jardin du Luxembourg werden Statuen eingeweiht, beide Male ohne dass Flaubert, Turgenjew oder Hugo dies noch erlebt hätten. Ergiebig an dem Kapitel ist der Nachvollzug eines literarisch-politischen Streitgesprächs zwischen zwei ungleichen Positionen ebenso wie die Beobachtung, wie zögerlich und umstritten der Prozess weiblicher literarischer Kanonisierung im öffentlichen Raum verlief.

1877, Adolphe Thiers

Der einstige „Henker der Commune“, dessen Telegramm an die Präfekten nach der Semaine sanglante – der Boden sei mit Leichen bedeckt, das werde eine Lehre sein – bis heute an ihm haftet, hat sich in seinen letzten Lebensjahren mit Gambetta gegen die Ordre-moral-Regierung des Marschalls Mac-Mahon gestellt und ist so, trotz seiner Vergangenheit als Ministerpräsident Louis-Philippes und als Gründer der bürgerlichen Julimonarchie, zur Symbolfigur des republikanischen Lagers geworden. Winock zitiert ausgiebig die beißenden Verhöhnungen, die Flaubert und Sand ihm zu Lebzeiten in ihren Briefen widmen, um den Kontrast zur pompösen, mitten in der Wahlkampagne der Krise vom 16. Mai stattfindenden Trauerfeier umso schärfer zu zeichnen: Gambetta nutzt den Trauerzug gezielt als Mobilisierungsinstrument, die Republikaner kehren mit Macht in die Kammer zurück, und zwei Jahre später muss Mac-Mahon zurücktreten. Anschaulich wird an diesem Kapitel, wie eine Bestattung unmittelbar in eine laufende Wahlkampagne eingebaut werden kann, und zugleich, wie beweglich politische Lagerzugehörigkeiten in der jungen Dritten Republik tatsächlich waren.

1882, Léon Gambetta

Eine harmlose Schussverletzung an der Hand, die sich Gambetta beim Hantieren mit einem Revolver zuzieht, wird von der oppositionellen Presse sofort zum Gerücht einer eifersüchtigen Geliebten aufgebauscht; als kurz darauf eine tödlich verlaufende Blinddarmentzündung hinzukommt, ergehen sich Blätter wie La Croix tagelang in Spekulationen über seinen körperlichen Verfall. Nach seinem Tod an Silvester 1882 wird der Leichnam obduziert und dabei buchstäblich aufgeteilt: Das Herz geht an den engen Freund Paul Bert, das Gehirn – dessen im Vergleich zu den Erwartungen geringes Gewicht die Presse eigens vermerkt – an ein anthropologisches Laboratorium, Darmstücke werden von einzelnen Ärzten aufbewahrt. Sein Vater verweigert die Bestattung in Paris und besteht auf Nizza; erst 1920, im selben Zeremoniell wie die Beisetzung des Unbekannten Soldaten, wird das inzwischen zu einer eigenen Reliquie gewordene Herz endgültig ins Panthéon überführt, während Kopf und Arm bis heute als verschollen gelten. Vor Augen geführt wird dadurch, wie der politische Körper zum naturwissenschaftlichen wie zugleich kultischen Objekt werden und wie sich um bloße Körperteile eine über Jahrzehnte und mehrere Regierungen hinweg fortgesetzte Symbolpolitik entwickeln kann.

1885, Jules Vallès

Der an Diabetes leidende, von den Strapazen der Commune und des Exils gezeichnete Journalist stirbt kurz nach der Wiederbelebung seines Blatts Le Cri du peuple; sein letzter Artikel gilt, programmatisch für sein Lebensthema, der Forderung nach Abschaffung der Pariser Polizeipräfektur. Winock zeichnet zugleich seine von Kindheit an geprägte Auflehnung nach – die berühmten Eingangszeilen seines autobiographischen Romans L’Enfant über eine Kindheit ohne Zärtlichkeit, dafür mit Schlägen – und seine Rolle als libertärer, den Autoritätsanspruch von Blanquisten wie Jakobinern gleichermaßen ablehnender Akteur der Commune. Zur Beerdigung, organisiert von einstigen Mitstreitern wie Édouard Vaillant, rufen ehemalige Communarden ausdrücklich als Gedenken an „den Aufständischen“ auf; in seinem unmittelbaren Umfeld beginnt zugleich Séverine, die er als Mitarbeiterin gewonnen hatte, ihre eigene journalistische Laufbahn, die sie zur ersten bedeutenden Journalistin Frankreichs machen wird. Deutlich wird an dieser Konstellation, wie eine Trauerfeier zur Fortsetzung des Commune-Gedenkens innerhalb der militanten Linken wird und wie sich in ihrem Umfeld zugleich eine kämpferische journalistische Praxis an eine neue, diesmal weibliche Generation weitergibt.

1885, Victor Hugo

Nach Jahren gesundheitlichen Verfalls seit einem Schlaganfall 1878 stirbt Hugo an einer Lungenentzündung; sein Testament, das eine Bestattung im Armenwagen verlangt, jede kirchliche Grabrede ablehnt, aber ausdrücklich den Glauben an Gott bekennt, zeigt noch einmal die Eigenwilligkeit seiner religiösen Position. Bis zuletzt politisch aktiv – er erwirkt die Generalamnestie für die Communarden, feiert 1878 das Voltaire-Zentenarium, interveniert für zum Tode verurteilte russische Anarchisten und gegen die Pogrome an Juden in Russland –, wird er zum Staatsbegräbnis mit geschätzt zwei Millionen Teilnehmern verabschiedet: geschlossene Geschäfte, halbmastgesetzte Flaggen, ein Taubenschwarm über der Concorde-Brücke, eine Grabrede Leconte de Lisles unter dem Portikus des Panthéon. Winock verwebt diese Beschreibung mit der Geschichte seines eigenen, sich über Jahrzehnte wandelnden Zugangs zu Hugo – von schulischer Langeweile über eine New Yorker Broadway-Aufführung der Misérables bis zur späteren Wertschätzung, die ihn dieses Werk zu „einem Stück Frankreich“ erklären lässt. Bemerkenswert an dem Kapitel ist die doppelte Beobachtung, dass die Sakralisierung durch das Staatsbegräbnis dem literarischen Werk selbst geschadet hat, weil sie Hugo zum „offiziellen Dichter“ verengte, und dass sich an keiner anderen Stelle des Buchs die autobiographische Erzählmethode deutlicher zeigt.

1892, Ernest Renan

Der Gelehrte durchläuft eine bemerkenswerte politische Wandlung: In seiner nach der Niederlage von 1871 verfassten Réforme intellectuelle et morale plädiert er noch für eine aufgeklärte Aristokratie der Gelehrten gegen die „Gefahren“ des allgemeinen Wahlrechts, bevor er sich ab Mitte der 1870er Jahre, enttäuscht von der Ordre-moral-Politik Mac-Mahons, zunehmend der Republik annähert und im Streit um die Trennung von Kirche und Staat auf die Seite Gambettas tritt. Sein 1882 an der Sorbonne gehaltener Diskurs über die Nation – als „tägliches Plebiszit“ statt als Rasse, Religion oder Sprache definiert – bleibt bis heute wirkungsmächtiger als sein einst skandalumwittertes Buch über das Leben Jesu. Seine eigene Trauerfeier am Collège de France verläuft demgegenüber vergleichsweise unauffällig; Winock notiert, dass sich kaum jemand an den Fenstern zeigt, „es war ja nur ein Intellektueller“. Zentral für die Argumentation des Buchs ist hier das Missverhältnis zwischen einer bescheidenen, wenig beachteten Trauerfeier und einer intellektuellen Wirkung, die weit über seinen Tod hinausreicht – ein Gegenbeispiel zu den pompösen Staatsbegräbnissen der übrigen Kapitel.

1893, Jules Ferry

Der Gründer der laizistischen Schule und Verfechter der Trennung von Religionsunterricht und Staat stirbt an einem seit einem Attentat 1887 geschwächten Herzen; die Nachrufe fallen ungewöhnlich feindselig aus, sowohl von katholischer Seite, die ihm die Vertreibung der Kongregationen aus dem Schulwesen nie verziehen hat, als auch vom populistisch-nationalistischen Lager um Rochefort, dessen Blatt L’Intransigeant seinen Tod offen als „Erlösung“ bezeichnet und ihm seine Kolonialpolitik in Tunesien und Tonkin vorwirft. Winock stützt sich hier ausdrücklich auf Mona Ozoufs Biographie, die Ferrys Doppelprojekt – die Republik dauerhaft zu etablieren und Frankreich als Großmacht neu zu begründen – rekonstruiert und ihn gegen das zeitgenössische Zerrbild eines kalten Bürgerlichen verteidigt. Interessant an dem Kapitel ist, wie sich Nachrufliteratur als historische Quelle für den Grad politischer Polarisierung lesen lässt, und wie die spätere, deutlich konsensuellere Kanonisierung Ferrys – heute vor allem als Schulgründer erinnert – selbst zum historischen Prozess wird, der eigens nachgezeichnet werden muss.

1894, Sadi Carnot

Als Spross einer republikanischen Dynastie – sein Großvater Lazare Carnot organisierte als Mitglied des Wohlfahrtsausschusses die Verteidigung der jungen Republik, sein Vater Hippolyte war 1848 Unterrichtsminister – wird der als Kompromisskandidat gewählte Präsident 1894 bei einem Besuch in Lyon vom italienischen Anarchisten Sante Caserio erdolcht, offenbar als Racheakt für die verweigerte Begnadigung des Anarchisten Auguste Vaillant. Die Bluttat löst eine Welle fremdenfeindlicher Gewalt gegen italienische Einwanderer aus – Winock erwähnt die vorausgegangenen tödlichen Ausschreitungen von Aigues-Mortes – und mündet gesetzgeberisch in die dritte der sogenannten „lois scélérates“, mit denen Meinungsdelikte gegen den Anarchismus verschärft strafbar werden und die noch 1992 teilweise in Kraft sind; Clemenceau protestiert vergeblich gegen die Verhaftung des Anarchisten Jean Grave. Nachvollziehbar wird an dem Kapitel vor allem die Kette von Attentat, medialer Erregung und gesetzgeberischer Reaktion, mit der ein Einzelfall politischer Gewalt dauerhafte repressive Maßnahmen legitimiert.

1895, Louis Pasteur

Winock erzählt ausführlich, wie zögerlich Pasteur 1885 den Schritt vom Tierversuch zur ersten Tollwutimpfung am Menschen wagt, als ihm der gebissene Junge Joseph Meister gebracht wird, und wie der anschließende Erfolg beim Schäfer Jupille seinen Ruhm begründet, obwohl ihn Rivalen wie der Berliner Bakteriologe Robert Koch und Kritiker wie der Pariser Arzt Peter weiterhin bekämpfen. Nach der triumphalen Eröffnung des Institut Pasteur 1888 durch Präsident Carnot und dem Jubiläum von 1892 stirbt er 1895 mit einem Kruzifix in der Hand; seine Witwe erwirkt zwar ein Staatsbegräbnis in Notre-Dame, verweigert aber die von Poincaré vorgeschlagene Überführung ins Panthéon zugunsten einer Bestattung im eigenen Institut. Deutlich wird an dieser Episode ein Gegenmodell zum republikanischen Staatsbegräbnis: eine private, an eine Institution gebundene Gegen-Erinnerung, die neben der staatlich-laizistischen Gedächtnispolitik fortbesteht, während sich Pasteurs eigene Schüler – allen voran Émile Duclaux – wenige Jahre später demonstrativ auf die Seite der Dreyfusards stellen.

1899, Félix Faure

Die bis heute kolportierte Anekdote seines Todes im Élysée-Palast in den Armen einer Geliebten – tatsächlich Marguerite Steinheil – hat, wie Winock unter Berufung auf die Memoiren seines Kabinettsdirektors Le Gall zeigt, mit dem tatsächlichen Herzversagen wenig zu tun, überlagert aber bis heute jede sachliche Würdigung seiner Präsidentschaft. Die Nachrufe fallen entlang der Bruchlinie der Dreyfus-Affäre aus: Konservative rühmen seine Rolle in der Faschoda-Krise, während Sébastien Faure ihm im Journal du peuple eine regelrechte publizistische Autopsie widmet und selbst Jaurès und Clemenceau ihm jede Größe absprechen. Erst Thierry Billards knapp tausendseitige Biographie von 1995 revidiert das über Generationen tradierte Bild eines Präsidenten, der die Revision des Dreyfus-Prozesses aktiv blockiert habe, und zeigt stattdessen einen Mann, der sich – vielleicht zu bequem, aber verfassungsrechtlich konsequent – auf strikte Neutralität zurückzog. Lehrreich an diesem Kapitel ist vor allem, wie hartnäckig sich eine politisch gefärbte Anekdote über Jahrzehnte gegen archivalisch fundierte Korrektur behaupten kann.

1902, Émile Zola

Der zunächst als Unfall gewertete Kohlenmonoxidtod – ein verstopfter Kaminabzug in der Pariser Wohnung – wird erst 1953, ausgelöst durch Zeitungsrecherchen zum Fünfzigjahresgedenken, als möglicher politischer Mord neu bewertet: Ein Zeuge will das Geständnis eines mit antisemitischen Ligen verbundenen Rauchfangkehrers gehört haben, der den Kamin absichtlich verstopft habe. Winock stellt dieser Spekulation die zeitgenössischen Reaktionen gegenüber, von La Croix‚ unverhohlener Genugtuung bis zu Anatole Frances Grabrede, die Zola zu „einem Augenblick des menschlichen Gewissens“ erklärt; die 1908 nach jahrelangem parlamentarischem Streit erfolgende Überführung ins Panthéon wird selbst zum Schauplatz eines Attentats, als bei der Zeremonie ein Schütze Dreyfus verwundet und anschließend unter dem Beifall des Gerichtssaals freigesprochen wird. Deutlich zeigt sich hier, dass sich die Nachwirkungen der Dreyfus-Affäre buchstäblich über den Tod und die spätere Ehrung Zolas hinweg fortsetzen, anstatt durch sie zu einem Abschluss zu kommen – ein Kapitel, das die Grenze zwischen Trauerfeier und fortgesetzter politischer Gewalt besonders deutlich verwischt.

1904, Mathilde Bonaparte

Die 1820 in Triest geborene Tochter des letzten Bruders Napoleons, deren geplante Ehe mit dem späteren Napoleon III. am gescheiterten Staatsstreich von Straßburg 1836 zerbricht, heiratet stattdessen den russischen Fürsten Anatole Demidoff, lässt sich nach dessen Gewaltausbrüchen mit Unterstützung des Zaren scheiden und baut sich ab 1841 in Paris eine eigene, von der großen Politik unabhängige Stellung als Salonière auf, in der sie Sainte-Beuve, Théophile Gautier und später Künstler wie Nadar empfängt. Als „Notre-Dame des Arts“ gefeierte Mäzenin wird sie nach ihrem Tod 1904 in ihrem Pariser Stadtpalais in der rue de Berri aufgebahrt und in ihrer Sommerresidenz Saint-Gratien beigesetzt, abseits jeder republikanischen Zeremonie, aber mit dem gesellschaftlichen Pomp der alten europäischen Aristokratie. Sichtbar wird an diesem Kapitel eine parallele, deutlich weniger politisch aufgeladene Gedächtnisökonomie der bonapartistischen und aristokratischen Kreise, die neben der republikanischen fortbesteht, ohne mit ihr in direkte Konkurrenz zu treten.

1905, Louise Michel

Ihre Beisetzung löst umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen des Präfekten Lépine aus, weil eine revolutionäre Kundgebung befürchtet wird; L’Aurore kritisiert das martialische Auftreten von Kürassieren bei einer bloßen Beerdigung, und tatsächlich ziehen bis zu hunderttausend Menschen unter Absingen der Internationale und der Carmagnole, trotz behördlichen Verbots, hinter dem mit roten und gelben Immortellen geschmückten Wagen zum Friedhof von Levallois, wo unter anderen Séverine im Namen der Frauen spricht, die während der Commune eine so große Rolle gespielt hatten. Bemerkenswert ist die Passage, in der Winock den Nationalisten Maurice Barrès zitiert, der 1907 in seinem privaten Tagebuch bekennt, die „Grande Citoyenne“ trotz ideologischer Gegnerschaft zu lieben und ihre „Flamme“ zu bewundern. Sichtbar wird an dieser Konstellation, dass charismatische moralische Integrität gelegentlich über Lagergrenzen hinweg Anerkennung findet, selbst in einer ansonsten tief gespaltenen Erinnerungskultur, in der politische Gegner einander sonst kaum ein gutes Wort gönnen.

1913, Henri Rochefort

Der aus verarmtem Adel stammende, unter dem bürgerlich klingenden Namen firmierende Publizist durchläuft eine der bemerkenswertesten politischen Wandlungen des Buchs: vom Herausgeber der gegen Napoleon III. gerichteten Lanterne über die Mitgliedschaft in der Regierung der nationalen Verteidigung 1870, die Deportation nach Neukaledonien als verurteilter Communarde bis zum glühenden antisemitischen Nationalisten und Weggefährten Drumonts und Maurras‘. Zu seiner Beerdigung 1913 versammeln sich, wie Winock im Detail schildert, Trauergäste der extremen Linken ebenso wie der extremen Rechten; Léon Daudet feiert ihn in L’Action française als „großen Patrioten“, während Péguy ihn zeitlebens für eine „verächtliche Kanaille“ hielt. Belegt wird durch diesen Fall, wie unbeständig politische Lagerzugehörigkeiten im Frankreich des 19. Jahrhunderts sein konnten und wie eine einzelne, in sich widersprüchliche Biographie die Links-rechts-Unterscheidung als analytisches Raster für diese Epoche insgesamt infrage stellt.

1914, Hubertine Auclert

Die 1848 im Allier geborene, früh verwaiste und finanziell unabhängige Frau, die eine geistliche Laufbahn zugunsten des politischen Engagements aufgibt, prägt 1882 den Begriff „féministe“, gründet 1876 die Société du droit des femmes und die Zeitschrift La Citoyenne, organisiert eine Steuerstreikkampagne unter dem Motto „Ich wähle nicht, ich zahle nicht“ und stört wiederholt standesamtliche Trauungen, um gegen die rechtliche Unterordnung der Ehefrau zu protestieren; ihr während der Kolonialjahre in Algerien entstandenes Buch über die Lage arabischer Frauen kritisiert zugleich die französische Kolonialpolitik. Sie stirbt im April 1914, wenige Monate vor einer von Séverine organisierten großen Wahlrechtsdemonstration, in aller Stille; ihr nachträglich entdecktes Tagebuch offenbart hinter der öffentlichen Unerschrockenheit wiederkehrende Phasen der Erschöpfung und Einsamkeit. Auffällig an diesem Kapitel ist der Kontrast zu den übrigen: Eine tatsächlich innovative politische Akteurin, deren zentrale Forderung erst 1944 erfüllt wird, findet in der Erinnerungskultur kaum Platz – eine Leerstelle, die zugleich auf eine Lücke in Winocks eigenem „persönlichen Pantheon“ verweist, das er selbst als lückenhaft markiert.

1914, Jean Jaurès

Die Ermordung durch Raoul Villain im Café du Croissant am Vorabend der Generalmobilmachung fällt buchstäblich mit dem Ende der Vorkriegszeit zusammen; Winock rekonstruiert ausführlich die 1913 geführte Debatte um die Verlängerung der Wehrdienstzeit auf drei Jahre, Jaurès‘ in L’Armée nouvelle entwickeltes Konzept einer rein defensiven Milizarmee und seine – im Rückblick fast prophetische – Warnung vor den Verheerungen eines industriellen Krieges, der auf dem Baseler Kongress der Zweiten Internationale 1912 noch einmal öffentlich beschworen wird. Eindrücklich schildert das Kapitel auch den Besuch des politischen Gegners Barrès am Sterbebett, seine anteilnehmende Begegnung mit der Witwe Madeleine und seine spätere Tagebuchnotiz über die „Einsamkeit“ um den Toten. Zentral für das Buch ist hier die dichteste Verschränkung von individuellem Tod und kollektiver Katastrophe: Am selben Tag, an dem Jaurès beigesetzt wird, verkündet die Regierung die Mobilmachung, und Winock lässt bewusst offen, ob im nachträglichen Streit zwischen „Idealisten“ und „Realisten“ – zwischen Jaurès einerseits, Barrès und Clemenceau andererseits – überhaupt eine Seite eindeutig recht behalten hat.

1914, Charles Péguy

Der am 5. September 1914 bei Villeroy nahe Meaux gefallene Gründer der Cahiers de la Quinzaine durchläuft in seinem kurzen Leben eine politische Wandlung vom Sozialisten und glühenden Dreyfusard über den Bruch mit Jaurès bis zur Konversion zu einem zugleich antiklerikalen Katholizismus; Winock unterscheidet dabei explizit zwischen einem offenen, universalistischen und einem geschlossenen, auf die eigene Nation fixierten Nationalismus und ordnet Péguy trotz seines Kriegstods eindeutig der ersteren Tradition zu. Bereits Barrès‘ Nachruf in L’Écho de Paris vereinnahmt ihn als nationalen Helden, eine Aneignung, die sich unter dem Vichy-Regime fortsetzt, das ihn zum Ahnherrn der „Révolution nationale“ erklärt – eine Instrumentalisierung, gegen die sich Winock, wie er selbst berichtet, 1988 in einem Vortrag in Orléans ausdrücklich gewandt hat. Den Abschluss des Buchs prägt damit die Einsicht, dass der Streit um die Deutung einer einzelnen Biographie sich über ein ganzes Jahrhundert fortsetzen kann, und dass der eigentlich auf 1871 bis 1914 begrenzte Rahmen des Buchs an dieser Stelle bewusst in die eigene Gegenwart des Autors hinein geöffnet wird.

Fazit, Stärken und Schwächen, Forschungsausblick

Als Gesamtleistung liegt der Wert des Buchs in der Materialdichte und in der konsequenten Durchführung eines einfachen, aber tragfähigen Verfahrens: den Tod als Brennpunkt zu nehmen, an dem sich politische und kulturelle Konflikte einer Epoche konzentriert beobachten lassen. Die durchgängige Verwendung zeitgenössischer Pressestimmen aus dem gesamten politischen Spektrum macht die Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Deutungen unmittelbar erfahrbar, ohne dass Winock sie glättet. Die Auswahl der zwanzig Personen vermeidet eine reine Ansammlung von Staatsbegräbnissen und nimmt mit Rossel, Colet, Vallès, Michel und Auclert auch Figuren auf, die im offiziellen republikanischen Gedächtnis randständig geblieben sind, wodurch das Buch implizit ein Korrektiv zum staatlichen Panthéon anbietet.

Als Schwäche ist zunächst das Fehlen einer Synthese zu nennen: Die Beobachtungen zu Körperfragmentierung, zur Instabilität politischer Lager, zur Geschlechterasymmetrie der Erinnerungskultur oder zur andauernden politischen Nachwirkung von Trauerfeiern bleiben über zwanzig Kapitel verstreut, ohne dass der Autor sie am Ende bündelt oder in einen Forschungszusammenhang stellt. Zweitens bleibt das begriffliche Instrumentarium unterentwickelt: Ein Buch, das explizit vom „Totenkult“ des 19. Jahrhunderts spricht, hätte von einer expliziten Auseinandersetzung mit der einschlägigen sterbe- und ritualgeschichtlichen Forschung profitiert, statt sie stillschweigend vorauszusetzen. Drittens erzeugt die durchgängige autobiographische Einmischung des Autors – so aufschlussreich sie für die Genese seines eigenen historischen Urteils ist – eine gewisse Unschärfe zwischen Quellenkritik und persönlicher Erinnerungsliteratur, die für eine strikt kulturwissenschaftliche Lektüre eigens ausgewiesen werden muss.

Die folgenden vier Linien skizzieren Vorschläge, die über zwanzig Kapitel verstreuten Beobachtungen zu bündeln und in ein Verhältnis zueinander zu setzen. Sie beanspruchen keine Vollständigkeit, sondern zeigen, an welchen Stellen sich aus dem Material eigenständige, über den Einzelfall hinausreichende Aussagen gewinnen ließen.

Der Leichnam zwischen staatlichem Zugriff und privater Verfügungsgewalt

Über mehrere Kapitel hinweg lässt sich der Körper des Verstorbenen als Schauplatz eines Kompetenzstreits zwischen staatlicher Aneignung und familiärer Verfügungsgewalt lesen. Am deutlichsten zeigt sich dies dort, wo der Staat den Leichnam beansprucht und die engste Angehörige – auffällig oft die Witwe – diesen Anspruch zurückweist: Marie Pasteur verweigert die vom Ministerium angebotene Überführung ins Panthéon zugunsten einer Bestattung im Institut ihres Mannes; Alexandrine Zola lehnt die Pantheonisierung ihres Mannes zunächst ebenfalls ab, weil sie neben ihm im Familiengrab liegen möchte, und fügt sich erst nach jahrelangem politischem Druck; Athénaïs Michelet muss den Leichnam ihres Mannes ihrem Schwiegersohn regelrecht abringen, um ihn überhaupt nach Paris überführen zu können. Diesem Muster privater, meist weiblicher Verweigerung steht der gegenteilige Fall der buchstäblichen Zerteilung gegenüber, wenn der Körper – wie bei Gambetta – zum Objekt konkurrierender institutioneller Ansprüche wird und zwischen Freund, Laboratorium und Staat aufgeteilt wird, oder wenn – wie bei Michelet – zwei männliche Verwandte den Leichnam als Faustpfand einer Erbschaftsauseinandersetzung behandeln, während die Witwe um seine Rückgewinnung prozessiert. Eine Synthese dieser Fälle könnte den Leichnam als eine Ressource beschreiben, um die sich konkurrierende Deutungshoheiten – die des Staates, der Wissenschaft, der Familie – im wörtlichen Sinn balgen, wobei die Position der Witwe in mehreren Fällen die einzige ist, die dem staatlichen Zugriff überhaupt etwas entgegenzusetzen vermag, obwohl Frauen an anderer Stelle des Buchs gerade von eigener öffentlicher Würdigung ausgeschlossen bleiben. Diese Beobachtung ließe sich mit der klassischen ethnologischen Unterscheidung zwischen vorläufiger und endgültiger Bestattung (Robert Hertz) in Verbindung bringen: Was in traditionalen Gesellschaften rituell zwei Phasen der Trauer trennt, wiederholt sich hier als politischer Prozess – die „endgültige“ Bestattung Gambettas oder Zolas ist keine liturgische, sondern eine parlamentarisch-administrative Angelegenheit, die sich über Jahre oder Jahrzehnte hinzieht.

Poröse Lager: eine Typologie von Grenzgängern

Mehrere Kapitel widersprechen implizit der Vorstellung, die Dritte Republik lasse sich sauber in ein klerikal-monarchistisches und ein laizistisch-republikanisches Lager teilen. Aus den Einzelfällen ließe sich eine Typologie von vier Positionen entwickeln, die quer zu dieser Zweiteilung liegen. Erstens die dauerhaft unbeanspruchte Figur, die keinem Lager zugerechnet werden kann, weil sie dessen Kriterien nicht erfüllt – Rossel, dem die Linke seine Kommune-Kritik, die Rechte seinen Verrat am Kaiserreich nicht verzeiht. Zweitens die vom eigenen wie vom gegnerischen Lager gehasste Figur, die – wie Ferry – von Klerikalen und Rochefort’schen Populisten gleichermaßen angefeindet wird und damit die scheinbaren Gegner in ihrer gemeinsamen Ablehnung eines was auch immer gearteten Zentrums vereint. Drittens die Wandlungsfigur, die im Lauf eines Lebens die Seite wechselt und dabei von der Nachwelt an ihrer letzten, nicht an ihrer ursprünglichen Position gemessen wird – Thiers, der „Henker der Commune“, der als Republikaner zu Grabe getragen wird, oder umgekehrt Rochefort, der vom Communarden zum Weggefährten der äußersten Rechten wird und bei dessen Begräbnis sich beide frühere Lager noch einmal versammeln. Viertens die charismatische Ausnahmefigur, deren persönliche Integrität lagerübergreifende Anerkennung erzwingt, obwohl ihre politischen Positionen unverändert bleiben – Louise Michel, der Barrès trotz unveränderter Gegnerschaft öffentlich Bewunderung zollt, oder Jaurès, an dessen Sterbebett sich derselbe Barrès einfindet. Eine Zusammenschau dieser vier Typen würde zeigen, dass die politische Landkarte der Dritten Republik nicht durch feste Lagerzugehörigkeit, sondern durch die Art und Weise strukturiert ist, wie einzelne Biographien sich zu ihr in Beziehung setzen – als Verweigerung, als gemeinsames Feindbild, als Wandlung oder als Ausnahme.

Zwei Ökonomien der Würdigung: der öffentliche Mann und die Ausnahmefrau

Setzt man die Kapitel zu den männlichen und weiblichen Figuren des Buchs nebeneinander, zeichnet sich ein struktureller Unterschied ab, der über die einzelne Beobachtung geschlechtsspezifischer Benachteiligung hinausgeht. Männern steht, unabhängig von ihrer tatsächlichen Popularität, ein institutionalisierter Weg der Würdigung offen – Staatsbegräbnis, Panthéon, öffentlich finanziertes Denkmal –, den selbst tief verhasste Amtsträger wie Ferry oder Faure durchlaufen; die Kontroverse betrifft hier den Ton der Würdigung, nicht ihre grundsätzliche Verfügbarkeit. Für Frauen existiert dieser Automatismus nicht: Colets vierfacher Akademiepreis reicht nicht aus, um ihr mehr als eine private, gegen ihren Willen kirchliche Bestattung zu sichern; für Sand lehnt das Parlament ein staatlich finanziertes Denkmal ausdrücklich ab; Auclerts Erfindung des Wortes „féministe“ und ihre jahrzehntelange politische Pionierarbeit führen zu keiner nennenswerten öffentlichen Ehrung. Wo Frauen dennoch Anerkennung über den engeren Kreis hinaus finden, geschieht dies auf zwei alternativen Wegen, die sich aus den Kapiteln herausdestillieren ließen: über den Status der gesellschaftlichen Mäzenin und Salonière, die – wie Mathilde Bonaparte – innerhalb einer eigenen, von der republikanischen Zivilreligion unabhängigen Ökonomie des Ansehens verkehrt, oder über eine Form moralischer Ausnahmestellung, die individuellen Mut und persönliches Charisma verlangt und damit gerade nicht aus politischer oder literarischer Leistung im engeren Sinn erwächst, wie im Fall Louise Michels, deren „naive“ politische Ideen Winock selbst als solche kennzeichnet, während er ihre persönliche Integrität hervorhebt. Zusammengenommen ergäbe sich das Bild zweier getrennter Würdigungssysteme: eines, das an das Amt oder den literarischen Kanon gekoppelt und Männern nahezu automatisch zugänglich ist, und eines, das für Frauen an außergewöhnliche persönliche Eigenschaften gebunden bleibt und selbst dann prekär bleibt.

Die Trauerfeier als reaktivierbares Ereignis statt als Abschlussritus

Klassische ritualtheoretische Modelle – etwa van Genneps Übergangsriten – beschreiben die Bestattung als Vorgang, der eine Störung der sozialen Ordnung beendet und die Gemeinschaft in einen neuen, stabilen Zustand überführt. Mehrere Kapitel des Buchs widersprechen diesem Muster, insofern die Trauerfeier gerade keinen Abschluss markiert, sondern selbst zum Ausgangspunkt neuer, teils gewaltsamer Auseinandersetzungen wird. Die Pantheonisierung Zolas 1908 ist nicht Endpunkt, sondern Bühne eines neuerlichen Attentats auf Dreyfus; Gambettas Herz wandert erst 1920, nach fast vierzig Jahren und mehreren Regierungswechseln, an seinen endgültigen Bestimmungsort; Péguys Grab wird noch Jahrzehnte nach seinem Tod zum Gegenstand einer politischen Aneignung durch das Vichy-Regime und einer Gegenrede Winocks selbst im Jahr 1988. Auch dort, wo keine förmliche zweite Zeremonie stattfindet, fungiert eine Trauerfeier häufig als Referenzpunkt für die nächste – etwa wenn die Presse Carnots Staatsbegräbnis ausdrücklich an den Maßstäben misst, die Hugos Beisetzung gesetzt hatte. Eine Synthese dieser Fälle könnte die Trauerfeier der Dritten Republik weniger als Ritus der Wiederherstellung denn als eine Art politischen Aggregatzustand beschreiben, der sich über Jahrzehnte immer wieder neu verflüssigen und in neuer Form erstarren kann, sooft sich die politischen Kräfteverhältnisse verschieben.

Diese vier Linien ließen sich ihrerseits aufeinander beziehen: Die geschlechtsspezifische Asymmetrie der Würdigung (dritte Synthese) erklärt zum Teil, weshalb es gerade Witwen sind, die im Streit um den Leichnam (erste Synthese) auf Verweigerung statt auf öffentliche Inszenierung setzen, da ihnen die Bühne der Staatstrauer ohnehin verschlossen bleibt; die Instabilität der Lager (zweite Synthese) wiederum erklärt, weshalb Trauerfeiern so leicht zu reaktivierbaren Ereignissen werden (vierte Synthese), weil die an ihnen beteiligten politischen Kräfte selten stabil genug sind, um eine einmal gefundene Deutung dauerhaft zu sichern. Genau eine solche Verschränkung der Einzelbeobachtungen hätte ein Schlusskapitel leisten können, das der Band nicht enthält.

Desiderate

Als Forschungsdesiderate ergeben sich aus Winocks Buch mehrere Anschlussmöglichkeiten: eine systematische, komparative Typologie der Trauerfeiern der Dritten Republik (Staatsbegräbnis, ziviles Begräbnis, diskrete Bestattung, Exhumierungsstreit) auf breiterer Quellenbasis; eine genauere Untersuchung der Körperfragmentierung als naturwissenschaftlich-kultische Praxis, die über den Einzelfall Gambetta hinausgeht; eine geschlechtergeschichtliche Untersuchung der posthumen Kanonisierung, die die in diesem Buch nur angedeutete Asymmetrie zwischen männlichen und weiblichen Nachrufen systematisch auswertet; sowie eine medienhistorische Studie zur Funktion des Nachrufs als Fortsetzung politischer Kontroversen mit anderen Mitteln, die über die hier versammelten Einzelbeispiele hinaus die Nachrufpraxis der Dritten Republik insgesamt in den Blick nimmt.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Persönliches Pantheon – eine Geschichte der Republik in 20 Bestattungen: Michel Winock." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on August 4, 2026 at 00:49. https://rentree.de/2026/08/04/persoenliches-pantheon-eine-geschichte-der-republik-in-20-bestattungen-michel-winock/.

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