Spurensuche: zu Nicola Denis, Wo die Kaffeekirschen leuchten

Nicola Denis‘ zweiter Roman „Wo die Kaffeekirschen leuchten“ (2026) rekonstruiert anhand hunderter Briefe, Fotos und Dokumente aus dem Nachlass der Mutter die ersten Ehejahre ihrer Eltern, die 1953 von Deutschland nach Kolumbien auswandern: Der Vater, ein promovierter Geologe, nimmt eine Dozentenstelle in Tunja an, die Mutter gibt dafür ihr Musikstudium auf und spielt später als Violinistin in Orchestern, 1954 folgt der Umzug nach Bogotá zu einer US-Ölfirma, 1956 endet der Roman mit dem Wechsel nach San Francisco. Was in den Briefen fehlt, füllt Denis mit Archivarbeit, Spürsinn und kindlicher Phantasie, wobei sich Tatsachenbericht und Konstruktion verschränken. Politisch wird das Buch dort, wo die Eltern in Kolumbien ehemaligen Nazis und jüdischen Emigranten begegnen und sich dazu verhalten müssen, zugleich geht es der Tochter um die Frage nach der eigenen Herkunft: Die Gesteinsschichten, die der Vater erforscht, werden ihr zum Bild für Eltern-, Familien- und Selbstgeschichte, ihre Methode nennt sie „Sedimentologie“. Die Frankreich-Bezüge sind vielfältig: Denis hat Balzac, Dumas und Éric Vuillard ins Deutsche übersetzt, die Gattung der „Zwiesprache mit historischen Persönlichkeiten“ ist in Frankreich als „exofiction“ bekannt, Vuillards „La Guerre des pauvres“ (2019) dient als Vergleichswerk, von dem sich Denis durch das persönliche Anliegen der Identitätsfrage abhebt, mit Sartres „Les mots“ teilt das Buch den Akt der Selbstanalyse, und der Rezensent Matthias Mayer deutet den Titel mit Lacans „Ding“ als Bild für das unbewusste Sediment jeder Familiengeschichte.

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