Von Tocqueville zu De Gaulle: die Furcht der Zweiten Republik vor dem Volk und ihr Weg ins Kaiserreich

Résumé
Marie-Hélène Baylacs „La peur du peuple“ erzählt den Weg Frankreichs von der Ausrufung der Republik am 24. Februar 1848 bis zur Kaiserkrönung Napoleons III. am 2. Dezember 1852 als Geschichte einer Furcht, die stärker wirkt als jedes politische Programm: Bankette und Barrikaden, das Recht auf Arbeit und seine Zerschlagung in den Junitagen, der stille Machtaufbau Louis Napoleons und schließlich der Staatsstreich fügen sich bei ihr zu einer Kette von Szenen, in denen Besitzende, Klerus und selbst gemäßigte Republikaner immer wieder aus Angst vor der „sozialen“ Republik zur Ordnung zurückfinden, bis diese Ordnung eine Person findet, die sie verkörpert. Der Aufsatz legt die Architektur dieser Erzählung offen: Er zeigt, wie Baylac die Furcht als Strukturprinzip, nicht als Randmotiv behandelt, und macht sichtbar, dass sie diese These doppelt verankert, einmal politisch-theoretisch in Alexis de Tocqueville, der die Revolution von 1848 als Ausbruch „sozialer Leidenschaften“ voraussah und die Junitage später als Klassenkrieg deutete, und literarisch in Flaubert, Hugo, Balzac und Marie d’Agoult, deren Bilder von wogenden Menschenmengen und flüchtenden Kutschen die bürgerliche Angst in Sprache fassen. Zugleich formuliert die Rezension, was diese dichte, quellennahe Erzählung an analytischer Schärfe schuldig bleibt, etwa gegenüber der quantitativen Wahlforschung oder der neueren Emotionsgeschichte, und ordnet das Buch so zwischen erzählerischer Stärke und begrenztem Theorieanspruch ein.

 

Eine Republik, die niemand wollte und alle beschworen

Marie-Hélène Baylac: La peur du peuple: la Deuxième République, 1848-1852 (Perrin: Paris, 2022).

Am 24. Februar 1848 wird in Paris die Republik ausgerufen, am 2. Dezember 1852 krönt sich Napoleon III. zum Kaiser. Dazwischen liegen knapp fünf Jahre, die Marie-Hélène Baylac in ihrem 2022 erschienenen Band als „vergessene Periode unserer Geschichte“ beschreibt: ein politisches Laboratorium, in dem das allgemeine Männerwahlrecht, die Direktwahl des Staatsoberhaupts und die Idee der präsidialen Republik erprobt werden, ohne dass die Republik selbst dabei überlebt. Die Autorin, mit Büchern über Napoleon, Hortense de Beauharnais und die Bourbonen bereits als Historikerin des langen 19. Jahrhunderts ausgewiesen, verfolgt kein enges Forschungsproblem im Sinne einer These, die anhand eines begrenzten Quellenkorpus geprüft würde. Ihr Gegenstand ist die Erzählung selbst: eine chronologisch fortschreitende, personenreiche Rekonstruktion der Zweiten Republik, getragen von der Überzeugung, dass sich in ihrem Scheitern ein Grundmuster der französischen Demokratiegeschichte zeigt.

Die Problemstellung, so lässt sie sich aus dem Avant-propos rekonstruieren, lautet: Warum bricht eine Republik zusammen, die mit einem beispiellosen Maß an Zustimmung entsteht, in Paris wie in der Provinz, bei Klerus wie Armee, bei Konservativen wie bei „Republikanern des Vortages“? Baylacs Antwort ist im Titel vorweggenommen. Nicht die royalistische Reaktion allein, nicht der bonapartistische Ehrgeiz allein erklären den Ausgang, sondern die tief sitzende Furcht der besitzenden und der sich als bedroht empfindenden Klassen vor dem Volk, genauer: vor jener „sozialen und demokratischen“ Republik, die das Recht auf Arbeit, die Arbeiterassoziation und eine Umverteilung des Eigentums verspricht. Diese Furcht, so die leitende These, verbindet Orléanisten, Legitimisten und gemäßigte Republikaner zu einer stets neu justierten „Partei der Ordnung“ und liefert am Ende auch die Mehrheit, die Louis Napoleon Bonaparte erst zum Präsidenten, dann zum Kaiser macht. Ein Motto von Alfred de Falloux, dem die Autorin voranstellt, dass die Furcht „öfter schlechte als gute Ratschläge“ gebe, markiert den Grundton: Die Zweite Republik scheitert nicht an ihren Feinden, sondern an der Angst ihrer eigenen Anhänger.

Als theoretisches Fundament dieser These dient Baylac, ohne dass sie ihn systematisch als Referenztheoretiker ausweist, vor allem eine Figur: Alexis de Tocqueville. Dessen Rede vom 29. Januar 1848 vor der Deputiertenkammer, drei Wochen vor dem Sturz der Julimonarchie gehalten, eröffnet gleichsam das Drehbuch des ganzen Buches. Tocqueville warnt dort, gesellschaftliche „Unordnung“ liege nicht in den Tatsachen, sondern „tief in den Gemütern“, die Arbeiterklassen hätten begonnen zu glauben, dass alles, was über ihnen stehe, „unfähig und unwürdig“ sei, sie zu regieren, und dass der Besitz auf ungerechten Grundlagen beruhe. Solche Überzeugungen, einmal in die Massen eingedrungen, müssten „früher oder später“ Revolutionen von großer Tragweite hervorbringen. Baylac zitiert diese Rede in voller Länge und macht sie zur Ouvertüre ihrer eigenen Erzählung: Was folgt, liest sich seither als Bestätigungsgeschichte einer Prophezeiung, die weniger die Revolution selbst als die von ihr ausgelöste Furcht der Besitzenden vorwegnimmt.

Nach dem Sturz Guizots flieht die Bourgeoisie aus den Straßen. Flauberts Frédéric Moreau und der Bohemien Hussonnet in L’Éducation sentimentale befinden sich in den Tuilerien, wo gerade die Marseillaise erklingt. Die Szenerie markiert den Moment, in dem das Volk die Bastionen der Macht erobert – nicht durch organisierte Revolution, sondern als undefinierbare Flutbewegung.

Tout à coup la Marseillaise retentit. Hussonnet et Frédéric se penchèrent sur la rampe. C’était le peuple. Il se précipita dans l’escalier, en secouant à flots vertigineux des têtes nues, des casques, des bonnets rouges, des baïonnettes et des épaules, si impétueusement, que des gens disparaissaient dans cette masse grouillante qui montait toujours, comme un fleuve refoulé par une marée d’équinoxe, avec un long mugissement, sous une impulsion irrésistible. 1

Plötzlich ertönt die Marseillaise. Hussonnet und Frédéric lehnen sich über die Brüstung. Es ist das Volk. Es stürmte die Treppe hinauf und wirbelte in schwindelerregenden Wellen nackte Köpfe, Helme, rote Mützen, Bajonette und Schultern durcheinander, so heftig, dass Menschen in dieser gärenden Masse verschwinden, die immer höher steigt, wie ein Fluss, der von einer Springflutbewegung aufgestaut wird, mit tiefem Brausen, unter unwiderstehlichem Druck.

Flauberts Bild transformiert die politische Einnahme des Macht-Zentrums in eine Naturkatastrophe. Die Sprache der „flots vertigineux“ (schwindelerregenden Fluten), des „fleuve refoulé“ (aufgestauten Flusses), des „mugissement“ (Brausens) und der „impulsion irrésistible“ (unwiderstehlichen Kraft) erzeugt eine Darstellung, in der das Volk zur anonymen Elementargewalt wird – weder rational noch böse, aber überwältigend und dehumanisierend. Flaubert, der als Augenzeuge von 1848 die Szene erlebt hatte, literarisiert hier nicht die Heroik der Revolution, sondern ihre Beängstigungsfähigkeit: Die Menge ist kein Protagonist, sondern eine Naturgewalt. Baylac nutzt dieses Bild, um zu zeigen, wie sehr die Literatur der Epoche zur Naturalisierung der Volksangst beitrug.

Bankette, Hungerkrise und ein Regime, das sich selbst erledigt

Baylac beginnt nicht mit den Februartagen, sondern mit deren Vorgeschichte. Das Bankett von Rouen am 25. Dezember 1847, bei dem General de Castellane über kaltes Geflügel und laue Reden berichtet und die dort anwesenden Gustave Flaubert und Maxime Du Camp sich vor Langeweile schütteln, wird zum Ausgangspunkt einer Analyse der „Bankettkampagne“, jener seit Juli 1847 landesweit organisierten politischen Versammlungen, mit denen die dynastische und die republikanische Opposition das Vereinsverbot umgehen. Die Autorin zeigt konkret, wie eng dieses Format an sozialen Ausschluss gebunden bleibt: Eintrittspreise von fünf bis sechs Francs halten die Arbeiterschaft fern, die sich, wie in Rouen mit zwanzigtausend Neugierigen, allenfalls vor den Toren versammelt.

Parallel dazu rekonstruiert Baylac die Wirtschaftskrise von 1846/47: Missernten, den Kartoffelpilz, den Brotpreis, der von 19,75 auf 29 Francs pro Hektoliter steigt, die Unruhen von Buzançais im Indre, wo im Januar 1847 Getreidetransporte geplündert werden und drei Aufständische im April hingerichtet werden. George Sand wird hier bereits als moralische Stimme eingeführt, die den „Empörten“ mehr Verständnis entgegenbringt als den „mit Geld vollgestopften Männern“. Die Autorin verknüpft diese Agrarkrise mit der Industriekrise, dem Stillstand des Eisenbahnbaus nach der Zinserhöhung der Banque de France, und mit den sozialphilosophischen Antworten der Zeit: Proudhons „La propriété, c’est le vol“, Cabets Ikarien-Utopie, Louis Blancs „Organisation du travail“ und Fouriers Phalanstère werden in knappen, klar konturierten Porträts vorgestellt, die den Leser mit den Debattenlagen vertraut machen, ohne in doktrinäre Detailexegese zu verfallen.

Der Zusammenbruch der Julimonarchie selbst wird als Kette von Fehleinschätzungen erzählt: Louis-Philippes Starrsinn gegenüber Guizot, die von Marrast orchestrierte, an ein „Kampfaufgebot“ erinnernde Mobilisierung der Nationalgarde für den 22. Februar, das Massaker vor dem Außenministerium am Boulevard des Capucines, bei dem ein Schuss eine Salve auslöst und dreißig bis fünfzig Tote fordert. Die von Marie d’Agoult überlieferte „promenade des cadavres“, bei der ein Karren mit den Leichen durch die Straßen gezogen wird, während ein Arbeiter „Rache! Rache!“ ruft, wird von Baylac zu Recht als der Moment identifiziert, der aus einer Unruhe eine Revolution macht. Die Flucht des Königs im Fiaker, sein Ausruf, schlimmer als Karl X. dazustehen, und die Verwüstung der Tuilerien, in der Flaubert eine Prostituierte als „Freiheitsstatue“ posieren sieht, runden das Kapitel zu einer dichten, quellennahen Erzählung.

Die Ausrufung der Republik als Kompromiss zwischen Angst und Anspruch

Besonders gelungen ist die Analyse der Regierungsbildung im Hôtel de Ville, wo binnen weniger Stunden über fünfzig Namen zirkulieren, bevor sich eine Liste durchsetzt, die gemäßigte Republikaner (Lamartine, Arago, Dupont de l’Eure, Marie, Garnier-Pagès) mit den Redakteuren der beiden Oppositionsblätter (Marrast, Flocon) und zwei Sozialisten (Louis Blanc, der Arbeiter Albert) verbindet, wobei Letztere zunächst nur den Rang von Sekretären erhalten. Baylac zeigt an der Szene um die rote Fahne, wie stark symbolische Fragen bereits die künftigen Bruchlinien vorwegnehmen: Lamartine, der die Menge mit dem Argument gewinnt, die Trikolore habe „die Welt umrundet“, während die rote Fahne nur den Champ-de-Mars gesehen habe, gilt der Autorin zu Recht als Schlüsselszene, in der Rhetorik über Programmatik siegt.

Zugleich macht das Kapitel „Ralliement en trompe-l’œil“ deutlich, wie oberflächlich dieser Konsens ist. Die Zustimmung der Präfekte, der Armee, des Klerus, selbst des Kardinal Affre, der zur Beflaggung der Kirchen mit der Trikolore aufruft, wird von Baylac nicht als Bekenntnis zur Republik gelesen, sondern als Kalkül angesichts der Furcht vor Schlimmerem: „Il faut que les honnêtes gens se rallient à la république pour sauver l’ordre et la propriété“, schreibt ein Bordelaiser Generalstaatsanwalt, und genau diese Formel, Republik als Bollwerk gegen den Kommunismus statt als eigenes Projekt, liefert der Autorin den Schlüssel für alles Folgende.

Die „lyrische Illusion“ und ihr Ende am 16. April

Im Kapitel über die Regierungspolitik der ersten Wochen zeigt Baylac, wie das von der Arbeiterdelegation um den jungen Fourieristen Marche erzwungene Dekret zum „droit au travail“, das Lamartine noch mit dem Satz kommentiert haben soll, man werde ihm eher die Hand abschneiden, als es zu unterzeichnen, in den Nationalwerkstätten (Ateliers nationaux) eine Massenbeschäftigung ohne wirtschaftliche Grundlage schafft, die binnen Wochen zum Politikum wird. Die von Victor Hugo überlieferte Anekdote der beiden Arbeiter, die unter den Arkaden der Place Royale Kork werfen, während ihre Lohnkarte „vingt sous“ verspricht, steht exemplarisch für die Instrumentalisierung dieses Programms durch die konservative Presse.

Die Demonstration vom 16. April 1848, bei der über hunderttausend bewaffnete Nationalgardisten eine Arbeiterpetition unter Rufen wie „À bas les communistes! À bas Cabet! À bas Blanqui!“ durch ein Spalier von Bajonetten treiben, wird von der Autorin als der eigentliche Wendepunkt der Republik behandelt, deutlich vor den Junitagen. Sie rekonstruiert überzeugend, wie Ledru-Rollin als Innenminister zwischen den Fraktionen laviert, wie das Gerücht eines kommunistischen Putschs instrumentalisiert wird und wie George Sands im „Bulletin de la République“ verfasster Appell an eine zweite Volksabstimmung im Nachhinein gegen die Linke gewendet wird. Die Wahlen zur Konstituante vom 23. April, an denen Tocqueville in einer vielzitierten Passage teilnimmt, wenn er die Wähler seines Dorfes in alphabetischer Ordnung zur Urne führt, bringen mit 84 Prozent Wahlbeteiligung ein überwältigendes konservatives Ergebnis: Von 851 Sitzen gehen nur rund fünfzig an „fortgeschrittene“ Republikaner, während Ledru-Rollin mit 131.587 Stimmen gegen Lamartines 1,5 Millionen eine Demütigung erfährt. Baylac liest darin bereits das Verdikt über die „soziale“ Republik, lange bevor diese militärisch niedergeschlagen wird.

Der Juniaufstand als Bürgerkrieg

Das Kapitel „La guerre civile“ gehört zu den dichten und eindrücklichen Abschnitten des Buches. Baylac verfolgt minutiös, wie Falloux‘ parlamentarische Kommission die Ateliers nationaux als „vertuschter Streik zu 170.000 Francs täglich“ brandmarkt, wie der Direktor Émile Thomas, der eine allmähliche korporative Umwandlung vorschlägt, „wie zu Zeiten der Lettres de cachet“ nach Bordeaux deportiert wird, und wie der Erlass vom 21. Juni, der die 17- bis 25-Jährigen zum Militärdienst und die übrigen zu Erdarbeiten in die Provinz zwingt, den Ausbruch auslöst. Die aus Flauberts L’Éducation sentimentale zitierte Beschreibung der nächtlichen, „blauschwarz“ wogenden Menge an den Boulevards liefert der Rekonstruktion literarische Tiefenschärfe, ohne die Trennlinie zwischen Fiktion und Quelle zu verwischen.

Anschaulich gerät die Darstellung der Barrikadenarchitektur: Baylac unterscheidet, gestützt auf Victor Hugos bekannte Beschreibung der „monströsen“, drei Stockwerke hohen Barrikade des Faubourg Saint-Antoine, zwischen frontal errichteten Kampfbarrikaden und niedrigeren, begehbaren Sperren, die eher der Nachbarschaftsverteidigung dienen. Die Kampfhandlungen selbst werden nicht geglättet: der Beschuss des Panthéon, bei dem eine Kanonenkugel die Statue der Immortalité enthauptet, die Erstürmung der „Belle Jardinière“ mit Brandraketen, bei der achtzig Aufständische unter den Trümmern begraben werden, die Ermordung des Generals Bréa bei einem Verhandlungsversuch und die Erschießung des Erzbischofs Affre, dessen Tod, wie Baylac vorsichtig anmerkt, eher einem Verwirrten als einer politischen Exekution zuzuschreiben ist. General Cavaignac, dem die Exekutivkommission die Vollmacht überträgt, wird als „Puritaner der Republik“ eingeführt, der bewusst auf eine Zersplitterung seiner Truppen verzichtet und die Aufständischen sich in den östlichen Vierteln konzentrieren lässt, bevor er mit rund hunderttausend Mann, darunter Nationalgarden aus 53 Departements, zuschlägt. Die Zahl der Toten bleibt, wie die Autorin einräumt, umstritten; sicher ist, dass mit dem Juni 1848 zum ersten Mal Republikaner gegen Republikaner, Bourgeoisie gegen Proletariat kämpfen, ein „Scheidungsakt“, dessen Konsequenzen sich, wie Baylac in einem knappen, aber treffenden Ausblick notiert, 1871 in der Commune wiederholen werden.

Louis Napoleons stiller Zugriff auf die Institutionen

Mit der Präsidentschaftswahl vom 10. Dezember 1848 wechselt der Fokus. Baylac zeichnet den überraschenden Sieg Louis Napoleons (74 Prozent, 5,4 Millionen Stimmen gegen Cavaignacs 1,4 Millionen) als Ergebnis eines „irrationalen Meinungsbewegung ohne definiertes Programm“, wie es Maurice Agulhon formuliert, den die Autorin zustimmend zitiert. Die von ihr eingestreute Anekdote der limousinischen Bauern, die des Lesens unkundig, die Buchstaben ihres Stimmzettels zählen, um sicherzugehen, dass „Louis Napoléon Bonaparte“ mit seinen 22 Buchstaben darauf steht, illustriert pointiert, wie stark der Name selbst, unabhängig vom Programm, mobilisiert. Marx‘ Diktum vom „10. Dezember als Tag des Bauernaufstands“ wird zustimmend referiert.

Die Beziehung zwischen dem neuen Präsidenten und dem Ministerium unter Odilon Barrot wird als beständiges Ringen um Kompetenzen erzählt: der Streit um die Ernennung eines Direktors des Mont-de-piété, der Rücktritt Malevilles nach einem als „unverschämt“ empfundenen Brief, Lord Palmerstons Bonmot vom Präsidenten, dessen Pläne sich „wie Kaninchen in einem Gehege verbergen, um nicht gestört zu werden“. Baylac verfolgt zugleich die römische Frage, die Entsendung des Expeditionskorps unter Oudinot zur Unterstützung Pius‘ IX. gegen die Römische Republik Mazzinis, den verlustreichen Fehlschlag vor Rom am 30. April 1849 und die daraus resultierende Verfassungskrise um die eigenmächtige Depesche des Präsidenten an Oudinot, ein Konflikt, in dem Baylac zu Recht bereits die Vorwegnahme des Machtanspruchs von 1851 erkennt.

Der „rote Spuk“ als Ordnungsargument

Im fünften Teil rückt die Furcht vor 1852, dem Jahr der regulären Neuwahlen, in den Mittelpunkt. Baylac widmet der Publizistik Auguste Romieus, dessen Schriften „L’Ère des Césars“ und „Le Spectre rouge de 1852“ die Zeitgenossen mit dem Bild einer neuen Völkerwanderung der „inneren Barbaren“ ängstigen und offen einen Diktator herbeirufen, einen eigenen Abschnitt, der die diskursive Vorbereitung des Staatsstreichs plausibel macht. Zugleich beschreibt sie das geheimbündlerische Milieu der Demokraten-Sozialisten, ihre an die Charbonnerie erinnernden Initiationsrituale mit verbundenen Augen, gekreuzten Messern und Fünf-Francs-Münzen, und die von Ted Margadant nachgewiesenen siebenhundert Gemeinden mit geheimen Gesellschaften. Kleine, farbige Details, ein symbolisch guillotiniertes Bürgermeisterpuppe in Saint-Étienne, ein rot gekleideter Karnevalszug in Collioure, machen anschaulich, wie tief die Politisierung in das ländliche Alltagsleben eingedrungen ist, lange bevor sie sich 1851 in offenem Widerstand entlädt.

Der Staatsstreich als vollzogene Angst

Das Kapitel zum 2. Dezember 1851 montiert die bekannte Passage aus Jules Vallès‘ Vingtras über das Erwachen am Morgen des Putsches mit der nüchternen Rekonstruktion der drei parallel geführten Operationen: Besetzung der Nationalversammlung durch Oberst Espinasse, Verhaftung von 78 Personen, darunter Thiers, Cavaignac, Changarnier und Montagnards wie Miot und Greppo, sowie die Besetzung von Paris durch fünfzigtausend Soldaten. Der Tod des Abgeordneten Baudin an einer notdürftigen Barrikade in der Rue Sainte-Marguerite, sein Satz „Vous allez voir comment on meurt pour 25 francs“, wird von der Autorin nicht zum Heldenepos stilisiert, sondern in seiner zeitgenössischen Wirkungslosigkeit gezeigt: Baudin wird erst 1868, im Kontext eines Prozesses gegen die republikanische Presse, zur Ikone.

Das Massaker der Boulevards am 4. Dezember, bei dem Truppen ohne Vorwarnung in die Menge feuern und, wie der britische Augenzeuge Captain Jesse im „Times“ berichtet, das Feuer „wie eine wogende Flammenlanze“ den Boulevard hinunterzieht, wird von Baylac mit der gebotenen Zurückhaltung gegenüber den divergierenden Opferzahlen (zwischen 380 nach offizieller und 1200 nach britischer Zählung) referiert. Die Einbettung von Courbets „Un enterrement à Ornans“ als politisches Manifest, dessen Sargträger mit dem „chapeau à la Caussidière“ ausgestattet sind und das noch während der Ausstellung als „Beerdigung der Republik“ gelesen wird, gehört zu den originellen Passagen des Bandes und zeigt, wie souverän Baylac politische und kulturgeschichtliche Register verbindet.

Tocqueville als Kronzeuge und Denker der Furcht

Kein Zeitgenosse durchzieht den Band so beharrlich wie Tocqueville, und Baylac nutzt ihn in einer doppelten Funktion, die dem Furcht-Argument besonderes Gewicht verleiht. Zum einen ist er Akteur: Abgeordneter der Manche seit 1839, Mitglied der Verfassungskommission, ab Juni 1849 kurzzeitig Außenminister im Kabinett Barrot-Dufaure-Falloux. Zum anderen, und wichtiger noch, ist er der Kronzeuge, dessen postum veröffentlichte „Souvenirs“ Baylac an mehr als siebzig Stellen des Bandes heranzieht, häufiger als jede andere Einzelquelle.

Marie d’Agoult, unter dem Pseudonym Daniel Stern schreibend, verfasste im Exil nach 1848 eine Gesamtdarstellung der Zweiten Republik. Sie war Beobachterin der Ereignisse mit einem scharfsinnigen Blick auf die Psychologie der Besitzenden und ihrer Fluchtbewegungen. Ihre Passage über die Furcht nach der Februarrevolution ist das zentrale Zeugnis, das Baylac zitiert.

La terreur de toutes les autres classes fut immense. […] Beaucoup de personnes s’étaient enfuies le soir du 24 février. 2

Sowie aus Tocqueville (den Stern zitiert):

Le peuple seul portait les armes, gardait les lieux publics, veillait, commandait, punissait ; c’était une chose extraordinaire et terrible de voir dans les seules mains de ceux qui ne possédaient rien, toute cette immense ville.

Die Angst aller anderen Klassen war immens. […] Viele Menschen waren am Abend des 24. Februar geflohen.

Sowie:

Das Volk allein trug die Waffen, bewachte die öffentlichen Orte, wachte, befahl, bestrafte; es war eine außergewöhnliche und schreckliche Sache, zu sehen, dass sich in den einzigen Händen derer, die nichts besaßen, diese ganze ungeheure Stadt befand.

Stern/d’Agoult zitiert Tocqueville nicht zufällig – sie macht die theoretische Furcht zur empirischen Realität. Die Fluchtbewegung der Bourgeoisie ist nicht rationale Strategie, sondern purer Fluchtreflex. Stern notiert, wie die Furcht die politischen Urteile unmittelbar bestimmt: Nicht „Was sollen wir tun?“, sondern „Wohin fliehen?“ wird zur zentralen Frage. Dieses Zeugnis ist bei Baylac von Bedeutung, weil es zeigt, dass die Furcht selbst zum historischen Faktum wird, nicht als Begründung von Politik, sondern als ihr Ersatz.

Die genannte Doppelrolle Tocquevilles macht ihn zum privilegierten Sprachrohr der These: Wer die Angst der besitzenden Klassen theoretisch durchdringt und zugleich an den Schaltstellen der Politik sitzt, kann sie nicht nur beschreiben, sondern auch, wie Baylac an mehreren Stellen zeigt, in Institutionen übersetzen.

Deutlich wird dies vor allem in den Junitagen. Tocqueville, der sich, wie er selbst notiert, aus Vorsicht Pistolen in die Tasche steckt, deutet den Aufstand nicht als politischen Konflikt um die Regierungsform, sondern als „combat de classe, une sorte de guerre servile“, als eine Art Sklavenkrieg, dessen antikes Vokabular die Härte der Formel unterstreicht: Es gehe nicht darum, die Regierungsform zu ändern, sondern die gesellschaftliche Ordnung selbst. Die Festigkeit der Nationalgarde rechtfertigt er mit dem Bild antiker Städte, deren Bürger die Mauern verteidigten, weil sie wussten, dass sie bei deren Fall „selbst in die Sklaverei geschleppt“ würden. Baylac übernimmt dieses Zitat, ohne es unkommentiert stehen zu lassen: Sie stellt ihm die Gegenstimme der Aufständischen und Proudhons Warnung vor dem Bürgerkrieg als „bereits vollzogene Tatsache“ gegenüber und macht damit sichtbar, wie sehr die Furcht der einen zur Kriegsrhetorik gegen die anderen führt.

Auch in den Verfassungsdebatten des Sommers und Herbstes 1848 zeigt Baylac Tocqueville als Architekten institutioneller Vorsicht gegenüber der Volkssouveränität: Zusammen mit Odilon Barrot und Duvergier de Hauranne plädiert er, unter Berufung auf sein eigenes Hauptwerk De la démocratie en Amérique und das amerikanische Vorbild, für ein Zweikammersystem, das die Alleinherrschaft einer einzigen, direkt gewählten Versammlung mäßigen soll; die Mehrheit der Verfassunggeber, dem revolutionären Modell von 1791 verpflichtet, verwirft den Vorschlag mit 530 gegen 289 Stimmen. Baylac liest darin exemplarisch das Scheitern einer institutionellen Antwort auf die von Tocqueville selbst diagnostizierte Furcht vor einer ungebändigten „Volkssouveränität“. Die Ironie, die die Autorin freilich nicht eigens hervorhebt, ist dabei unübersehbar: Derselbe Tocqueville, der 1851 als Berichterstatter der Revisionskommission eine vollständige Verfassungsrevision fordert, um Louis Napoleon einer geordneten Wiederwahl zuzuführen, öffnet damit, wie Baylac knapp, aber treffend festhält, selbst die „Büchse der Pandora“, aus der wenig später der Staatsstreich hervorgeht. Die Furcht vor dem Volk erzeugt so, in Baylacs Lesart, nicht nur ideologische Abwehrreflexe, sondern handfeste institutionelle Entscheidungen, deren Urheber am Ende selbst Opfer ihrer eigenen Vorsichtsmaßnahmen werden: Tocqueville gehört am 2. Dezember 1851 zu den Verhafteten.

Literaten als Seismographen der Angst

Neben dem politischen Denker Tocqueville macht Baylac die Literatur der Epoche zu einem zweiten Register, in dem sich die Furcht vor dem Volk niederschlägt, oft feinnerviger und bildhafter als in den politischen Reden selbst. Gustave Flauberts zwanzig Jahre später verfasste L’Éducation sentimentale liefert der Autorin wiederholt Sprachmaterial: die „blauschwarz“ wogende Menge vor der Bastille am Abend des 21. Juni 1848, die mit „glühenden Pupillen“ und „vor Ungerechtigkeit erregten“ Gesichtern gezeichnet wird, oder die Schilderung der Barrikadenbauer, die mit der „Geschicklichkeit und Regelmäßigkeit eines Ingenieurs“ arbeiten, ein Bild, das Baylac auch bei Tocqueville selbst findet und das zeigt, wie sehr sich literarische und politisch-memorialistische Wahrnehmung durchdringen. Flauberts Erzählung, retrospektiv verfasst, aber aus unmittelbarer Anschauung gespeist, wird bei Baylac zum Medium, in dem sich die Ambivalenz der bürgerlichen Beobachter, Faszination und Schrecken zugleich, literarisch verdichtet.

Victor Hugo nimmt in dieser Konstellation eine doppelte, fast widersprüchliche Stellung ein. Am 15. Mai 1848 stürmt eine Volksmenge die Nationalversammlung, um gegen die Politik der Regierung zu protestieren und Unterstützung für die Polenfrage zu fordern. Hugo war Augenzeuge und verfasste Jahrzehnte später einen Bericht über diese „journée“, die für die Bourgeoisie einer Invasion gleichkam.

Des flots d’hommes déguenillés descendant ou plutôt ruisselant le long des piliers des tribunes basses et même des tribunes hautes jusque dans la salle, des milliers de drapeaux agités de toutes parts, les femmes effrayées et levant les mains, les émeutiers juchés sur le pupitre des journalistes, les couloirs encombrés ; partout des têtes, des épaules, des faces hurlantes, des bras tendus, des poings fermés ; personne ne parlant, tout le monde criant ; les représentants immobiles ; cela dura trois heures. 3

Ströme von zerlumpten Männern, die eher hinabfließen als hinabsteigen, entlang der Säulen der unteren Tribünen und sogar der oberen Tribünen bis hinein in den Saal, tausende Flaggen, die überall geschwungen werden, die verängstigen Frauen, die ihre Hände heben, die Aufständischen auf dem Pult der Journalisten hockend, die Gänge verstopft; überall Köpfe, Schultern, schreiende Gesichter, ausgestreckte Arme, geballte Fäuste; niemand spricht, alle schreien; die Vertreter reglos; das dauerte drei Stunden.

Hugos Beschreibung ist textuell eines der Schlüsselbilder, auf die Baylac hinweist. Die Verwendung von „flots“ (Flüssen), die gleichzeitige Suggestion von Chaos („ruisselant“, „hurlantes“), die Passivität der politischen Elite („les représentants immobiles“) und die drohende Dauer („cela dura trois heures“) erzeugen zusammen eine Szenerie der Machtlosigkeit angesichts der Volksbewegung. Das Paradoxe ist dabei entscheidend: Hugo war selbst ein Anhänger republikanischer Ideale, doch seine Sprache transportiert die Angst einer Elite vor der von ihr selbst herbeigerufenen Volkssouveränität.

Als Redner und späterer Verfasser der Histoire d’un crime tritt er als Anwalt des Volkes auf, der die „rote Fahne“ zurückweist, um die Republik zu retten, und der den Staatsstreich von 1851 aus dem Brüsseler Exil als Verrat brandmarkt. Zugleich aber liefert gerade seine Prosa, etwa in der Schilderung der Erstürmung der Nationalversammlung am 15. Mai 1848, jene Bilder, die Baylac zufolge die bürgerliche Furcht bis heute prägen: Die Eindringlinge erscheinen bei Hugo als „Ströme zerlumpter Männer“, die wie ein „Schwarm Heuschrecken“ durch die Tribünen fluten, eine Metapher, die weniger Sympathie als Bedrohung transportiert. Baylac nutzt diese Ambivalenz, ohne sie explizit zu benennen, doch die Montage der Zitate macht deutlich, dass auch ein erklärter Verteidiger des Volkes dessen Erscheinen auf der politischen Bühne in der Bildsprache der Naturkatastrophe, Flut, Meer, Sturm, verarbeitet, ein Sprachmuster, das sich, wie die Autorin an anderer Stelle zeigt, auch bei Tocqueville findet, der von einer „Überschwemmung durch Infiltration“ spricht.

Ergänzt wird dieses literarische Panorama durch Balzacs 1844 erschienenen Roman Les Paysans, dessen Figur des Vater Fourchon, ein Wilddieb und Gelegenheitsdichter, in einem Monolog gegen die Gutsherren die stille Klassenfeindschaft der Landbevölkerung formuliert, „la malédiction des pauvres […] ça pousse“, der Fluch der Armen wachse höher als die höchste Eiche, und der Eichbaum liefere den Galgen. In Balzacs Roman wird die ländliche Armut nicht als moralisches Mitleidsobjekt erzählt, sondern als stille strukturelle Feindseligkeit. Der Vater Fourchon, ein Wilddieb und Vagabund, artikuliert in einem einzigen Monolog die Tiefe der Klassenverachtung, die die Besitzenden durchaus erahnen, aber nicht zu bekämpfen wissen. Der Monolog steht stellvertretend für die stumme, sich aufstauende Wut der Landbevölkerung vor 1848.

J’ai vu l’ancien temps et je vois le nouveau […], l’enseigne est changée, c’est vrai, mais le vin est toujours le même ! AUJOURD’HUI n’est que le cadet d’HIER. Allez ! […] Nous vous laissons tranquilles, laissez-nous vivre. […] Vous nous pourchassez ni plus ni moins que des bêtes féroces et vous traînez le petit monde au tribunal ! […] Eh bien, ça finira mal ! […] La malédiction des pauvres, monseigneur, ça pousse ! et ça devient plus grand que les plus grands de vos chênes, et le chêne fournit la potence. 4

Ich habe die alte Zeit gesehen und ich sehe die neue […], das Etikett ist neues, das ist wahr, aber der Wein ist immer der gleiche! HEUTE ist nur der jüngere Bruder von GESTERN. Auf geht’s! […] Wir lassen euch in Ruhe, lasst uns leben. […] Ihr jagt uns nicht anders als wilde Bestien und ihr schleppt die kleine Welt vor Gericht! […] Nun denn, das wird schlecht enden! […] Der Fluch der Armen, Monseigneur, der wächst! und er wird größer als die größten eurer Eichen, und die Eiche liefert den Galgen.

Balzacs Vater Fourchon verkörpert eine Rhetorik, die für Baylac zentral ist: Die Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen ist nicht moralisch zu überbrücken, weil sie strukturell verfestigt ist. Das Bild des „Fluchs, der wächst“ und der Eiche, die den Galgen liefert, ist eine Drohung ohne konkreten Handlungsträger – sie artikuliert sich in Sprache, nicht in politischem Programm. Balzac schrieb dies 1844, vier Jahre vor der Revolution, und sein Roman wurde von den Zeitgenossen als prophetisch empfunden. Für Baylac ist dies die literarische Quelle, in der sich die Furcht der besitzenden Klassen vor einer Wut artikuliert, die sie nicht verstehen und nicht kontrollieren können.

Baylac liest den Roman als Vorwegnahme jener ländlichen Konfliktlinien, die 1851 in den geheimen Gesellschaften des Südens wiederkehren. Auch Marie d’Agoult, die wie erwähnt unter dem Pseudonym Daniel Stern eine eigene Histoire de la révolution de 1848 verfasst, wird von Baylac nicht nur als Chronistin einzelner Szenen, sondern als literarisch geschulte Beobachterin der bürgerlichen Panik herangezogen: ihre Beschreibung der „promenade des cadavres“ ebenso wie ihr Satz, die „terreur de toutes les autres classes“ sei angesichts der vom Volk beherrschten Stadt „immens“ gewesen. Alfred de Vignys Tagebuchnotiz von einem Paris, das „von Schrecken und Wahnsinn ergriffen“ sei, mit Kutschen voller Betten und Koffern, die im Galopp durch die Straßen jagen, rundet dieses literarische Ensemble ab. In der Summe entsteht so ein Buch, das die Furcht vor dem Volk nicht nur als politisches Argument, sondern als kulturelle Tatsache begreift, die von Historikern, Staatsmännern und Schriftstellern gemeinsam, wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln, in Sprache gefasst wird. Vigny is alt gewordener Romantiker und politischer Beobachter, seine Aufzeichnungen sind sachlich, ohne Pathos, aber dadurch um so mehr die Panik offenbarend: Die Stadt wird zur belagerten Festung.

Je m’en suis revenu gelé jusque dans les entrailles. […] Paris ressemble à une ville frappée de terreur et de folie. Les grandes rues, les boulevards et les avenues étaient couverts de voitures lancées au grand galop et dont les lanternes se croisaient en tous sens. Je les vis pleines de femmes, d’enfants, de matelas, de malles, c’était partout un déménagement improvisé. 5

Ich bin bis ins Mark gefroren zurückgekehrt. […] Paris gleicht einer von Schrecken und Wahnsinn ergriffenen Stadt. Die großen Straßen, die Boulevards und Alleen waren voller Wagen, die im scharfen Galopp davonrasten, und deren Laternen sich in alle Richtungen kreuzten. Ich sah sie voll von Frauen, Kindern, Matratzen, Koffern, überall herrschte ein improviertes Umzugschaos.

Vignys Eintrag ist bemerkenswert, weil er die Flucht in alltägliche Bildsprache überführt: keine dramatischen Sätze, sondern die Beobachtung des Chaotischen als bereits Normales. Die Details – „matelas“, „malles“, die sich „kreuzenden Laternen“ – evozieren Panik ohne Pathos. Vignys Sprache ist dabei die eines literarisch geschulten Zeugen, der sieht, dass die Angst nicht in heroischen Gesten oder politischen Deklarationen besteht, sondern in der Banal-ität der Fluchtbewegung. Baylac zitiert diese Passage, um zu zeigen, wie sehr die Literatur der Zeit Flucht nicht als politische Niederlage, sondern als schlichte körperliche Notwendigkeit darstellt.

Furcht als Strukturprinzip, nicht als Randmotiv

Was ergibt sich aus dieser chronologischen Rekonstruktion als übergreifendes Argument? Baylacs Verdienst liegt darin, die Furcht vor dem Volk nicht als bloßes psychologisches Beiwerk, sondern als das eigentliche Strukturprinzip zu behandeln, das die scheinbar disparaten Episoden, Bankette, Februarrevolution, Aprildemonstration, Junitage, Präsidentschaftswahl, Römischer Feldzug, roter Spuk, Staatsstreich, zu einer kohärenten Erzählung verbindet. Immer wieder zeigt sie dieselbe Dynamik: Eine Forderung von unten (Arbeitsrecht, allgemeines Wahlrecht, soziale Assoziation) löst eine Furcht bei den Besitzenden aus, diese Furcht wird publizistisch verstärkt (Presse, Karikaturen, Romieus Pamphlete), theoretisch verankert (Tocquevilles Rede vom Januar 1848, seine Deutung des Juniaufstands als „guerre servile“), literarisch verdichtet (Flauberts wogende Menge, Hugos Heuschreckenschwärme, Balzacs fluchende Bauern, Marie d’Agoults „terreur immense“) und mündet in eine Politik der Ordnung, die zunächst die extreme Linke, dann die Mitte, schließlich die Republik selbst trifft. Louis Napoleon erscheint bei Baylac nicht als der Urheber dieser Dynamik, sondern als ihr Nutznießer: Er, der „elektrisiert und blendet“, wie Heinrich Heine es formuliert, bietet sich als Person an, auf die sich die Sehnsucht nach Ordnung und die Erinnerung an kaiserlichen Ruhm zugleich projizieren lassen. Dass die Autorin am Schluss Proudhon zitiert, der dem Volk selbst eine tiefe Sehnsucht nach der „Autorität eines Einzigen“ attestiert, unterstreicht, wie konsequent sie die Furcht als wechselseitiges Verhältnis begreift: Furcht der Eliten vor dem Volk, aber auch eine, freilich von der Autorin nicht unkritisch übernommene, zeitgenössische Deutung des Volkes als eines Kollektivs, das autoritäre Lösungen selbst herbeisehnt. Bemerkenswert an Baylacs Verfahren ist dabei, dass Theorie und Literatur bei ihr nicht als Kommentar zur Politik erscheinen, sondern als deren integraler Bestandteil: Tocquevilles Rede wirkt in die Verfassungsdebatte hinein, Hugos Bilder prägen die politische Ikonografie des Volkes bis in die Gegenwart, und Baylac macht durch ihre Montage beider Register sichtbar, dass die „Angst vor dem Volk“ ebenso sehr ein sprachliches wie ein institutionelles Ereignis ist.

Ergebnisse des Bandes und Ausblick

Der zentrale Ertrag des Buches liegt darin, die Zweite Republik aus dem Schatten von 1789 und 1871 herauszuholen und als eigenständiges „politisches Laboratorium“ zu rehabilitieren, in dem, wie Baylac im Avant-propos mit dem Verweis auf de Gaulles Pressekonferenz von 1964 zeigt, Grundzüge der französischen präsidialen Demokratie vorgeprägt werden. Die Darstellung überzeugt durch drei methodische Entscheidungen. Erstens die konsequente Verankerung des politischen Geschehens in Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die Hungerjahre, die Arbeitslosigkeit, die Verschuldung der Landbevölkerung, wodurch die politischen Entscheidungen nicht im luftleeren Raum der Rhetorik verbleiben. Zweitens die Einbeziehung der Provinz: Nantes, Lyon, Toulouse, Limoges, Rouen erscheinen nicht als bloße Fußnoten zu Paris, sondern mit eigenen Szenen, etwa der Verzögerung, mit der die Nachricht von der Abdankung Louis-Philippes über die optische Telegrafie Chappes die Departements erreicht. Drittens die geschickte Montage kanonischer literarischer Zeugnisse, Flaubert, Hugo, Tocqueville, Marie d’Agoult, George Sand, mit Verwaltungsberichten, Zeitungsartikeln und Memoiren weniger bekannter Akteure wie Roinville, Félicien oder dem Arbeitermaler François Leblanc, wodurch ein vielstimmiges Panorama entsteht, das über die üblichen Hauptfiguren hinausgeht, ohne diese zu vernachlässigen.

Baylacs Personenporträts, von Lamartine über Cavaignac bis Falloux, sind kurz, aber prägnant charakterisiert, meist über ein einziges, gut gewähltes Zitat oder eine physiognomische Beobachtung eines Zeitgenossen. Die Verwendung wörtlicher Rede, etwa im Dialog zwischen Guizot und Louis-Philippe oder zwischen Odilon Barrot und dem künftigen Präsidenten über das „gouvernement à la Franconi“, verleiht der Darstellung erzählerische Dichte, ohne dass die Autorin, soweit erkennbar, über die Belege ihrer Quellen hinausgeht.

Mehrere Einschränkungen sind zu nennen. Erstens bleibt die analytische Reflexion gegenüber der narrativen Dichte in Teilen zurück. Wo Baylac etwa die Wahlergebnisse vom April 1848 referiert, wird auf die neuere quantitative Wahlforschung (Tudesq wird zwar genannt, aber nicht systematisch ausgewertet) nur punktuell zurückgegriffen; eine stärkere Einbindung sozialstruktureller Daten hätte die These von der „Furcht“ empirisch stützen können, statt sie überwiegend über zeitgenössische Formulierungen zu plausibilisieren. Aber das sind Methodenentscheidungen.

Zweitens neigt die Erzählung, gerade in den mittleren Kapiteln zum Verfassungsstreit von 1849 bis 1851, zu einer gewissen Ereignisdichte, die den roten Faden zeitweise unter der Fülle an Personal, Terminen und institutionellen Details verdeckt; ein Leser ohne Vorkenntnisse der Ämterstruktur der Zweiten Republik (Exekutivkommission, Ministerpräsidentschaft, Staatsrat) wird an manchen Stellen orientierungslos.

Drittens ist die Nähe zur literarischen Quelle, insbesondere zu Flaubert und Hugo, methodisch nicht immer transparent gemacht: Die Éducation sentimentale wird streckenweise wie ein Augenzeugenbericht behandelt, was für die atmosphärische Verdichtung gewinnbringend ist, aber die Grenze zwischen Fiktion und historischem Beleg an einzelnen Stellen verwischt, ohne dass dies ausdrücklich reflektiert wird.

Viertens fehlt dem Band ein eigenständiges historiographisches Kapitel. Die Bibliographie verweist, wie im Nachwort vermerkt, ausschließlich auf die Anmerkungen; eine systematische Verortung gegenüber der Forschung, etwa gegenüber Agulhon, Furet, Rémi Gossez oder der neueren angloamerikanischen Forschung zu 1848 (Roger Price, Peter McPhee), bleibt implizit. Für ein Publikum, das an der Verortung des Buches im Forschungsdiskurs interessiert ist, ist dies ein Manko, das dem an ein breiteres Publikum adressierten Charakter der Reihe geschuldet sein dürfte, aber die akademische Anschlussfähigkeit möglicherweise einschränkt.

Fünftens bleibt die Geschlechtergeschichte trotz eines eigenen Kapitels „L’heure des femmes n’a pas sonné“ eher illustrativ als analytisch entfaltet: George Sand, Marie d’Agoult und die Petitionen der Vésuviennes und Voix des femmes erscheinen als Stimmen, doch eine systematische Untersuchung der geschlechtsspezifischen Dimension der „Volksfurcht“, etwa der Furcht vor der „femme rouge“ wie in den Karnevalsszenen von Collioure, wird angedeutet, aber nicht ausgeführt.

Über die Monita gegenüber dem vorliegenden Band hinaus lassen sich aus der Lektüre Forschungslücken benennen, die weiterer Bearbeitung bedürfen. Erstens bleibt eine konsequent transnationale Einordnung der Zweiten Republik in den europäischen Revolutionszyklus von 1848/49 nötig; Baylac streift die römische Frage und die ungarischen, italienischen und deutschen Parallelen, doch eine systematisch vergleichende Untersuchung der „Furcht vor dem Volk“ als europäischem Phänomen, das in Preußen, den Habsburgerländern und Italien je andere institutionelle Antworten hervorbringt, steht aus.

Zweitens bedarf die lokale und mikrohistorische Erforschung der geheimen Gesellschaften des Südens, an die Baylac mit Verweis auf Margadant anschließt, einer Aktualisierung: Die von Baylac zitierte Forschung ist überwiegend älteren Datums; neuere sozialgeschichtliche Studien zur ländlichen Politisierung, etwa zur Rolle von Handwerkern, Wanderarbeitern und Gastwirten als Vermittlern republikanischer Ideen, könnten die von ihr skizzierten Netzwerke präzisieren.

Drittens wäre eine Emotionsgeschichte der „peur“ selbst, im Sinne der neueren historischen Emotionsforschung, ein lohnendes Forschungsprojekt: Baylac benennt die Furcht als Faktum, ohne ihre diskursive Erzeugung, Zirkulation und affektive Wirkung systematisch mit den Kategorien dieser Teildisziplin zu analysieren.

Viertens bleibt die Frage nach der longue durée des präsidialen Modells, die Baylac mit dem Verweis auf de Gaulle andeutet, unterentwickelt: Eine Studie, die die institutionelle Übertragung von 1848 auf 1958 systematisch, nicht nur anekdotisch, nachzeichnet, fehlt bislang. De Gaulle diagnostizierte die Zweite Republik selbst als ein System, das an seiner inneren Lähmung durch die Furcht der Besitzenden vor der Volksmacht zugrunde gegangen war, und reagierte 1958 nicht mit einer Schwächung, sondern einer Verstärkung der Exekutive – eine paradoxe Lösung, die darauf hindeutet, dass die strukturelle Angst vor dem Volk institutionelle Kontinuität über Epochenwechsel hinweg schafft. Seine Verfassung mit ihrem starken Präsidentenamt, ihrem Notstandsartikel 16 und der direkten Präsidentenwahl ab 1962 kann als die institutionelle Objektivierung von Tocquevilles Einsicht gelesen werden, dass republikanische Systeme ohne externe Kontrollen der Volkssouveränität unter dem Gewicht der Klassenangst zusammenbrechen. Ob diese hundertjährige Transformation der Angst in Institution – von der gescheiterten Direktwahl 1848 zur abgesicherten präsidialen Kontrolle 1958 – tatsächlich das Problem löst oder nur verlagert, bleibt eine Frage, die Baylac aufwirft, aber nicht verfolgt.

Baylacs Buch ist, trotz einzelner Einschränkungen, eine zugängliche und materialreiche Gesamtdarstellung der Zweiten Republik im gegenwärtigen französischen Buchmarkt und dürfte für ein akademisches wie ein breiteres Publikum gleichermaßen anschlussfähig sein. Ihr eigentlicher Beitrag liegt weniger in einer neuen These, denn in der konsequenten narrativen Verdichtung eines bekannten, aber selten in dieser Ausführlichkeit erzählten Geschehens zu einem kohärenten Argument über die Fragilität demokratischer Neugründungen unter dem Druck sozialer Furcht. Für die Forschung liegt der Anschlusswert vor allem darin, dass sie mit ihrer reichen Materialgrundlage, den zahlreichen Provinzbeispielen und der Fülle wörtlicher Zeugnisse, einen Fundus bereitstellt, der für vergleichende, sozial- oder emotionsgeschichtliche Weiterarbeit ausgewertet werden kann. Angesichts der gegenwärtigen europäischen Debatten über populistische Bewegungen und die Fragilität demokratischer Institutionen unter dem Eindruck realer oder imaginierter Bedrohung liest sich Baylacs Rekonstruktion der Zweiten Republik zudem als Fallstudie, deren Aktualität über den engeren Rahmen der französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts hinausweist, ohne dass die Autorin diese Parallele selbst explizit zieht, was dem Buch, entgegen mancher Erwartung an populäre Geschichtsschreibung, seine analytische Zurückhaltung und Seriosität lässt.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Von Tocqueville zu De Gaulle: die Furcht der Zweiten Republik vor dem Volk und ihr Weg ins Kaiserreich." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on September 29, 2026 at 03:19. https://rentree.de/2026/09/29/von-tocqueville-zu-de-gaulle-die-furcht-der-zweiten-republik-vor-dem-volk-und-ihr-weg-ins-kaiserreich/.
Anmerkungen
  1. Gustave Flaubert, L’Éducation sentimentale (Édition de 1869), Deuxième Partie, Chapitre 1.>>>
  2. Marie d’Agoult (Daniel Stern), Histoire de la Révolution de 1848, Deuxième Partie (Paris, 1850–53).>>>
  3. Victor Hugo, Histoire d’un crime, Première Partie, Chapitre VIII (1877; Originalzeugenberichte und Notizen entstanden 1848).>>>
  4. Honoré de Balzac, Les Paysans (1844), Deuxième Partie, Chapitre 3.>>>
  5. Alfred de Vigny, Mémoires inédits, Fragments et Projets (posthum; die Originaleinträge stammen aus 1848/49; vgl. die Edition der Pléiade).>>>

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