Résumé
Helmut Lethens (1939-2026) „Verhaltenslehren der Kälte: Lebensversuche zwischen den Kriegen“ erzählt, wie sich Menschen in der Zwischenkriegszeit gegen den Zerfall aller Sicherheiten wappneten, indem sie sich selbst in Distanz, Haltung und Maske verwandelten – und die Keimzelle dieser Erzählung ist eine Gefängniszelle: Der Romanist Werner Krauss sitzt 1943 in Plötzensee auf sein Todesurteil wartend und vertieft sich, um die Angst zu bannen, in das barocke „Handorakel“ des spanischen Jesuiten Baltasar Gracián – und entdeckt darin eine Lehre der kalten, berechnenden persona, die Lethen daraufhin quer durch die Weimarer Literatur verfolgt, von Serners „Handbrevier für Hochstapler“ über Brechts „Lesebuch für Städtebewohner“ bis zu Jüngers gepanzertem „Arbeiter“. Doch anders als bei Gracián, dessen Maßhalten Krauss selbst an den französischen Moralisten misst, die dem anderen Geschlecht wenigstens eine Stimme ließen, kippt diese Kälte im deutschen Kontext regelmäßig ins Extrem, während Lethen im Rückblick bedauert, sein Buch nicht konsequenter in jene französische Kunst der Distanz eingebettet zu haben, die er später bei Montaigne und, mit einiger Verspätung, bei Proust wiederfindet – eine Kunst, elegant Nähe zu regulieren, ohne sich zu verletzen, die im deutschen Sonderweg selten gelang. Neben der kalten persona entwirft das Buch mit dem Radar-Typ und der Kreatur zwei Gegenfiguren – die eine surft angstfrei durch die neuen Massenmedien, die andere geht an ihnen zugrunde –, bevor das kurze Schlusskapitel mit Brechts „Mutter Courage“ zeigt, wohin die Kälte am Ende führt: in die Verlassenheit. Das im Jahr 2022 hinzugekommene Nachwort dreht die eigene These noch einmal um: Lethen räumt ein, dass er bei Plessner ein „Naturrecht auf Wärme“ übersehen hatte, und hinterlässt seinen Leserinnen und Lesern damit die offene Frage, ob die Historisierung der Kälte diese eher entlarvt oder ihr am Ende doch einen unverdienten Glanz verleiht.
Ein Nachruf
Helmut Lethen ist am 13. August 2026 in Wien gestorben, im Alter von 87 Jahren, wie sein Verlag Rowohlt mitteilte. Geboren 1939 in Mönchengladbach, ging er nach dem Abitur zunächst zur Bundeswehr, studierte dann in Bonn, Amsterdam und Berlin, war 68er-Aktivist und bis 1975 Mitglied der maoistischen KPD/AO. Von 1977 bis 1996 lehrte er in Utrecht, danach hatte er den Lehrstuhl für Neueste deutsche Literatur in Rostock inne, von 2007 bis 2016 leitete er das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. Für Der Schatten des Fotografen (2014) erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch, 2020 erschienen seine Erinnerungen Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug. Sein Referenzwerk aber blieb, von der ersten Rezeption 1994 bis in die Nachrufe dieser Tage, die Studie Verhaltenslehren der Kälte: Lebensversuche zwischen den Kriegen.
Der Anlass, dieses Buch heute noch einmal zu lesen, ist also ein doppelter: der Tod des Autors und die 2022 erschienene Neuausgabe, die den ursprünglichen Text von 1994 unangetastet lässt, ihm aber ein umfangreiches, im Oktober 2021 in Wien abgeschlossenes Nachwort beigibt. Dieses Nachwort ist mehr als ein Vorwort zur zweiten Auflage – es ist eine eigenständige Auseinandersetzung mit der Rezeptionsgeschichte, mit der Kritik, die das Buch seit 1994 begleitet hat, und mit den eigenen blinden Flecken des Autors. Eine Würdigung, die nur das Buch von 1994 bespricht, würde daher etwas Entscheidendes übergehen: dass Lethen selbst, dreißig Jahre nach der Erstveröffentlichung, seine zentrale These noch einmal geprüft und an einer Stelle korrigiert hat.
Verhaltenslehren in Zeiten des Zerfalls
Die Ausgangslage: Scham als Signum der Zwischenkriegszeit
Lethens Ausgangsthese steht bereits in der Einleitung: In Momenten sozialer Desorganisation, wenn die Gehäuse der Tradition zerfallen und Moral an Überzeugungskraft verliert, entstehen Verhaltenslehren, die helfen, Eigenes von Fremdem und Vertrauenszonen von Misstrauenszonen zu unterscheiden. Die zwanziger Jahre sind für ihn ein solcher Moment: Millionen Kriegsheimkehrer und Kriegsinvalide müssen in eine zivile Ordnung integriert werden, die wilhelminischen Orientierungsmuster haben ihre Geltung verloren, die junge Republik wird von den meisten politischen Lagern nur als Provisorium akzeptiert.
In dieser Lage, so Lethens Argument, meldet sich der philosophische Anthropologe Helmuth Plessner mit einem Vorschlag zu Wort, der in der Bundesrepublik der achtziger und neunziger Jahre zu neuer Aufmerksamkeit gelangt war: Plessners Schrift Grenzen der Gemeinschaft (1924) begreift Anonymität, Distanz und Künstlichkeit nicht als Verfallserscheinungen, sondern als Bedingung eines humanen Lebens in der Öffentlichkeit. Der Satz „Der Mensch ist von Natur aus künstlich“ wird zum Ausgangspunkt einer Verhaltenslehre, die – gegen den in Deutschland traditionell gepflegten Gemeinschaftskult – Takt, Zeremonie, Diplomatie und Reserviertheit als Mittel würdigt, mit denen Menschen sich nahekommen können, ohne sich zu verletzen.
Lethen will diese Aktualisierung Plessners nicht bloß übernehmen, sondern historisieren. Historisierung bedeutet für ihn: den Habitus des von Plessner beschriebenen Subjekts im Umfeld seiner tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten der Zwischenkriegszeit zu rekonstruieren – und zu zeigen, dass die Verhaltenslehren der Distanz sich in Deutschland nie ganz vom Anflug des Heroischen lösen konnten. Das Buch folgt dabei einem abgewandelten Satz aus Büchners Dantons Tod: den Verhaltenslehren der Kälte bis zu dem Punkt nachzugehen, an dem sie verkörpert werden. Genau dort, an der Stelle der Verkörperung, wird aus dem Denkexperiment ein Ernstfall.
Sachlichkeit als Abwehr der Beschämung
Das erste Kapitel eröffnet mit einer Anekdote: Der dreizehnjährige Manès Sperber erlebt 1918 auf dem Wiener Nordbahnhof, wie ein Offizier von seinem eigenen Diener öffentlich geohrfeigt wird. Lethen nutzt diese Szene, um ein Modell zu entwickeln, das er der kulturellen Anthropologie der dreißiger Jahre entnimmt: den Unterschied zwischen Schamkultur und Schuldkultur. Während die Schuldkultur ein inneres Gewissen voraussetzt, das Verfehlungen unabhängig von öffentlicher Beobachtung bewertet, funktioniert die Schamkultur über die Blicke anderer – Ehre und Schande entstehen im Angesicht von Zeugen, nicht im stillen Selbstgespräch der Seele.
Die Polemik der zwanziger Jahre gegen die „Gewissenskultur“, so Lethens These, hängt mit der Erfahrung der militärischen Niederlage zusammen: Wer den Krieg verloren hat und die „ungeheure Komplikation der verschuldeten Person“ (Walter Benjamin) loswerden will, wendet sich einer „Psychologie des Außen“ zu. Der Mensch wird als Bewegungsmaschine wahrgenommen, Gefühle als motorisches Gebaren, Charaktere als Masken. Die Formel, die Lethen dem Dichter Ossip Mandelstam entlehnt und die durch das ganze Buch hallt, lautet: Die Kältetendenz rühre vom Eindringen der Physik in die moralische Idee. Entpsychologisierung erscheint den Zeitgenossen als Weg zur Modernisierung – ein Programm, das, wie Lethen zeigt, zugleich befreiend und riskant ist, weil es die Frage nach moralischer Verantwortung an den Rand drängt.
Schon an dieser Stelle schärft Lethen seine Methode an einem französischen Bezugspunkt: der von der Annales-Schule geprägten Unterscheidung zwischen kurzer und langer Dauer. Fernand Braudels Spott über den „Mythos“ der stoßkräftigen Barbaren, die sich, kaum ins Haus der Hochkulturen eingedrungen, rasch wieder in den eroberten Räumen auflösten, dient ihm als Gegenprobe: Erleidet die europäische Avantgarde der Jahre 1910 bis 1930 ein ähnliches Schicksal wie jene Barbaren, deren scheinbare Umwälzung die longue durée am Ende absorbiert? Die Frage bleibt im ersten Kapitel offen, sie grundiert aber die gesamte Anlage des Buches, das einzelne, oft sekundenschnelle Verhaltensakte gegen die großen Zeiträume der Geschichtsschreibung behauptet.
Schematismus und die Konstruktion dreier Kunstfiguren
Das zweite Kapitel beobachtet eine gegenläufige Bewegung: Wo stabile Konventionen wegfallen, wächst der Bedarf an Schematisierung. Alles wird klassifiziert – Körperbau, Handschrift, Charakter –, und neue technische Medien wie die Fotografie dienen als Instrumente dieser Definitionsarbeit. Aus dieser Konstellation heraus, so Lethens Argument, entwirft die Literatur der Neuen Sachlichkeit drei Kunstfiguren: die kalte persona, den Radar-Typ und die Kreatur. In den ersten beiden sieht Lethen symbolische Mittel, mit denen die Zeitgenossen sich angstfrei in die Modernisierung einmischen wollen; in der dritten kehrt die aus der kalten persona vertriebene Angst zurück.
Die kalte persona: Gracián, Werner Krauss und die Galerie der Porträts
Das dritte und vierte Kapitel bilden das Zentrum des Buches. Ausgangspunkt ist eine Volte in der eigenen Entstehungsgeschichte, die Lethen selbst erzählt: In der Bibliothek von Utrecht stößt er auf eine Studie über den spanischen Jesuiten Baltasar Gracián, verfasst von dem Romanisten Werner Krauss, der sie 1943 bis 1945 im Zuchthaus Plötzensee schrieb, während er auf sein Todesurteil wartete. Krauss entdeckt in Graciáns barockem Handorakel von 1647 eine Lehre der kalten, taktisch berechnenden persona – und verbindet sie, aus der Situation der Haft heraus, mit einem Widerstandsbegriff, der auf das Maß zielt statt auf das Extrem: „Diskrete Verwegenheit“ und „besonnener Wagemut“ statt Kälte als Selbstzweck.
Krauss selbst legt dabei, im Vergleich mit den französischen Moralisten, eine Leerstelle offen, die Lethen später zur Selbstkritik nutzt: Er misst Graciáns Handorakel am Leitbild der französischen Moralisten, deren Menschenbild sich, anders als das des Jesuiten, „in der beständigen Rücksichtnahme auf die weibliche Partnerrolle“ ausgeformt habe. Gemessen an diesem Maßstab mute Graciáns Welt „spanisch“ an: eine Männerwelt, in der die weibliche Stimme bis zum Verstummen zurückgedrängt ist. Lethen übernimmt diese Beobachtung als Einschränkung seines eigenen Vorhabens – er bezeichnet die „Verhaltenslehren der Kälte“ in der Einleitung selbst als ein „Männerbuch“, dessen einseitige Schlagseite sich aus dem Gegenstand ergibt, den er beschreibt, nicht aus einer bewussten Wahl.
Von dieser Volte aus rekonstruiert Lethen, wie die „kalte persona“ in der neusachlichen Literatur der Weimarer Republik wiederkehrt – nun aber unter Bedingungen, die Graciáns höfisches Maß sprengen. In einer Galerie von Porträts liest er Talleyrand als Figur des Zynismus, Walter Serners „Handbrevier für Hochstapler“ als Handbuch einer Existenz im Ausnahmezustand der Fahndungsöffentlichkeit, Bertolt Brechts Handorakel für Städtebewohner (später bekannt als Lesebuch für Städtebewohner) als Lehrgedicht des Untertauchens, und Ernst Jüngers Weg über Der Arbeiter als Entwurf einer gepanzerten, von organischer Tiefe entlasteten Gestalt. Auch Carl Schmitts Werk gehört in diese Reihe: Die kalte persona verlangt eine ständige Wachsamkeit, „als ob irgendwo im Körper ununterbrochen eine elektrische Klingel“ liefe, wie Jünger es formuliert – ein chronischer Alarmzustand, der jede öffentliche Gefühlsäußerung als Schwäche behandelt.
Lethens Pointe ist, dass diese Literatur nicht spielerisch bleibt. Was bei Plessner als Denkexperiment der Distanz gedacht war, wird in der Literatur des neusachlichen Jahrzehnts unter „Bedingungen des Extrems“ durchexerziert – und stößt dabei auf den Widerstand der Körperwelt. Der Satz, den Lethen von Günther Anders übernimmt – „Erste Kalamität des Menschen: Sein Leib ist stur“ – markiert die Grenze der Verkörperung: Die kalte persona lässt sich als Programm entwerfen, aber sie lässt sich nicht ohne Verluste leben.
Im Nachwort verfolgt Lethen die Wirkungsgeschichte von Graciáns Handorakel über die deutsche Rezeption hinaus zurück nach Frankreich: über die Übersetzungen und Bearbeitungen der französischen Moralistik, von La Rochefoucauld bis zu Choderlos de Laclos‘ Liaisons dangereuses, in denen die höfische Verstellungskunst am Ende scheitert, bis zur Neuausgabe durch den französischen Gracián-Herausgeber Marc Fumaroli, der das Handorakel 2011 als eine Art domestizierten Machiavellismus der privaten Lebensführung beschrieb. Diese Linie, so Lethens pointierte Beobachtung, lässt sich bis ins Silicon Valley weiterverfolgen – ein später, entpolitisierter Abkömmling derselben Verhaltenslehre, deren deutsche Zuspitzung er im Hauptteil des Buches beschreibt.
Der Radar-Typ: Riesmans Modell in der Weimarer Republik
Im fünften Kapitel wechselt Lethen die Bezugsfigur und wandert von Gracián zu David Riesman, dessen Studie über den „außengeleiteten Charakter“ (1950) eigentlich das Amerika der Nachkriegszeit beschreibt. Lethen überträgt Riesmans Unterscheidung zwischen dem innengeleiteten Menschen mit seinem „Kreiselkompass“ und dem außengeleiteten Menschen mit seinem „Radar-Gerät“ auf die Weimarer Republik: Der Radar-Typ orientiert sich nicht an einem verinnerlichten Gewissen, sondern beobachtet fortlaufend die Signale seiner Umgebung – Moden, Konsumverhalten, Mediensignale. Anders als die kalte persona inszeniert er seine Gewissenlosigkeit nicht als Spektakel der Amoral, sondern lebt sie als Lässigkeitskult, als entspannten Umgang mit den neuen Massenmedien.
Diese Figur, so Lethen, findet in der Literatur der Zeit kaum eine geschlossene Gestalt – am ehesten noch in Irmgard Keuns Romanheldinnen (Gilgi, eine von uns, Das kunstseidene Mädchen) oder als Gegenbild in Erich Kästners Fabian, wo der moralisch gebundene Held am fehlenden Kreiselkompass des neuen Typs scheitert. Bemerkenswert an Lethens Lektüre ist, dass er den Radar-Typ, anders als die klassische Kulturkritik von Spengler bis zur Dialektik der Aufklärung, nicht von vornherein als Vorstufe des Totalitären liest. Erst das NS-Regime, so sein Argument, hat die lockere Formation des Radar-Typs zerstört und ihn in Massenformationen organisiert – nicht weil er ihr zwangsläufig zutrieb, sondern weil ihm die republikanischen Freiräume, in denen er Autonomie hätte entwickeln können, entzogen wurden.
Die Kreatur als Kehrseite der Kälte
Das sechste Kapitel führt die Gegenfigur ein: Während der Radar-Typ sich in den Massenmedien bewegt „wie ein Fisch im Wasser“, bilden dieselben Medien für die Kreatur ein undurchdringliches Schicksal. Lethen zeigt an Beispielen wie den Kriegskrüppeln, an Arnold Zweigs „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ oder an Arnolt Bronnens Werk, wie die neusachliche Literatur neben der gepanzerten persona auch eine Figur der Ohnmacht kennt – eingebettet in Diskurse der Theologie, der Psychoanalyse und der zeitgenössischen Tierverhaltensforschung. Lethen betont ausdrücklich, dass er diese Figur nicht als Aufdeckung eines „eigentlichen“, unmaskierten Wesens hinter der kalten persona verstanden wissen will. Auch die Kreatur trägt eine Maske – eine Maske der Ohnmacht, die ebenso Nähe und Distanz reguliert wie die Panzerung der kalten persona.
Verlassenheit: Das Ende der Verhaltenslehren
Das kurze siebte Kapitel, „Verlassenheit“, markiert den Bruchpunkt. In Brechts Mutter Courage, geschrieben im Exil am Ende der dreißiger Jahre, wird das männliche Idol der Kälte – die Nomadologie, das Lob der Flüchtlingsexistenz – in der Gestalt einer Frau vorgeführt und im selben Zug verworfen: Die Kinder der Courage sterben, weil ihre Überlebenstechnik der Kälte funktioniert, aber die Freude am Leben kostet. Lethen zitiert Hannah Arendts Unterscheidung zwischen Einsamkeit und Verlassenheit, um zu markieren, dass die Verhaltenslehren, mit denen sein Buch beginnt, am Ende in eine Situation führen, in der nichts mehr übrigbleibt als Haltung selbst. Es ist die knappste und, nach Lethens eigener Auskunft im Nachwort, die von Kritikerinnen und Kritikern am seltensten beachtete Passage des Buches – zugleich diejenige, in der die späteren Arbeiten Lethens, etwa Der Schatten des Fotografen, bereits angelegt sind.
Das Nachwort von 2022 und eine offene Frage
Das für die Neuausgabe verfasste Nachwort ist selbst ein Stück intellektueller Redlichkeit, das über weite Strecken wie eine eigene kleine Studie liest. Lethen rekapituliert die frühe Rezeption: Ulrich Raulffs Besprechung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom März 1994, die das Buch mit einem Bild H. R. Gigers illustrierte, Thomas Assheuers Kritik in der Frankfurter Rundschau unter dem Titel „Autonomie als Selbstzerstörung“, Klaus Naumanns Einwand in der Zeit und Ludger Heidbrinks Rezension in der Neuen Zürcher Zeitung. Der wiederkehrende Vorwurf: Das Buch entpsychologisiere und enthistorisiere zugleich, es lese die Weimarer Republik als „Experimentierfeld der Moderne“ statt als „Inkubationszone des Terrors“, und es verleihe der Kälte-Haltung, mit der später Technokraten des NS-Staats und SS-Angehörige operierten, einen ästhetischen Reiz. Aleida Assmann, so berichtet Lethen, hat diese Kritik Jahrzehnte später erneuert: Das Buch habe die Härte der Kriegsgeneration in einem Moment nobilitiert, in dem die deutsche Erinnerungskultur sich gerade auf historische Schuld zu konzentrieren begann.
Rückblickend hätte Lethen sein Buch gern noch stärker in eine französische Traditionslinie eingebettet gesehen. Er verweist im Nachwort auf die Nähe zur französischen Moralistik, vor allem zu Montaigne, und berichtet, wie er erst später in Prousts Recherche auf das stieß, was seinem eigenen Vorhaben nahekommt: eine „Enzyklopädie der unendlich variablen Kunst, Distanz zu betonen“. Proust zeichnet mit ironischem Blick die Salons nach, die das Hofleben Ludwigs XIV. imitieren und von diesem Vorbild nur noch dessen „kalte Gymnastik“ bewahrt haben. Hätte er sein Buch konsequenter in diese Linie gestellt, so Lethens später Wunsch, wäre Walter Serners Handbrevier für Hochstapler die Zuspitzung dieser Traditionslinie ins Deutsche geworden, statt vorrangig als Symptom eines nationalen Sonderwegs zu gelten.
Lethen weist die eingangs referierte Kritik nicht rundweg zurück, sondern differenziert sie an mehreren Stellen. Am aufschlussreichsten ist der Abschnitt über den „Streit um Plessner“: Die Plessner-Forschung reagierte 1994 mit Widerspruch auf Lethens Lesart – man warf ihm vor, Grenzen der Gemeinschaft fälschlich als Verhaltenslehre statt als Anthropologie zu lesen, eine zeitweilige Nähe zu Carl Schmitt zu unterstellen und die Rolle der Frau in Plessners Text zu verkennen. Die Kontroverse mündete 2002 in einen Sammelband, in dem unter anderem Axel Honneth in einem Beitrag über „Plessner und Schmitt“ genau jene Berührung diskutierte, die Lethen behauptet hatte – mit dem Ergebnis, dass Plessners Schrift „Macht und menschliche Natur“ von 1931 tatsächlich Passagen über „bluthafte Affinität“ zum Volk und über den Kampf gegen das „unvertraute Fremde“ enthält, die der liberalen, am Individuum orientierten Lesart von 1924 widersprechen. Wie weit diese Verschiebung ging, zeigt sich für Lethen in Plessners Groninger Exilvorlesungen von 1935: Dort erscheinen ausgerechnet Frankreich und England als „maskierte Völker“, die den anthropologischen Grundsatz der Künstlichkeit tatsächlich verkörpern, während Deutschland zum „unmaskierten Volk“ wird, das sich von „elementaren Daseinsinstinkten“ leiten lasse. Lethen liest darin eine nachträgliche Enthüllung: Der Satz „Der Mensch ist von Natur aus künstlich“ war demnach nie ein universales Axiom, sondern ein Wunschbild, das Plessner selbst an bestimmte Nationen – eben Frankreich und England – gebunden hatte, aus denen er es sich ursprünglich geliehen hatte.
Am bemerkenswertesten aber ist eine Korrektur, die Lethen an sich selbst vornimmt. In einem Seminar an der Kunstuniversität Linz, 2018, konfrontierten ihn Studierende mit einer Stelle, die er selbst 1994 offenbar übersehen oder für vernachlässigbar gehalten hatte: Plessner spricht am Ende von Grenzen der Gemeinschaft auch von einem „Naturrecht auf Wärme und Vertrauen“, von einem menschlichen Bedürfnis, „etwas zu haben, worin man untertauchen, aufgehen, auftauen, warm werden kann“. Die Gemeinschaft, so Plessner selbst, ist nicht nur Gefahr, sondern auch eine „primäre Einbettungssphäre“, ohne die der Mensch nicht leben kann – neben der Gesellschaft, nicht anstelle von ihr. Lethen räumt ein, dass er diesen Aspekt in den Verhaltenslehren der Kälte kaum gewürdigt hat, weil sein Buch ganz auf die Seite der Distanz, der Künstlichkeit und der Gesellschaft setzte. Diese Revision ist keine Marginalie: Sie berührt die Statik des gesamten Buches, das seine Pointe gerade aus der Behauptung bezog, Wärme und Gemeinschaft seien in der deutschen Tradition ideologisch belastet und die Kälte der Distanz sei die zivilisatorisch anspruchsvollere, wenn auch riskantere Option.
Lethen erzählt im Nachwort außerdem, wie ihn eine beiläufige Erwähnung seines Buchtitels in Gerd Koenens Studie über die Urszenen des deutschen Terrorismus erschreckte: Der Begriff „Verhaltenslehren der Kälte“ war, ohne dass er es beim Schreiben geahnt hatte, auch auf die „lebensweltliche Radikalisierung“ der Kinderladenbewegung und das Umfeld der RAF anwendbar geworden – ein Kontext, dem sein eigener biografischer Weg als Kader einer maoistischen Kaderpartei denkbar fernstand, wie er betont. Zugleich beobachtet er nüchtern, wie sich der Buchtitel im Lauf der Jahrzehnte von seinem historischen Ort löste und zu einem geflügelten Wort für eine entspannte, postmoderne „Coolness“ wurde – weit entfernt vom „Schreckensnimbus“ der historischen Avantgarden, aus dem er ursprünglich stammte.
Was also bleibt von diesem Zugang, dreißig Jahre und ein Autorenleben später? Die Antwort fällt nicht eindeutig aus, und Lethens eigenes Nachwort legt nahe, dass er sie selbst nicht für abgeschlossen hielt.
Für den Ertrag spricht, dass Lethens Historisierung eine Reihe von Figuren – Brecht und Jünger, Plessner und Schmitt, Serner und Werner Krauss – in einem gemeinsamen Verhaltensraum sichtbar macht, den eine Literaturgeschichte entlang der üblichen Lagergrenzen von links und rechts kaum erfasst hätte. Die Unterscheidung von Scham- und Schuldkultur, von innerer und äußerer Verhaltenssteuerung, liefert ein Werkzeug, mit dem sich nicht nur die Zwischenkriegszeit, sondern auch spätere Phänomene der Selbstpanzerung, der demonstrativen Gelassenheit oder der „Coolness“ beschreiben lassen – Lethen selbst hat dieses Werkzeug in Der Schatten des Fotografen und in Die Staatsräte weiterverwendet, um zu zeigen, wie die Verhaltenslehre der Kälte bis in die Bildpraxis der SS und die Karrieren von NS-nahen Kulturfunktionären hineinreicht.
Gegen den Ertrag – oder mindestens gegen seinen unbedingten Wert – spricht der Einwand, den Assheuer, Naumann und Assmann in unterschiedlicher Schärfe formuliert haben: Eine Analyse, die Psychologie und Moral bewusst ausklammert, um die „Physik“ des Verhaltens freizulegen, läuft Gefahr, genau jene Haltung fortzusetzen, die sie untersucht – eine Haltung, die sich selbst der Beurteilung entzieht, indem sie die Kategorien, mit denen man sie beurteilen könnte, für obsolet erklärt. Wenn ein Buch die „Verhaltenslehre der Kälte“ mit dem „Glanz barocker Hofkultur“ ausstattet, wie Assmann es formuliert, stellt sich die Frage, ob die Distanz des Historikers zur Distanz seines Gegenstands nicht zu nah gerät.
Lethens eigene Antwort im Nachwort ist zurückhaltend, aber nicht ausweichend: Er verteidigt den „antipsychologischen Affekt“ seines Buches als dessen Freiheit, korrigiert aber zugleich, an der entscheidenden Stelle, seine eigene Blindheit gegenüber dem „Naturrecht auf Wärme“, das schon in seinem Hauptzeugen Plessner angelegt war. Damit stellt er die Frage nach dem Ertrag seines Zugangs selbst – ohne sie endgültig zu beantworten.
Wer das Buch heute liest, wird sich dieser Frage kaum entziehen können: Hilft die Historisierung einer „Kälte“, die sich in Weimar unter Bedingungen des Extrems verkörperte, dabei, ähnliche Verhaltensmuster in der Gegenwart – von der demonstrativen Unerschütterlichkeit öffentlicher Auftritte bis zur „Selbstoptimierung“ spätmoderner Subjekte – klarer zu erkennen? Oder verschafft sie diesen Mustern, indem sie ihnen intellektuellen Reiz und barocke Ahnenreihen zuschreibt, eine Legitimität, die ihnen nicht zusteht? Lethens Buch beantwortet diese Frage nicht, es hält sie offen – und darin liegt, über den Tod seines Autors hinaus, vielleicht sein eigentlicher Ertrag: dass es seine Leserinnen und Leser zwingt, selbst Position zu beziehen, statt ihnen ein fertiges Urteil zu liefern.





