Résumé
Der von Alya Aglan, Johann Chapoutot und Jean-Michel Guieu verfasste Band 9 der Deutsch-Französischen Geschichte (deutsch 2026 als Open Access-Band) stellt die Jahre 1933 bis 1945 unter die Frage, welche Entscheidungen in einer Epoche möglich waren, die rückblickend wie ein Verhängnis aussieht. Er verfolgt in drei chronologischen Kapiteln, wie Frankreich das nationalsozialistische Deutschland deutete, umwarb und fürchtete, weshalb die Verständigungspolitik der späten 1930er Jahre in München und in der Erklärung Bonnet–Ribbentrop endete und wie Vichy und die Besatzer ihre ungleiche Kollaboration aushandelten, während Widerstand und Befreiung die Legitimität verschoben. Drei vergleichende Kapitel über Europaentwürfe, Unterdrückungssysteme und den Krieg gegen die Zivilbevölkerung ergänzen den Überblick. Die Rezension prüft, ob dieser Leitbegriff trägt, und bejaht es dort, wo der Band Zeitzeugen sprechen lässt: Blums plausible Fehleinschätzung von 1932, die Anschlussfähigkeit französischer Eliten an eugenische und antisemitische Denkmuster und die Korrektur eines oft falsch datierten Blum-Zitats zeigen Kontingenz am Material. Die Rezension wertet als Ertrag die Rezeptionsgeschichte des Nationalsozialismus in Frankreich, den Befund einer asymmetrischen Kollaboration und die ambivalente Europa-Idee, die später in die Nachkriegsordnung einging. Sie bemängelt zugleich, dass der Handlungsspielraum nicht gemessen wird, die deutsche Seite blasser bleibt als die französische und Kolonialreiche, Wirtschaft sowie die Gewaltgeschichte der Besatzung angekündigt oder ausgeklammert werden. Abschließend liest sie den Band als Vorgeschichte von Band 10 und sieht dort an die Stelle der Kontingenzfrage die Frage nach der Versöhnung treten.
Eine Epoche ohne Fatum: Problemstellung und Leitfragen
Aglan, Alya, Johann Chapoutot und Jean-Michel Guieu. Die Zeit der Entscheidungen: Deutschland und Frankreich 1933–1945. Übersetzt von Walther Fekl. Deutsch-Französische Geschichte 9. Herausgegeben von Klaus Oschema und Michael Werner im Namen des Deutschen Historischen Instituts Paris. Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 2026. https://doi.org/10.17885/heiup.1520 (Open Access). Französische Originalausgabe: L’heure des choix, 1933–1945. Villeneuve d’Ascq: Septentrion, 2019.
Der Band beginnt mit einem Einwand gegen seinen eigenen Titel. „Zeit der Entscheidungen? Welcher Entscheidungen denn?“ (S. 9), fragen die Autorin und die Autoren und räumen ein, dass kaum eine Epoche so sehr nach Ausweglosigkeit aussieht wie die Jahre zwischen Weltwirtschaftskrise und Kriegsende. Die Literatur spricht vom „Weg in den Krieg“, von Niedergang und Zusammenbruch, und Stefan Zweigs Rede von der „neuen Organisation der Gleichzeitigkeit“ legt nahe, dass die Zeitgenossen den Ereignissen ausgeliefert waren. Dagegen setzt die Einleitung Jean-Paul Sartres Satz, nie seien die Franzosen freier gewesen als unter der Besatzung: Je höher der Preis jeder Wahl, desto sichtbarer wird, dass gewählt wird.
Daraus entsteht die Leitthese. Nichts war „vom Fatum bestimmt“, weder 1933 noch 1940, 1943 oder 1945. Die NSDAP stand im Herbst 1932 vor dem Zerfall, die Alliierten hätten 1936 gegen die noch junge Wehrmacht voraussichtlich bestanden, und eine französische Regierung, die 1940 mit der Armee ins Kolonialreich gegangen wäre, hätte den Kriegsverlauf verändert. Die Einleitung zählt Entscheidungen auf, die der Epoche ihre Gestalt gaben: das Bündnis der deutschen Rechten mit Hitler, die schrittweise Machtaneignung Pétains, die Ausreise de Gaulles nach London, München, Kollaboration und Widerstand. Zugleich begrenzt sie den Anspruch. Die Zeit sei von Berlin diktiert worden, „ganz Europa“ habe seine Uhren ab 1933 auf deutsche Zeit gestellt, mindestens bis 1943. Wer entscheidet, tut es also unter einem Takt, den andere vorgeben.
Aus diesem Ausgangspunkt ergeben sich die Hauptfragen. Wie nahmen Zeitgenossen in Frankreich das nationalsozialistische Deutschland wahr, und wie viel Handlungsspielraum eröffnete oder verschloss diese Wahrnehmung? Weshalb scheiterte die Verständigung, die nach Briand und Stresemann möglich schien, und wer trug welchen Teil der Verantwortung? Wie lässt sich Kollaboration beschreiben, wenn der Besatzer und der französische Staat zwar ein gemeinsames Wort benutzen, damit aber Verschiedenes meinen? Und welche Vergleiche tragen, wenn zwei Gesellschaften unter Diktatur, Besatzung und Bombenkrieg gesetzt werden, die einander im Krieg gegenüberstanden?
Vergleichen und Verknüpfen: Die Begründung im Rahmen der Reihe
Der Band versteht sich, so die Einleitung, nicht als „bloßes Nebeneinander“ von deutscher und französischer Geschichte und auch nicht als Geschichte der bilateralen Beziehungen allein. Er will „ebenso sehr vergleichende und verknüpfende wie parallele Darstellung“ sein, eine Geschichte der Verflechtungen und der „wechselseitigen Befruchtung“ (S. 12). Das 1933 gesetzte Anfangsdatum wird nicht inhaltlich hergeleitet, sondern mit der Gliederung der Reihe begründet, die für Deutschland ihre Zäsur dort setzt. Der Hinweis, deutsche Geschichte sei in dieser Zeit Geschichte Europas und der Welt, rechtfertigt dann die Öffnung des Raums: Der Zweite Weltkrieg sei ein Krieg der Kolonialreiche gewesen, in dem das Reich, ohne eigenes Imperium, sich im Osten in Schnellverfahren eines schaffen wollte.
Die Autoren markieren auch, was fehlt. Wirtschaft werde nur behandelt, soweit sie eine deutsch-französische Fragestellung trägt, ebenso die politische Geschichte Frankreichs; der Band könne deshalb Erwartungen enttäuschen, die auf ein deutsches oder ein französisches Geschichtsbuch zielen. Dafür verweist er auf eine mehrsprachige Bibliografie von gut vierzig Seiten (S. 267–310), die nach Themen gegliedert ist und von Wörterbüchern über das „Dritte Reich“, Frankreich in den 1930er Jahren, die deutsch-französischen Beziehungen und den Krieg bis zu den Europaprojekten reicht. Die Anlage entspricht dem Muster der Reihe, das auch Band 10 zeigt: ein chronologischer Überblick, ein zweiter Teil „Fragen und Perspektiven“, dann Bibliografie und Zeittafel.
Forschungsbezüge werden weniger erklärt als vorausgesetzt. Die Autoren stützen sich auf Robert Soucys Wellenmodell des französischen Faschismus, auf Philippe Burrins Rede vom „faschistischen Magnetfeld“, auf Julian Jacksons Deutung der Kollaboration und auf die jüngere NS-Forschung, die der Kontingenz mehr Gewicht gibt als marxistischen Strukturerklärungen oder einem an „Mein Kampf“ geschulten Intentionalismus (S. 25 f.). Methodisch fällt die Gewichtung der Quellen auf: Zeitzeugenberichte, Tagebücher und Zeitungsartikel tragen die Darstellung, oft in langen Zitaten. Die Vorbemerkung der deutschen Ausgabe weist ausdrücklich auf zwei Eigenheiten hin. Die Bibliografie gibt den Stand von 2019 wieder und wurde nicht aktualisiert, und die Übersetzung behält das in der französischen Geschichtsschreibung übliche historische Präsens bei, um für die „Eigenheiten der grenzüberschreitenden Kommunikation“ zu sensibilisieren.
Das „neue Deutschland“ im französischen Blick: Wahrnehmung, Werbung, Abwehr (1933–1936)
Das erste Kapitel (S. 17–66) setzt mit einer Fehleinschätzung ein, die sich als vernünftig erweist. Léon Blum schrieb im November 1932, Hitler sei „von der Hoffnung auf Machtübernahme ausgeschlossen“, und aus den Faktoren, die Blum kannte (Polizei in sozialdemokratischer Hand, loyale Reichswehr, Rückschlag bei den Wahlen), ließ sich das tatsächlich schließen. Was Blum nicht kannte, war die Entscheidung von Papen, Hugenberg und der bürgerlichen Rechten, sich mit Hitler zu verbünden. Das Kapitel nutzt das Beispiel, um den Kontingenzgedanken zu belegen, und es verknüpft ihn mit Bertolt Brechts „aufhaltsamem“ Aufstieg des Arturo Ui und mit Sebastian Haffners Erinnerung, die Regierung sei am Abend des 30. Januar kein Grund zur Beunruhigung gewesen. Ein Vergleich schließt den Abschnitt: 1933 und 1940 übertrugen demokratisch gewählte Versammlungen an Hitler und an Pétain weitreichende Vollmachten, beide Male unter Einschüchterung und Angst.
Der Hauptteil des Kapitels gilt den französischen Reaktionen, und hier liegt das Neue. Die Rezeption des Nationalsozialismus in Frankreich nennen die Autoren „ein weites und im Übrigen weitgehend unerforschtes Feld“. Sie zeigen das Spektrum: die Action française mit Maurras‘ Deutung Hitlers als Wiedergänger Friedrichs II. und Bismarcks, die Autonomisten im Elsass und in der Bretagne, die sich auf das Selbstbestimmungsrecht beriefen und teils zu Kollaborateuren wurden, die Neosozialisten um Marquet und Déat, denen Blum 1933 „Entsetzen“ entgegenhielt, und auf der anderen Seite das Comité de vigilance des intellectuels antifascistes nach dem 6. Februar 1934, die Liga für Menschenrechte und die LICA unter Bernard Lecache. Die LICA unterschied früh zwischen Hitler-Deutschland und dem Deutschland Einsteins und Goethes, organisierte den Boykott deutscher Waren und wurde später als Sprachrohr „jüdischer Kriegstreiberei“ diffamiert. Der Band zeigt, dass diese Formel nach dem Mord an Ernst vom Rath 1938 bis in die republikanische Mitte reichte.
Eingeschoben ist ein Abschnitt über Frankreich als Asylland. 1933 verließen rund 53 000 Menschen Deutschland, 37 000 davon Juden. Die Autoren verfolgen den Weg vom Empfang als Ehrengast zur Internierung ab 1938 und 1939/40, am Fall Lion Feuchtwangers in Sanary-sur-Mer und Les Milles, dessen „Teufel in Frankreich“ weniger Grausamkeit als „Schematismus und Schlamperei“ verkörperte. Ein Befund, der oft zu kurz kommt, steht am Rand: Artikel 19 des Waffenstillstands, der die Auslieferung namentlich benannter Deutscher vorsah, machte aus der republikanischen Internierungspolitik ein Instrument des Gegners.
Der zweite Strang gilt der Strategie Berlins. Hitler stellt seine Sätze über Frankreich als „Todfeind“ in „Mein Kampf“ als Jugendübertreibung dar; Ausgaben wurden juristisch bekämpft, eine gekürzte Fassung erschien 1938 bei Fayard als „Ma doctrine“. Seine Interviews mit Bertrand de Jouvenel und Fernand de Brinon wiederholen die Formel, er korrigiere sich „durch Politik“. Parallel baut Otto Abetz im Auftrag Ribbentrops eine halboffizielle Diplomatie auf, mit der neu gegründeten Deutsch-Französischen Gesellschaft, den „Cahiers franco-allemands“ und der Werbung um Frontkämpferverbände. Neu ist hier weniger die Tatsache als die Einordnung: Die Annäherungsinstrumente der Weimarer Zeit werden im Dienst eines Regimes weitergeführt, das den Krieg plant, und französische Pazifisten wie Pierre Cot oder Jules Romains bewegen sich in diesem Raum, ohne mit der NS-Ideologie zu sympathisieren.
Der Schluss des Kapitels folgt der Rüstungs- und Bündnispolitik: Austritt aus dem Völkerbund (14. Oktober 1933), Barthous Ostpakt, die Saarabstimmung, Wehrpflicht und Luftwaffe 1935, schließlich die Rheinlandbesetzung vom 7. März 1936. Hitler wählt einen Samstagvormittag, die Regierung Sarraut ist geschwächt, der Generalstab überschätzt die Wehrmacht und hat keinen Plan, die Presse beider Lager fordert Frieden, und der „Canard enchaîné“ schreibt: „Deutschland besetzt wieder Deutschland.“ Die Autoren machen damit nachvollziehbar, warum die Entscheidung, nicht zu handeln, zeitgenössisch vernünftig wirkte.
Frieden um jeden Preis: Verständigung in der Sackgasse (1936–1940)
Das zweite Kapitel (S. 67–130) beginnt mit einer deutsch-französischen Verflechtung, die man in der Literatur selten so ausdrücklich findet. Die französische Volksfront wäre ohne das Scheitern der Weimarer Republik, die Spaltung der deutschen Linken und die Lehren der Komintern daraus kaum denkbar gewesen. Die Autoren zeichnen die Linie von der KPD-Politik des „Sozialfaschismus“ über Dimitroff und den siebten Weltkongress zur französischen Einheitsfront, und sie zeigen, wie der 6. Februar 1934 im Licht des Januar 1933 gelesen wurde. Die Pariser Exilkreise um Willi Münzenberg im Hotel Lutetia bilden die Gegenseite: eine deutsche Volksfront, die über ihren Hass auf Hitler nicht hinauskam.
Der Spanische Bürgerkrieg und die Olympischen Spiele von 1936 verdichten die Lage. Frankreich schickt eine Delegation nach Berlin, während die in Barcelona geplanten Volksspiele durch den Putsch vom 18. Juli verhindert werden. Blums Entscheidung zur Nichteinmischung, die er am 6. September im Luna Park mit zitternder Stimme verteidigt, führt am Folgetag zu einem Aufrüstungsprogramm von 14 Milliarden Francs für 1937 bis 1940. Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan vom August 1936 setzt dagegen das Ziel eines kriegsfähigen Heeres von 102 Divisionen. Zugleich blühen die Kulturbeziehungen: Mehrfachversionen von Filmen mit der Ufa, Renoirs „Große Illusion“, Reisen französischer Intellektueller, während der Handel zwischen 1929 und 1938 um 60 Prozent zurückgeht.
Das Herzstück des Kapitels ist die Frage, ob Frankreich für den NS-Diskurs anfällig war. Die Autoren stützen ihre Antwort auf Eugenik, Rassenanthropologie und Antisemitismus als „gemeinsamen kulturellen Fundus“. Ein französischer Departementsrat lässt 1937 Behandlungsvorschläge für Geisteskranke erarbeiten und will „das deutsche Experiment abwarten“; Charles Maurras wird 1938 in die Académie française aufgenommen; Jean Giraudoux und Georges Bonnet greifen die Rede von der „kolonialen Schuldlüge“ und vom Lebensraum auf; Céline fordert das „germanische Blut“. Die Autoren behaupten keine Nähe zum Nationalsozialismus als Weltanschauung, sondern zeigen, dass dessen Argumente nicht „außerirdisch“ wirkten, sondern wie die Synthese bekannter Ideen. Ebenso wird die deutsche Perspektive nicht ausgelassen: Frankreich erscheint in der NS-Publizistik als Erbfeind in der Linie von Richelieu, die Demokratie als schwach, die ermächtigende Gesetzgebung der Dritten Republik als Beleg ihres Wandels, wie Carl Schmitt 1936 festhält.
Das Jahr 1938 gilt den Autoren als „paradoxer Wendepunkt“. Der Anschluss Österreichs, Daladiers Dekrete und das Ende der Volksfront, die Sudetenkrise mit dem Streit zwischen „Widerständlern“ (Reynaud, Mandel, Zay) und „Pazifisten“ (Bonnet, de Monzie) im selben Kabinett: Das Kapitel führt vor, wie zwei Drittel der Franzosen das Münchner Abkommen billigten und wie die Intellektuellen sich spalteten. Eine Korrektur der Überlieferung fällt dabei an. Blums berüchtigtes Wort von der „feigen Erleichterung“ stammt aus der Zeit vor dem Abkommen, nicht danach. Die Erklärung Bonnet–Ribbentrop vom 6. Dezember 1938, bei der die beiden jüdischen Minister Zay und Mandel zum Essen für Ribbentrop nicht eingeladen wurden, ohne dass Frankreich protestierte, steht am Ende einer Annäherung, die durch ihr eigenes Entgegenkommen unglaubwürdig geworden war. Die Schlussabschnitte zu 1939/40 vergleichen Maginot-Linie und Westwall, Evakuierung der Zivilbevölkerung (in Frankreich besser organisiert als im Saarland), Propaganda (auf deutscher Seite überlegen) und die Depression der drôle de guerre, und sie fassen den Sieg im Mai 1940 als keineswegs fehlerfreie Umsetzung eines perfekten Plans.
Zwei Frankreichs unter einem Reich: Kollaboration als ungleiches Geschäft (1940–1945)
Das dritte Kapitel (S. 131–210) umfasst die Besatzungs- und Kollaborationsjahre und ist mit achtzig Seiten das umfangreichste. Es beginnt mit der Niederlage und dem Waffenstillstand von Rethondes, deutet sie als Ergebnis zweier Ursachenreihen (deutsche Technik und Strategie, französische mentale Prägung durch den Ersten Weltkrieg) und führt Hitlers Popularitätsgipfel ebenso vor wie das Waffenstillstandsregime, das mit Demarkationslinie, 1,8 Millionen Kriegsgefangenen und Besatzungskosten drei Druckmittel verschafft. Der Abschnitt über Vichy im Juli 1940 beschreibt die Abstimmung vom 10. Juli (569 Stimmen für die Vollmacht, 80 dagegen) als formal legale Selbstentmachtung und vergleicht, dass die Weimarer Verfassung bis Mai 1945 ebenso formal in Kraft blieb wie die Dritte Republik.
Den Kern bildet die Frage, was „Kollaboration“ bedeutet. Die Autoren unterscheiden eine Kollaboration für den Frieden, die Pétain und Laval wollten, von einer für den Krieg, die Berlin anstrebte, und halten fest, dass beide Seiten von verschiedenen Verhandlungslagen ausgingen: Vichy verhandelte „von gleich zu gleich“, während Hitler Frankreich als Nationalmacht von der Landkarte verschwinden lassen wollte. Montoire im Oktober 1940, Darlans Pariser Protokolle vom Mai 1941 mit ihren Kämpfen von Franzosen gegen Franzosen in Syrien und die Besetzung der Südzone nach der Landung in Nordafrika markieren die Stufen. Die Staatskollaboration gliedern sie nach drei Gebieten, dem militärischen, dem rassisch-repressiven und dem wirtschaftlichen.
Gründlich ausgearbeitet ist der Abschnitt zur Judenverfolgung. Er zeichnet die Statute von 1940 und 1941, die Enteignung, die Razzien bis zum Vélodrome d’Hiver im Juli 1942 und den ersten Transport vom 27. März 1942 nach und beschreibt das Zusammenwirken zweier „sich addierender“ Ansätze: Vichy setzte ein eigenes antisemitisches Diskriminierungsprogramm um, die Deutschen und die Ultras der Kollaboration die Vernichtung. Das Kapitel fügt einen kurzen Überblick über das KZ-System und Auschwitz an und stellt fest, die „mörderische Radikalität“ sei dem Projekt Vichys fremd gewesen, während sich der Staat durch Beamtenapparat und Polizei unwiderruflich an den Besatzer gekettet habe. Ein Zahlenvergleich der Ausbürgerungen (in Deutschland 38 766 individuelle und 155 000 bis 170 000 kollektive Fälle) bringt eine Perspektive, die in der Vichy-Literatur selten auftaucht.
Der nächste Abschnitt behandelt Repression und Gesellschaft: das Abkommen zwischen Oberg und Bousquet vom Juli 1942, die Milice mit rund 29 000 Mitgliedern im Herbst 1943 und den „franko-französischen Krieg“, den ein Bericht des Befreiungskomitees im Frühjahr 1944 als „Vorphase eines Bürgerkriegs“ bezeichnet. Dazu gehört die Verführung von Schriftstellern wie Brasillach, Drieu La Rochelle und Jouhandeau auf der „Herbstreise“ von 1941, ferner ein Blick auf die deutsche Gesellschaft unter der Diktatur mit Frauen, Kinderlandverschickung und der Geschichte der Bonner Katholikin Marie Kahle. Es folgen Zwangsarbeit und Kriegsgefangene: Sauckels vier Aktionen, die „Relève“, die „Speer-Betriebe“ mit über 723 000 Beschäftigten, 1,6 Millionen französische Kriegsgefangene in Deutschland. Die Freiwilligenlegion gegen den Bolschewismus und die Waffen-SS-Verbände zeigen die „grenzüberschreitende“ Seite der Kollaboration nach Beginn des Russlandfeldzugs.
Der letzte Abschnitt, „Die Legitimität vollzieht einen Seitenwechsel“, ordnet den Widerstand beider Länder. Für Frankreich unterscheiden die Autoren drei Phasen (spontane Taten, die Mouvements 1940/41, die von Moulin und de Gaulle vereinte Organisation 1942/43), für Deutschland die Begriffsfrage Resistenz oder Widerstand, den polyzentrischen, nicht auf Massenwirkung zielenden Charakter, den militärischen Widerstand bis Stauffenberg, den Kreisauer Kreis und die Weiße Rose. Eine knappe Passage über Sigmaringen, wo Reste der Vichy-Regierung unter deutscher Kontrolle ein Schattendasein führen, und über die Épuration, deren angeblich 100 000 Opfer als „Erfindung von Vichy-Nostalgikern“ zurückgewiesen werden, schließt den Überblick.
Europa als Idee, Instrument und Hoffnung
Der zweite Teil greift drei Themen heraus, bei denen Vergleich oder Verflechtung besonders gut tragen. Das erste (S. 211–236) verfolgt die Europa-Idee von der Weimarer Zeit bis zu den Plänen für die Nachkriegsordnung. In Deutschland wird Coudenhove-Kalergis Paneuropa nach 1933 unmöglich, Hitler nennt ihn einen „Allerweltsbastard“; in Frankreich dauern die Komitees fort, obwohl ein Europa des Jahres 1935 nur mit Hitler-Deutschland zu denken wäre. Nach 1940 wird die Idee zugleich als Propagandainstrument benutzt (Großraumwirtschaft, „Europa-Kongress“, Lavals „Relève“ im Namen Europas) und von französischen Kollaborationisten wie Déat, Delaisi und Drieu ernst genommen, der Deutschland als „Bauherrn“ der Kathedrale sieht. Daneben stehen die Schule von Uriage, die „Gemeinschaft“ denkt, und die Föderalismusentwürfe der Résistance, die Ventotene-Linie um Spinelli und Rossi, die Genfer Erklärung vom Mai 1944. Beim Comité français de libération nationale zeigt sich die Verbindung zur Nachkriegszeit: Jean Monnets Note von 1943 über ein „europäisches Industrieland“ aus Ruhrgebiet, Saar, Rheinland und Luxemburg und de Gaulles Aufruf vom 18. März 1944 zu einer westeuropäischen Organisation, den die Sowjets und die USA ablehnen. Der Befund ist uneindeutig, und gerade deshalb ertragreich: Europa ist 1933 bis 1945 eine umkämpfte Idee, die von Unterdrückern und Verfolgten benutzt wird.
Das zweite Kapitel (S. 237–250) fragt, ob die Unterdrückungssysteme in Frankreich und Deutschland vergleichbar seien. Eine einfache Antwort geben die Autoren nicht. In beiden Ländern entsteht eine Sonderjustiz, die gegen den „inneren Feind“ gerichtet ist; Vichy nutzt das Strafrecht der Vorkriegszeit und überlagert es mit Sondergerichten, die Besatzer entwickeln einen „Geiselkodex“ (Erlass vom 23. August 1941) und übergeben im Frühjahr 1942 die Verantwortung zu einem erheblichen Teil an die SS. Als Hauptunterschied nennen die Autoren die „Normen-Hierarchie auf der Grundlage von Rasse-Kriterien“, die in Deutschland bereits 1933 und in Frankreich erst durch die Besatzung und Vichys Statute entsteht. Das dritte Kapitel (S. 251–262) vergleicht den Krieg gegen die Zivilbevölkerung: Bombardierung, Hunger, Leben in Kellern, Propaganda und Fürsorge für die Ausgebombten, Streit unter den Alliierten über Methode und Zweck. Die Zahlen (rund 57 000 zivile Tote in Frankreich gegenüber 420 000 in Deutschland) stehen neben Berichten, etwa Pierre Dacs aus dem zerstörten Köln, in denen Deutsche und Franzosen 1945 aufeinandertreffen.
Gesamtbetrachtung: Kontingenz belegt, Frankreich ausgeleuchtet
Der Band besitzt vier Stärken. Erstens argumentiert er konsequent gegen teleologische Lesarten. Das Beispiel Blums 1932, Hitlers Selbstkorrekturen und die Frage nach dem Weg zum Münchner Abkommen zeigen, dass „Entscheidung“ als Analyseinstrument benutzt wird und nicht bloß als Titel dient. Zweitens leistet er eine Rezeptionsgeschichte des Nationalsozialismus in Frankreich, die Presse, Intellektuelle, Autonomisten, Pazifisten, Linke und Verwaltung zusammenführt und die Frage nach der französischen Anschlussfähigkeit an NS-Denkmuster nicht mit einem Verweis auf „Faszination“ abtut, sondern sie an Eugenik, Rassenanthropologie und Antisemitismus festmacht. Drittens gelingt die Verflechtung dort, wo Akteure wirklich beide Länder verbinden: das Exil, die Volksfront als Lehre aus Weimar, Abetz‘ Netzwerke, die Kollaboration, die Europapläne. Viertens sind die Kapitel des zweiten Teils tatsächlich vergleichend angelegt und lassen sich als Material für Seminare nutzen.
Die zentralen Ergebnisse lassen sich benennen. Die Weichenstellungen von 1933 bis 1940 waren in Frankreich vielfach mit rationalen Gründen verbunden, und eben deshalb folgenreich. Die Kollaboration war ein asymmetrisches Verhältnis, in dem Vichy eigene Ziele verfolgte (Souveränität, nationale Revolution, Antisemitismus) und zugleich unwiderruflich an den Besatzer gebunden war. Der Widerstand in beiden Ländern war Abwehr und zugleich ein Entwurfsraum für Europa. Und die Zivilbevölkerung erlitt den Krieg in Frankreich und Deutschland auf unvergleichbar verschiedenem Niveau.
Zwei Einwände gelten der Konzeption. Der Begriff der Entscheidung wird nicht theoretisch geschärft; wie weit der Handlungsspielraum tatsächlich reichte, wird selten gemessen, und die Passagen zum Waffenstillstandsregime zeigen eher, wie eng er war. Zudem steht die Darstellung bei Frankreich auf festerem Boden als bei Deutschland. Dort bleibt der Blick auf das NS-Regime, seine Frankreichbilder und die deutsche Gesellschaft im Krieg stärker an Frankreich orientiert, und die Besatzer als Gesellschaft, ihr Alltag und ihre Beziehungen zur Bevölkerung kommen nur punktuell vor.
Offene Felder: Kolonien, Wirtschaft, Gewalt und Besatzungsalltag
Einiges, was die Einleitung ankündigt, bleibt offen. Der Krieg als Krieg der Kolonialreiche wird zu Beginn als Rahmen gesetzt; im Text erscheinen Syrien, Nordafrika und Indochina, die kolonialen Akteure selbst treten kaum auf, Algerien kommt im Fließtext nicht vor. Die Wirtschaft ist ausdrücklich ausgeklammert, obwohl die deutsch-französische Verflechtung (Clearing, IG Farben, Zwangsarbeit, Rohstoffe) ein Feld wäre, das die Fragestellung gerade bedient. Die Gewaltgeschichte der Besatzung kommt über die Radikalisierung 1944 nach Peter Lieb nicht hinaus; Oradour und Maillé werden nicht genannt, die Annexion Elsass-Lothringens und die Zwangsrekrutierung der „Malgré-nous“ stehen nur in der Zeittafel oder am Rand. Hier läge eine Verbindung von Regionalgeschichte, Erinnerungsgeschichte und deutsch-französischer Gewaltforschung nahe.
Weiter bietet sich an, die Gesellschaft der Besatzer genauer zu untersuchen: Wehrmachtsangehörige in Frankreich, ihre Begegnungen, Verwaltung und Propaganda, den Streit zwischen Militärbefehlshaber, SS und Botschaft. Der Gedanke der „Verflechtung“ bliebe dann nicht auf Diskurse und Eliten beschränkt und erfasste auch Alltag und Bevölkerung. Dazu gehört die Frage nach vergleichenden Studien zu Kinderlandverschickung und Evakuierung, Fürsorge nach Bombenangriffen und Ernährung. Schließlich ist die Bibliografie auf dem Stand von 2019. Für die deutsche Ausgabe wurde sie nicht aktualisiert, was die Vorbemerkung offenlegt; die Forschung der letzten Jahre zu Besatzung, Kollaboration und Gewalt ist deshalb nicht erfasst.
Grundlagen der Nachkriegszeit: Asymmetrie, Europaentwürfe, belastete Formate
Der Epilog (S. 263–266) legt selbst ein knappes Fundament. Beide Länder stehen 1945 vor materieller, sozialer und politischer Verheerung, und die Entdeckung der Lager macht eine Kontinuität der deutschen Nation unmöglich. Frankreich dagegen gelingt „das Kunststück“, zur Siegerseite zu gehören, dank de Gaulles Dissidenz, einer wiederhergestellten Armee und des Kolonialreichs; Vichy wird als „Parenthese“ gedeutet, und die Verantwortung des État français bleibt lange ungeklärt, bis ein „Neo-Vichyismus“ in den 1950er Jahren hinzutritt. Deutschland wird in vier Zonen geteilt, dann in zwei Staaten, entnazifiziert nach unterschiedlichen Maßstäben und entwirft sich im Grundgesetz neu (Habermas‘ „postnationale Ära“). Europa wird in beiden Ländern der Weg, der aus der Lage der Nachkriegsjahre hinausführt und dem nationalen Interesse dient: Gleichberechtigung für das eine, Macht und Größe für das andere.
Aus dem Band lassen sich vier Grundlinien ableiten. Erstens die Asymmetrie von 1945: Siegerlager gegen Untergang, die Besatzungserfahrung als gemeinsames Moment in umgekehrter Rolle, wenn französische Truppen 1945 in Deutschland stehen und mehr als eine Million deutsche Kriegsgefangene bis 1948/49 in Frankreich arbeiten. Zweitens das Gedankengut: Die Europaentwürfe der Résistance, Monnets Industrieland-Idee und de Gaulles Westeuropa-Aufruf liegen vor 1945, die Montanunion hat dort Vorläufer. Zugleich ist die Europa-Idee durch die Kollaborationsrhetorik belastet, was die Vorsicht und den Rechtfertigungsbedarf der späteren Integrationspolitik erklärt. Drittens das Erbe der Wahrnehmungsmuster: Erbfeindbilder, die Maurras-Linie, der Hass auf den „Boche“, auf der anderen Seite die LICA-Unterscheidung zwischen zwei Deutschlands und die Exilierten als Mittler. Viertens die Instrumentalisierung der Annäherung: Veteranenverbände, Gesellschaften, Jugendkontakte und Presse waren 1933 bis 1939 in den Dienst eines Regimes gestellt worden. Wer nach 1945 Verständigung wollte, musste diese Formate neu begründen, was die Betonung der Zivilgesellschaft in Band 10 verständlich macht. Dies ist eine Lesart, die der Band nahelegt, aber nicht selbst formuliert.
Band 10 setzt bei 1945 an und ersetzt die Kontingenzfrage durch die Versöhnungsfrage
Band 10 von Corine Defrance und Ulrich Pfeil (Eine Nachkriegsgeschichte in Europa 1945 bis 1963, hg. von Gudrun Gersmann und Michael Werner, Darmstadt: WBG, 2011) knüpft an mehreren Stellen an. Das Eingangskapitel „Wege aus dem Krieg“ zieht zunächst die Bilanz von 1945, mit denselben Stoffen wie Band 9: Opferzahlen (über 60 Millionen Tote weltweit, rund 400 000 Franzosen, rund sieben Millionen Deutsche), Besatzung und Zerstörung, Säuberungen (Nürnberg und Entnazifizierung gegenüber der französischen Épuration, wobei Band 10 zusätzlich die französische „Selbstsäuberung“ in der Besatzungszone beschreibt) und der Umgang mit der Erinnerung am 8. Mai. Band 10 nennt Oradour und Maillé, die Band 9 auslässt. Die Frage, was mit Deutschland geschehen solle, setzt bei Frenay, Monnet und den Planungen des Comité français in Algier ein, also bei den Europagedanken, mit denen Band 9 endet. Beide Bände behandeln zudem die Seite der Besatzung gespiegelt: Band 9 zeigt die Besatzung Frankreichs, Band 10 beginnt mit der französischen Besatzungspolitik in Deutschland. Die Schlussbetrachtung von Band 10 ruft Camus‘ „Briefe an einen deutschen Freund“ von 1943/44 auf, also Texte aus der Zeit, die Band 9 beschreibt.
Die Wege trennen sich in fünf Punkten. Erstens verschiebt sich der Gegenstand. Band 9 erzählt zwei Gesellschaften, die vor allem durch Konfrontation, Besatzung und gemeinsame Probleme verbunden sind, und fragt nach Entscheidungen unter fremdem Takt. Band 10 schreibt eine Beziehungsgeschichte und stellt die Frage, wie aus Hass „Aussöhnung“ wurde; er begründet sie mit dem Ost-West-Konflikt als „Katalysator“ und der europäischen Integration als Subsystem des Kalten Krieges. An die Stelle der Kontingenzfrage tritt damit eine Prozessgeschichte (sortie de guerre), die 1963 als Schlüsseljahr, aber nicht als Endpunkt der Versöhnung behandelt.
Zweitens ändert sich die Akteursebene. Band 9 arbeitet mit Eliten, Regimen, Intellektuellen und Diskursen. Band 10 will „die Interdependenz zwischen den unterschiedlichen Handlungs- und Akteursebenen“ erfassen und widmet der Zivilgesellschaft ein eigenes Kapitel mit Städtepartnerschaften, Kreisen und Mittlern, die nach dem Vorbild der Sozialgeschichte (Kaelble, Paulmann) vergleichen und Transfers verfolgen. Drittens kommt ein Dreieck hinzu: Band 10 integriert die DDR als dritten Partner („ménage à trois“), während Band 9 diese Frage nicht stellen musste. Viertens sind die Teile II verschieden gebaut. Band 9 setzt drei Vergleichsthemen, die auf das Ende der NS-Zeit zulaufen; Band 10 widmet sich der Historiografie selbst (Besatzungsdebatte, Perzeption, Geschichtspolitik, Schulbuchgespräche, Institute) und benennt in „Bilanz und Perspektiven“ ausdrücklich Forschungslücken, zum Beispiel die fehlende „Kartografierung“ der deutsch-französischen Gesellschaften. Fünftens liegt die Schreibweise anders: Band 9 arbeitet mit langen Zitaten, Erzählung und historischem Präsens, Band 10 mit dichten Literaturverweisen und einem erklärenden Präteritum, das stärker dem Handbuch gleicht.
Hinzu kommen Unterschiede der Edition. Band 9 erscheint 2026 im Open Access bei Heidelberg University Publishing und gibt den Forschungsstand von 2019 wieder; Band 10 stammt von 2011 bei der WBG und liegt auf dem Stand um 2010. Wer beide Bände nacheinander liest, bemerkt die Verschiebung der Reihe: Band 9 entwirft eine Geschichte, in der Entscheidungen offen blieben und Verantwortung zuzurechnen war. Band 10 beschreibt, wie aus erschöpften Gegnern Partner wurden, und beendet seine Darstellung mit Sloterdijks Gegenthese einer „freundlichen Entfremdung“, der er das Bild der Reimser Hochzeit, die „Neuorientierung der Emotionen“ und ein Vertrauenspotenzial entgegenhält. Die Brücke zwischen beiden Bänden schlägt der Epilog von Band 9 mit seinem Satz, Europa sei für beide Staaten der Weg aus der Nachkriegslage. Band 10 beschreibt, wie dieser Weg begangen wurde.






