Himmlers Zuchtbefehl: Caroline de Mulder

Caroline De Mulders Roman „La pouponnière d’Himmler“ erzählt das Lebensborn-Programm des Nationalsozialismus als Schrecken einer durchideologisierten Kindheit: Kindheit wird nicht als schützenswerte Lebensphase gezeigt, sondern als Produkt eines rassistischen Zuchtprogramms – verwaltet, vermessen, umbenannt und ihrer Herkunft beraubt. Die Körper von Frauen, Kindern und Männern erscheinen nicht als Subjekte, sondern als biopolitisches Material im Dienst einer totalitären Ideologie. Die Frau wird als „Gebärmaschine“ dargestellt, deren Wert sich ausschließlich aus ihrer Reproduktionsfähigkeit für die „Rasse“ ergibt. Renée, die als junge schwangere Französin im Lebensborn-Heim entrechtet wird, Helga, die als Oberschwester zwischen Pflichterfüllung und Schuld taumelt, und Marek, der als Zwangsarbeiter entmenschlicht wird, verkörpern drei Varianten existenzieller Ausgeliefertheit an ein System, das Körper zählt, aber Leben entwertet. Gleichzeitig deutet der Roman an, dass die völlige Indienstnahme der Körper nicht gelingt: In poetischen Momenten innerer Bilder, sinnlicher Erfahrung und zwischenmenschlicher Nähe blitzen Möglichkeiten von Subjektivität auf. Die Erzählerin des Romans versucht im Rückblick, das Schweigen der Vergangenheit zu durchbrechen, und begegnet der historischen Leerstelle mit Sprache, Imagination und dokumentarischen Fragmenten. Die vielstimmige Struktur des Romans – zwischen innerem Monolog, Archivtexten und Gegenwartserzählung – spiegelt die Fragmentierung traumatisierter Kindheiten wider und macht literarisch erfahrbar, was historisch mit dem Kriegsende am 8. Mai 1945 ausgelöscht werden sollte.

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Wir Jungpioniere lieben unsere Deutsche Demokratische Republik: Benjamin de Laforcade

In „Berlin pour elles“ (2024), dem zweiten Roman von Benjamin de Laforcade, bildet die Freundschaft zwischen Hannah und Judith das Zentrum einer Erzählung, die zwischen individueller Nähe und staatlicher Kontrolle entlangführt. Durch die Perspektive zweier Mädchen in der DDR entwickelt der Roman ein anschauliches Bild der ostdeutschen Gesellschaft, das sich zwischen Anpassung, Widerstand und alltäglicher Solidarität bewegt. Laforcade, als französischer Autor mit Außenperspektive auf Ostberlin und als Wahlberliner, nutzt die Freundschaft nicht nur als Erzählmotiv, sondern auch als Mittel zur Untersuchung von Gesellschaftsstrukturen und menschlichen Werten.

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Verwerfungslinien in uns: Mathias Énard, „Mélancolie des confins. Nord“

Mathias Énard ist einer der deutschlandaffinen Autoren der französischen Gegenwartsliteratur; wir begleiten den Erzähler in ein Berlin, in dem persönliche Verluste, kollektive Traumata und die literarische Tradition in einem eindrucksvollen Narrativ miteinander verschmelzen. Sein jüngstes Werk „Mélancolie des confins. Nord“ bildet den Auftakt einer Tetralogie über die Vergänglichkeit historischer Grenzen, verwebt erneut intime und historische Ebenen und verwischt in diesen einsamen Promenaden (denn das sind die Kapitel eher als Teile eines Romans) Literatur, Geschichte und Geografie.

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Aufblitzen im Augenblick einer Gefahr: Walter Benjamin bei Aurélien Bellanger

„Als Scholem seinen Freund 1938 nach mehr als zehn Jahren wiedersah, stellte er fest, dass sein Haar weiß geworden war und er an Gewicht zugenommen hatte. Ich kann nicht anders, als mir die groteske Figur eines Benjamin vorzustellen, der überproportional gewachsen ist und das gesamte Volumen der Nationalbibliothek einnimmt – ein Benjamin aus Pappmaché oder Wachsschmelze, der den Negativabdruck der Bibliothek bildet, aber in extremis Notausgänge aus dem Albtraum von Babel gefunden hätte, ohne sie leider für sich selbst nutzen zu können.“

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Das große Schweigen im Vater-Prozess, im Barbie-Prozess

Roger de Wecks Bericht zum Barbie-Prozess für die Zeit erwähnte damals auch den Autor des Vaterromans Enfant de salaud: „Sorj Chalandon, der glänzende Berichterstatter von Libération, verzweifelte über den „tausend Fragen“, die im Barbie-Prozeß hätten gestellt werden sollen, meist nicht gestellt wurden, in Ausnahmefällen nicht gestellt werden durften.“ 1 Der Roman verknüpft nun Chalandons Auseinandersetzung mit der großen Geschichte – dem Schlächter von Lyon Klaus Barbie – und mit intimer Familiengeschichte – dem eigenen, 2014 verstorbenen Vater, der bereits 2015 Gegenstand des Romans Profession du père war. Zum Prozess ging der Autor nach eigenen Angaben auf Vorschlag des Vaters und gemeinsam mit ihm:

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Anmerkungen
  1. Roger de Weck, „Schweigen vor dem Leid der Opfer“, Die Zeit, 3. Juli 1987.>>>
Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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