Die Wiederkehr des Verdrängten im Karst: Maryse Vuillermet

Résumé
In der abgelegenen Jura-Combe von Crêt à la Neuve lässt sich 1977 das junge Paar Isabelle und Tony in einer verlassenen Alphütte nieder und gerät damit in eine bäuerliche Welt, die zwischen Neugier und Misstrauen schwankt; aus dieser Ausgangslage entwickelt Maryse Vuillermet in ihrem Roman „Lapiaz“ über zwei Jahre hinweg eine Kette aus Begehren, Eifersucht und Ausgrenzung, die in der Ehe-Krise von Bernard und Arlette, in der gefährlichen Dreiecksbeziehung mit der Bardame Séverine und schließlich im gewaltsamen Tod Bernards durch die Hand seines Bruders Daniel kulminiert – ein Totschlag, der sich bezeichnenderweise im Lapiaz selbst ereignet, jener von Rissen durchzogenen Karstlandschaft, die dem Buch seinen Namen gibt. Der Aufsatz liest diese Landschaft als Formprinzip des ganzen Romans: Wie Wasser, das unbemerkt durch Kalkstein sickert, um erst kilometerweit entfernt wieder aufzutauchen, arbeiten im Roman verschwiegene Spannungen – sexuelle, familiäre, historische – lange im Verborgenen, bevor sie gewaltsam an die Oberfläche treten. Jede Bewegung zwischen den beiden Welten führt dabei über Schwellenräume, an denen sich diese Spannung bereits vor ihrem Ausbruch entlädt: Der Lapiaz selbst, von Vipern durchzogen, die Isabelle mit einem Stock in Schach halten muss und die Arlette wiederum meisterhaft fängt, wird so zum Prüfstein von Zugehörigkeit und Angst zugleich, während Felskante und Felsspalte als weitere Schwellen den moralischen Bruch räumlich vorwegnehmen. Anhand der polyphonen Erzählstruktur, die eine mündliche Ich-Chronik des alten Bauern Satin mit der personalen Innensicht der jüngeren Figuren verschränkt, sowie anhand dieser Raumsemantik, der Geschlechterordnung und der intertextuellen Bezüge zeigt der Aufsatz, wie Vuillermets Roman die ländliche Peripherie weder als stille Idylle noch als bloßen Schauplatz archaischer Gewalt entwirft, sondern als ein Gefüge, das genau so lange hält, wie seine Risse verborgen bleiben.

 

Eine Chronik des Verschwiegenen

Ein Roman, der im Jura des Jahres 1977 einsetzt, mit zwei jungen Aussteigern, die eine verlassene Alphütte beziehen, könnte sich mühelos in die Tradition des Landromans einreihen: die Ankunft von Fremden, die Neugier und das Misstrauen der Alteingesessenen, ein Sommer der Annäherung. Maryse Vuillermets Lapiaz nutzt diese Ausgangslage, um sie systematisch zu unterlaufen. Was als Chronik einer ungleichen Nachbarschaft beginnt, endet in einem Totschlag im Karstgestein, begangen von einem Bruder am anderen, ausgelöst durch ein Geflecht aus Eifersucht, sexueller Grenzüberschreitung und familiärer Ausgrenzung. Der Titel benennt das Programm: Lapiaz, jene von Rissen und Klüften durchzogene Kalksteinformation, in der Wasser über lange Zeiträume Gestein aushöhlt, ohne dass die Oberfläche davon zunächst etwas zeigt. Der Roman macht dieses geologische Bild zum Erzählprinzip und stellt damit die Frage, der dieser Aufsatz nachgeht: Wie verhält sich die scheinbar feste Oberfläche der dörflichen Ordnung zu den Rissen, die sich unter ihr auftun, und mit welchen erzählerischen Mitteln macht der Text diese Untergründigkeit lesbar?

Für die Rubrik zu ruralen Romanen ist Lapiaz aufschlussreich, denn verdoppelt die übliche Blickrichtung. Die Provinz erscheint hier nicht nur als Beobachtungsobjekt eines städtischen oder autobiographischen Blicks von außen, wie es dieses Genre oft organisiert, sondern erhält mit dem alten Bauern Satin eine eigene, durchgehend geführte Erzählinstanz, die dem Text eine zweite, gegenläufige Optik einschreibt. Die Peripherie erzählt hier auch von sich selbst, in ihrer eigenen Sprache und mit ihrer eigenen Deutungsarbeit. Im Folgenden wird der Text in seinen Strukturen befragt, wie sie aus einer regionalen Milieustudie eine Erzählung über das Wiederkehren des Verschwiegenen machen.

Im Sommer 1977 lässt sich das junge Paar Isabelle und Tony in einer abgelegenen Alphütte namens La Louvière nieder, oberhalb des Weilers Crêt à la Neuve im Haut-Jura. Isabelle trägt eine Gesichtsnarbe von einem Autounfall, aus dessen Folgen sie sich mit Tony und der Entschädigungssumme ihrer Versicherung in ein autarkes Leben geflüchtet hat; Tony, ein ruheloser Selbstfindungsreisender, will fernab jeder Konvention leben. Ihre Nachbarn sind die alte Bauernfamilie Satin und deren Sohn Bernard, der den Hof übernehmen soll, mit seiner Frau Arlette, einer geschickten Viperfängerin. Zunächst herrscht wechselseitige Neugier: Der alte Satin, aus dessen Perspektive weite Teile des Romans in der ersten Person erzählt werden, gewinnt Tony lieb, während Bernard die Neuankömmlinge von Beginn an ablehnt. Schon hier kündigen sich die Themen an, die den weiteren Roman durchziehen: die Angst der Städterin vor einer Natur, die sie romantisiert hat, ohne sie zu kennen, und die Frage, wer in dieser Combe (Talmulde) als zugehörig gilt.

Der zweite Teil führt Isabelle in eine erste Krise. Nach dem Besuch ihrer Mutter, die die Beziehung zu Tony verurteilt, sucht sie Trost an der Felskante der Roches d’Orvaz, an jenem Ort, an dem kurz zuvor eine junge Lehrerin, Chantal Henriot, in den Tod gesprungen ist. Dort kommt es zu einer sexuellen Begegnung mit Bernard, die Isabelle mit Scham und zugleich mit Begehren zurücklässt. Kurz darauf verlässt sie Tony und die Combe endgültig. Der dritte Teil, „Cassures“ (Brüche), verfolgt den Zerfall der Ehe von Bernard und Arlette: Bernard beginnt eine Affäre mit der neuen Bardame Séverine, Arlette stellt ihn öffentlich zur Rede und zieht mit dem gemeinsamen Sohn zu ihrem Vater. Bernard bringt Séverine auf den Hof, zur Empörung der Eltern, während die alte Frau Satin bei einem Sturz auf vereister Straße dauerhaft verletzt wird.

Im vierten Teil, „Retour de branche“ (ein forstwirtschaftlicher Begriff für den gefährlichen Rückschlag eines abgesägten Astes), kehrt der jüngste Sohn Daniel aus dem Schweizer Gefängnis zurück, in dem er wegen einer nie genau benannten Straftat einsaß. Vom Hoferbe und von der Arbeit ausgeschlossen, gerät er zunehmend in eine gefährliche Konstellation mit Bernard und Séverine, die sich zu sexuellen Begegnungen zu dritt entwickelt, eine Beziehung, die unausgesprochene Nähe zwischen den Brüdern über den Körper der Frau vermittelt. Als Daniel eine namenlose junge Frau in diese Konstellation einführt und die Situation eskaliert, entlädt sich seine über Jahre angestaute Wut in Gewalt: Er verfolgt die Fliehende bis in den Lapiaz, wo Bernard, der einzuschreiten versucht, von ihm niedergeschlagen wird und in eine Felsspalte stürzt.

Der letzte, kurze Teil, „Sources“ (Quellen), ist ein Nachwort, in dem die Autorin den Roman in eine reale Regionalgeschichte einbettet: Er beruhe, so der Text, auf der Erfahrung der „ratraits“, einem lokalen Ausdruck für Zugezogene, die das dörfliche Leben im Haut-Jura verändert haben. Daraus ergeben sich die Leitfragen dieses Aufsatzes: Wie organisiert der Roman den Gegensatz von Innen und Außen, von Kontinuität und Fremdheit? Welche Erzählverfahren machen es möglich, dass Geheimnisse – sexuelle, familiäre, historische – zunächst verschwiegen werden, um dann, wie das Wasser im Kalkstein, wieder an die Oberfläche zu treten? Und welche Rolle spielen Geschlechterordnung und Körperlichkeit in diesem Modell des Verbergens und Enthüllens?

Der Karst als Formprinzip

Gattungsgeschichtlich bewegt sich Lapiaz zwischen zwei Traditionen, die sich gegenseitig unterlaufen. Auf den ersten Blick handelt es sich um einen Landroman im Sinn der Regionalliteratur: eine genau kartierte Talmulde, eine Bevölkerung von Bauern und Zugezogenen, ein Erzähljahr, das dem landwirtschaftlichen Kalender folgt. Zugleich aber trägt der Text unverkennbar Züge des ländlichen Kriminal- oder Noir-Romans, mit einer Gewalttat als Zielpunkt der Handlung, mit Motiven der Verfolgung, des Verdachts und der ungeklärten Schuld. Diese Doppelcodierung wird im Schlusskapitel selbst benannt und dadurch legitimiert: Die Autorin erklärt, ihr Buch stütze sich auf reale Zeugnisse über den Haut-Jura, auf Bücher lokaler Chronisten. Der Roman beansprucht also zugleich Fiktionalität und dokumentarische Verankerung, eine Doppelbindung, die für die Literatur über das „andere“ Frankreich charakteristisch ist: Sie will Einzelfall und zugleich Diagnose eines Milieus sein.

Diese Gattungsspannung spiegelt sich unmittelbar in der Erzählstruktur. Der Roman ist polyphon organisiert, wobei zwei grundverschiedene Erzählweisen alternieren. Die eine ist die des alten Bauern Satin, der in der ersten Person, retrospektiv und in einer regional gefärbten, oralen Sprache erzählt, mit Dialektwörtern wie „lapiaz“, „murger“ oder „clédar“, mit umgangssprachlichen Wendungen wie „bais“ (für „ben“) und mit einer Erzählhaltung, die sich unmittelbar an ein Publikum richtet, dem gegenüber Rechenschaft abgelegt wird. Die andere Erzählweise ist eine personale Er/Sie-Erzählung mit starker innerer Fokalisierung auf die jüngeren Figuren – Isabelle, Arlette, später auch Bernard und Daniel –, deren Gedanken in erlebter Rede unmittelbar, ohne Anführungszeichen, in den Erzähltext einfließen. Diese doppelte Fokalisierung ist selbst schon eine These über das Verhältnis von Tradition und Moderne: Der Alte spricht offen, mit Publikum, in einer Sprache der Gemeinschaft; die Jungen werden nur indirekt hörbar, in einer Innerlichkeit, die sich der mündlichen Weitergabe gerade entzieht. Kommunikation funktioniert im Roman entsprechend asymmetrisch. Zwischen den Generationen herrscht vor allem Schweigen: Bernard und sein Bruder Noël können über Daniels Vergangenheit nicht sprechen, ebenso wenig über die Gerüchte, die Noëls Beiname „der Pfarrer“ begleiten. Wo direkte Sprache versagt, tritt Umwegkommunikation ein, etwa wenn die alte Frau Satin ihrer Schwiegertochter Arlette die neue Beziehung ihres Sohnes über eine Parabel von Rabenpaaren und einem „Witwer“ andeutet, ohne das Gemeinte je auszusprechen. Der einzige Text, der im Roman unvermittelt und schriftlich zu Wort kommt, ist bezeichnenderweise ein Abschiedsbrief: Sie höre hier auf, es sei zu schwer, Verzeihung 1, die knappen Worte der Lehrerin Chantal Henriot, die sich von der Felskante stürzt. Dass ausgerechnet dieser Satz die einzige ungefilterte, unvermittelte sprachliche Äußerung des ganzen Romans ist, markiert ihn als Schlüsseltext für dessen Kommunikationsordnung: Das Sagbare bricht sich hier nur im Moment der Selbstauslöschung Bahn.

Die Poetik des Romans ist konsequent an sein zentrales Bild gebunden. Bereits vor dem ersten Kapitel, in einer Art Vorspann, erklärt der alte Erzähler sein eigenes Verfahren, indem er es an das Wasser im Kalkstein bindet: es ist an der Zeit zu erzählen 2; Geschichten dürften nicht verschwiegen werden, denn sie kämen ohnehin eines Tages wieder zum Vorschein. Das Bild wird sogleich präzisiert: das Wasser schleiche sich, suche sich einen Weg, höhle den Fels aus und trete kilometerweit entfernt wieder zutage 3. Diese Passage ist eine explizite Selbstauskunft über die Machart des Romans: Geheimnisse – Isabelles Trauma, die Affäre auf der Felskante, Daniels Groll, die homoerotische Ladung des Dreiervehältnisses – werden nicht enthüllt, sondern sickern, tauchen unter, kommen an anderer Stelle wieder herauf. Diese autopoetologische Anlage schließt sich im letzten Kapitel, den „Sources“, auf verblüffende Weise: Dort werden nicht mehr Figuren, sondern reale Bücher als Ursprung der Erzählung benannt, sodass der Titel Lapiaz am Ende doppelt lesbar wird, als geologischer Fachbegriff und als Metapher für den Ursprung des Erzählten selbst, das ebenfalls „ans Licht“ gebracht wird, nachdem es lange im mündlichen Gedächtnis einer Region verborgen war.

Intertextuell und intermedial ist der Roman auffällig dicht gewebt. Den Kapiteln vorangestellt sind Zitate aus Neige Sinnos Triste Tigre, einem Buch über sexuellen Missbrauch in der Familie, sowie aus Tomasz Jedrowskis Les Nageurs de la nuit, einem Roman über verbotenes homosexuelles Begehren, und aus Franck Bouysses ländlichem Noir-Roman Plateau. Diese Referenzen sind Vorausdeutungen: Sie grundieren im Voraus die verdeckte Inzestnähe der Bruderbeziehung und die nie ausgesprochene Homosexualität Noëls.

Auf der Ebene der Handlung selbst zitiert der Roman offen das Kino: Die Dreier-Szene zwischen Bernard, Séverine und Daniel wird von den Figuren ausdrücklich mit einem Filmtitel benannt, als Séverine fragt, ob sie Lust hätten, es zu dritt zu machen, wie in Les Valseuses 4. Damit modelliert sich das Begehren der Figuren explizit nach einem popkulturellen Skript, was die Szene zugleich enthemmt und ironisch bricht. Weitere intermediale Spuren, ein Chanson über die Rückkehr ins Leben, das ausgerechnet nach dem Ansehen des KZ-Dokumentarfilms Nuit et Brouillard gesungen wird, ABBA-Titel in der Diskothek, ein Zitat aus Jacques Brels „La Quête“ im Moment von Isabelles größter Verzweiflung, ein indirekter Verweis auf Flauberts Un cœur simple, als Isabelle sich beim Überqueren der Kuhweide an die stoische Dienerin Félicité erinnert – verankern den Roman präzise im Klangbild der späten siebziger Jahre und schaffen zugleich ironische Kontrapunkte: Isabelle, die an Félicités Ergebenheit denkt, ist gerade das Gegenteil einer stoisch Duldenden, und die Kombination von Holocaust-Film und Trinklied nimmt im Kleinen die später ausgeführte Parallele zwischen der Kriegsgewalt von 1944 und der Gewalt der Romangegenwart vorweg.

Räume, Zeiten, Körper

Die Raumstruktur des Romans ist streng konzentrisch und zugleich hermetisch. Die Combe wird gleich zu Beginn in epischer Breite topografisch vermessen: eine Talmulde, durch eine „cluse“ von der Ebene abgeschnitten, erreichbar nur über eine einzige, in Serpentinen geführte Straße, die sich an Felswänden entlangzwängt. Innerhalb dieses Talkessels gibt es eine klare Hierarchie der Zugehörigkeit: das Dorf, die Bauernhöfe, und, am äußersten Rand, nur über einen von Traktoren zerfurchten Weg erreichbar, die Alphütte der Neuankömmlinge. Zwischen beiden Welten liegt buchstäblich der Lapiaz, jene zerklüftete Kalksteinfläche, die jede Bewegung zwischen den beiden Sphären zu einem gefährlichen Grenzgang macht: Isabelle kann sie nur überqueren, indem sie mit einem Stock auf den Boden schlägt, um Vipern zu vertreiben, und beschreibt die Landschaft selbst als „wie sichtbar gewordene Zeit“ 5, Jahrtausende der Erosion, in Stein geronnen. Der Lapiaz ist damit kein bloßer Schauplatz, sondern ein semantisch aufgeladener Schwellenraum: An ihm entzünden sich die Angstphantasien Isabelles (die Viper im Melkeimer, die tödliche Bienenattacke), und in ihm findet am Ende auch die Gewalttat statt. Zwei weitere Raumfiguren treten hinzu: die Felskante (falaise), an der sich sowohl der Suizid der Lehrerin als auch die sexuelle Begegnung zwischen Isabelle und Bernard ereignen, und die Felsspalte (faille), in die Bernard am Ende stürzt, eine vertikale Engstelle, die im Roman fast wie ein Gegenstück zur horizontalen Weite der Combe fungiert, als Ort, an dem alles Verdrängte im Wortsinn versinkt.

Diese Raumsemantik ist eng mit der Zeitstruktur verflochten. Die Haupthandlung erstreckt sich über gut zwei Jahre und folgt konsequent dem bäuerlichen Jahreszyklus, Heuernte, Bienenpflege, Winterisolation, Frühjahrstauwetter, sodass jede gesellschaftliche Verwerfung zugleich in den natürlichen Rhythmus eingebettet und damit gewissermaßen naturalisiert wird. Über dieser zyklischen Zeit liegt jedoch eine zweite, geologische Zeitschicht: Die Felswände werden vom alten Satin als „wie Geschichten, die sich aufeinandertürmen, wie Zeit, die zu Stein wird“ gedeutet, eine Formulierung, die die menschliche Chronik in eine viel längere, unpersönliche Dauer einbettet. Eine dritte Zeitebene schließlich ist die der erzählenden Gegenwart: Satin erzählt rückblickend, von einem Punkt „bis heute“ aus, an dem alles bereits geschehen ist, was der Eröffnungsmetapher vom Wasser, das seine Zeit braucht, um wieder aufzutauchen, eine strukturelle Entsprechung gibt. In diese geologische und zyklische Zeit bricht an einer Stelle unvermittelt die große Geschichte ein: Satins Erinnerung an das Frühjahr und den Sommer 1944, an die Erschießung von Geiseln und an das Massaker im Nachbardorf, dessen Häuser von einer versprengten Kosakeneinheit der Wehrmacht niedergebrannt wurden. Diese Digression ist kein Fremdkörper, sondern die maximale Ausdehnung des Romanprinzips: Auch hier wird eine Gewalt, die lange nicht mehr erzählt wurde, plötzlich wieder freigelegt, und der alte Mann selbst benennt den Zusammenhang, wenn er die Gegenwart der Zerrüttung seiner Familie mit jener Erinnerung kurzschließt.

Was diese Räume und Zeiten durchzieht, ist ein durchgehendes semantisches Feld der Bedrohung durch Tiere und Insekten, das eng mit Geschlechterfragen verwoben ist. Die Viper, die Arlette mit männlich konnotierter Geschicklichkeit fängt und verkauft, steht für eine gefährliche Naturbeherrschung, die der Frau zwar Kompetenz, aber keine gesellschaftliche Anerkennung außerhalb der häuslichen Sphäre einträgt. Die Bienenattacke, die ausgerechnet und ausschließlich Isabelle gilt, wird im Text naturalistisch erklärt (ein parfümierter Pullover), bleibt aber symbolisch überdeterminiert: Sie liest sich als kollektive, organisierte Aggression gegen die Fremde, deren Ursache der alte Satin fassungslos registriert – so etwas hatte ich noch nie gesehen 6. Der weibliche Körper wird im Roman durchgehend zum Gegenstand kollektiver Zuschreibung: Isabelles Narbe markiert sie von der ersten Begegnung an als „gezeichnet“, Séverines Körper wird vom alten Erzähler auf ihre Brüste reduziert, an denen die Männer des Dorfes „schon die Hände sahen“ 7 – eine Formulierung, die die Verantwortung für männliches Begehren stillschweigend auf den weiblichen Körper verschiebt.

Umgekehrt bleibt Noëls Homosexualität im ganzen Roman unbenannt, nie behauptet, nur umkreist. Er trägt seit der Priesterseminarzeit den Spitznamen „der Pfarrer“, hat nie eine Freundin oder auch nur einen Freund mitgebracht, lebt allein in Nanchez. Als Bernard ihn beim Heuen direkt fragt, ob er nicht heiraten wolle, antwortet Noël nur, er habe „die Seelenverwandte“ nicht gefunden, und bricht ab, sein Blick wird „opak“, er entzieht sich. In diesem Moment erinnert sich Bernard an unangenehme Szenen aus der Kindheit und an Gerüchte, warum der damalige Dorfpfarrer Noël immer nach dem Katechismus zurückbehielt und ihn zum Seminar drängte – doch der Text lässt bewusst offen, ob damit auf einen Missbrauch angespielt wird oder nur auf Noëls eigene, nie gelebte Neigung. Entscheidend ist, dass Bernard selbst diesen Gedanken sofort abwürgt („il peut pas… ça se dit pas“): Der Roman inszeniert hier nicht Wissen, sondern die Weigerung zu wissen, ein Schweigen, das mit dem Schweigen über Daniels Straftat und über die eigentliche Natur der Dreierbeziehung korrespondiert. Auch zwischen Daniel und Bernard gibt es keine direkte sexuelle Handlung. Was der Text zeigt, ist ein wiederholtes Dreiersetting mit Séverine, die beide Männer gleichzeitig mit je einer Hand berührt und dadurch eine sonst unaussprechliche männliche Nähe für einen Moment leiblich erfahrbar macht, ohne dass einer der Beteiligten sie je benennen würde – der Text vermerkt ausdrücklich, dass die Brüder „darauf achteten, sich am Anfang nicht zu berühren“, und dass es „so lange her war, dass Bernard seinen Bruder nicht mehr berührt hatte“. Die verbotene Nähe wird also nicht direkt vollzogen, sondern über den Körper der Frau vermittelt und dadurch gerade noch vermeidbar gehalten – ein Muster, das sich beim vierten, gescheiterten Treffen mit der namenlosen jungen Frau wiederholt, kurz bevor die Situation in Gewalt kippt: ein Höhepunkt der Umwegkommunikation, die den ganzen Roman kennzeichnet.

Auch Bernards Begegnung mit Isabelle an der Felskante gehört in dieses Feld ambivalenter Einwilligung: Sie ist von seiner Seite unvermittelt körperlich, von ihrer Seite ein Zusammenspiel aus Verzweiflung, Trost und, wie der Text unumwunden festhält, dem Ausspruch, dass jeder hier frei sei 8, eine Freiheitsrhetorik, die dem hippiesken Diskurs der ersten Romanhälfte entlehnt ist und hier von Bernard, ihrem eigentlichen Gegner, zynisch übernommen wird. In allen drei Fällen – Noël, die Brüder, Isabelle und Bernard – bleibt die Grenzüberschreitung im Ungesagten: angedeutet, umkreist, aber nie ausgesprochen, ganz im Sinn jener Poetik des Verschwiegenen, das erst am Ende gewaltsam an die Oberfläche tritt.

Thematisch laufen diese Fäden auf die Frage der Zugehörigkeit und der Vererbung zusammen. Bernards früher Satz, um hier zu leben, müsse man hier geboren sein 9, formuliert das ausschließende Prinzip, an dem die gesamte Handlung sich abarbeitet: an ihm scheitern die Hippies, aber auch Daniel, der zwar hier geboren ist, aber vom väterlichen Erbe ausgeschlossen bleibt, weil nur der „bestimmte“ Sohn zählt. Der Umbruch der Landwirtschaft – Rinder, die per Lastwagen statt zu Fuß ankommen, wachsende Verwaldung stillgelegter Weiden, die Ablösung überlieferten Wissens durch Maschinen – bildet den strukturellen Hintergrund, vor dem sich die persönliche Katastrophe entfaltet: Der Rückzug der Landwirtschaft und der Rückzug der Familie sind im Roman zwei Aspekte derselben Erosion. Als am Ende Arlette bei ihrem Ultimatum im Wirtshaus ruft, Bernard solle sich entscheiden, sie oder ich 10, bricht die private Krise erstmals öffentlich auf, ein Vorzeichen der Eskalation, die sich am Ende endgültig in physische Gewalt entlädt: Bernards Beine brechen unter dem Schlag 11, mit dem Daniel seinen Bruder in die Tiefe der Felsspalte stürzen lässt.

Das Gestein trägt nicht – die Wiederkehr des Wassers

Vergleicht man den Romananfang mit seinem Schluss, zeigt sich die Konsequenz der gewählten Form besonders deutlich. Der Beginn inszeniert die Ankunft: ein junges Paar in einem bunt bemalten Kleinwagen, das sich, mit rotem Rucksack beladen, zu Fuß in eine unberührte, von Vipern bewohnte Kalksteinlandschaft aufmacht, beobachtet von neugierigen Alteingesessenen. Alles ist noch offen, das Betreten des Lapiaz ein Akt der Entdeckung, fast des Staunens. Der Schluss kehrt an denselben Ort zurück, doch mit umgekehrten Vorzeichen: Nicht mehr Ankunft, sondern Verfolgung und Tod; nicht mehr eine Frau, die den Weg über die Kalksteinplatten fürchtet, sondern ein Bruder, der eine junge Frau dorthin verschleppt, um seinen anderen Bruder in die Falle zu locken. Der Lapiaz, der am Anfang Neuland war, wird am Ende zum Richtplatz. Zugleich schließt der Roman den Kreis, den er selbst im Vorspann gezogen hat: Was dort als geduldiges Sickern des Wassers durch das Gestein beschrieben wurde, erweist sich rückblickend als Bild für die gesamte erzählte Zeit, zwei Jahre, in denen unterschwellige Spannungen (Ausgrenzung, Begehren, Neid) unbemerkt weiterwirken, bis sie exakt an jenem geologischen Ort wieder zutage treten, der von Anfang an als der Ort der Risse markiert war. Der letzte Satz, mit dem die eigentliche Romanhandlung endet, lässt Daniel allein zurück, an einer schwarzen, namenlosen Stille 12, eine Formulierung, die den Anfangsjubel der Neuankömmlinge exakt spiegelverkehrt: Wo Isabelle einst ihr „Königreich“ gefunden zu haben glaubte, bleibt am Ende nur der Rand eines Abgrunds, der nicht mehr benannt werden kann.

Lapiaz erzählt die Ankunft von Außenseitern in einer geschlossenen bäuerlichen Welt, um an ihr ein umfassenderes Modell durchzuspielen: Gemeinschaften, Familien und Landschaften halten nicht deshalb zusammen, weil sie fest sind, sondern weil ihre Risse lange genug verborgen bleiben. Der Roman verbindet dafür die dokumentarische Geste des Landromans mit den Verfahren des ländlichen Kriminalromans, eine doppelte Erzählperspektive aus mündlicher Chronik und personaler Innensicht mit einer Geschlechterordnung, die weibliche Körper zu Objekten der Zuschreibung macht und männliche Nähe nur über Umwege zulässt, sowie eine Raumsemantik, in der jede Schwelle – der Lapiaz, die Felskante, die Felsspalte – zugleich geographischer Ort und moralische Bruchstelle ist. Die Pointe des Textes liegt darin, dass er sein eigenes Verfahren am Anfang offen ausspricht und am Ende, im Nachwort, noch einmal bestätigt: Geschichten, wie Wasser im Kalkstein, lassen sich aufhalten, aber nicht endgültig zum Verschwinden bringen. Für die Literatur des Ländlichen bedeutet das eine doppelte Verschiebung: Weder ist die Provinz der stille, unveränderliche Gegenpol zur Stadt, noch ist ihre Gewalt ein Einbruch von außen. Beides, die scheinbare Stille und die Gewalt, die sie am Ende durchbricht, gehört von Anfang an demselben porösen Gestein an.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Die Wiederkehr des Verdrängten im Karst: Maryse Vuillermet." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Oktober 28, 2026 at 07:29. https://rentree.de/2026/10/28/die-wiederkehr-des-verdraengten-im-karst-maryse-vuillermet/.
Anmerkungen
  1. „C’est trop dur, je m’arrête là. Pardon.“>>>
  2. „Le moment est venu de raconter.“>>>
  3. „elle se faufile, cherche un chemin, creuse la roche, et ressort à des kilomètres.“>>>
  4. „ça vous dirait un plan à trois ?“ – „Comme dans Les valseuses ?“>>>
  5. „C’était comme du temps visible.“>>>
  6. „Jamais je n’avais vu une chose pareille !“>>>
  7. „on se voyait les mains dessus, c’était pas possible autrement.“>>>
  8. „je suis libre, on est tous libres.“>>>
  9. „Pour vivre ici, il faut y être nés.“>>>
  10. „Bernard, choisis, c’est elle ou moi ?“>>>
  11. „les jambes de Bernard craquent sous le choc.“>>>
  12. „il est là, seul, enfin, mais au bord d’un silence noir et sans nom.“>>>

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