Cloé Kormans Prosa zwischen Verschweigen und Bezeugen

Résumé
Der Werküberblick stellt sechs bisher erschienene, nicht übersetzte Bücher der französischen Autorin Cloé Korman vor, von ihrem 2010 mit dem Prix du Livre Inter ausgezeichneten Debütroman „Les Hommes-couleurs“ bis zu „Mettre au monde“ (2025), und ordnet den für den Herbst angekündigten Roman „L’Acte“ ein. Erzählt wird in den Texten von einem französisch-jüdischen Ingenieur, der sich unter neuem Namen ein zweites Leben beim U-Bahn-Bau in Mexiko-Stadt aufbaut; von einer jungen Algerierin, die in einer Pariser Hochhaussiedlung ein leeres Zimmer und ein Telefon vorfindet, das nachts klingelt, ohne dass sich jemand meldet; von einem Sommer im Marseille des Jahres 2000, in dem Kinder aus einfachen Verhältnissen Shakespeares „Sturm“ proben; von den 1942 in Montargis verhafteten, später deportierten Cousinen des eigenen Vaters, deren Spur die Autorin gemeinsam mit ihrer Schwester über Briefe und Aktenvermerke zurückverfolgt; und von einer Hebamme, die einem totgeborenen Kind mit offenen Augen gegenübersteht, während in einer zweiten Erzählspur eine Historikerin über die Geschichte der Abtreibung forscht. Zwischen diesen Bildern entfaltet sich ein Werk, das beständig zwischen Fiktion, Essay und dokumentarischem Bericht wechselt. Der Text fasst die Bücher zunächst einzeln zusammen, benennt jeweils Bezüge zu den übrigen Titeln und entwickelt daraus Thesen zu einem Werksvergleich – zu wiederkehrenden Orten, Erzählformen und Motiven, die Kormans Prosa von Buch zu Buch verbinden.

 

Sechs Texte

Korman, Cloé. Les Hommes-couleurs. Paris: Seuil, 2010.

———. Les Saisons de Louveplaine. Paris: Seuil, 2013.

———. Midi. Paris: Seuil, 2018.

———. Tu ressembles à une juive. Paris: Seuil, 2020.

———. Les Presque Sœurs. Paris: Seuil, 2022.

———. Mettre au monde. Paris: Flammarion, 2025.

———. L’Acte. Paris: Flammarion, ersch. Herbst 2026.

Florence steht mit einer blauen Baseballkappe unter der Mondpyramide von Teotihuacán, ein kleiner Junge klettert ihr entgegen die Stufen herunter, sein Vater ruft ihm nach, zu dritt warten sie, bis er unten ankommt – aus dieser Begegnung wird eine Familie, ein U-Bahn-Bau, ein halbes Leben in Mexiko (Les Hommes-couleurs). Nour betritt im fünfzehnten Stock eines Turms namens Louveplaine eine leere, kalte Wohnung; nachts klingelt das Telefon, sie tastet sich im Dunkeln dorthin, hebt ab, niemand antwortet (Les Saisons de Louveplaine). In Marseille verteilt eine überforderte Amtsleiterin Aktenmappen und Wohnungsschlüssel an zwei junge Ferienbetreuerinnen, während unten auf der Straße ein Lied dröhnt, das Mädchen anpöbelt, und eine der beiden erwähnt beiläufig, sie beginne bald ihr Medizinpraktikum im Krankenhaus (Midi). In einer New Yorker Synagoge sitzt Korman hinter den Männern, versteht nichts, geht in den Regen hinaus; eine Bekannte erklärt ihr danach, wer den Séder verlasse, sei nicht wirklich jüdisch (Tu ressembles à une juive). Am 9. Oktober 1942 bindet die älteste der drei Schwestern, Mireille, der dreijährigen Henriette die Schuhe, bevor zwei deutsche Soldaten die Mädchen abholen (Les Presque Sœurs). Eine Hebamme schiebt nachts ein totgeborenes Kind mit blauer Wollmütze durch den Flur einer Entbindungsstation, hält kurz inne vor seinem offenen, nicht sehenden Blick, trägt die Werte ins Register ein (Mettre au monde).

Sechs Szenen, sechs sehr unterschiedliche Bücher – und doch ein Werk, dessen Zusammenhang bislang wenig in Deutschland bekannt ist. Cloé Korman schreibt seit 2010, ihr Debüt wurde mit dem Prix du Livre Inter ausgezeichnet, Les Presque Sœurs stand 2022 in der letzten Auswahl des Prix Goncourt – übersetzt liegt davon nichts vor, eine deutschsprachige Einordnung ihres Werks existiert nicht. Die folgende Übersicht, vier Romane, ein essayistischer Text und ein dokumentarischer Familienbericht aus den Jahren 2010 bis 2025, will diese Lücke, so vorläufig sie bleiben muss, zumindest andeutungsweise füllen: Zunächst werden die sechs Bücher einzeln vorgestellt, jeweils mit einem Absatz zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden innerhalb des Gesamtwerks, bevor zehn Thesen einige innere Werkbezüge skizzieren.

Ein siebtes Buch kommt im Herbst hinzu, laut Verlagsankündigung ein feministischer Roman: L’Acte ist als Monolog einer Frau angelegt, die sich gegen eine hohe, dringend benötigte Geldsumme verpflichtet hat, für einen Mann, dessen Auftrag sie anwidert, als Ghostwriterin ein Buch zu verfassen. Der Titel bezeichnet zugleich den Ort, an dem sie Jahre zuvor, in einer Zeit der Not, gearbeitet hat: Dort wurden ihr in wechselnden Kostümen, Räumen und Positionen, gegen wechselnde Summen, andere „Akte“ abverlangt, von denen sie lebte. Ebenso heißt so das Kino, in dem man an manchen Nachmittagen sitzt, um die eigene Vergangenheit zu betrachten, und die Bank, die den eigenen Wert besser kennt als man selbst, um über künftige Kredite zu entscheiden. Ob dieser Akt für alle gleich ausgeht, lässt die Ankündigung offen – manche, heißt es, sterben daran, nicht alle. Aufgeworfen wird die Frage, ob sich jede Form von Kompromiss und Korruption auf denselben Gründungsakt zurückführen lässt, den Moment, in dem ein Körper zum Objekt eines Tauschs zwischen ungleichen Parteien wird, und ob in einer geldbeherrschten Welt irgendeine Form des Überlebens der Prostitution entgehen kann. Zwischen Traumhaftem und politischer Fabel führt der Roman laut Ankündigung die Kapitalismuskritik auf diesen Ursprung, die Herrschaft über Körper, zurück, lässt aber offen, ob in geteilter, gleichberechtigt gedachter Erotik noch Freiräume zu entdecken wären.

Les Hommes-couleurs: Die Erfindung eines neuen Namens

Georges Bernache, ein französischer Ingenieur, der ursprünglich Bernheim hieß, verlässt 1943 mitten im Krieg Frankreich und lässt sich in Mexiko nieder, nachdem seine Familie umgekommen ist. Am Fuß der Mondpyramide von Teotihuacán lernt er die amerikanische Architektin Florence Evans kennen; gemeinsam mit dem adoptierten Jungen Niño, der gemeinsamen Tochter Suzanne und später Zwillingssöhnen baut sich das Paar ein Leben in Mexiko-Stadt auf, während Georges im Auftrag der amerikanischen Eisenbahngesellschaft Pullman am Bau der ersten U-Bahn-Linie arbeitet. Die Tunnelarbeiten stoßen auf aztekische Fundstätten und ein Erdölvorkommen, wodurch sich der Bau über Jahrzehnte verzögert und der Auftrag schließlich in Vergessenheit gerät.

Eine zweite Zeitebene setzt 1989 ein: Der kanadische Ingenieur Joshua Hopper, der für den Nachfolgekonzern Bombardier arbeitet, stößt auf die verstaubte Akte des „chantier Bernache“ und sucht den letzten noch lebenden Arbeiter der Baustelle, Grís Bandejo, auf, der inzwischen als alter Mann mit einem Glasauge im „Little Mexico“ von New York lebt. Bandejos Erzählungen, die zwischen Zeugenbericht und Legende changieren – etwa die Geschichte eines nächtlichen Besuchers, mit dem Georges eine ganze Nacht lang kämpft –, liefern Hopper keine gesicherten Fakten, sondern eine mündliche Gegengeschichte zur toten Aktenlage des Konzerns.

Der Titel verweist auf die Hautfarben und Herkünfte, die im Roman aufeinandertreffen: mexikanische Wanderarbeiter, ein französisch-jüdischer Ingenieur, der seine Herkunft unter einem neuen Namen begräbt, eine nordamerikanische Architektin. Migration, Grenzüberschreitung, das Verschweigen einer jüdischen Identität und das im Erdreich verborgene Wissen – archäologisch, mündlich, unternehmerisch – bilden das gemeinsame Gerüst der verschiedenen Erzählstränge.

Werkbezug. – Bereits hier legt Korman das Motiv an, das die späteren Bücher direkter behandeln werden: den Verlust der jüdischen Familie im besetzten Frankreich und die Umbenennung als Überlebensstrategie, ein Thema, das in Tu ressembles à une juive und Les Presque Sœurs aus der eigenen Familiengeschichte heraus entfaltet wird. Anders als die späteren, in realen Orten verankerten Bücher arbeitet Les Hommes-couleurs mit einem mythisch-legendenhaften Register (aztekische Gottheiten, ein rätselhafter nächtlicher Besucher), das eher an Midi mit seinem Shakespeare-Bezug erinnert als an den dokumentarischen Ton von Les Presque Sœurs oder Mettre au monde.

Les Saisons de Louveplaine: Ein Wohnturm als Chor

Nour, eine junge Frau aus Laghouat in Algerien, reist nach Frankreich, um zu ihrem Mann Hassan zu ziehen, der seit Jahren in der fiktiven Pariser Banlieue „Louveplaine“ lebt und arbeitet. Als sie ankommt, findet sie eine leere, ungeheizte Wohnung vor; Hassan ist spurlos verschwunden. Ihre Kindheitsfreundin Marjil, die in Algerien geblieben ist, berichtet rückblickend von Nours immer verstörenderen Telefonanrufen – von einem Telefon, das klingelt, ohne dass jemand am anderen Ende antwortet, und einer Türklingel, die niemand erklären kann.

Der Roman ist nach Monaten gegliedert, von September bis in den Frühling, wobei jedes Kapitel einen anderen Ort oder eine andere Figur des Wohnkomplexes „Les Vironnes“ in den Mittelpunkt rückt: eine Jugendunruhe, ausgelöst durch die Krankenhauseinlieferung des Jugendlichen Sonny, dessen Geschlecht in den Papieren und in der Wahrnehmung der Ärzte auseinanderfällt; die Ermordung Hassans, der wegen Spielschulden im Wald von Louveplaine verschwindet; der Polizist Maubuée, der zwischen Diensteinsatz und Privatleben pendelt und von seinem Vorgesetzten eine Anekdote über einen 1750 von einem Pariser Mob gelynchten Polizisten hört.

Die Erzählweise wechselt beständig die Perspektive und collagiert Stimmen aus der Siedlung zu einem vielstimmigen Gesamtbild. Polizeigewalt, Prekarität und irreguläre Migration stehen neben Motiven, die ins Legendenhafte kippen – etwa die Erscheinung eines Hirschs am Ende des Buches oder die Sage von der „Dame Blanche“, einem Geist, der Autofahrer mitnimmt und wieder verschwindet.

Werkbezug. – Wie Les Hommes-couleurs kreist der Roman um das Verschwinden eines Mannes und um Wege der Migration, verlagert das mythisch-legendenhafte Register jedoch in eine gegenwartsnahe, dokumentarisch grundierte Banlieue-Welt. Der Ortsname „Les Vironnes“ taucht später, als Name der Entbindungsstation, in Mettre au monde wieder auf und verbindet beide Bücher zu einem gemeinsamen fiktiven Terrain. Die hier erprobte Chorstruktur – viele Stimmen, ein Ort – kehrt verdichtet in der Familienstimme von Les Presque Sœurs wieder, während die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen aus der Banlieue, die der Roman erfindet, in Tu ressembles à une juive als eigene Lehrerfahrung Kormans direkt geschildert wird.

Midi: Ein Sommertheater als Fluchtpunkt

Die Ich-Erzählerin Claire Novales, Medizinstudentin, erinnert sich an einen Sommer im Jahr 2000, in dem sie mit ihrer Freundin Manu als Ferienbetreuerin in Marseille arbeitete. Unter der Leitung des Theaterpädagogen Dominique („Dom“) Müller studieren sie mit einer Gruppe von Kindern aus einfachen Verhältnissen Shakespeares „Der Sturm“ ein. Die Rahmenhandlung, die immer wieder in die Erinnerung einbricht, zeigt Claire als Ärztin am Sterbebett des inzwischen schwer erkrankten Dom.

Der Roman ist in fünf „Wochen“ gegliedert, deren Überschriften Zitatfragmente aus dem Sturm sind. Erzählt werden die Proben am Strand, Spannungen mit den Eltern – etwa eine Mutter, die den Jungenrolle-Tausch ihrer Tochter ablehnt, oder ein Stiefvater, der offen rassistisch gegen den leiblichen, algerischstämmigen Vater eines Kindes auftritt –, das kurze Verschwinden eines Mädchens namens Joséphine sowie die örtliche Legende der „Dame Blanche“, einer Anhalterin, die sich als Geist entpuppt. Das Buch endet mit der Aufführung des Stücks vor den versammelten Familien.

Das Theater fungiert als schützende Fiktion, die über eine prekäre Wirklichkeit gelegt wird: Schiffbruch und Insel als Bild für Entwurzelung, Fürsorge und improvisierte Gemeinschaft. Klassen- und Herkunftsunterschiede, Krankheit und Sterblichkeit, sowie das Mittelmeer als wiederkehrender Schauplatz von Aufbruch und Verlust prägen den Text.

Werkbezug. – Wie Les Saisons de Louveplaine stellt der Roman ein pädagogisches Kollektiv – hier eine Ferienbetreuung statt einer Wohnsiedlung – in den Mittelpunkt, verengt die Erzählperspektive jedoch auf eine einzelne, retrospektiv erinnernde Stimme, die formal bereits nah an die essayistische Ich-Erzählung von Tu ressembles à une juive heranreicht. Der Rückgriff auf Shakespeares Insel- und Schiffbruchmotivik funktioniert ähnlich wie die aztekische Mythologie in Les Hommes-couleurs oder das Hänsel-und-Gretel-Märchen in Les Presque Sœurs: als vorgeprägtes Deutungsraster, das über eine Gewalterfahrung gelegt wird, ohne sie zu erklären.

Tu ressembles à une juive: Position beziehen

Der essayistisch-autobiografische Text setzt 2007 in einer New Yorker Synagoge ein, wo Korman während eines Pessach-Gottesdiensts hinter den Männern sitzen muss und anschließend von einer Bekannten zu hören bekommt, sie sei „nicht wirklich jüdisch“, weil sie den Séder verlässt. Von dieser Szene ausgehend, verfolgt Korman aktuelle antisemitische Vorfälle in Frankreich – geschändete Friedhöfe, der Mord an Sarah Halimi, die antisemitischen Zeichnungen von Yann Moix – und stellt ihnen die Verfolgungsgeschichte der eigenen Familie sowie den Satz ihrer Großmutter „Tu ressembles à une juive“ zur Seite, mit dem diese sie einst zum Zurückbinden der Haare aufforderte.

Ein zentrales Argument des Buches richtet sich gegen die politische Trennung von Antisemitismus und anderen Formen des Rassismus. Korman schildert das Engagement ihres Vaters in der LICRA, das Vél-d’Hiv-Gedenken, die Geschichte der „Cité de la Muette“ in Drancy – heute bewohnte Sozialwohnungen auf dem Gelände des früheren Internierungslagers –, die politische Instrumentalisierung des Antisemitismusbegriffs gegen muslimische und Schwarze Minderheiten sowie ihre eigene Unterrichtstätigkeit in Bobigny und La Courneuve, unter anderem im Rahmen eines Schreibworkshops zur Ausstellung „Black Dolls“.

Diskretion als über Generationen weitergegebene Überlebensstrategie – Namenswechsel, gebändigtes Haar, versteckte Bilder – wird ebenso verhandelt wie die Ambivalenz der Literatur, die antisemitische Figuren (Shylock, Blochs bei Proust) ebenso hervorgebracht hat wie Räume der Selbstbehauptung. Der Text endet mit einem Plädoyer für eine Solidarität der von Rassismus betroffenen Gruppen, die sich nicht gegeneinander ausspielen lassen soll.

Werkbezug. – Dieser Text macht in der eigenen Stimme der Autorin explizit, was Les Hommes-couleurs und Les Presque Sœurs über Fiktion beziehungsweise Familienarchiv verhandeln – Verfolgung, Umbenennung, Verstecken. Zugleich bindet er die erfundene Lehrer- und Betreuerfigur aus Les Saisons de Louveplaine und Midi an eine reale, von Korman selbst erzählte Unterrichtserfahrung zurück und bildet damit ein Scharnier zwischen den frühen Romanen und der dokumentarischen Methode der beiden folgenden Bücher.

Les Presque Sœurs: Drei Namen, ein Foto

Vgl. den Artikel in diesem Blog. Der Bericht gliedert sich in drei Teile – Montargis, Beaune-la-Rolande, Paris-Banlieue – und rekonstruiert, gemeinsam mit der Schwester der Autorin, die Geschichte dreier Cousinen ihres Vaters: Mireille, Jacqueline und Henriette Korman, die im Oktober 1942 in Montargis bei ihrer Pflegefamilie verhaftet werden, nachdem ihre Eltern im Sommer desselben Jahres deportiert worden waren. Eine vierte, „fast“ dazugehörige Nachbarstochter, Madeleine Kaminsky, überlebt als Säugling und wird als alte Frau zur Zeugin, die den Schwestern ihre Erinnerungen und Dokumente überlässt.

Der Text verschränkt Archivmaterial – Briefe, Deportationslisten, Konvoinummern – mit der Reflexion über die Grenzen des Erzählens angesichts fehlender Quellen; wiederkehrende Formulierungen wie „je suppose“ oder „je ne sais pas“ markieren, wo die Rekonstruktion in Vermutung übergeht. Als Deutungsfolie dient wiederholt das Märchen von Hänsel und Gretel; ein historischer Exkurs zu Alois Brunner, dem Lagerkommandanten von Drancy, verfolgt dessen späteres Leben als Berater der syrischen Geheimpolizei bis zu seinem Tod in Damaskus 2001.

Das Buch endet in der Gegenwart, mit einem Besuch bei der greisen Andrée (Madeleine Kaminsky) und einer Parkszene mit den eigenen kleinen Kindern der Erzählerin. Les Presque Sœurs stand 2022 auf der letzten Auswahlliste des Prix Goncourt, den am Ende Brigitte Giraud erhielt; im selben Jahr wurde Korman von Angehörigen der im Buch porträtierten Familien öffentlich des „vol mémoriel et identitaire“ – des Diebstahls an Erinnerung und Identität – bezichtigt, ein Vorwurf, der die Frage nach dem Recht auf familiäre Erzählung im Werk selbst mit verhandelt.

Werkbezug. – Der Bericht formuliert aus, was in Les Hommes-couleurs verschlüsselt blieb – den verlorenen Namen, die verschwundene Familie –, und verlässt dafür endgültig die Fiktion zugunsten dokumentierter Familiengeschichte. Die kindliche Perspektive auf unbegriffene Gewalt, die Midi und Les Saisons de Louveplaine über ihre jugendlichen Figuren verhandeln, kehrt hier über das Märchenmotiv wieder; die Mutterschaftsperspektive am Ende des Buches nimmt das zentrale Thema von Mettre au monde vorweg.

Mettre au monde: Geburt und Nicht-Geburt

Der Roman wechselt zwischen zwei Frauenfiguren: Jill, Hebamme an der Entbindungsstation der fiktiven Banlieue-Siedlung „Les Vironnes“, alleinerziehende Mutter in einem angespannten Verhältnis zu ihrer eigenen, kontrollierenden Mutter Jeanne; und Marguerite, Historikerin, die zur Geschichte illegaler Abtreibungen forscht und eine Tagung zum französischen Abtreibungsgesetz (loi Veil) von 1975 organisiert, während sie jenseits der vierzig ungeplant von einem ihrer mehreren Liebhaber schwanger wird.

Zu den Episoden zählen eine Totgeburt, die Jill dokumentieren muss, Kriegsnachrichten aus Gaza, die über Smartphones in den Kreißsaal dringen, Marguerites Archivrecherche zu militanten Abtreibungsfilmen der 1970er Jahre, ein antisemitischer Zwischenfall bei einem akademischen Abendessen sowie schließlich die Geburten, mit denen beide Handlungsstränge zusammenlaufen – darunter die Geburt eines Mädchens, das Jeanne genannt wird und damit Jills belastetes Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter still auflöst.

Weibliche Erwerbsarbeit am und über den Körper – die Geburtshilfe der einen, die historische Forschung der anderen – erscheint als zwei Spielarten desselben Themas: die Geschichte weiblicher Selbstbestimmung über Geburt und Nichtgeburt. Vererbte Namen, mütterliche Wiedergutmachung und das Eindringen gegenwärtiger Gewalt (Krieg, Migration) in den geschützten Raum der Klinik verbinden sich mit einer dokumentarischen Grundierung: Die Danksagung nennt reale Hebammen, die für den Roman interviewt wurden.

Werkbezug. – Der Roman knüpft an die in Les Presque Sœurs erprobte dokumentarische Methode an, kehrt sie jedoch wieder in erfundene Figuren, wie in den frühen Romanen. Der Ortsname „Les Vironnes“ verbindet ihn direkt mit Les Saisons de Louveplaine; die intersektionale Perspektive aus Tu ressembles à une juive – eine Hebamme mit guadeloupischen Wurzeln, ein antisemitischer Kommentar im Kolloquium – wird hier in einen Roman überführt, dessen Zentrum nicht mehr Herkunft und Religion, sondern Geschlecht und Körper bilden.

Zehn Thesen zu einem Werksvergleich

Verdecktes Judentum als wiederkehrender Ursprungsort

Von Georges Bernache/Bernheim in Les Hommes-couleurs über die eigene Familiengeschichte in Tu ressembles à une juive bis zu den drei Cousinen in Les Presque Sœurs zieht sich die Frage, wie eine jüdische Herkunft benannt, verborgen oder wiedergefunden werden kann. Im ersten Roman ist sie noch in Fiktion verkleidet, eine Andeutung, die der Text selbst offenlässt („Peut-être s’appelait-il Bernheim“); in den beiden späteren, dokumentarisch grundierten Büchern wird sie mit Namen, Daten und Konvoinummern belegt. Diese Bewegung von der Verschlüsselung zur Benennung lässt sich als Entwicklungslinie über das gesamte Werk lesen, ohne dass die früheren Bücher dadurch an Eigenständigkeit verlieren – die Leerstelle in Les Hommes-couleurs funktioniert dort als eigenes erzählerisches Verfahren, nicht als bloße Vorstufe.

Namenswechsel als Form von Auslöschung und Wiederherstellung

Bernheim wird zu Bernache, Wildenstein wird über eine Zwischenstufe zu Villard, Mira wird zu Mireille „eingefranzt“ – der Namenswechsel erscheint im Werk wiederholt als Instrument der Verfolgung und zugleich als Versuch, ihr zu entgehen. Am anderen Ende dieser Linie steht ein Akt der Wiedergutmachung: Am Schluss von Mettre au monde gibt eine junge Mutter ihrer neugeborenen Tochter den Namen Jeanne, denselben Namen wie die Hebamme Jill ihn von ihrer eigenen, schwierigen Mutter trägt. Zwischen dem Verschwinden eines Namens und der bewussten Neuvergabe eines Namens liegt eine Poetik, die Kormans Werk durchgehend beschäftigt: Wer über den eigenen Namen verfügt, verfügt über ein Stück der eigenen Geschichte.

Louveplaine und Les Vironnes als wiederkehrende Bühnen der Banlieue

Der fiktive Wohnkomplex „Les Vironnes“ taucht sowohl in Les Saisons de Louveplaine als Schauplatz von Straßenunruhen als auch, gut ein Jahrzehnt später, in Mettre au monde als Name der Entbindungsstation wieder auf. Damit entsteht neben den real benannten Orten – Drancy, Bobigny, La Courneuve, Montargis – eine erfundene geografische Konstante, die Korman zwischen mehreren Büchern hin- und herwandern lässt. Diese doppelte Verankerung, real und erfunden zugleich, erlaubt es, soziale Realität abzubilden, ohne sie auf ein einzelnes, identifizierbares Viertel festzulegen, und verbindet über die Bücher hinweg Generationen von Figuren, die denselben Ort auf unterschiedliche Weise bewohnen.

Polyphonie als durchgehendes Formprinzip

Kein Roman im vorliegenden Korpus bleibt bei einer einzigen erzählenden Instanz. Les Hommes-couleurs wechselt zwischen Florence, Georges, Joshua und Grís Bandejo; Les Saisons de Louveplaine organisiert sich in monatlichen Kapiteln um wechselnde Bewohner der Siedlung; Mettre au monde alterniert zwischen Jill und Marguerite. Auch die dokumentarischen Bücher sind nicht monologisch: Les Presque Sœurs setzt die Stimme der überlebenden Andrée neben die der Erzählerin, Tu ressembles à une juive lässt Schülerstimmen und Zeitzeugen in den Essay einfließen. Diese Vielstimmigkeit korrespondiert mit den kollektiven Gegenständen der Bücher – Migration, Nachbarschaft, Familie –, die sich einer einzelnen, allwissenden Erzählperspektive entziehen.

Das Kind als Zeuge unbegriffener Gewalt

Niño und Suzanne in Les Hommes-couleurs, Sonny und die kleine Jo in Les Saisons de Louveplaine und Midi, die drei deportierten Mädchen in Les Presque Sœurs, Marguerites Tochter in Mettre au monde: Immer wieder rückt Korman Kinder in eine Position, aus der sie Gewalt miterleben, ohne sie einordnen zu können. Die Frage, wie viel ein Kind wissen soll oder darf – zugespitzt in der Szene aus Les Presque Sœurs, in der der kleine Ulysse nach den „Monstern“ fragt, vor denen die Schwestern geflohen sind –, wird nicht aufgelöst, sondern als offene ethische Verpflichtung stehen gelassen. Kindliche Wahrnehmung dient dabei nicht der Verharmlosung, sondern als Prüfstein für die Erzählbarkeit von Gewalt überhaupt.

Märchen und Mythos als Deutungsraster für historische Gewalt

Aztekische Mythologie in Les Hommes-couleurs, Shakespeares „Sturm“ in Midi, die Sage von der „Dame Blanche“ und dem Hirsch in Les Saisons de Louveplaine, Hänsel und Gretel in Les Presque Sœurs: Immer wieder legt Korman ein vorgeprägtes Erzählmuster über eine reale oder realistisch erzählte Gewalterfahrung. Diese Überlagerung banalisiert die Gewalt nicht, sondern macht sie in einem zweiten Schritt lesbar – etwa wenn die Autorin in Les Presque Sœurs ausdrücklich benennt, dass die „Chaumière“ des NS-Historikers Raul Hilberg an die Hexenhütte im Märchen erinnert, ohne die beiden gleichzusetzen. Das Verfahren zieht sich vom ersten bis zum vorletzten Buch durch und markiert eine wiederkehrende poetologische Entscheidung, keine bloße Verzierung des Textes.

Die Pendelbewegung zwischen Fiktion und Dokumentation

Die drei ersten Bücher (Les Hommes-couleurs, Les Saisons de Louveplaine, Midi) sind reine Fiktion mit erfundenen Figuren. Tu ressembles à une juive wechselt offen in den autobiografisch-essayistischen Modus, Les Presque Sœurs stützt sich auf Archivmaterial und Zeitzeugenaussagen der eigenen Familie. Mettre au monde kehrt zur Fiktion zurück, bleibt aber, den Dank an interviewte Hebammen im Anhang eingeschlossen, an dokumentierte Recherche rückgebunden. Diese Bewegung – von der Fiktion über das offen Autobiografische und das Archiv zurück zu einer dokumentarisch grundierten Fiktion – lässt sich als Entwicklung lesen, in der Korman die Gattungsgrenzen zwischen Roman, Essay und Bericht wiederholt neu auslotet, ohne sich endgültig für eine Form zu entscheiden.

Der rassifizierte und weibliche Körper als Ort gesellschaftlicher Kontrolle

Die Kopftuch- und Haarpflichten, von denen Tu ressembles à une juive handelt, die Großmutter, die Locken zurückbinden lässt, Sonnys nicht eindeutig bestimmtes Geschlecht in Les Saisons de Louveplaine, die reproduktiven Körper von Florence, Jill und Marguerite: Immer wieder wird der Körper – insbesondere der weibliche und der als „anders“ markierte Körper – zum Schauplatz, an dem Zugehörigkeit verhandelt und kontrolliert wird. Mettre au monde führt diese Linie am deutlichsten fort, indem es die Kontrolle über Geburt und Nichtgeburt selbst zum Gegenstand macht und damit die frühere Beschäftigung mit Herkunft und Religion um die Achse Geschlecht ergänzt, ohne sie zu ersetzen.

Verschwinden statt Tod als eigentliche Katastrophe

Georges’ Verschwinden aus Frankreich, Hassans Verschwinden im Wald von Louveplaine, das kurze Verschwinden der kleinen Jo in Midi, das Verschwinden der drei Mädchen aus der Geschichtsschreibung, bevor Korman sie in Les Presque Sœurs wieder auffindet: In vielen der Bücher ist nicht der Tod selbst der erzählte Moment, sondern das Verschwinden – die Lücke, das Nicht-mehr-Auffindbare, das Andere zurücklässt, ohne dass sie Gewissheit erhalten. Diese Struktur erzeugt eine Erzählform, die dem Nachforschen, dem Fragen und dem Vermuten mehr Raum gibt als der abgeschlossenen Nachricht vom Tod, und sie verbindet die frühen fiktiven Verschwindensgeschichten mit der historischen Rechercheleistung der späteren Bücher.

Mutterschaft als Erzählperspektive im späteren Werk

Die eigenen Kinder der Autorin treten in Les Presque Sœurs als Randfiguren der Gegenwartsebene auf, in der Widmung von Mettre au monde stehen sie im Zentrum. Diese Verschiebung markiert im späteren Werk eine Erzählhaltung, die Distanz und Fürsorge zugleich ermöglicht: Mutterschaft wird zum Ort, von dem aus die Frage gestellt wird, was von der Gewaltgeschichte an die nächste Generation weitergegeben werden muss und was ihr, wenn möglich, erspart werden kann. Damit schließt sich ein Bogen zu den frühen Romanen, in denen Elternfiguren – Georges und Florence, die Mütter in Louveplaine – ihre Kinder durch instabile, gefährdete Verhältnisse zu bringen versuchen: Das Spätwerk beobachtet dieselbe Sorge nun aus der Ich-Perspektive der Autorin selbst.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Cloé Kormans Prosa zwischen Verschweigen und Bezeugen." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on August 8, 2026 at 21:01. https://rentree.de/2026/08/08/cloe-kormans-prosa-zwischen-verschweigen-und-bezeugen/.

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