Résumé
Der Überblicksartikel stellt vier Romane der dritten Auswahl des Prix Renaudot vor, die in der Reihe der bereits besprochenen Titel noch fehlten. In „Le Palais“ von François-Henri Désérable wird der aus einem Müllhaldenslum in Delhi nach Burgund verkaufte Arun Kumar mit seinem absoluten Gaumen zum Weinkenner, Rächer und Fälscher. David Djaïz begleitet in „La méthode“ den Arzt Paul Remlinger, der im Konstantinopel von 1910 einen Plan zur Tötung der streunenden Hunde entwirft, und zeigt, wie aus der Hygienemaßnahme ein Muster für spätere Vernichtungspolitik wird. In „Un corps indocile“ von Osvalde Lewat kämpft der kamerunische Schneider Deffo Deffo mit einem Körper, der ihm nicht gehorcht, und gerät in die Textilindustrie zwischen Kamerun und China, wo ein Fabrikbrand und ein Tötungsdelikt seine Geschichte rahmen. Anne Percin rekonstruiert in „Eugénie sous les bombes“ aus dem Heft ihres Urgroßvaters die Reise der kranken Eugénie durch das bombardierte Paris vom März 1918. Die Argumentation folgt einem festen Raster: Jede Besprechung verbindet eine knappe Inhaltswiedergabe mit einer Deutung, die Form und Thema aufeinander bezieht, und endet in einer begründeten Bestimmung dessen, was am Text preiswürdig ist. So liest der Artikel Désérables Roman als Schelmenstück über die Frage, wem Kennerschaft gehört, Djaïz‘ Buch als Ideenroman über eine Methode, die ihren Zweck vergisst, Lewats Text als Sozialdrama, dessen Näh- und Körpermotive die Ökonomie dahinter sichtbar machen, und Percins Buch als Beschwörung, die dem Wissen um das Ende die Hoffnung als eigentliche Hauptfigur entgegensetzt. Die Einleitung stellt dazu in je einem Satz den Charme der Bücher heraus und bindet sie an die zwei bereits ausführlich besprochenen Titel der Auswahl zurück, „Stay Free“ und „Heures sauvages“. Das gemeinsame Thema, was ein Mensch von seiner Herkunft mitträgt und wofür er einstehen muss, ergibt einen Zusammenhang, der die vier Porträts als Vergleich lesbar macht.
Vier Romane, vier Arten, mit Herkunft und Schuld zu ringen
Die dritte Auswahl des Prix Renaudot 2026 umfasst sechs Romane. Zwei davon, Patrice Jeans Stay Free und Marie Petitcuénots Heures sauvages, habe ich bereits ausführlich besprochen (Hinweise am Ende der Einleitung). Hier folgen die vier übrigen. Sie fragen alle, was ein Mensch von seiner Herkunft mitträgt und wofür er einstehen muss, und sie tun es in sehr verschiedenen Registern: als Schelmen- und Gerichtsroman, als Ideenroman, als Sozialdrama und als Kriegstagebuch.
Kurze Inhaltsangaben
François-Henri Désérable, Le Palais. Der als Kind aus einem Müllhaldenslum in Delhi nach Burgund verkaufte Arun Kumar besitzt einen absoluten Gaumen. Er steigt zum Weinkenner auf, wird nach dem Tod seines Ziehvaters zum Fälscher und steht am Ende vor Gericht.
David Djaïz, La méthode. Im Konstantinopel um 1910 entwirft der französische Arzt Paul Remlinger einen Plan, die streunenden Hunde der Stadt zu töten. Der Roman verfolgt, wie aus einer Hygienemaßnahme ein Muster für spätere Vernichtungspolitik wird, bis hin zum Völkermord an den Armeniern.
Osvalde Lewat, Un corps indocile. Der kamerunische Schneider Deffo Deffo kämpft mit einem Körper, der ihm nicht gehorcht, und gerät in die Textilindustrie zwischen Kamerun und China. Ein Brand in einer Fabrik und ein Tötungsdelikt rahmen seine Geschichte.
Anne Percin, Eugénie sous les bombes. Eine Urenkelin findet das Heft, das ihr Urgroßvater Charles hinterlassen hat, und erzählt daraus das Leben seiner Frau Eugénie. Im März 1918 reist das Paar, getrieben von Eugénies Schilddrüsenleiden, durch das bombardierte Paris auf der Suche nach einem Arzt.
Der Charme der Bücher in Kürze
- Le Palais: Erzählfreude und Tempo. Das Buch verbindet Weinkunde, Schelmenstück und Moral mit leichter Hand.
- La méthode: Ernsthafte Intelligenz. Der Roman macht eine ideengeschichtliche These erzählbar, ohne ihr die Spannung zu opfern.
- Un corps indocile: Körperliche Nähe. Lakonie, Dialektwörter und die Genauigkeit der Näharbeit geben dem Text eine ungewohnte Textur.
- Eugénie sous les bombes: Zärtlichkeit ohne Kitsch. Die Anteilnahme der Erzählerin trägt auch dort, wo das Ende bekannt ist.
Zwei bereits ausführlich besprochene Romane der Auswahl
Patrice Jean, Stay Free (Cherche Midi, 2026): Klasse als Schicksal, Erinnerung als Gegenwehr. Der Roman erzählt von drei Jugendlichen aus der Hochhaussiedlung Bottière bei Nantes zwischen 1982 und 1988, mit einem Epilog bis 2025: Paul, Martial und Samia, die mit Punk, Kino und Literatur gegen eine vorgezeichnete Biografie ansetzen. Martial zahlt für seine Kompromisslosigkeit mit Gefängnis und frühem Tod, Paul und Samia richten sich in bürgerlicher Mittelmäßigkeit ein, und Samia versucht Jahrzehnte später, die Geschichte in einem Dokumentarfilm zu bergen. Meine Besprechung liest das Buch als proletarischen Adoleszenzroman, der durch 34 nach Songs benannte Kapitel, einen Wechsel von Präsens und proleptischem Futur und eine Montage heterogener Texte erzählt und der die Flaubert-Parallele des Verlags eher als Kontrast bestätigt. Sie ist unter dem Titel „Punk als Erziehung der Gefühle: Klasse, Verlust und Erinnerung bei Patrice Jean“ auf Rentrée littéraire erschienen.
Marie Petitcuénot, Heures sauvages: Kunst als Offenlegung dessen, was die Zivilisation verdeckt. Der Roman erzählt Marina Abramovićs Performance Rhythm 0 von 1974 in Neapel als Kammerspiel einer einzigen Nacht. Vierzig Gäste dürfen mit der schweigenden Künstlerin tun, was sie wollen, und die Eskalation vom ersten Zögern bis zur geladenen Waffe wird über neunzehn Kapitel jeweils an eine Figur mit eigener Vorgeschichte gebunden. Meine Besprechung beschreibt die Form als Chornovelle mit wechselnder interner Fokalisierung, deren Rahmenhandlung im Präsens steht, und hebt die These hervor, Gewalt sei eine anthropologische Konstante und keine historische Ausnahme. Der erste und der letzte Satz spiegeln sich, und das Buch lässt die Lesenden mit der Frage allein, was sie täten, wenn man ihnen die Verantwortung abnähme. Sie ist unter dem Titel „Wilde Stunden. Kunst als Offenlegung dessen, was die Zivilisation verdeckt: Marie Petitcuénot“ auf Rentrée littéraire erschienen.
Der Gaumen als Kapital: François-Henri Désérable, Le Palais
Inhalt
Arun Kumar kommt mit acht Jahren aus einem Slum am Rand der Müllhalde Ghazipur in Delhi nach Frankreich. Seine Mutter hat ihn an einen Menschenhändler verkauft, der Vater wurde von einem Müllwagen geköpft, ein Waisenhaus vermittelt ihn an das Wirtshausehepaar Amiot in Beaune. Dort entdeckt er an den Resten in den Gläsern, die er als Spüler wegräumt, eine Begabung: Er schmeckt Hunderte von Aromen, vergisst keinen Wein und liest aus den Wetterbüchern eines Winzers die Jahrgänge ab, die er nie getrunken hat. Der Vater seiner Freundin Margot, Besitzer des Weinguts Clos des Toucans, nimmt ihn als Ziehsohn auf. Mit fünfzehn demütigt Arun bei einem Bankett im Clos de Vougeot den amerikanischen Kritiker Michael Waterman in einer Blindverkostung. Wenig später verreißt Waterman den neuen Jahrgang des Clos des Toucans, und Margots Vater erschießt sich im Weinberg. Arun fühlt sich schuldig und verschwindet.
Er bereist drei Jahre lang alle Weinländer, nimmt mit gefälschten Papieren einen Studienkredit auf, scheitert mit einem Weinberg auf einem Vulkan der Marquesas und kehrt schließlich nach Delhi zurück, wo er erfährt, wie sein Vater starb, und seinem Jugendfreund Raj begegnet, der inzwischen Fladenbrot backt. Sein Entschluss steht fest: Er will reich werden und Unrecht ausgleichen. In New York gewinnt er die Gesellschaft der „Vilains Bonshommes“, einer Runde vermögender Weinliebhaber, mit Flaschen, die es eigentlich nicht geben dürfte, einem Chambertin von 1865 etwa. Er stellt sie in einem Kellerloch in Alphabet City selbst her, aus Verschnitten, Rosenblättern und Trüffelöl. Als er nach einer Covid-Infektion Geruch und Geschmack verliert, versteigert er den Keller für 25 Millionen Dollar und lässt ausgerechnet Waterman die Echtheit beglaubigen. Das FBI wird aufmerksam, Arun flieht nach Frankreich und wird in Paris verhaftet. Vor dem Gericht in Dijon verteidigt ihn die junge Anwältin Camille Paola mit der Frage, ob ein Wein, der von einem Kenner nicht vom Original zu unterscheiden ist, nicht derselbe Wein sei. Das Geld hat er über einen Sikh-Friseur nach Delhi geschleust, an Raj. Am Ende steht in Aruns Zelle ein Besuch an: Eine Frau mit olivgrüner Baskenmütze wartet im Sprechzimmer.
Interpretation
Der Roman erzählt eine Rachegeschichte als Schelmenstück, und zwei Fragen geben ihm Spannung: Was macht ein Original aus, und wem gehört Kennerschaft? Désérable verschränkt beides mit der Klassenfrage. Der Wein ist hier ein Statussymbol, das Wissen darum eine Eintrittskarte, und Arun, der Parias aus der Müllhalde, besitzt von Geburt an das, was die Reichen mühsam lernen und kaufen müssen. Seine Fälschungen sind deshalb weniger Betrug im üblichen Sinn als eine Demonstration, dass der Markt für das Seltene auf Behauptungen ruht. Die Verteidigungsrede im Prozess spielt das aus: Das Schiff des Theseus, Lagranges Verwechslung der beiden Gläser, die Käufer, die „verführt“ werden wollten. Der Roman verwehrt sich dabei einem billigen Freispruch. Arun hat Freunde belogen, Waterman in den Tod getrieben und den Gaumen eines anderen Menschen auf dessen Eitelkeit hin benutzt. Die Rache hat ihren Preis, und der Erzähler lässt ihn spüren.
Formal trägt den Text die Stimme eines allwissenden, ironischen Erzählers, der sich in Klammern und Einschüben zu Wort meldet, Zeitebenen vorausschickt („Plus tard, au procès …“) und Gattungen mischt: Bildungsroman, Abenteuerroman, Gerichtsdrama, Satire auf die New Yorker Oberschicht. Ein Kapitel, das ein Happy End mit Margot in Manhattan entwirft, wird im folgenden Kapitel ausdrücklich zurückgenommen: „So ist es nicht gekommen.“ Das ist mehr als ein Gag. Der Roman reflektiert damit, dass der Leser sich etwas wünscht, das erzählerisch zu billig wäre, und die Fiktion arbeitet bewusst mit Täuschung, wie der Fälscher. Dazu passen die Motive der Rückwendung und der Wiederholung: Die Ankunftsszene am 12. Juli 1998 kehrt im Gerichtssaal wieder, der Moment, in dem Arun den Ort sucht, an dem sich die Erdoberfläche krümmt, kehrt mehrfach wieder und findet am Ende seine Auflösung in der Müllhalde. Die Halde von Ghazipur, „Palast“ des Elends, spiegelt den Palais des Titels, den Gaumen, der aus dem gleichen Material gemacht ist wie die Pracht der Weinwelt.
Das Aroma wird als Sprache erzählt. Arun erfindet Wörter für Geschmäcker („risambre“, „vellune“), er hört im Wein die Wetterbücher, er trägt eine „innere Cave“ in sich. Désérable macht daraus Prosa, die den Reiz der Beschreibung fast selbst zum Gegenstand hat, mit Listen, Anaphern, Metaphern aus Musik und Poesie. Dagegen steht eine bewusste Derbheit der Figuren, vom Wirt Amiot und seinem Notizbuch großer letzter Worte bis zum Grobian Lagrange. Das Spiel mit Zitaten (Rimbaud, Proust, Pascal, Houellebecq als Nebenfigur, Brel) macht den Roman zu einem literarischen Rätselfeld. Beim Geld bleibt er konsequent zweideutig: Raj wird mit 24,5 Millionen Dollar versorgt, was Robin-Hood-Phantasie ist, aber auch die Frage stellt, ob eine Betrugssumme auf diesem Weg gerecht wird.
Was preiswürdig ist
Der Renaudot zeichnet traditionell Bücher aus, die erzählerische Lust mit einem erkennbaren Eigenton verbinden. Le Palais ist dafür ein Paradefall. Désérable beherrscht das Tempo, den Wechsel von Komik und Melancholie und die Dramaturgie über sechzig kurze Kapitel. Er hat eine Idee, die trägt: Ein Roman über einen Fälscher, der selbst das Lügen und Verführen ausstellt und dem Leser Genuss und Skepsis zugleich abverlangt. Er nimmt die Weinkultur ernst, ohne sie zu verklären, und er benutzt sie, um über Herkunft, Klasse, Schuld und Authentizität zu sprechen. Einwände gibt es: Manche Gags und Stereotype (das New Yorker Personal, die Chinesen, die Bollywood-Verwechslung) tragen dick auf, und der Mittelteil rutscht gelegentlich in die Beschreibung von Dinnern. Aber die Konstruktion, das Zusammenspiel von Anfangsszene, Schlussbild und Verwandlungen und der Mut, einen Helden zu zeigen, den man bewundert und nicht entschuldigen kann, rechtfertigen die Nennung.
Methode ohne Zweck: David Djaïz, La méthode
Inhalt
Der Roman beginnt 1901 im Orient-Express. Der junge Tierarzt und Mikrobiologe Paul Remlinger, ein Schüler des Pasteur-Kreises, der in Nancy keine Zukunft sah, fährt nach Konstantinopel, um dort ein antirabisches Institut „vorzubereiten“. Im Zug trifft er einen belgischen Journalisten und Hochstapler, der ihn später in Geschäfte zieht. In der Stadt wird er von der osmanischen Bürokratie aufgehalten, findet ein Haus in Eyüp, eine Haushälterin namens Zaynap und einen Welpen, den ihm der Derwisch Hasan Baba anvertraut. Rückblenden zeigen Paul als Gehilfen in der Rue d’Ulm, bei den ersten Impfungen gegen die Tollwut, als Handlanger, der Spritzen aufzieht und dem man weder Namen noch Lob gibt. Neun Jahre später, 1910, ist er ein Mann der Routine, mit einem Institut, das kaum etwas leistet, und mit Aussichten auf eine Versetzung. Da lässt ihn Oberst Abdallah Bey, Leiter der städtischen Gesundheitsbehörde, zu sich bestellen: Konstantinopel soll von seinen 102 415 streunenden Hunden „gesäubert“ werden, Paul soll das wissenschaftlich begleiten.
Paul und der Belgier entwerfen ein Verfahren: Die Hunde werden nachts eingefangen, in sieben Zentren mit Leuchtgas oder Blausäure getötet, das Fell, das Fett, die Zähne und Knochen werden verwertet, der Rest verbrannt. Paul lehnt das Strychnin ab, weil es qualvoll ist, und hält die Vergasung für die humane Lösung. Er stützt sich auf einen Jugendfreund bei der BASF, Georg Spitz, und auf einen armenischen Händler im Basar, Gulbenkian, der Männer und Material liefern soll. Bei der Sitzung des Gesundheitsrats in Therapia trägt er seinen Plan vor, mit Zahlen, Schaubildern und Anleitungen zum Aufhängen und Ausweiden der Tiere, und wird nach dem „Warum“ gefragt, das er nicht beantworten kann. Innenminister Talaat Pascha antwortet an seiner Stelle: Es gehe um „Reinigung“. Der Plan wird verworfen, die Hunde werden stattdessen auf die kahle Insel Oxia verschleppt und verenden dort. Paul sieht bei einem Ausflug auf einem Dampfer das rote Wasser, die Kadaver und die Überlebenden. Er geht nach Tanger. Ein Epilog verfolgt die Folgen: Abdallah Bey, der eine Mischfigur sein soll, organisiert 1915 die Deportationen der Armenier und erschießt sich; Talaat wird 1921 in Berlin von Tehlirian erschossen; Remlinger arbeitet bis zu seinem Tod 1964; 2024 beschließt die Türkei erneut ein Gesetz zur Tötung streunender Hunde; auf Sivriada soll ein Luxuskomplex stehen.
Interpretation
Der Titel meint, was Paul für sein Bekenntnis hält: Wissenschaft als reine Methode, die „keine Meinung“ hat. Djaïz erzählt, wie diese Haltung moralisch nicht neutral bleibt. Paul will die Grausamkeit vermeiden, er verwirft Strychnin und die Aussetzung, und er entwirft ein Verfahren, das schmerzlos, rationell und sauber sein soll. Dass er damit das Konzept des industriellen Tötens bereitstellt, bemerkt er erst, als ihn Talaat nach dem Zweck fragt. Das Buch macht daraus eine genaue Studie des Mechanismus, mit dem Fachleute einen Auftrag annehmen, weil sie sich als Techniker verstehen. Die Rolle der Kompromisse ist fein beobachtet: Der Beitrag zur Wahrheit („Ich habe nur drei Tollwutfälle verzeichnet“) wird gegen den Beitrag zur Karriere abgewogen, die Neugier auf Anerkennung führt zur Mitwirkung, und die Entscheidung der Politik schützt ihn davor, ihre Folgen zu sehen, bis er sie vom Schiff aus sieht.
Die Erzählweise hält die Distanz, die zum Thema gehört. Die Sätze stehen oft in der Gegenwart, die Kapitel tragen Ort und Jahr, die Figuren sprechen in indirekter Rede, was den Bericht wie ein Protokoll wirken lässt. Zugleich arbeitet Djaïz mit Leitmotiven: das Seidentaschentuch mit den Initialen, mit dem Paul Zeit gewinnt, die gewaschenen Hände, die Badewannen, die Angst vor Handschlägen. Das Reinheitsmotiv verbindet seine Hygienezwänge mit der Reinigungsrhetorik des Regimes, und die Handlung wiederholt es im Basar, wo Gulbenkian Paul die Hand zerdrückt und Paul fragt, ob es Händedrücke gibt, die nicht besiegeln. Es ist auch bemerkenswert, wie das Buch Pasteurs Ethos („Wahrheit muss dienen“) zitiert und umdreht: Dienst kann die Wissenschaft stärken oder sie missbrauchen. Das Nebeneinander von Hund und Mensch ist sparsam eingesetzt. Zwei Sätze Fiktionskommentar im Epilog, in dem Abdallah ausdrücklich als „chemischer Niederschlag“ vieler Beamter bezeichnet wird, legen offen, dass die Verbindung zur Armenierfrage eine Konstruktion ist, die der Roman ausdrücklich als Gedankenmodell kennzeichnet.
Die Parallelen sind deutlich, aber der Text drängt sie nicht auf. Der Leser erkennt in den Zahlen, den Listen, den Wagenladungen und den „Zentren“ die Logistik späterer Verbrechen, und das Wort „Hunde“ wird zu einer Vorübung. Die Schlussseiten zur türkischen Gegenwart machen daraus ein Argument über Wiederkehr, das nicht belehrend wirkt, weil das Buch zuvor auf Erkenntnis durch Szenen gesetzt hat.
Was preiswürdig ist
Djaïz, bisher als Essayist bekannt, legt mit seinem Romandebüt eine Erzählung vor, die ihr Thema ohne Predigt entfaltet. Preiswürdig ist erstens die Konstruktion: Die Rückblenden zu Pasteur, die Parallelen von Wissenschaft und Dienst, die lange Sitzungsszene in Therapia als Kern, der Epilog über ein Jahrhundert. Zweitens die moralische Genauigkeit: Es gibt keinen Bösewicht im üblichen Sinn, Paul ist zart, feige und gut gemeint, und gerade das macht die Lektüre unbequem. Drittens die historische Recherche, die lesbar bleibt und sich in der Bibliografie ausweist. Schwächen sind sichtbar: Paul bleibt passiv, die Figur des Belgiers schwankt zwischen Typ und Mensch, und einige Passagen erklären, was die Szene schon zeigt. Dennoch liefert das Buch ein seltenes Gleichgewicht aus Ideenroman und erzählter Szene, und es verdient die Aufmerksamkeit einer Jury, die ein Buch von Gewicht und Ton sucht.
Ein Körper, der sich dem Willen entzieht: Osvalde Lewat, Un corps indocile
Inhalt
Dieunedort Deffo Deffo, aus einem fiktiven zentralafrikanischen Land namens Zambuena, ist Couturier in Paris, mit eigenem Atelier („Route du Haut-Fenn“) und einer Lebensgefährtin, der wohlhabenden Immobilienverwalterin Anne-Gabrielle, genannt Merveille. Nach einer Liebesnacht zu ihrem vierjährigen Jubiläum stellt sich ein Schmerz in der Leiste ein, der nicht mehr weicht. Die Ärzte finden nichts, Antalgika und Therapeuten folgen, die Tante Assimba, eine ehemalige Taxifahrerin, schmiert Kräuterpasten auf. Der Schmerz verhindert jede Berührung, der Betrieb leidet, die Beziehung zerbricht. Ein Versuch mit einer anderen Frau scheitert, die Schulden wachsen, Merveille weist ihn ab. Die Tante schlägt vor, es im Heimatland mit einem traditionellen Heilritual, dem Bwiti, zu versuchen, und Deffo fliegt nach Akriba zu seinem Jugendfreund Zenou, der als Geschäftsmann aufgestiegen ist.
Weil das Heilzentrum eine Warteliste hat, arbeitet Deffo als Ausbilder in einer chinesischen Textilfabrik in Feukan. Er schließt Freundschaft mit dem chinesischen Aufseher Wu Liang und dem alten Gewerkschafter Tankoutat, begegnet der Gewalt der Vorarbeiter und lernt die Näherin Massah kennen. Dann beginnt die Initiation im Dorf der Heiler, mit Iboga-Dosen, einer Reise in die Geisterwelt und einem neuen Namen, Ruñandi. Zurück in der Stadt, erklärt er seinem Freund Wu Liang, was er erlebt hat, und der Chinese spottet über Aberglauben. In einem Wutanfall erwürgt Deffo ihn. Bao Weng, der Besitzer der Fabrik, lässt ihn als Begleiter der Leiche nach China reisen, wo Wus Mutter ihn einen Monat lang Kleider nähen lässt, sie dann verbrennt und ihn ohne Anklage entlässt. Zurück im Zambuena erfährt er, dass bei einem Brand im Färbereiraum vierundzwanzig Arbeiter eingeschlossen starben, und dass Bao Weng ihn schützt, weil er das Land mitregiert. Als er sich stellen will, stehen ihm Tankoutat, Zenou und Merveille im Weg. Auf der letzten Seite zieht ihn eine Gruppe, die sich Komitee der Vierundzwanzig nennt, in eine dunkle Gasse und will ihn richten. Er wird gerettet und bleibt am Leben: „Condamné à vivre.“
Interpretation
Der Titel meint den Körper, der den Absichten seines Besitzers nicht folgt, und das Buch folgt dieser Spur in mehreren Registern. Es ist ein Krankheitsroman, der das medizinische Wanderleben, das Ausgeliefertsein an Fachsprachen und das Misstrauen der Männlichkeit gegen den Schmerz schildert. Dass der Schmerz ausgerechnet im Geschlecht sitzt, macht Scham und Stolz zum Thema. Es ist ein Roman der Postkolonialität, in dem die Kritik am „Obskurantismus“ aus dem Mund eines Chinesen kommt und die Verteidiger der Tradition ihrerseits in Rhetorik verfallen. Und es ist ein Roman über Schuld, der sich dem Muster der Läuterung verweigert. Deffo wird geheilt, indem er tötet, oder hat der Wutanfall mit der Heilung nichts zu tun? Der Text lässt es offen. Die Schlüsselsätze, „Le futur n’est pas le fatum“, „Ne dévie pas“, werden vom Heiler gesagt und vom Helden mehrfach so ausgelegt, dass sie seine Entscheidungen decken. Am Ende ist die Rechtfertigung durch „Dienst an der Gemeinschaft“ genauso brüchig wie die Selbstanzeige.
Die Näherei ist das Leitbild. Deffo versteht Nähen als Schrift und als Reparatur, er glaubt, dass sich jeder Riss schließen lasse, und der Roman zeigt, dass manche Stoffe nicht zusammengehen. Die Arbeit in der Fabrik, wo Hunderte Frauen die gleiche Naht wiederholen, ist das Gegenstück zur Haute Couture, und das Buch zeichnet mit wenigen Szenen die Ökonomie dahinter: Akkord, Leibesvisitation, Strafen, Aufseher, Vorarbeiter mit Spitznamen „Ding Daing Dong“. Auch hier arbeitet Lewat gegen einfache Schemata. Wu Liang ist Opfer und Profiteur zugleich, Tankoutat Idealist und Strippenzieher, Zenou Verräter und Gönner. Formal prägt den Roman die Einrahmung durch kursive Einschübe aus der Perspektive des Täters in der Zelle, die erst im Verlauf verständlich werden: Man liest von Anfang an, dass jemand getötet hat und dass er die Nacht neben der Leiche verbringt, und das Wissen färbt jede Szene. Der Wechsel zwischen Lakonie, Dialektwörtern, Briefen, Listen, Zitaten (Camus, Barthes, Kierkegaard-Anspielungen) und einem lyrischen Mittelteil in der Iboga-Szene gibt dem Text Spielraum. Der Mittelteil in der Ich-Form, der plötzlich vom Präteritum in die Gegenwart und vom „il“ zum „je“ wechselt, ist das heikelste Experiment und trägt.
Zwei Themen verdienen Hervorhebung. Das eine ist die Zeit der Heilung: Der Schmerz verschwindet, als der Held das Ritual bereits verlassen hat, und er weigert sich, zu warten. Das andere ist die Begegnung zwischen Täter und Mutter in China. Dort steht eine der eindringlichsten Folgen des Buches: Eine Frau, die möglicherweise alles weiß, hält ihn in der Kammer des Sohnes, serviert ihm Essen, lässt ihn Kleider nähen und verbrennt sie. Ob Rache, Buße oder buddhistische Gleichmut, wird nicht entschieden.
Was preiswürdig ist
Das Buch verbindet drei Stoffe, die selten zusammen erzählt werden: ein Krankheitsschicksal, die chinesisch-afrikanische Arbeitswelt und ein Ritual aus Zentralafrika. Es gelingt ihm, keines davon zu exotisieren und keines zu entwerten. Preiswürdig ist der moralische Mut, einen Protagonisten zu wählen, der tötet und dem der Text trotzdem Aufmerksamkeit schenkt, ohne ihn zu entschuldigen. Bemerkenswert sind der Rhythmus der Prosa, die Sicherheit im Wechsel der Register und die Genauigkeit des Details (Aiguille Nr. 18 für Ndop, die Verwandlung der Schreie im Vert d’Ô). Schwächer sind einzelne Dialogszenen, in denen Ideen aufgesagt werden, und eine gelegentliche Neigung zu Aufzählungen. Als Ganzes ist Un corps indocile ein Roman, der seine Fragen durchhält und dem Leser keine bequeme Antwort anbietet.
Ein Tagebuch als Beschwörung: Anne Percin, Eugénie sous les bombes
Inhalt
Die Ich-Erzählerin, eine Lehrerin und Autorin, beginnt mit einer Szene aus dem Jahr 1982: Bei der Geburtstagsfeier ihres Großvaters in einem Restaurant im Val-d’Ajol erfährt sie von einem Fremden, dass ihr Urgroßvater Charles ein gefürchteter, aber verehrter Schuldirektor war. Er hat fünf Kinder fast alle „platziert“, und über die Mutter weiß niemand etwas. Es gibt ein Heft, das Charles hinterlassen hat. Jahrzehnte später, nach dem Tod eines Onkels, bekommt die Erzählerin das Original und eine getippte Abschrift. Der Text handelt nicht von Charles, sondern von Eugénie, seiner Frau, und endet 1919. Sie beschließt, das Feuer wieder anzufachen.
Der Roman erzählt daraufhin zwei Leben, die im gleichen Jahr 1876 beginnen. Charles wächst in Dignonville als Sohn von Landarbeitern auf, wird von einem Pfarrer gefördert, besucht das Kleine Seminar, wird Lehrer und verliert 1903 seine Stelle, als der Staat die Kongregationen auflöst. Eugénie, Tochter von Winzern in Regney, ist ein früh frommes, kräftiges, rastloses Mädchen, das als Dienstbotin an ihre Grenzen geht. 1906 begegnen sich die beiden auf der Hochzeit von Charles’ Bruder, verlassen das Fest, beten vor einer Marienstatue und schreiben sich ein Jahr lang Briefe. 1907 heiraten sie, bis 1915 kommen fünf Kinder. Im Ersten Weltkrieg wird Charles eingezogen, Eugénie hält den Hof in Regney, bricht aber 1917 an einer Schilddrüsenkrankheit zusammen. Im März 1918 reisen sie in ein Paris, das von Gotha-Bombern angegriffen wird, auf der Suche nach einem Arzt, der die Geschwulst bestrahlen oder operieren kann. Man schickt sie von Klinik zu Klinik, sie entkommen einer Massenpanik in der Metrostation Bolivar, kehren nach Épinal zurück, und Eugénie stirbt am 17. März. Ein Epilog folgt den Kindern: dem verunglückten Charlot, der Priester wird, der ältesten Tochter, die Nonne wird, dem Sohn Gérard, dem Großvater der Erzählerin, der später das Grab der Eltern neu bauen lässt. Die Erzählerin schließt: Schreiben heißt, Tote lebendig zu machen.
Interpretation
Das Buch ist ein Hybrid. Es nimmt eine Quelle, das Heft des Charles, und baut daraus eine Fiktion, die ihre eigene Entstehung beschreibt. Der „Exorde“ und die „Invocation“ legen die Methode offen: Aus Erinnerung wird keine Erzählung, solange man nur Erinnertes ordnet, man muss neues Holz ins Feuer legen. Die Erzählerin stellt sich nicht als Historikerin vor, sondern als Autorin, die das Archiv erfindend belebt. Das gibt dem Roman eine doppelte Spannung: Man liest die Geschichte und zugleich den Versuch, sie zu schreiben. Die Flüsse (Mosel, Maas, Seine) sind das Bild für die Zeit, die gleichzeitig vergeht und erhalten bleibt, ein Gedanke, den Percin immer wieder aufnimmt, bis hin zu dem Satz, die Flüsse „machten Unsinn“, wenn sie die Zukunft vorwegnehmen.
Die Konstruktion nutzt ein bekanntes Muster, das der Tragödie. Mehrfach heißt es: „Wenn man wüsste, was die Zukunft bringt, würde man nichts tun“, und das Wissen der Erzählerin um das Ende liegt über jeder Szene. Die Hoffnung wird zur eigentlichen Hauptfigur: Péguys „Espérance“, der Satz, die Hoffnung sei die Tugend, die Gott am meisten staune, durchzieht den Text. Die Reise von März 1918, vom Zug bis zur Rückkehr, ist so erzählt, dass die Vergeblichkeit nicht Kitsch wird: Das Verhalten der Ärzte, die Verschiebung von Verantwortung, das Bestechen eines Pförtners, die Wohltäterin im Zug mit dem Fünfzigfrancsschein, ein Offizier, der seinen Platz abtritt, stehen nebeneinander. Das Buch führt vor, wie der Krieg auch den Hinterland-Bewohnern die Fürsorge entzieht, und es tut das ohne Schlachtenlärm. Der einzige Lärm sind die Bomben, und dazu gehört die Beobachtung, dass von diesem Lärm keine Aufnahme erhalten ist und man deshalb auf Berichte angewiesen bleibt.
Die Figur der Eugénie ist die eigentliche Leistung. Sie hat die Energie eines Kindes, den Eigensinn einer Heiligen und eine Neigung zur Selbstüberforderung, die der Roman liebevoll und klar beschreibt. Der Hyperthyreose entspricht, dass sie nicht schlafen kann, dass ihr Körper rast, dass sie Dächer deckt und nachts Hafer mäht. Dass der Schmerz mit Frömmigkeit beantwortet wird, ist nicht Spott, sondern Respekt: Für Frauen ihrer Herkunft ist Religion der einzige Raum, der nichts kostet. Charles tritt dagegen zurück, er ist ein höflicher, hilfloser, tapferer Mann, dessen Aufstieg, Seminar, Lehrerstellung und Schreibkunst die Voraussetzung dafür waren, dass es das Heft überhaupt gibt. Auch das ist ein Gegenstand des Romans: wer schreiben kann, bestimmt, wer erinnert wird. Der Epilog führt dies mit dem Grab zusammen: Der Sohn, der mit der Religion nichts zu tun haben will, lässt dennoch die Tote würdig begraben, als wolle er etwas reparieren.
Was preiswürdig ist
Preiswürdig ist die Verbindung von Intimität und Konstruktion. Percin gelingt ein Familienroman ohne Familienalbum-Seligkeit, sie hält die Quelle auf Abstand, kommentiert sie und behandelt ihre Prosa als zeitgebundene Frömmigkeitsrhetorik, und sie gibt dem Stoff zugleich einen Ton, der warm und ironisch bleibt. Die Szenen des Jahres 1918 haben eine Wucht, die ohne Pathos auskommt. Hinzu kommt ein genaues Gespür für den Alltag des Krieges im Hinterland, für Armut, Aufstieg und Laizismus als Konflikt zweier Gewissheiten, und für den Eigenwert eines Frauenlebens, das sonst nur in einem Namen auf einem Grabstein überleben würde. Schwächen liegen in der gelegentlichen Redundanz der Erzählerkommentare und im Refrain-Gebrauch, der sich abnutzt. Insgesamt ist es ein Buch, das zeigt, wie Erinnerung gemacht wird, und das seine Leser anrührt, ohne sie zu überreden. Das ist ein guter Grund, es für einen Preis zu nominieren, der Erzählkunst mit eigenem Ton auszeichnen möchte.









