Die Besprechung von Niklas Bender in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29. September („Feigheit vor dem Thema?“) bietet eine aufschlussreiche Gegenlektüre zu meiner eigenen Besprechung von Thélyson Oréliens C’était ça ou mourir. Wo ich etwa in der episodischen Anlage des Romans, in der Flüchtigkeit seiner Nebenfiguren und in der wiederkehrenden Bildlichkeit von Körper, Lachen und Gegenständen bewusst gesetzte Formen einer Erzählpoetik sehe, liest Bender dieselben Verfahren vielfach als Schwäche, Redundanz oder schematische Wiederholung.
Dabei sind die beiden Besprechungen auch unter unterschiedlichen Voraussetzungen entstanden. Meine Besprechung erschien am 11. September, also noch vor dem öffentlichen Aufkommen der inzwischen breit diskutierten Vorwürfe einer möglichen KI-Beteiligung an der Entstehung des Romans. Die (nicht explizit als solche ausgewiesene) Replik von Niklas Bender erschien dagegen am 28. September und damit nach dem Ausbruch dieser Debatte. Ich finde es deshalb wichtig, diese unterschiedlichen Entstehungskontexte sichtbar zu halten: Meine Interpretation war nicht von der späteren Kontroverse geprägt, und ich sehe keinen Anlass, sie nachträglich an diese neue Debatte anzupassen oder die darin beschriebenen ästhetischen Verfahren deshalb nun anders zu beschreiben. Für mich blieb zunächst die Frage entscheidend, was der veröffentlichte Text literarisch macht und literaturwissenschaftlich zu untersuchen, wie seine Formen innerhalb des Romans funktionieren. Hier folgt der Text in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung meinen Beobachtungen in zahlreichen Punkten, freilich mit literaturkritischer Pointierung auf die Vorwürfe hin.
Gerade deshalb finde ich Benders Besprechung als Gegenlektüre interessant. Meine Lektüre versteht die scheinbare Reihung der Episoden als Teil einer pikaresken und zugleich zeugnishaften Erzählweise; Bender fragt demgegenüber nach dem fehlenden inneren Sog und nach der fehlenden charakterlichen Ausarbeitung der Figuren. Wo ich die flüchtigen Begegnungen mit anderen Migrantinnen und Migranten als ein Kaleidoskop der Verschwundenen und damit als formal konsequente Darstellung einer von Übergängen und Verlust geprägten Erfahrungswelt lese, sieht Bender darin „Schablonen“ und „blutleere Geister“.
Ähnlich gegensätzlich fällt die Bewertung der Körperlichkeit und des Lachens aus. Für meine Interpretation gehört die körperliche Konkretheit wesentlich zu der Art, wie der Roman seine Geschichte gegen die Abstraktionen von Grenze, Verwaltung und Nummerierung behauptet. Auch das wiederkehrende Lachen der Kinder erscheint mir nicht bloß als sentimentales Motiv, sondern als strukturbildendes Gegenmoment zur Gewalt der Handlung. Bender setzt gerade hier einen deutlichen Widerspruch und liest die Wiederholungen als Zeichen einer mechanisch wirkenden Komposition.
Besonders produktiv ist schließlich die unterschiedliche Wahrnehmung der Dreigliederungen und Wiederholungsfiguren. Was in meiner Lektüre als poetische Ordnung und als Versuch erscheint, aus einer fragmentierten Fluchterfahrung erzählerische Form zu gewinnen, erscheint bei Bender als schematische, geradezu formelhafte Konstruktion.
Man muss diese beiden Lektüren nicht miteinander versöhnen. Im Gegenteil: Dass dieselben formalen Entscheidungen so unterschiedlich interpretiert werden können, macht sichtbar, wo die eigentliche ästhetische Auseinandersetzung mit diesem Roman liegt. Die Besprechung von Bender liefert dafür einige Wertungsvorschläge zu meiner Interpretation, die die Vorwürfe zu bestätigen scheinen (das mögen die Leser prüfen) – und doch auch seinerseits einen Beitrag zu jener notwendigen Debatte über Form, Zeugenschaft, Pikareske und literarische Darstellung, die über die Frage hinausführt, ob man dem Roman politisch wie ästhetisch zustimmt oder nicht.
Für diese Gegenstimme und für die Aufnahme dieser Debatte in die literarische Öffentlichkeit bin ich dankbar und freue mich ausdrücklich auf lebhafte öffentliche Debatten und explizite Repliken zur rezenten französischen Gegenwartsliteratur.





