Kai Nonnenmacher: Rezension von: Klaus Kellmann: Der Traum von der Großmacht. Frankreich: Deutschlands schwieriger Nachbar, Berlin: Metropol 2026, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/09/41463.html
Eine notwendige Gegenlektüre von Thélyson Orélien
Zwei Lektüren, auffallend übereinstimmende Befunde mit konträrer Bewertung: Niklas Benders Besprechung von Thélyson Oréliens „C’était ça ou mourir“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29. September liest als Schwäche, Redundanz und Schablone, was ich in meiner Besprechung vom 11. September als bewusst gesetzte Erzählpoetik beschrieben habe – von der episodischen Anlage über die flüchtigen Figuren bis zu Körper, Lachen und Wiederholung. Benders Text lässt sich dabei durchaus als implizite Replik auf zentrale Argumente meiner Lektüre lesen, auch wenn er sie nicht ausdrücklich adressiert. Dazu kommt der unterschiedliche Entstehungskontext: Meine Besprechung erschien vor der inzwischen breiten KI-Kontroverse, Benders danach. Gerade im Nebeneinander wird sichtbar, woran sich die ästhetische Auseinandersetzung mit Oréliens Roman entzündet: an der Frage, ob seine Formen schematisch misslingen oder gerade in ihrer Wiederholung eine Poetik von Flucht, Zeugenschaft und Verlust hervorbringen. Es lohnt sich, beide Besprechungen als Streitgespräch über denselben Text zu lesen.
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