Résumé
Baptiste Roger-Lacan erzählt in „Le roi“ (Passés composés, 2025), wie ein politisch gescheitertes Königtum kulturell weiterlebt. Der Prätendent Chambord verspielt 1873 den Thron, doch die Figur des Königs wandert danach durch Gattungen und Institutionen: von der Memoirenflut und dem historischen Roman in Schule und Pfarrbibliothek, über Lenotres Anekdotenhistorie, Nolhacs Versailles und die Académie française zu den Lehrsätzen von Taine, Dimier und Bainville. Von dort geht sie zu Gaxottes Revolutionsbuch, zur Faszination für die Rutenbündel und zum Jubiläum von 1939, das in das Statut der Juden von 1940 mündet. Die Besprechung liest dieses Buch im Kontrast zur kollektiv verfassten „Nouvelle histoire de l’extrême droite“: Dort stehen Organisationen, Bewegungen und eine umstrittene Definition im Zentrum, hier die Weitergabe von Bildern, Erzählungen und Gefühlen, die sich einem Parteibegriff entziehen. Aus dieser Unterscheidung gewinnt sie ihren Maßstab. Sie würdigt die Quellenarbeit, etwa die Statistik von 564 Memoirenausgaben, und die Umschrift des Bildes der „zwei Frankreich“. Kritisch fragt sie, wie belastbar die Rezeptionsbefunde sind, ob der König in den späteren Kapiteln hinter den „chef“ zurücktritt und wo die Grenze zur extremen Rechten verläuft, wenn das Buch alle Rechten einbezieht. Die Schlussbetrachtung zur „monarchie républicaine“ hält sie für schwächer belegt als den Rest. Ein Seitenblick auf O’Dohertys „The Dark Side of France“ zeigt, was eine szenische Erzählung auslässt. Zuletzt schlägt die Besprechung vor, die deutsch-französischen Beziehungen als Gegenprobe zu nutzen, vom Versailles des Jahres 1871 bis zur Besatzung.
Organisation hier, Weitergabe dort: Die Problemstellung im Vergleich mit der Nouvelle histoire
Baptiste Roger-Lacan: Le roi: une autre histoire de la droite. Paris: Passés composés 2025.
Im selben Jahr 2025 sind zwei Bücher erschienen, die denselben Namen auf dem Titelblatt tragen und sich dennoch kaum berühren. Die hier bereits besprochene, von Roger-Lacan herausgegebene Nouvelle histoire de l’extrême droite (France 1780-2025) (Seuil) fragt, was die extreme Rechte ist und wie sie sich über zweieinhalb Jahrhunderte verändert hat. Die Einleitung bietet eine vorläufige Definition an: Intransigenz, Ablehnung der Gleichheit, Kampf gegen Liberalismus, Sozialismus und Kommunismus als „Gesichter der revolutionären Hydra“, Organizismus, Verschwörungsdenken, Gewalt und eine „modernité réactionnaire“. Der Begriff gilt dort als Stigma, und gerade deshalb als brauchbar. Vierzehn Fachleute teilen sich fünfzehn Beiträge; Parteien, Ligen, Praktiken und Netzwerke stehen im Vordergrund. Die Besprechung des Sammelbands vom November 2025 hat daraus eine These vom Antiliberalismus mit „Tiefenstrukturen“ gemacht und die kulturgeschichtlichen Linien (Mythen, Komplottdenken, Gegenkultur) in einem eigenen Abschnitt gebündelt.
Le roi nimmt genau diesen Abschnitt und macht daraus ein Buch. Es fragt nicht, was die extreme Rechte ist, sondern warum der König in der französischen Rechten eine Figur bleibt, obwohl seit den frühen 1880er Jahren keine Restauration mehr möglich ist. Der Zeitraum schrumpft von 245 Jahren auf etwa siebzig (von Sedan 1870 bis zum Statut der Juden 1940, mit einem Blick auf die Gegenwart). Der Gegenstand heißt nicht „extrême droite“, sondern „les droites“ im Plural, einschließlich der Académie française, der Tageszeitung Le Temps und der bürgerlichen Leserschaft. Die Quellen sind keine Programme, sondern Memoiren, Romane, Schulbücher, Museumsführungen, Verlagsprogramme. Und die Stimme ist eine einzige: Das Buch geht auf eine Dissertation zurück, die polyphone Anlage des Sammelbands fehlt, ebenso der Versuch einer Definition. Roger-Lacan nennt seine Arbeit ausdrücklich eine Abkehr von der Typologie.
Daraus ergibt sich die Leitfrage dieser Rezension. Der Sammelband beschreibt, wie der Antiliberalismus organisiert war; Le roi beschreibt, wie er weitergegeben wurde, in Kinderzimmern, Pfarrbibliotheken und Verlagsreihen. Ein Beispiel: Die Besprechung des Sammelbands nennt Pierre Gaxottes La Révolution française (1928) in einem Satz als Beleg für Geschichte als „experimentelle Politik“; Le roi widmet diesem Buch ein ganzes Kapitel. Ob beides getrennt erzählt werden kann und was jeweils fehlt, wird am Ende zu prüfen sein, zusammen mit einigen Seitenbemerkungen zu Enda O’Dohertys The Dark Side of France und mit Desideraten aus Sicht der deutschen Romanistik.
Roger-Lacan ist Agrégé und promovierter Historiker, forscht an der Fondation Napoléon und lehrt am Institut catholique de Paris und an Sciences Po (so die Angaben im Sammelband). Le roi ist die Buchfassung seiner Doktorarbeit; die Einleitung spricht von einem „travail doctoral“. Im Sammelband verfasste er die Einleitung, das Kapitel über Drumont und Maurras, das über den Front national und mit Anne-Sophie Anglaret das über Vichy, dazu den bibliografischen Essay „Une matière noire“. Wer beide Bücher liest, begegnet einmal der politischen Ereignisgeschichte der Ligen und Parteien, einmal der Kulturgeschichte von Büchern und Lesern.
Vom gescheiterten Thron zur lebenden Sprache: Vorhaben, Aufbau, Methode, Begriffe
Das Buch beginnt mit der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2024, bei der Marie-Antoinette mit dem Kopf unter dem Arm aus einem Fenster der Conciergerie das Ça ira sang. Philippe de Villiers hat die Szene in Mémoricide als Beleg dafür gelesen, dass Frankreich sich von 1793 nie erholt habe. Roger-Lacan stellt daneben Emmanuel Macrons Interview von 2015, in dem der König als der Abwesende der französischen Demokratie erscheint. Beide Äußerungen setzen voraus, dass Frankreich seinen König vermisst. Roger-Lacan fragt, woher dieser Gemeinplatz stammt. Seine Antwort: Erst unter der Dritten Republik wird der König politisch aufgeladen. Mit dem Scheitern des Grafen von Chambord verschwindet die Aussicht auf Restauration, zugleich erhält die gegenrevolutionäre Kultur neuen Schwung und wird zu einer „langue commune“ von den 1870er Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg.
Den Begriff der Gegenrevolution klärt die Einleitung über die Forschungsgeschichte. Sie sei lange zwischen drei Feuern gestanden: der apologetischen Darstellung durch Anhänger, der Deutung als Sammelbecken unzusammenhängender Modernitätsverweigerung und der Beschreibung als monolithische Matrix der Rechten bis 1945. Mit Jacques Godechot unterscheidet Roger-Lacan Doktrin und konkreten Widerstand, mit Jean-Clément Martin erinnert er daran, dass die Revolutionsgeschichte lange ein Ring mit nur einem Boxer war. Als Arbeitsdefinition dient das Denken derer, die ihre Ablehnung der Revolution zum „principe générateur“ gemacht haben (Maistre, Bonald, Burke). Dazu kommt eine Gruppe von Achsen: die Anzeige von Komplotten, der Verweis auf Gewalt und Märtyrer, der Wunsch, der Kirche wenigstens als Ordnungsstruktur ihren Platz zurückzugeben, die Karikatur der revolutionären Menge, die Heroisierung der Anführer und die Ablehnung der parlamentarischen Republik zugunsten einer wohlwollenden Monarchie. Für das Gefühlte hat er einen eigenen Begriff: die „imagerie contre-révolutionnaire“. Er verwendet ihn anstelle von Philippe Ariès‘ „imagerie antérieure“ und schließt an Raoul Girardets „royalisme sentimental“ an; gemeint ist ein infrapolitisches Wissen, das sich über Legenden und Lektüren durchsetzt, bevor eine Doktrin darauf zugreift. Die Metapher der lebenden Sprache wird ernst genommen: Man kann sie in der Kindheit lernen oder später, sie hat Dialekt und Jargon, und man kann mit ihr andeuten, färben, steuern.
Methodisch verbindet das Buch Ideen- und Imaginationsgeschichte, mit einem Foucault-Zitat als Leitmotiv (alle Menschen denken und handeln zugleich), und versteht sich als Beitrag zu einer Gefühlsgeschichte der Rechten. Als „autre histoire des droites“ bezieht es alle Rechten ein und meidet Typologien, weil sie die Durchlässigkeit der Vorstellungswelten unterschätzten. Gesichtet wurden nach eigener Angabe tausende Bücher und Artikel, dazu Nachlässe (Lenotre, Madelin, Guiraud, Maurras, Gaxotte, Nolhac), Diözesanarchive, das Verlagsarchiv Fayard und Akten der Pariser Polizeipräfektur. Der Aufbau folgt einem Prolog (1870 bis 1886) und drei Teilen: Teil I behandelt drei Gattungen (Memoiren, Roman, „petite histoire“), Teil II fünf Orte und Anlässe des Kampfes gegen die Republik (Kirche, Akademie, Versailles, Action française, Krieg), Teil III die Frage, ob das Königsbild modernisiert wird (Gaxotte, Faschismus, Jubiläum von 1939). Eine Schlussbetrachtung führt bis in die Gegenwart; Anmerkungsapparat, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Namensregister folgen.
Ein Königtum, das an seinem Prätendenten scheitert: Der Prolog (1870 bis 1886)
Der Prolog fragt, wie eine monarchistische Mehrheit, die im Februar 1871 in die Nationalversammlung gewählt worden war, ihre Restauration verspielen konnte und was die Rechte aus dem Scheitern machte. Er erzählt von den Prunkkutschen, die 1871 bis 1873 für den Einzug Heinrichs V. bestellt wurden, vom Manifest des Grafen von Chambord im Juli 1871, vom Brief an Chesnelong im Oktober 1873, vom Bruch zwischen gemäßigten Legitimisten und den Chevau-légers, vom siebenjährigen Mandat Mac Mahons und vom Wahlsieg der Republikaner 1876, bei dem nur 24 Legitimisten ihr Mandat behielten. Das Verbannungsgesetz gegen die Prätendentenfamilien von 1886 schließt den Zeitraum ab.
Der Befund wendet sich gegen die Lesart, die Republik habe zwangsläufig gesiegt. Die Monarchisten verloren, weil sie sich selbst blockierten; es gab keine Revolution, der man die Schuld hätte zuschieben können. Daraus folgt der eigentliche Gewinn des Prologs: Wo das Handeln versperrt ist, wandert die Energie in die Erzählung. Die Legitimisten flüchten in das Gerücht vom überlebenden Ludwig XVII. (Naundorff und andere), und Historiker wie der Marquis de Beaucourt, der 1866 die Revue des questions historiques gegründet hatte, verlegen den Kampf ins Archiv. Der Satz, dass fortan das Schreiben und Inszenieren der Vergangenheit die zentrale Waffe gegen die Republik werde, trägt das ganze Buch.
Das Gedächtnis der Überlebenden als Buchmarkt: „Souviens-toi!“ (1880 bis 1914)
Das erste Kapitel gilt den Memoiren, die in den Jahren der Dritten Republik massenhaft neu aufgelegt oder erstmals gedruckt wurden. Es fragt, welche Milieus diese Texte schrieben und lasen, wie sie das Trauma der Revolution weitergaben und warum der Markt sie aufnahm.
Gezählt werden 564 Ausgaben gegenrevolutionärer Memoiren, davon 168 zwischen 1880 und 1914. Etwa siebzig Prozent stammen aus den „mondes anciens“ (Adel und alte Bürgerschaft), und unter den adligen Verfassern sind 35 Prozent Frauen, ein Anteil, der bis 1940 gleich bleibt. Der Verlag Plon baut ab 1883 ein Programm auf, das sich wie der Almanach de Gotha liest, und die Volksverlage wie Fayard und Henri Gautier greifen die sensationellen Stoffe heraus (Vendée, königliche Familie, Terror) und lassen die Emigration weg, weil sie als unpatriotisch gilt. Die Memoiren erscheinen so als Scharnier: Sie halten das Familiengedächtnis einer Klasse fest, die sich selbst als Erinnerungsklasse versteht, und verkaufen es zugleich an ein größeres Publikum, das Gewalt und Rührung sucht.
Der Schauerroman der Revolution als Bildungsstoff: „Le roman de la contre-révolution“
Das zweite Kapitel nimmt den historischen Roman seit Dumas in den Blick und fragt, ob und wie man ein populäres Genre politisch lesen darf, das die Kritik seit Georg Lukács als Quelle abgetan hat. Es reicht von den 1840er Jahren bis in die katholische Jugendliteratur um 1900.
Dumas erweist sich als der Fall, an dem die Argumentation gelingt: Er war kein Gegner von 1789, aber seine royalistischen Helden (Maison-Rouge, Charny) und das Motiv der freimaurerischen Verschwörung wirkten tief nach. Bei Ponson du Terrail und Élémir Bourges (Sous la hache) setzt sich das „gore révolutionnaire“ durch, das drei Funktionen erfüllt: kommerziell (Schauder verkauft sich), kathartisch (die Guillotine als Angst) und politisch (die Gewalt disqualifiziert die Revolution). Die katholische Kritik und die katholischen Verlage (Mame, Bonne Presse), vorneweg der Abbé Bethléem mit seiner Liste Romans à lire et à proscrire (1904), sehen im Genre Gift und Gegengift zugleich und prägen feste Motive: das betrunkene Volk der Stadt gegen das nüchterne Volk des Landes, geistliche und adlige Anführer, die Treue zu Thron und Altar. Das Aufsatzheft von Aliette de Rohan-Chabot, in dem die Vendée-Kriege auf 1790 vordatiert werden, ohne dass der geistliche Hauslehrer eingreift, zeigt, wie tief die Ausdehnung des Terrors ins Alltagswissen eingedrungen war. Wie Leser Romane tatsächlich lasen, bleibt freilich offen, und der Autor sagt das.
Anekdote statt Argument: Lenotres „petite histoire“ (1890er Jahre bis 1914)
Das dritte Kapitel porträtiert G. Lenotre (Théodore Gosselin, 1855 bis 1935) und die Gattung, die mit ihm verwachsen ist. Es fragt, wie eine auf Archiv und Szene gestützte Erzählweise einen scheinbar unpolitischen Zugang zur Revolution eröffnete und wie die Zunft darauf reagierte.
Lenotre veröffentlicht seit 1899 in Le Temps die Reihe „Vieilles maisons, vieux papiers“, seit dem 6. Dezember 1905 zusätzlich die Chronik „La petite histoire“. Seine Methode ist ein Archivkult, der das neue Dokument feiert, ohne es zu analysieren; er sammelt Reliquien und unterhält ein Netz von Korrespondenten in der Provinz (etwa Mathilde de La Guyomarais für die Biografie La Rouëries). Er stellt Dumas‘ Maison-Rouge den „wahren“ Rougeville entgegen, bleibt aber im Roman verhaftet, und mit dem Baron de Batz ruft er einen Verschwörer als Drahtzieher der Revolution aus. Die Universität unter Alphonse Aulard lehnt das einhellig ab; die royalistisch-katholische Revue des questions historiques zögert wegen ihrer Wissenschaftlichkeitsansprüche und akzeptiert Lenotre 1910 unter Jean Guiraud. Der Befund: Eine Gegenrevolution ohne These ist wirksamer als eine mit These. Die Vignette lässt den Leser selbst schließen, und die Leserbriefe (etwa der Streit mit einem Paul Petit um dessen Vorfahren) zeigen, dass die Revolution als Familienangelegenheit gelesen wurde.
Die Kirche und der Schulbuchstreit: „Prescrire et proscrire au nom de Dieu“ (1880 bis 1914)
Das vierte Kapitel eröffnet Teil II, der die Geschichte als Waffe gegen die Republik beschreibt. Es fragt, wie die katholische Kirche nach den Schulgesetzen der 1880er Jahre, dem Hundertjahrfest von 1889, den Gesetzen gegen die Kongregationen und der Trennung von Staat und Kirche (1905) die Revolutionsgeschichte als Verfolgungsgeschichte vermittelte, und wie sie versuchte, auf den staatlichen Unterricht einzuwirken.
Die Deutung beginnt mit der Zivilkonstitution des Klerus (1790/91) und endet in der Herabsetzung Aulards als Erzieher der Republik. Gautherot liest Revolutionsgeschichte im Präsens, Cochin und Laurentie schreiben gegen Aulard, die Kinder der Familie Rohan-Chabot lernen die Revolution aus einer Folge von Blutszenen, Pfarrbibliotheken wie die von Grasse kaufen Memoiren und Chouannerie-Geschichten, und in Jesuitenkollegs werden Stücke über Ludwig XVII. aufgeführt. Ab 1908 greifen die Bischöfe die Schulbücher selbst an: Auf eine Erklärung vom September, die zum Schulboykott aufrief, folgt ein Hirtenwort der Kardinäle, das bestimmte Bücher verbietet. Praktisch scheitert der Boykott an der Unmöglichkeit, Kinder aus der staatlichen Schule zu nehmen; einzelne Diözesen zögern, Sanktionen auszusprechen. Gewonnen ist damit trotzdem etwas: Das Narrativ der „ère persécutrice“ wird zur gemeinsamen Erzählung, in der Louis XVI. und die Märtyrer der Revolution verschmelzen.
Die Akademie als Festung: „La contre-révolution en habit vert“ (1870 bis 1914)
Das fünfte Kapitel fragt, wie eine von der Republik nicht angetastete Institution, die Académie française, zum Verstärker gegenrevolutionärer Geschichtsbilder wurde. Den Auftakt bildet Paul Bourgets Wort von den „vier Festungen“ gegen die Revolution.
In Auswahl der Mitglieder, Preisvergabe und Zugang zur Presse sieht Roger-Lacan drei Traditionen nebeneinander. Die aristokratische (der „parti des ducs“: von 42 seit 1870 gewählten Historikern sind fünfzehn adlig oder altbürgerlich), die liberal-konservative der Sciences Po mit Taine, Sorel und Vandal, die katholische Martyrologie, die lange unterrepräsentiert blieb (Geistliche erhalten bis 1914 nur neun Prozent der Preise, über den ganzen Zeitraum bis 1940 16,5 Prozent). Dreiundzwanzig Akademiemitglieder folgen dem Aufruf der Ligue de la patrie française, Anatole France bleibt als Dreyfusard allein. Die drei Traditionen verbindet die Klage darüber, dass das Volk zum politischen Akteur geworden ist; aus Monarchie bleibt vor allem die Ständegesellschaft im Gedächtnis.
Versailles als königliche Enklave: Pierre de Nolhac (1892 bis 1920)
Das sechste Kapitel folgt dem Konservator Pierre de Nolhac, der das fast leere Museum von Versailles zu einem Ort der „douceur de vivre“ machte. Es fragt, wie ein Royalist in einem Staatsmuseum arbeiten konnte und was die Republik davon hatte.
Nolhac veröffentlicht teure Bildbände über Marie-Antoinette (60 und 200 Francs), veranstaltet Ausstellungen, Gartenfeste mit der Gräfin Greffulhe und Führungen für die Pariser Gesellschaft. Den Revolutionssaal nennt er einen Blitzableiter. Die Republik wiederum braucht Versailles für die Diplomatie: Beim Staatsbesuch Nikolaus‘ II. am 8. Oktober 1896 empfängt der Konservator das Zarenpaar, und bis 1920 folgen 42 weitere offizielle Besuche, fast alle von Fürstlichkeiten. Die Zusammenarbeit hat ihre Grenze an den Oktobertagen 1789: Als Louis Madelin 1911 vor den Amis de Versailles über den 5. und 6. Oktober spricht, protestieren Präfektur und radikale Presse. Der Befund ist eine Zweckgemeinschaft, in der der Royalismus zur weichen Macht der Republik wird und beide Seiten das Palais für ihr Geschichtsbild nutzen.
Die Gesetze der Gegenrevolution: Taine, Dimier, Bainville (1884 bis 1914)
Das siebte Kapitel beginnt mit dem sechzehnjährigen Maurras, der 1884 Taine liest, und fragt, wie die Action française die Geschichte zu einem Gesetzeswissen machte, das die Monarchie als Notwendigkeit erscheinen lässt.
Louis Dimier, als Geschichtslehrer wegen seines Protests gegen die Ausweisung der Kongregationen entlassen, legt 1907 mit Les Maîtres de la contre-révolution, hervorgegangen aus Kursen an der „chaire Rivarol“, einen Kanon vor und datiert die gegenrevolutionäre Bewegung in den Köpfen auf Taines ersten Band von 1876. Maurras wiederum vereinnahmt Taine, Renan und Fustel de Coulanges und erklärt Wissenschaft und Nationalismus für deckungsgleich. Jacques Bainville, Marie de Roux (La Révolution à Poitiers et dans la Vienne, 1912) und Frantz Funck-Brentano (L’Ancienne France: le Roi, 1912) liefern die historiografischen Werke. Der Gewinn des Kapitels liegt in der Verschiebung: Weil das dynastische Prinzip nach 1883 verblasst, zählt die Idee eines Königs als Oberhaupt mehr als jeder Prätendent, und die Wiederkehr der Geschichte („tout est répétition“) liefert das Argument, aus der Nostalgie sei ein Gebot geworden.
Der Krieg als Prüfstein: Valmy und Petrograd (1914 bis 1920)
Das achte Kapitel fragt, wie sich Gegenrevolutionäre zur Revolution äußerten, als die Union sacrée Einigkeit verlangte, und wie 1917 die Analogien veränderte.
Konservative Autoren der Revue des Deux Mondes beanspruchen die Soldaten des Jahres II, Madelin preist die Disziplin der Armee und nennt Valmy ein Wunder, das „malgré la Révolution“ geschah. Die Kirche richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Seligsprechung der Märtyrer der Carmes und trennt sie von der Gegenwart; die Royalisten feiern Gedenkmessen für den „saint Roi“, stellen den Tod des Königs neben den der Gefallenen, die Action française bekämpft den Valmy-Mythos, und Bainvilles Histoire de deux peuples (1915) schreibt der Revolution die Verantwortung für den Krieg zu. Seit dem März 1917 („Un 1830 à Petrograde“) werden aus Analogien zur russischen Revolution eine Genealogie: Hohenzollern und Geheimgesellschaften erscheinen als gemeinsame Quelle von 1789 und 1917, dazu kommen Augustin Cochins Studien und die Schriften der Britin Nesta Webster. Der Antikommunismus erhält so eine historische Tiefe, und mit den Geheimgesellschaften wandert der Antisemitismus in die Deutung ein.
Geschichtsschreibung als Kampfschrift: Gaxotte und die Revolution als Terrorstaat (1920er Jahre)
Das neunte Kapitel eröffnet Teil III, der die Frage stellt, ob der König modernisiert werde. Es fragt, wie ein Buch, Pierre Gaxottes La Révolution française (Februar 1928), zum Kanon der Rechten werden konnte, und wie der Verlag Fayard das ermöglichte.
Gaxotte, früher Maurras‘ Nachtsekretär, leitet für Fayard die Wochenzeitung Candide und die Reihe „Grandes Études historiques“, deren erster Band Bainvilles Histoire de France (1924) war. Beworben wird sie mit Besprechungen, Zeichnungen und Interviews. La Révolution française verkauft sich glänzend (72 Nachdrucke allein 1928) und erhält 87 Artikel in der Action française, 14 Chroniken Léon Daudets und einen freundlichen Brief des Ministerpräsidenten Poincaré. Das Buch liest die Revolution als Folge einer Lehre, die Philosophen, Enzyklopädisten, Geheimgesellschaften und ausländische Agenten verbreitet hätten, und widmet der Terreur das Kapitel „La Terreur communiste“. Louis XVI. ist hier ein Gegenmodell, der König, der zur Gewalt hätte greifen müssen. Die Gegenrevolution gibt damit die Klage auf und wird zur Kampfschrift; der Gedanke an einen König des Krieges, womöglich des Bürgerkriegs, bleibt im Hintergrund.
Der König unter den Rutenbündeln: Faszination und Distanz zum Faschismus (1923 bis 1938)
Das zehnte Kapitel fragt, was mit dem Königsbild geschieht, als Mussolini, Hitler und Salazar Modelle des starken Führers liefern. Ausgangspunkt ist der 6. Februar 1934, den Beteiligte als Revanche für die royalistischen Niederlagen von 1789 bis 1848 erlebten.
Pierre de Nolhac, Präsident des Comité France-Italie, und Louis Madelin, dort Leiter der historischen Kommission, verehren Mussolini als Carlyle’schen Helden und als Erben Napoleons; Madelin fordert 1934 im Écho de Paris „Il faut une tête“. Nahezu die Hälfte der Akademiker unterzeichnet 1935 das Manifest zur Verteidigung des Abendlandes. Maurras trennt Mussolini von dessen Bewegung, Bainville fürchtet in Mussolini einen Garibaldi im schwarzen Hemd mit Gebietsansprüchen auf Nizza und Korsika. Gaxotte gründet Je suis partout mit, bildet dort die jungen faschistischen Federn aus (Brasillach, Rebatet, Cousteau) und übergibt die Leitung im Juni 1937 an Brasillach. Roger-Lacan korrigiert Girardets Formel von der „imprégnation fasciste“: Im französischen Fall müsse man eher von einer „imprégnation contre-révolutionnaire“ sprechen, denn der Faschismus bleibt an eine Matrix gebunden, die den Ancien Régime preist, und wo das Modell Mussolini verblasst, tritt das Salazars an seine Stelle. Der König wird dadurch autoritärer und rachsüchtiger.
Hundertfünfzig Jahre danach: Das Jubiläum von 1939 und das Statut der Juden
Das elfte Kapitel gilt den Gedenkfeiern von 1939 und fragt, was ihr Scheitern über die Kräfteverhältnisse sagt und wie die Rechte das Jubiläum für eine Gegenerzählung nutzte, die in das Judenstatut des Vichy-Regimes mündet.
Der Staat feiert zögerlich: Die Mittel werden erst am 14. April bewilligt, drei der sechs geplanten Feiern fallen aus, die Kirche schweigt weitgehend. Dem steht eine rührige Gegenpropaganda gegenüber. Léon Daudet lanciert im Februar einen „Appel pour la contre-révolution“ samt Spendenaufruf, die Studenten der Action française stören Vorlesungen Georges Lefebvres, und Je suis partout bringt eine Sondernummer zur Revolution, den „PAYSANS VENDÉENS“ und Charlotte Corday gewidmet, mit Beiträgen von Gaxotte, Brasillach, Rebatet und Bernard Faÿ. Der Kanon ist freimaurerfeindlich, fremdenfeindlich und antisemitisch. Ziel der Hetze ist der Bildungsminister Jean Zay, „juif d’État“, der 1944 von der Miliz ermordet wird. In derselben Zeitschrift fordert Lucien Rebatet in „Pour un statut des Juifs“ jene Maßnahmen, die das Gesetz vom 3. Oktober 1940 aufnimmt; seine Darstellung begründet sie mit einem Ancien Régime, das Juden ausgeschlossen habe, und mit der Emanzipation von 1791 als historischem Irrtum. Roger-Lacan formuliert vorsichtig: Es gebe keinen Determinismus von der Gegenrevolution zu Vichy, doch ohne Niederlage von 1940 hätte die „Révolution nationale“ keine Chance gehabt, und der Boden sei durch tausende Bücher bereitet gewesen.
Eine politisch erledigte Figur als kulturelles Kapital: Gesamtbewertung
Das Buch belegt, dass eine Figur, die politisch erledigt ist, kulturell eine eigene Wirtschaft aufbauen kann. Der König überlebt, weil er durch Gattungen wandert: von der Familienerinnerung in die Memoiren, vom Roman in die Schule und Pfarrbibliothek, von der Akademie in die Museumsführung, von der Action française in die Reihe „Grandes Études historiques“, von Gaxottes Buch in die Zeitschriften der Faschisten. In diesen Stationen ändert sich der Ton, von Klage über Anekdote und Lehrsatz bis zum Kampfruf, und das Statut der Juden von 1940 stützt sich auf eine Tradition, zu der dieses Erzählgut gehört. Zugleich schreibt das Buch das Bild der „zwei Frankreich“ um: Republik und Gegenrevolution kooperierten in Versailles, in Le Temps und im Zarenbesuch, und die Kulturkämpfe hatten ihre Waffenstillstände.
Die Schlussbetrachtung führt die These bis in die Gegenwart (Stéphane Bern, Lorànt Deutsch, Macron, Zemmour) und endet mit der Frage, ob die Monarchie die Republik vergifte. Diese Passage überzeugt weniger als der Rest. Die Einleitung nennt den Begriff der „monarchie républicaine“ unscharf, die Schlussbetrachtung benutzt ihn, ohne neue Belege, um die Auflösung der Nationalversammlung zu deuten. Dabei liegt ein kleiner Fehler vor: Die Auflösung wurde, soweit ich sehe, am 9. und nicht am 7. Juni 2024 verkündet.
Der Gewinn liegt zuerst in der Quellenarbeit. Die Statistik der 564 Memoirenausgaben, die Auswertung der Aufsatzhefte der Rohan-Chabot-Kinder, der Pfarrbibliothekskataloge und der Diözesanumfragen, Lenotres Tagebuch und Briefwechsel, die 255 Karteikarten Gaxottes zur Encyclopédie sind Belege, die man in dieser Dichte selten findet. Das Verfahren, Verlagsgeschichte, Ideengeschichte und Lektüre zu verschränken, löst das Versprechen der Gefühlsgeschichte ein. Die Einleitung kündigt an, Teleologie zu meiden, und die Kapitel 10 und 11 halten sich daran. Frauen erscheinen nicht als Randnotiz, sondern als Memoirenschreiberinnen, Adressatinnen von Nolhacs Veranstaltungen und Schülerinnen wie Aliette de Rohan-Chabot.
Der Autor weiß, dass Leserreaktionen schwer zu fassen sind, und die Fallstudien (Rohan-Chabot, Petit) erlauben kaum Rückschlüsse. Das Quellenkorpus ist auf Paris, den Adel und das Milieu um Fayard und die Action française zentriert, die republikanischen Gegenbilder erscheinen nur als Folie (Aulard, Mathiez). In den späteren Kapiteln tritt der König zurück hinter den „chef“ (Napoleon, Mussolini, Salazar), sodass der Titel stärker trägt als der Befund. Offen bleibt das Verhältnis zum Sammelband: Wenn Le roi alle Rechten einbezieht und Typologien meidet, wird nicht klar, wo die Grenze zur extremen Rechten verläuft, die der Sammelband ausdrücklich verteidigt.
Seitenbemerkungen zu The Dark Side of France
Enda O’Dohertys Buch beginnt 1898 mit Zolas Nachtreise und erzählt die extreme Rechte als Kette von Szenen mit einer durchgehenden Taktik, der Mobilisierung von Ressentiment. Gegen Le roi gelesen, sieht man, was sie ausspart. Chambord, Lenotre, Nolhac, Madelin und die Vendée kommen bei O’Doherty nicht vor; die Gegenrevolution erscheint bei ihm als Ideenvorrat (de Maistre, Rivarol), nicht als erzählte und verkaufte Kultur. Wo er die Académie-Unterschriften unter dem Manifest vom Oktober 1935 erwähnt (sechzehn Mitglieder), erklärt Roger-Lacan, welche Institution dahinterstand; Gaxotte bei Je suis partout und Jean Zays Tod durch die Miliz finden sich bei beiden, in anderer Gewichtung. Der Unterschied reicht bis in die Apparate: O’Dohertys Journalistenprosa kommt in der E-Book-Fassung ohne Anmerkungen aus, Roger-Lacans Dissertation legt einen umfangreichen Anmerkungsapparat vor. Beide Bücher widersprechen sich nicht, sondern stehen auf verschiedenen Ebenen, und sie lassen sich gut nacheinander lesen: erst die Szenen, dann die Bibliotheken.
Deutsch-französische Beziehungen als Gegenprobe und Ergänzung
Die deutsch-französischen Beziehungen könnten Le roi an mehreren Stellen stützen und an anderen erweitern. Der Blick über den Rhein würde die Erzählung aus französischen Quellen nicht ersetzen, aber an Punkten prüfen, an denen der Befund bisher nur von innen belegt ist.
Methodisch würden sich der Kulturtransfer (Espagne und Werner), die histoire croisée und das Konzept der Erinnerungsorte in der deutschen Fassung von François und Schulze anbieten. Wie der Autor 564 Memoirenausgaben statistisch erfasst, ließen sich Übersetzungen und deutsche Rezensionen der Lenotre-Bücher auswerten; auch ein negativer Befund wäre ein Ergebnis.
Am Anfang steht die Zäsur von 1870/71. Der Prätendent wartete in Frohsdorf bei Wien auf einen Thron, und am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles der preußische König zum Kaiser ausgerufen. Nolhacs Versailles als königliche Enklave liest sich vor diesem Hintergrund auch als Gegenbesetzung eines Ortes, den die Niederlage mit deutscher Bedeutung aufgeladen hatte. Im Buch bleibt diese Ebene, soweit ich sehe, Hintergrund. Sie würde die These stützen, dass die Gegenrevolution Orte besetzt. Ähnlich Valmy: Goethes Satz von der neuen Epoche der Weltgeschichte steht gegen die Deutung, die Kapitel 8 für die Rechte rekonstruiert.
Eine zweite Ergänzung betrifft die Geschichtsschreibung. Die Revue des questions historiques und Bainvilles Hohenzollern-These zeigen, dass die französischen Rechten die deutsche Wissenschaft und das deutsche Staatsmodell beobachteten und bekämpften. Bainvilles Histoire de deux peuples (1915) macht den Gegensatz zum Thema, und Gaxotte, der Verfasser des Revolutionsbuchs, schrieb 1932 eine Biographie Friedrichs II. Wie das zur Darstellung des Terrorstaats passt, wäre eine Frage an Kapitel 9.
Drittens böte der Vergleich der Kulturkämpfe eine Kontrastfolie. Bismarcks Kulturkampf (1871 bis 1878) und die Schulstreitigkeiten der Dritten Republik fallen in dieselben Jahre, doch die katholische Minderheit im Kaiserreich konnte sich nicht auf eine entthronte Dynastie berufen. Hinzu kommt die Frage, wie die Monarchie nach 1918 in Deutschland fortlebte, vom Exil Wilhelms II. in Doorn bis zum Streit um das Berliner Schloss. So ließe sich prüfen, ob das kulturelle Weiterwirken eines politisch erledigten Königs ein französischer Sonderfall oder ein Muster ist.
Viertens betrifft die Frage die Jahre 1939 bis 1940. Das Statut der Juden entstand unter deutscher Besatzung, aber auf Initiative des Vichy-Regimes, wie Paxton und andere gezeigt haben. Das Buch schreibt die Vorgeschichte dieser Gesetzgebung in französischen Erzähltraditionen; zu fragen wäre, wie weit die Tradition, die Roger-Lacan rekonstruiert, und der deutsche Druck zusammenwirkten. Anschlüsse bieten klassische Texte wie Noltes Studie zur Action française (1963) und Curtius‘ Barrès-Buch (1921).






