Furt und Gletscherspalte: Verdrängung und Familienerzählung bei Sophie Divry

Résumé
Sophie Divrys „Rochebrune“ (Actes Sud, 2026) erzählt von einer Patchworkfamilie, die ihre Herbstferien in den französischen Alpen mit einer Bergtour und einem Kostümumzug beginnt und in einer Kette von Katastrophen enden sieht: Ein Steinschlag tötet den Kletterpartner des Vaters und lässt diesen an seinen Verletzungen und an Unterkühlung in einer verlassenen Hütte sterben, während eine historische Flut das Tal verwüstet und die zurückgebliebenen Kinder, überzeugt, bei einer mörderischen Hexe untergebracht zu sein, in der Nacht zu Fuß zum Dorf fliehen. Der vorliegende Aufsatz liest diesen Handlungsverlauf nicht als bloßen Katastrophenplot, sondern rekonstruiert ihn anhand sieben exemplarischer Szenen, vom verdrängten Ehestreit um den Sofafleck bis zur kindlichen Deutung eines harmlosen Konservenglases als Mordbeweis, und zeigt an ihnen, wie der Roman formal zwischen einer dicht geführten erlebten Rede und essayistischen Digressionen zu Unfallpsychologie, Videospielphysik oder Unterkühlung wechselt. Aus dieser doppelten Erzählbewegung leitet der Aufsatz seine Argumentationslinie ab: Familiäre, eheliche und kindliche Selbsterzählungen, die Ehe als Kompromiss, das bürgerliche Ich als Held der eigenen Geschichte, die Hexenfurcht als Erklärungsmuster, werden durch die geologische und klimatische Gleichgültigkeit der Berge und der Flut systematisch relativiert; einzige Ausnahme bleibt, wie der Aufsatz herausarbeitet, die Versöhnung der beiden Kinder am Romanende, die einen nicht-narzisstischen Rest von Nähe rettet.

 

Eine Patchworkfamilie zwischen Ferienlogistik und Katastrophe

Sophie Divry, Rochebrune (Arles: Actes Sud, 2026).

Ein schwarzer Fleck auf dem korallfarbenen Sofa, davor durchs Fenster die Gebirgskette der Alpen. Haribo-Krokodile auf der Rückbank, während der Berlingo Familien-Van sich durch Kehren in die Höhe schraubt und Lärchen ihre Nadeln herbstlich verfärben. Drei Doggen, die sich mit den Zähnen ins Gitter beißen, ein siebenjähriger Junge, der schreiend in die Beine seines Vaters flüchtet. Birkenblätter, die wie goldene Münzen auf den feuchten Boden am Wildbach fallen, während die Familie am Ufer entlanggeht. Gedenktafeln an der Kirchenmauer von Rochebrune, darunter ein Name mit der Altersangabe achtzehn Jahre. Kinder, als Skelett und Teufel verkleidet, die durch strömenden Regen ziehen, während sich über dem Tal ein Unwetter zusammenballt. Ein Auto, das durch eine tosende Furt fährt, Wasser bis zur Radnabe und Steine, die unter den Reifen gegeneinanderschlagen. Ein zurückweichender Gletscher mit offenen Spalten, betrachtet von einem Mann, der weiß, dass sein Sohn ihn in dieser Form nicht mehr sehen wird. Eine Felsplatte, die sich lautlos löst und einen Kletterer mit sich reißt, während der zweite sich an einen Haken klammert. Schlamm, der unter der Tür ins Ferienhaus quillt und der Schuhe, ein Buch, ein Spielzeug zum Schwimmen bringt. Ein zerbrochenes Fenster in einer seit Jahren verlassenen Hütte, durch das die Kälte eindringt, bis ein Herz zu schlagen aufhört. Ein Öltank, der auf der braunen Flutwelle an zwei Kindern vorbeitreibt, die sich auf einem Dach aneinanderklammern. Eine Gämsenherde, die im Mondlicht lautlos durch einen finsteren Straßentunnel zieht, in dem sich zwei Kinder an die Wand pressen. Ein schmaler Streifen Asphalt über einem Abgrund, auf dem Gämsenspuren im Schlamm den Weg zurück ins Dorf weisen. So verschieden diese Bilder sind, sie gehören derselben Bewegung an: Sie zeigen, wie eine Ferienwoche im Zeichen von Familie und Kompromiss durch Steinschlag, Unwetter und Flut aus den Fugen gerät, bis Fels und Wasser über alle menschlichen Deutungen, über Ehe, Kindheit und Nachbarschaft, hinweggehen.

Sophie Divry wurde 1979 in Montpellier geboren und lebt in Lyon. Nach einem Studium der Literaturwissenschaft und der Politikwissenschaft an der Universität Lyon II sowie einer journalistischen Ausbildung an der École supérieure de journalisme de Lille arbeitete sie von 2004 bis 2010 für die gesellschaftskritische Monatszeitschrift La Décroissance; seit 2016 wirkt sie zudem regelmäßig in der Sendung Des Papous dans la tête auf France Culture mit. Sie schrieb u.a. La Condition pavillonnaire (2014, besondere Erwähnung des Prix Wepler), einen Ehe- und Vorstadtroman, der auf Flauberts Madame Bovary anspielt. Mit Quand le diable sortit de la salle de bain (2015) experimentierte Divry mit Erzählform und Typografie, mit dem Essay Rouvrir le roman (2017) reflektierte sie ihre Poetik unmittelbar theoretisch, eine Reflexion, die sich im Wechsel zwischen Erzählung und essayistischer Digression in Rochebrune fortsetzt. Trois fois la fin du monde (2018, Prix de la Page 111) erprobte, in Form einer zeitgenössischen Robinsonade, bereits das Motiv des Überlebens in feindlicher Natur, das anders in Rochebrune wiederkehrt. Nach Cinq mains coupées (2020), Curiosity (2021), Fantastique histoire d’amour (2024, Prix France Télévisions) und Pour tout le monde en même temps (2025) erscheint 2026 mit Rochebrune ein Roman, der Familien-, Klassen- und Katastrophenthemen aus Divrys bisherigem Werk bündelt.

Der Roman erzählt von einer Patchworkfamilie im Herbsturlaub in den französischen Alpen und lässt diese Ferienwoche in einer Bergkatastrophe kollabieren. Die folgende Zusammenfassung, sieben Szenenanalysen und eine abschließende Gesamtdeutung bilden die Grundlage für eine weiterführende Interpretation des Textes.

Am Montagmorgen, bevor die Familie ankommt, beobachtet Bruno, der ortskundig ist und permanent mit der Natur rechnet, den Canéon-Bach, wie er anzuschwellen beginnt. Die Szene etabliert ein Wissen, das die Familie später ignorieren wird.

Ce lundi-là, dès le réveil, il avait senti que quelque chose n’allait pas. Un vent chaud désagréable soufflait. La pluie tombait de manière trop lourde. La cascade de la Ponce dégueulait sur le versant en face, il le sentait rien que par le son qu’elle émettait. Bruno s’était levé, et après ses rituels du matin, il était descendu jusqu’au pont. Le Canéon ne débordait pas encore, mais l’eau était chargée de boue, et des caillasses se cognaient les unes contre les autres. Si ça montait encore, la route pouvait être emportée, et alors ils seraient coincés aux Pierrets.

Schon beim Aufwachen an jenem Montag hatte er gespürt, dass etwas nicht stimmte. Ein warmer, unangenehmer Wind blies. Der Regen fiel zu schwer. Der Wasserfall der Ponce ergoss sich tosend über den gegenüberliegenden Hang, er konnte es allein am Lärm hören. Bruno war aufgestanden, und nachdem er seine morgendlichen Rituale absolviert hatte, war er bis zur Brücke hinuntergegangen. Der Canéon war noch nicht übergelaufen, aber das Wasser war schlammig geladen, und Kieselsteine prallten aneinander ab. Wenn das Wasser weiter stieg, konnte die Straße mitgerissen werden, und dann wären sie in den Pierrets eingeschlossen.

Bruno liest die Natur aus Erfahrung, nicht aus Instrumenten; sein Körper und sein Ohr sind seismografisch sensitiv für die kommende Katastrophe. Sein Wissen wird sich später als präzise erweisen, doch es wird von der Familie und ihrem rationalistischen Optimismus nicht gehört, nur von Cornelia, deren Warnungen wiederum ignoriert werden.

Der Titel benennt zunächst nur einen Ort, ein Bergdorf, „Braunfels“, der die geologische Materialität des Schauplatzes vor aller Handlung festschreibt. Anders als die dramatischeren Teiltitel „Le Pic de la Purge“ und „La Sorcière“ bleibt „Rochebrune“ nüchtern und deskriptiv, fast wie ein Verwaltungsbegriff aus der Ferienreservierung, wodurch der Titel selbst die Zurückhaltung wiederholt, mit der der Roman sein eigentliches Unglück verschweigt. Die Farbe Braun entzieht dem Gebirge zugleich jede postkartenhafte Idylle des touristischen Schneeweiß und kündigt schon im Titel jene gleichgültige, unromantische Natur an, der Xavier am Ende erliegt.

Im ersten Teil, „La Réservation“, organisieren Isabelle Fuzeau und Xavier Daubard, beide bereits vorher geschieden, ihre Herbstferien: Xaviers siebenjähriger Sohn Léon und Isabelles vierzehnjährige Tochter Noémie kommen mit ins Bergdorf Rochebrune im fiktiven Massiv der Hautes-Aigues. Der Roman entwirft dabei präzise das Innenleben einer prekären Zweitfamilie: die Reibung zwischen dem bürgerlichen, redseligen Xavier und der aus einfachen Verhältnissen stammenden, kontrollierten Isabelle, das Misstrauen zwischen Stiefmutter und Stiefkind, die ironisch-zärtliche Beziehung zwischen den beiden Kindern. Vor Ort begegnen sie der eigenwilligen Vermieterin Cornelia sowie den ganzjährigen Bewohnern des Weilers, dem autistischen Bruno, dem Maler Yvain und der Gastwirtin Babeth.

Im zweiten Teil, „Le Pic de la Purge“, bricht Xavier mit seinem alten Freund Jérémie zu einer Gipfeltour auf, während sich über dem Tal ein Unwetter zusammenzieht. Auf dem Rückweg von einem Halloween-Umzug muss Isabelle mit den Kindern eine überflutete Straße durchqueren, wobei ihr Bruno hilft. In der Nacht löst sich am Berg eine Felsplatte, Jérémie stürzt tödlich ab, Xavier überlebt zunächst schwer verletzt und stirbt Stunden später allein in einer verlassenen Berghütte, an Rippenbrüchen mit Lungenverletzung und Unterkühlung. Zeitgleich schwillt der Wildbach Canéon zu einer historischen Flut an, die das Ferienhaus unbewohnbar macht: Isabelle und die Kinder flüchten zu Cornelia, werden getrennt, Isabelle wird per Hubschrauber ausgeflogen und verbringt die Nacht, in der Xavier stirbt, mit Bruno.

Im dritten Teil, „La Sorcière“, bleiben Noémie und Léon bei der von ihnen als Hexe verdächtigten Cornelia zurück. Aus Angst vor der alten Frau, die Léon ohrfeigt und deren Konservengläser sie missdeuten, fliehen die Kinder nachts durch einen Tunnel Richtung Dorf, überqueren eine eingestürzte Straßenstelle, begegnen einer Gämsenherde und versöhnen sich unterwegs über einen früheren Streit. Der Roman endet, bevor den Kindern der Tod des Vaters mitgeteilt wird, mit einer Vorahnung Noémies, dass die Katastrophe für sie noch nicht vorbei ist.

Isabelle Fuzeau, Xaviers Frau und Noémies Mutter, eine aus einfachen Verhältnissen aufgestiegene Psychologin in beruflicher Neuorientierung, versucht, Eheunzufriedenheit und eigene Herkunft durch Sauberkeit unter Kontrolle zu halten, und trägt als Erzählzentrum der ersten beiden Romanteile die Spannung zwischen ehelicher Pflicht und wiederkehrendem Begehren. Xavier Daubard, ihr Mann und Léons Vater, Level-Designer bei einem Videospielstudio und leidenschaftlicher Alpinist, erklärt der Welt fortwährend seinen Sachverstand, von der Mülltrennung bis zum Bergsteigen, und liefert als Opfer des Steinschlags den Auslöser der Katastrophe, an der sich die übrigen Figuren neu ausrichten müssen. Noémie, Isabelles vierzehnjährige Tochter aus erster Ehe, nennt Léon beim Halloween-Umzug noch einen aufgesammelten Hund, um vor Fremden erwachsen zu wirken, und treibt als ältere Schwester im dritten Teil die Fluchthandlung der Kinder voran, bis sie diesen Satz zurücknimmt. Léon, Xaviers siebenjähriger Sohn aus dessen erster Beziehung, gerät beim Anblick dreier bellender Doggen sofort in Panik und fungiert im Romangeschehen als Gradmesser für jede Verschiebung im familiären Gleichgewicht, empfindlicher als die Erwachsenen selbst. Cornelia, die alte Vermieterin des Ferienhauses, ohrfeigt ein Kind und rationiert ihr Gefrorenes bis auf das Gramm, sie wird für die Kinder gerade deshalb zur Hexe und übernimmt im dritten Teil die Rolle der bedrohlichen Zufluchtsstätte, aus der sie fliehen, obwohl ihre Härte aus Verlustangst, nicht aus Bosheit stammt. Bruno, ein autistischer, ortskundiger Handwerker aus dem Weiler, spricht wenig, geht allein und ungefragt in die Berge und wird als Isabelles Liebhaber während der Flutnacht zum Gegenbild ihres redseligen Mannes, gerade weil er nichts von sich erzählt. Isabelles Begehren Brunos speist sich aus konkreten Eindrücken: seiner Physis, „vom Regen durchnässt, schön wie ein Seemann der Nordmeere“, aus seiner Ruhe und Kompetenz in der Gefahr, während sie selbst überfordert ist. Hinzu kommt ein Klassenreiz der Fremdheit. Und schließlich bindet die gemeinsam überstandene Todesnähe, die Furt, der Hubschrauber, die beiden aneinander.

Der Fleck auf dem Sofa: Verdrängung als Beziehungsmodus

Der Roman beginnt mit einer banalen Szene: Isabelle kratzt an einem winzigen schwarzen Fleck auf dem korallfarbenen Sofa, während sie mit Xavier die Ferientermine abstimmt. Der Erzähler entfaltet in einem langen Konjunktiv-Passus, was geschehen würde, fragte sie Xavier nach der Herkunft des Flecks: der übliche Streit um Ordnung und Nachlässigkeit, um Léons Verwöhnung, um gegenseitige Vorwürfe. Doch dieser Streit findet an diesem Abend nicht statt, er bleibt, wie es im Text heißt, in dem schwarzen Punkt des Sofas eingekapselt, „wie ein Hyperlink, auf den man nicht klickt“.

Diese Formulierung legt bereits auf der ersten Seite das poetologische Verfahren des Romans offen: Divry erzählt Beziehungen nicht in erster Linie über tatsächlich gesprochene Sätze, sondern über nicht geführte, nur gedachte oder befürchtete Gespräche, über hypothetische Reaktionsketten im Konditional. Diese Technik durchzieht den gesamten Text, sie kehrt in Isabelles kursiv gesetzten inneren Sätzen ebenso wieder wie in der ausführlichen Rekonstruktion dessen, was Xavier später zu Léon gesagt haben würde. Inhaltlich markiert die Szene zudem das zentrale Thema der ersten Romanhälfte: eine Ehe, die durch dauerhaftes Aushalten statt durch Klärung funktioniert, „faire avec“, wie es Isabelle für sich formuliert, nicht durch Aussprache. Der Fleck selbst, wechselnd zwischen Léons Ungeschick und Xaviers handwerklichen Spuren, spiegelt in Miniatur, dass in dieser Familie Schmutz, Unordnung und Herkunft nie neutral, sondern stets moralisch und klassenbezogen gelesen werden, eine Lesart, die im dritten Teil bei Cornelias Wohnung wiederkehrt.

Die stumme Verhandlung des Sofaflecks steht nicht allein: Auch Xaviers Euphemismus von den „zwei Richtungen“, mit dem er Léon die Trennung von Amélie erklärt, und Isabelles kühle, nie ausgesprochene Abneigung gegen ihren Stiefsohn folgen demselben Muster, Konflikte werden benannt, aber nicht ausgetragen. Einen Gegenentwurf liefert die Rückfahrt nach der ersten Furt-Durchquerung, wo die Familie das Erlebte gemeinsam nacherzählt und die Erzählerin festhält, es genüge, die Angst in Geschichte zu verwandeln, damit sie hinter ihnen liege; hier wird ausnahmsweise gesprochen statt verdrängt. Erst am Ende des Romans, wenn Noémie ihre Beleidigung gegenüber Léon zurücknimmt, löst sich diese Erzähllogik der Verdrängung endgültig in eine direkte Aussprache auf.

Die Verkleidung zum Monster: Karnevaleske Vorwegnahme des Schreckens

Am Halloween-Nachmittag schminkt Isabelle Léon als Skelett, mit aufgemalten Nähten von den Mundwinkeln bis zu den Ohren. Als er lächelt, entsteht ein fremdes Gesicht. Noémie kommentiert treffend, die Verkleidung passe zu seinem Wesen, und beide Frauen empfinden dabei, wie es im Text heißt, ein „unaussprechliches Gefühl der Rache“. Wenig später, beim Umzug durchs Dorf, wird Léon von einer Gruppe größerer Kinder vertrieben, und Noémie distanziert sich vor ihren neuen Bekannten mit dem Satz, er sei nicht ihr Bruder, sondern „nur ein Hund, den man am Straßenrand aufgesammelt hat“.

Die Verwandlung Léons in ein Monster, die seine Stiefmutter mit sichtlicher Genugtuung vornimmt, entlädt aggressive Gefühle, die im Alltag unterdrückt werden müssen, in einer kulturell sanktionierten Spielform. Poetologisch nutzt der Roman hier das Genre der Verkleidung und des Grusels, um unbemerkt vom Register des Familienrealismus in das des Unheimlichen überzuleiten, das im zweiten und dritten Teil dominant wird: Der spielerische Schrecken des Kostümumzugs bereitet die reale Katastrophe, Sturm, Tod, Hexenfurcht, vor, ohne sie vorwegzunehmen. Zugleich legt Noémies Verleugnung Léons als Bruder den Handlungsbogen der Kinderlinie fest, den der Roman erst in seiner letzten Szene schließt, wenn Noémie ihm ausdrücklich widerspricht: „Du bist kein Hund. Du bist mein Bruder.“ Die Halloween-Szene ist damit weniger Nebenhandlung als eine erste Setzung eines Motivs, das über die gesamte Distanz des Romans hinweg aufgelöst wird.

Das Motiv der spielerischen Verwandlung ins Monströse ist im Roman nicht auf Halloween beschränkt: Schon auf der Anfahrt erschreckt Xavier seinen ängstlichen Sohn mit dem Scherz, man werde die Kinder wie im Märchen vom Kleinen Däumling in den Bergen aussetzen und den Gämsen überlassen, ein Humor, der Nähe herstellen soll und zugleich verletzt. Dieselbe Ambivalenz von Spiel und realer Bedrohung kehrt gesteigert wieder, wenn die Kinder bei Cornelia aus einem harmlosen Konservenglas eine Mordgeschichte konstruieren und die anfangs nur scherzhaft „Hexe“ genannte Vermieterin für sie tatsächlich lebensbedrohlich wird. Die Halloween-Szene markiert damit den Punkt, an dem der familieninterne, kontrollierte Humor in eine unkontrollierte, kindliche Angsterzählung überzugehen beginnt.

Die Furt im Sturm: Begehren im Angesicht der Gefahr

Auf der Rückfahrt vom Dorf muss Isabelle mit den Kindern im Auto einer vom Wildbach überfluteten Stelle der Bergstraße folgen. Bruno, den sie kurz zuvor kennengelernt hat, fährt mit seinem Wagen voraus und weist ihr den Weg durch das reißende Wasser. In der kurzen Zeit, in der sie allein mit ihm im Auto sitzt, denkt Isabelle, wenigstens habe sie das gehabt, fünf Minuten allein mit ihm, und wünscht sich später, statt bloßem Dank zu empfinden, dass er sie in den Arm nimmt. Die Szene verbindet äußerste physische Gefahr mit innerem Begehren.

L’eau avait formé de larges flaques sur la route, et en roulant la première, le Renault Express créait des vaguelettes que la Berlingo écrasait ensuite, sous la lumière rasante de ses phares blancs. Isabelle gardait ses deux mains posées sur le volant. Elle ne voyait presque rien, heureusement Bruno roulait lentement. Elle fixait ses feux arrière, dont la lumière rouge réfractée par l’eau tombant sur son pare-brise y dessinait de larges taches sanguines. Les essuie-glaces à la vitesse maximum revenaient sans cesse devant ses yeux, ces allers-retours lui coupaient la vue une seconde tout en la dégageant. Sur le côté, la conductrice voyait des formes floues de maisons ou de troncs. Il pleuvait si fort que les gouttes en rebondissant formaient une sorte d’ectoplasme blanc planant au-dessus de la chaussée et occultant les bandes blanches. De surcroît la glissière de sécurité était épisodique. Autant dire que sans Bruno, elle aurait pu quitter la route sans s’en apercevoir : la Berlingo faisant alors un plongeon de plusieurs centaines de mètres vers le Canéon. Elle frissonna.

Derrière, Léon avait entouré ses genoux de ses bras, épuisé mais confiant. Noémie, côté ravin, regardait les vidéos d’Halloween qu’elle avait faites pour ses copines. Quand la voiture entra dans le tunnel creusé dans la roche, le bruit de la pluie cessa d’un coup. Isabelle eut le temps de se dire qu’il faudrait rester à l’abri, ne pas bouger – mais Bruno avait continué. En ressortant, la pluie se remit à frapper la carrosserie avec une violence qui lui parut accrue. Léon dit quelque chose qu’elle ne comprit pas.

Das Wasser hatte große Pfützen auf der Straße gebildet, und als der Renault Express als Erster darüberfuhr, verursachte er kleine Wellen, die der Berlingo anschließend im flachen Licht seiner weißen Scheinwerfer zermalmte. Isabelle hielt beide Hände am Lenkrad. Sie sah fast nichts, zum Glück fuhr Bruno langsam. Sie starrte auf seine Rückleuchten, deren rotes Licht vom Wasser, das auf ihre Windschutzscheibe prasselte, gebrochen wurde und dort große blutrote Flecken zeichnete. Die Scheibenwischer, die auf höchster Stufe liefen, huschten unaufhörlich vor ihren Augen hin und her; dieses Hin und Her versperrte ihr für eine Sekunde die Sicht, während es sie gleichzeitig wieder freigab. An den Seiten sah die Fahrerin verschwommene Umrisse von Häusern oder Baumstämmen. Es regnete so stark, dass die abprallenden Tropfen eine Art weißes Ektoplasma bildeten, das über der Fahrbahn schwebte und die weißen Markierungsstreifen verdeckte. Hinzu kam, dass die Leitplanke nur stellenweise vorhanden war. Das heißt, ohne Bruno hätte sie die Straße verlassen können, ohne es zu merken: Der Berlingo wäre dann mehrere hundert Meter tief in den Canéon gestürzt. Sie schauderte.

Hinten hatte Léon seine Arme um die Knie geschlungen, erschöpft, aber zuversichtlich. Noémie, auf der Seite der Schlucht, schaute sich die Halloween-Videos an, die sie für ihre Freundinnen gedreht hatte. Als das Auto in den in den Fels gehauenen Tunnel einfuhr, verstummte das Geräusch des Regens schlagartig. Isabelle hatte gerade noch Zeit, sich zu sagen, dass sie im Schutz bleiben und sich nicht bewegen sollte – doch Bruno fuhr weiter. Als sie wieder aus dem Tunnel herauskamen, prasselte der Regen erneut mit einer Heftigkeit auf die Karosserie, die ihr noch stärker erschien. Léon sagte etwas, das sie nicht verstand.

Die Natur, konkretisiert in Wasser, Regen und Dunkelheit, wird hier nicht nur physische Bedrohung, sondern nimmt aus der Wahrnehmung des Subjekts heraus fast ästhetische Qualität an: „taches sanguines“, „ectoplasme blanc“ – Metaphern, die das Grauen in Bildlichkeit verwandeln. Isabelle ist zugleich in höchster Gefahr und dem Begehren ausgesetzt, sie fixiert Brunos rote Rücklichter, während sie ihr Kind nicht sehen kann. Die Natur ermöglicht damit, dass zwei emotional inkommensurable Register, Todesangst und Lust, nebeneinander existieren können. Die Szene verknüpft physische Todesangst mit einem erotischen Begehren, das die Erzählung parallel, nicht nacheinander, führt: Während Isabelle den Wagen durch das Geröllwasser steuert, läuft in ihrem kursiv gesetzten Bewusstsein eine andere Handlung ab. Diese Gleichzeitigkeit von äußerer Gefahr und innerem Verlangen ist ein wiederkehrendes Verfahren des Romans, es kehrt in der Hubschrauberrettung und in der Liebesnacht mit Bruno verschärft wieder. Inhaltlich etabliert die Szene Bruno als Gegenfigur zu Xavier: wortkarg, ortskundig, körperlich kompetent, in einer Situation, die Xavier fern von der Familie in den Bergen verbringt. Dass Isabelles Begehren ausgerechnet in einer Bedrohungssituation erwacht, wiederholt zudem das Muster ihrer früheren Affäre mit Xavier. Krisen, nicht Alltag, scheinen für sie der Ort zu sein, an dem Begehren erlaubt ist.

Dasselbe Muster, dass Ausnahmezustände Isabelles Begehren freisetzen, bestimmte bereits den Beginn ihrer Beziehung zu Xavier: Ein Wasserschaden im Fitnessstudio unterbricht 2022 die Pilates-Stunde und führt über einen gemeinsamen Tee zur Affäre, die der Roman rückblickend als Werbung für die Freiheit bezeichnet. In der Furt-Szene wiederholt sich diese Konstellation mit Bruno, und der Roman deutet im Rückblick, bei der Hubschrauber-Rettung, explizit die erste eigentliche Berührung zwischen beiden an, als Bruno ihr während der Panik die Hände auf die Schultern legt. Die Nacht im Hotel von La Varappe führt diese Linie schließlich zu Ende, sodass sich über drei Szenen hinweg, Furt, Hubschrauber, Hotelzimmer, ein und dasselbe Begehren steigert, das jedes Mal an eine Grenzsituation gebunden bleibt.

Der Steinschlag: Erkenntnis ohne Handlungsmacht

Bevor die Kletterpartie in die Katastrophe kippt, referiert der Erzähler ausführlich die Forschung des amerikanischen Wissenschaftlers Ian McCammon zu sechs kognitiven Verzerrungen, die erfahrene Bergsteiger trotz erkennbarer Warnzeichen zu riskanten Entscheidungen verleiten, darunter Gewöhnung, Seltenheit der Gelegenheit, das Bedürfnis nach Konsistenz, der Wunsch, von der Begleitperson bewundert zu werden, sowie die Autorität des vermeintlichen Experten. Wenige Sätze später greift genau dieses Muster bei Xavier und Jérémie: Sie steigen trotz zweifelhafter Bedingungen weiter auf, bis sich am Fels eine Platte löst, Jérémie mit in die Tiefe reißt und Xavier schwer verletzt zurücklässt.

Die Verklammerung von essayistischem Wissenschaftsbericht und dramatischer Handlung ist eines der auffälligsten Formmittel des Romans: An mehreren Stellen, der Physik von Regen in Videospielen, der Anthropologie der Überschwemmung, der Physiologie der Unterkühlung, unterbricht ein sachlich-dokumentarischer Ton die figurengebundene, oft ironisch gefärbte Erzählstimme. Im Fall des Steinschlags entsteht dadurch ein doppelter Blick: Das Unglück erscheint zugleich als singuläres, ergreifendes Ereignis und als statistisch erwartbarer Fall einer bekannten Fehlerkette, wodurch der Heroismus, den Xavier dem Bergsteigen zuvor zuschreibt („être de la montagne“), im selben Moment demontiert wird, in dem er sich verwirklicht. Die aufgezählten Verzerrungen, Gewohnheit, Konsistenzzwang, Autoritätsgläubigkeit, lassen sich zudem unmittelbar auf die familiären Szenen zurückübertragen, in denen Figuren an einmal getroffenen Entscheidungen, der Ehe, der Erziehungsmethode, dem Aufenthalt bei Cornelia, festhalten, obwohl die Umstände längst dagegensprechen.

Der Katalog der kognitiven Verzerrungen benennt ausdrücklich nur Bergsteiger, doch der Roman streut Beispiele desselben Verhaltens über den gesamten Text: Isabelles Feststellung schon zu Ferienbeginn, sie hege ernste Zweifel an ihrer Ehe, ändert nichts an ihrem Handeln, ein Fall des von McCammon beschriebenen Konsistenzzwangs. Auch Jérémies Beteuerung, seine Wetter-App sei superpräzise, entspricht exakt dem Gewöhnungs- und Expertenbias, den der vorangehende Absatz theoretisch hergeleitet hat, bevor die Handlung ihn unmittelbar bestätigt. Dass Bruno gewohnheitsmäßig allein und oft ohne Ankündigung in die Berge geht, wie es bereits im zweiten Teil geschildert wird, zeigt, dass dieses Muster nicht auf die bürgerlichen Feriengäste beschränkt bleibt, sondern auch die ortskundigen Bewohner der Hautes-Aigues betrifft.

Der Tod in der verlassenen Hütte: Die Auflösung des Ich

Xavier liegt nach dem Steinschlag in einer verlassenen Berghütte, schwer verletzt, frierend. Der Roman unterbricht die physische Agonie mit einer ausführlichen philosophischen Reflexion über das menschliche Ich und seine Illusion, dass es von der Welt bemerkt wird:

L’un des grands mensonges de notre enfance, c’est de nous faire croire que nous sommes le héros de l’histoire, et que quelque part, quelqu’un suit nos exploits. On nous applaudit pour nos premiers mots. On nous photographie. On nous felicite. Mais arrivé à l’âge adulte, ce mensonge persiste sous une forme différente : on croit que l’univers, ou du moins quelqu’un, continue à nous regarder, à nous juger, à nous compter. Xavier avait traversé la vie sous cette illusion tranquille. Or face à la paroi mésozoïque, il comprit que la paroi était là bien avant lui et qu’elle serait là bien après, indifférente à sa souffrance. C’était une forme de soulagement.

Einer der großen Lügen unserer Kindheit besteht darin, uns einzureden, dass wir der Held unserer Geschichte sind, und dass irgendwo jemand unsere Taten beobachtet. Man bejubelt unsere ersten Worte. Man fotografiert uns. Man beglückwünscht uns. Doch im Erwachsenenalter hält diese Lüge in einer anderen Form an: Man glaubt, dass das Universum, oder zumindest jemand, uns weiterhin beobachtet, beurteilt, zählt. Xavier hatte sein Leben unter dieser ruhigen Illusion verbracht. Aber angesichts der mesozoischen Wand erkannte er, dass die Wand schon vor ihm da war und nach ihm da sein würde, indifferent gegenüber seinem Leiden. Das war eine Art Erleichterung.

Die Natur, hier als geologisches Zeitalter verkörpert, demontiert nicht böse oder dramatisch Xaviers Selbsterzählung, sondern durch absolute Gleichgültigkeit. Nach dem Sturz überlebt Xavier zunächst, erreicht humpelnd eine seit Jahren geschlossene Berghütte, findet dort aber weder Feuerzeug noch Decken noch Rettung. In dieser Nacht stirbt er an Rippenbrüchen mit Lungenverletzung und Unterkühlung. Der Erzähler rahmt seinen Todeskampf mit einem langen essayistischen Vorspann über das „JE“, das Ich, das sich von Kindheit an für den Helden der eigenen Geschichte hält, über Applaus zum ersten Wort, die eigene Zentralität, die sich mit dem Alter höchstens noch in bescheidenerer Sprache tarnt. Xavier, so der Erzähler, glaubt bis zuletzt, gerettet zu werden, weil er in einem organisierten Land lebe und wichtig genug dafür sei. Sein Sterben, begleitet vom Kinderlied „Row, row, row your boat“, endet nicht in Panik, sondern in einer Art säkularer Versöhnung, ohne geistliche Ressource, mit einer friedlichen Auflösung des Ich. Diese Gleichgültigkeit wirkt am Ende befreiend, weil sie das Ich von der Last befreit, bedeutsam sein zu müssen, es erlaubt, einfach zu sterben, ohne noch eine Geschichte darüber erzählen zu müssen.

Das Kapitel gehört zu den philosophisch dichten Stellen des Romans und liest sich als dessen Grundthese en miniature: Die vorangehenden zweihundert Seiten haben Xavier als Mann etabliert, der ständig über sich selbst spricht, seine Bergerfahrung, seinen Beruf als Level-Designer, seine Meinung zu allem, dessen bürgerliches Selbstverständnis eine ununterbrochene Erzählung eigener Bedeutsamkeit ist. Diese Erzählung wird durch die geologische Gleichgültigkeit der „mesozoischen Wand“ buchstäblich zum Einsturz gebracht. Poetologisch korrespondiert damit die medizinische Digression über das „Undressing Paradox“ der Unterkühlung, ein zweiter, klinischer Blick auf denselben Vorgang, der jede metaphysische Deutung des Sterbens gegen einen physiologischen Mechanismus absichert. Die beiden Register, existenzielle Meditation und Medizinbericht, laufen bis zum letzten Satz nebeneinanderher, ohne sich zu vereinigen.

Die vorangehende Charakterisierung Xaviers hat sein Ich immer wieder als erzählendes, meinungsfreudiges Zentrum gezeigt: sein Belehren über Mülltrennung und Vorfahrtsregeln, sein ungefragter Ratschlag in Isabelles Fachgebiet Psychologie, sein Wunsch, dass Léon ein anerkannter Künstler werde und damit eine Steigerung seiner selbst darstelle. All diese kleinen Szenen bereiten die Volte des zehnten Kapitels vor, in der genau diese Erzählmacht des Ich an der „mesozoischen Wand“ zerschellt. Dass Xavier kurz vor seinem Tod noch einmal Sätze wie „Wenn ich das überlebe, werde ich…“ formt, ehe ihm die Kraft dazu endgültig fehlt, führt die im Kapitel selbst entfaltete These vor, wonach das Ich noch die eigene Not zur Heldengeschichte umzudeuten versucht, bis ihm auch diese letzte Erzählung genommen wird.

Die Nacht mit Bruno: Lust und Tod in erzwungener Gleichzeitigkeit

Nach der Rettung verbringt Isabelle die Nacht, während Xavier vermutlich stirbt, mit Bruno im Hotelzimmer über der Gaststube. Der Erzähler berichtet diese Szene größtenteils im Konditional Perfekt, sie hätte ihn nicht geküsst, sie wäre nicht auf ihm gesessen, eine Kette verneinter Sätze, die das tatsächlich Geschehene gerade dadurch in aller Konkretheit ausbreitet. Später, auf ihrem Sofa in Lyon, wird Isabelle Ärzte und Gendarmen wiederholt nach der genauen Todesstunde ihres Mannes fragen, in der Hoffnung oder Furcht, die Deckung oder Nichtdeckung von Lust und Tod bestimmen zu können, eine Antwort, die sie nie erhält.

Die grammatische Form des unwirklichen Konditionals für ein tatsächlich stattgefundenes Ereignis ist ein präzises erzähltechnisches Mittel, um Schuld darzustellen: Das spätere Ich versucht, die Handlung sprachlich ungeschehen zu machen, und schreibt sie im selben Zug detailliert fort. Inhaltlich bildet die Szene das Gegenstück zur Furt-Szene: Dort war Begehren nur Nebenstrom zur Angst, hier wird es zur zentralen Handlung, während anderswo, unsichtbar für die Erzählung, der Tod ihres Mannes stattfindet. Dass Isabelle die Unmöglichkeit, den genauen Zeitpunkt zu kennen, als eigentliche Wunde erlebt, nicht die Untreue selbst, verweist auf ein Motiv, das der ganze Roman verfolgt: den Wunsch der Figuren, Kontrolle über unkontrollierbare Gleichzeitigkeiten zu behalten, über Kindererziehung, über Wetter, über Sterben.

Isabelles zwanghafte Suche nach der genauen Todesstunde wiederholt eine Erzählfigur, die den ganzen Roman durchzieht: die kursiv gesetzte, imperativische Selbstansprache, mit der sie sich schon während der Furt-Durchquerung Mut zuspricht, „Verlier nicht die Kontrolle, fahr weiter“, kehrt hier als Instrument der Selbstanklage wieder. Bezeichnenderweise verwendet der Roman dieselbe Technik der inneren Zweitperson auch für den sterbenden Xavier, der sich in der Hütte zuredet, „Weine nicht, denk nach“, sodass beide Figuren in derselben Nacht durch dieselbe sprachliche Form voneinander getrennt und doch aneinander gebunden bleiben. Dass ihre Freundin Judith die Schuldfrage wiederholt mit „Du konntest es nicht wissen“ zu entkräften versucht und damit bei Isabelle scheitert, zeigt zudem, dass die retrospektive Konstruktion von Schuld hier resistent gegen jede von außen angebotene Gegenerzählung bleibt.

Der Topf mit der Essigmutter: Kindliche Mythenbildung als Übergang

Bei Cornelia entdecken Noémie und Léon ein Glas mit einer trüben, organisch anmutenden Masse, die Cornelia knapp als „Essigmutter“ bezeichnet und die niemand berühren darf.

Noémie se figea. Une essigmère. C’est comme ça qu’on appelait les trucs bizarres, les choses qui poussaient toutes seules, les mères, disait sa mère. Elle regarda de nouveau le pot. Il avait un couvercle. Un couvercle, c’était pour enfermer quelque chose.

Noémie erstarrte. Eine Essigmutter. So nannte man die bizarren Dinge, die von selbst wuchsen, die Mütter, sagte ihre Mutter. Sie blickte erneut auf den Topf. Er hatte einen Deckel. Ein Deckel war dazu da, etwas einzusperren.

Aus der beiläufigen Bemerkung der Essigmutter, aus dem leergeräumten Gefrierschrank und einem großen Hammer neben der Kühltruhe konstruieren die Kinder eine Mordgeschichte: Cornelia sei eine Hexe, die Kinder töte und einlege. Aus Angst fliehen sie in der Nacht zu Fuß Richtung Dorf, durchqueren einen finsteren Tunnel, überqueren eine eingestürzte Straßenstelle, begegnen einer Gämsenherde und versöhnen sich unterwegs: Noémie nimmt ihre frühere Kränkung zurück und nennt Léon ihren kleinen Bruder.

Das Unheimliche entsteht hier nicht aus Übernatürlichem, sondern aus der Logik des Kindes, das aus fragmentarischem Wissen (ein Fermentationskulturglas) eine geschlossene, angstbesetzte Erzählung konstruiert. Der Deckel wird zum Beweisstück einer Verschwörung, die es nicht gibt; das Unheimliche ist die Macht der Interpretation selbst.

Diese Schlussszene führt das Verfahren der vorangegangenen Analysen auf kindlicher Ebene zusammen: Wie die Erwachsenen des Romans, Xaviers Bergheroismus, Isabelles Kontrollwunsch, die essayistischen Erklärungsmodelle, bauen auch die Kinder aus unzureichenden Informationen eine geschlossene, angsterregende Erzählung, hier im Register des Märchens statt der Wissenschaft. Die eigentlich harmlose Fermentationskultur im Glas wird zum Beweisstück eines imaginierten Mordes, ganz wie zuvor Isabelle aus Cornelias Kargheit auf deren Geiz und Bosheit schloss. Anders als die gescheiterten Erklärungsversuche der Erwachsenen trägt die kindliche Fiktion jedoch zu etwas Reparativem bei: Der Tunnel als enger, dunkler Durchgang, das stumme Zusammentreffen mit den frei lebenden Gämsen, das keinerlei touristische oder besitzergreifende Sprache mehr kennt, und die abschließende Versöhnung der Geschwister bilden, jenseits jeder Ironie, eine der wenigen ungebrochen positiven Entwicklungen des Romans. Bezeichnenderweise endet der Text, bevor den Kindern der Tod des Vaters mitgeteilt wird: Die entscheidende Information bleibt, wie schon der Fleck auf dem Sofa im ersten Kapitel, ein nicht angeklickter Hyperlink.

Cornelias Einführung als „vieille dame“ in dunkler Robe mit sehr faltigem Gesicht bereits bei der Ankunft im zweiten Kapitel legt den Grund für die spätere Hexenfurcht der Kinder, sodass deren Deutung nicht aus dem Nichts entsteht, sondern eine seit der Anreise angelegte Wahrnehmung radikalisiert. Zugleich beantwortet die Fluchtszene die Kränkung der Halloween-Nacht: Wenn Noémie unterwegs ihre frühere Aussage zurücknimmt, Léon sei nur ein Hund, den man aufgesammelt hat, und ihn stattdessen kleiner Bruder nennt, löst sie eine Spannung auf, die der Roman seit dem ersten Teil offenhält. Bezeichnend ist außerdem, dass die Kinder, nachdem sie der eingebildeten Gefahr der Hexe entkommen sind, unmittelbar danach eine reale Gefahr, die eingestürzte Straße, gemeinsam und nüchtern bewältigen müssen, wodurch der Roman imaginierte und tatsächliche Bedrohung unmittelbar nebeneinanderstellt.

Gesamtdeutung: Fels, Flut und die Grenzen der Selbsterzählung

Rochebrune ist kein Bergunglücksroman mit Familienrahmen, sondern eine Studie über Familien- und Ich-Erzählungen, die an einer gleichgültigen materiellen Wirklichkeit zerbrechen. Der ganze Roman lebt aus der Spannung zweier Erzählregister: einer dicht geführten erlebten Rede, die noch die kleinste häusliche Kränkung, jede Einkaufsliste, jede unterdrückte Bemerkung protokolliert, und immer wieder eingeschobenen essayistischen Passagen zu Videospielphysik, Unfallpsychologie, Flutanthropologie oder Unterkühlung. Diese zweite Stimme relativiert unablässig, was die erste Stimme als individuelles Drama inszeniert: Isabelles Eheleid, Xaviers Bergpassion und sein Sterben, die kindliche Hexenfurcht erscheinen jeweils zugleich als singuläres Erleben und als Fall eines allgemeineren, benennbaren Musters.

Die Ortsnamen tragen diese Doppelbewegung mit. „Rochebrune“ benennt den bloßen, braunen Fels als Untergrund aller menschlichen Erzählungen, der „Pic de la Purge“ vollzieht wörtlich, was die Handlung an ihren Figuren vornimmt: Er räumt die Illusionen von Beherrschbarkeit ab, die Bergkompetenz, die eheliche Kompromissfähigkeit, die elterliche Autorität, die Gewissheit, der Held der eigenen Geschichte zu sein, wie es die Reflexion vor Xaviers Tod formuliert. Der Titel des Schlussteils, „La Sorcière“, benennt dagegen kein übernatürliches Wesen, sondern zeigt, wie rasch Menschen unter Druck zu archaischen Deutungsmustern greifen: Cornelia selbst ist weder Hexe noch bloß unschuldig, sondern eine harte, tierliebende, vom Verlust bedrohte alte Frau, deren tatsächliche Gewalt, die Ohrfeige, keiner Übernatürlichkeit bedarf, um zu erschrecken.

Formal bemerkenswert ist zudem, wie beiläufig der Roman seine ökologische Ebene führt: schwindende Gletscher, extreme Niederschläge, eine historische Flut werden nie als politisches Thema verhandelt, sondern erscheinen, gefiltert durch die Wahrnehmung einzelner Figuren, unmittelbar als familiäre Katastrophe. Öffentliches und privates Unglück fallen so ineinander, ohne dass ein Wort wie Klimawandel fallen müsste. Am Ende verweigert sich der Text der Erleichterung eines klärenden Schlusses: Es gibt keine Szene der Todesnachricht, keine Trauerfeier im Erzählpräsens, nur retrospektive Andeutungen aus Isabelles späterer Sofa-Perspektive. Diese Zurückhaltung setzt fort, was die Eröffnungsszene mit dem nicht angeklickten Hyperlink ankündigt: Rochebrune erzählt beharrlich um das eigentliche Ereignis herum, es überlässt seinen Figuren, und seinen Lesenden, die Aufgabe, das Ausgesparte selbst zu verstehen. Ein ungebrochener Trost, den der Roman gewährt, liegt in der letzten Geste zweier Kinder, die einander an der Hand halten und weitergehen, ohne dass dies das Geschehene ungeschehen macht.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Furt und Gletscherspalte: Verdrängung und Familienerzählung bei Sophie Divry." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on September 19, 2026 at 03:49. https://rentree.de/2026/09/19/furt-und-gletscherspalte-verdraengung-und-familienerzaehlung-bei-sophie-divry/.

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