Kolonisation im Plural: wie Historiker heute von der Eroberung erzählen
Kaum ein Land tut sich mit seiner imperialen Vergangenheit so schwer wie Frankreich, das sich selbst über Jahrhunderte konsequent als Nation und nicht als Empire gedacht hat – noch die Dritte Republik vermied das Wort „empire“ für die eigenen Kolonialbesitzungen, während gleichzeitig ein Sechstel der Weltbevölkerung unter französischer Herrschaft stand. Emmanuelle Saada, Historikerin an der Columbia University und Spezialistin für das französische Kolonialrecht, zieht in ihrem neuen Buch „Histoires et colonisations: des récits de la conquête aux héritages postcoloniaux“ (Gallimard, 2026) die Summe aus drei Jahrzehnten internationaler Forschung zu diesem verdrängten Erbe: Sie fragt nicht primär, was in Algerien, Indochina oder Westafrika geschah, sondern wie Historikerinnen und Historiker seit dem „tournant colonial“ der 1990er Jahre gelernt haben, koloniale Macht überhaupt zu denken – als fragiles, oft improvisiertes Gebilde statt als allmächtige Maschine. Der Bogen reicht von der Eroberung Algeriens 1830, deren Rechtfertigungserzählung schon damals eine algerische Gegenerzählung gegenüberstand, bis zu den tagesaktuellen Reparationsforderungen, die Frankreich seit Emmanuel Macrons Rede von 2017 bis zum algerischen Parlamentsbeschluss vom Dezember 2025 begleiten. Warum dieses Buch trotz seiner analytischen Kühle gerade an seinen Rändern zur brisanten Zeitdiagnose wird – und wo es an seine eigenen methodischen Grenzen stößt –, zeigt die Rezension.
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