Zwischen Rüstung und Riss: Virilität als Mythos, Männlichkeit als Erfahrung

Der Band „Masculinité“ (Grasset, 2025) versammelt literarische Texte, Essays und Reflexionen, die Männlichkeit nicht als feste Identität, sondern als historisch belastetes und gegenwärtig brüchiges Feld sichtbar machen. Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen virilité und masculinité: Während Virilität das enge, normierende Ideal des harten, dominanten, unverwundbaren Mannes bezeichnet, zeigen die Beiträge die widersprüchlichen Erfahrungen realer Männer, die an diesen Erwartungen leiden oder an ihnen scheitern. Die Texte erzählen von Jungen, die früh in Rituale der Härte gezwungen werden, von Vätern, die Stärke weitergeben wollen und dabei Gewalt reproduzieren, von Körpern, die durch Arbeit, Sport, Beschneidung oder Migration geformt und gezeichnet sind, und von Männern, die zwischen kulturellen Modellen der Männlichkeit zerrieben werden. In der Einleitung diagnostiziert Dantzig Männlichkeit als historisch überladenes Machtkonstrukt, das zugleich privilegiert und deformiert und dessen dunkle Seiten – Dominanz, Gewalt, Zerstörung – nicht ausgeblendet werden dürfen. Die Präsentation von Habib-Rubinstein verschiebt diesen Befund in die literarische Praxis und liest den Band als Labor pluraler Stimmen, in dem keine neue Norm gesetzt, sondern Fragilität, Zweifel und Suchbewegungen sichtbar gemacht werden. So entsteht ein vielstimmiges Panorama einer Männlichkeit im Übergang: erschöpft vom Mythos der Virilität, offen für neue, unsichere und erzählbare Formen des Mannseins.

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Nach dem Ende: Frankreich ohne Zukunft bei Jean Rolin

Jean Rolins Roman „Les événements“ (2015) entwirft das Bild eines Frankreichs, in dem die staatliche Ordnung zusammengebrochen ist, ohne durch eine neue Ordnung ersetzt zu werden. In einer Folge von Fahrten, Beobachtungen und episodischen Begegnungen durchquert der Erzähler ein Land, das von bewaffneten Gruppen, provisorischen Kontrollpunkten und zerstörter Infrastruktur geprägt ist. Der Bürgerkrieg bleibt dabei seltsam unspektakulär: Gewalt ist allgegenwärtig, aber selten eruptiv; sie äußert sich in blockierten Straßen, verwaisten Gebäuden und einer permanenten Unsicherheit, die den Alltag strukturiert. Rolin verzichtet auf eine klare zeitliche Verortung oder eine erklärende politische Hintergrundgeschichte. Stattdessen entsteht ein Panorama der Gegenwart als Dauerzustand des Ausnahmezustands, in dem frühere staatliche Strukturen nur noch als Ruinen oder leere Gesten fortexistieren. Die Rezension argumentiert, dass „Les événements“ weniger als klassische Dystopie denn als „dokumentarischer Dystopismus“ zu lesen ist. Sie zeigt, wie Rolin mit einer nüchternen, präzise beobachtenden Sprache das Katastrophische in die Alltäglichkeit einsickern lässt und damit eine neue Form politischer Literatur entwirft, die ohne totalitäre Zukunftsvisionen auskommt. Analysiert werden insbesondere die Topographie des Zerfalls, die Mikropolitik der Gewalt, die gestörten Kommunikationsformen und der offene Schluss des Romans, der jede Erlösungs- oder Wiederaufbauphantasie verweigert. Die Rezension versteht Rolins Text als literarische Diagnose einer Gegenwart, in der das Ende nicht bevorsteht, sondern bereits stattgefunden hat.

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Die Republik funktioniert: François Bégaudeau

François Bégaudeaus „Désertion“ (2026) erzählt die leise, aber unumkehrbare Erosion des Lebens von Steve, einem Jugendlichen aus der Provinz der Normandie. Aufgewachsen in einer intakten Familie, geprägt von Schule, Medienkonsum und popkulturellen Obsessionen, driftet er nach und nach aus allen sozialen Bindungen heraus. Kleine Kränkungen, sprachliche Unsichtbarkeit und institutionelle Gleichgültigkeit summieren sich über Jahre, bis er schließlich nach Syrien geht und sich den kurdischen YPG anschließt. Der Roman verzichtet bewusst auf dramatische Wendepunkte oder psychologische Erklärung und zeigt Steves Weg nicht als logische Folge von Radikalisierung, sondern als strukturelle Konsequenz eines Lebens, das nirgends mehr gesehen oder adressiert wird. Desertion wird hier weniger als Bruch, sondern als fortschreitender Prozess gesellschaftlicher Blindstellen dargestellt. Die Rezension argumentiert, dass Bégaudeau die Erwartungen an eine lineare, politisch-kausale Erzählung unterläuft. Der Roman entfaltet eine Poetik der Verschiebung, der Parallelität und der affektiven Subjektivität, in der kleine Alltagsereignisse, Schule, Familie und Medien den Rahmen für das Leben Steves bilden. Der Syrien-Abschnitt sabotiert dabei die erwartete Radikalisierung: Statt ideologischer Verführung stehen Gespräche, Alltag und widersprüchliche Diskurse. Diese Struktur erlaubt es, „Désertion“ als literarische Darstellung einer „anarchischen“ Sinnverweigerung zu lesen, in der die formale Funktionsfähigkeit gesellschaftlicher Institutionen die existenziellen Leerstellen offenlegt, die Steves Verschwindung überhaupt erst ermöglichen.

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Années glorieuses: zum Abschluss der Saga von Pierre Lemaitre

Die vierbändige Saga „Les Années glorieuses“ verfolgt am Beispiel der Familie Pelletier den französischen Nachkriegsaufstieg von 1948 bis an die Schwelle von 1968. Beginnend im kolonialen Saigon („Le Grand Monde“), wo der Piaster-Skandal den moralischen Bankrott des Empire offenlegt, verlagert sich das Panorama über den Wiederaufbau und die technokratische Moderne der frühen 1950er Jahre („Le Silence et la Colère“) hin zum Atomzeitalter und Kalten Krieg („Un avenir radieux“). Infrastrukturprojekte, Konsumgesellschaft, Medienöffentlichkeit und politische Mythen erscheinen dabei stets doppelt: als Versprechen von Fortschritt und als Mechanismen der Verdrängung sozialer Gewalt. Der abschließende Band („Les belles promesses“) bündelt diese Linien im Paris der frühen 1960er Jahre, wo der Bau des Boulevard Périphérique zum steinernen Symbol einer Moderne wird, die auf Enteignung, Korruption und Schweigen basiert. Mit dem Tod zentraler Figuren und der Auflösung familiärer Machtverhältnisse wird der Wohlstand der „glorreichen Jahre“ als Produkt aufgestauter Schuld sichtbar. – Der Aufsatz liest diese Tetralogie konsequent als rückblickende Autopsie einer Epoche. Das zentrale Argument lautet, dass die Années glorieuses nicht den Beginn der Moderne markieren, sondern deren verspäteten Nachhall – die „letzte Seite des 19. Jahrhunderts“. Entscheidend ist dabei das Schlussdatum: Der Roman endet am 21. März 1968, einen Tag vor Beginn der Unruhen, im Moment eines Noch-Nicht. Lemaitre erklärt nicht den Aufbruch von 1968, sondern dessen Notwendigkeit. Zugleich vollzieht sich eine poetologische Wende: Mit der Enthüllung von François Pelletier als fiktivem Autor der Saga verabschiedet sich das Werk vom journalistischen Wahrheitsanspruch und behauptet den Roman als einzig angemessene Form, um diese Epoche zu begreifen. Erzählen wird zur Analyse, Fiktion zur historischen Erkenntnis. Die Tetralogie endet daher nicht mit Hoffnung, sondern mit Klarheit: Sie zeigt, warum das Alte erschöpft war – und warum das Neue kommen musste.

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Zerstörung als Möglichkeit: Mannsein und Gewalt bei Bernard Bourrit

Bernard Bourrits Roman “Détruire tout” (2025) rekonstruiert einen realen Feminizid in der Schweiz der 1960er-Jahre, verweigert jedoch konsequent eine lineare Täterpsychologie oder moralische Auflösung: Anhand von Archiven, Beobachtungen und essayistischen Fragmenten erscheint der Täter Alain weniger als individuelles Monster denn als Symptom eines patriarchalen, ländlichen und autoritär organisierten sozialen Gefüges, das Gewalt strukturell ermöglicht. Die Rezension zeigt, wie Bourrit bäuerliche Enge, männliche Normierung, sprachlose Affekte und asymmetrische Geschlechterverhältnisse freilegt und insbesondere Männlichkeit als brüchige, überforderte Konstruktion analysiert, deren Anspruch auf Kontrolle in destruktive Gewalt umschlägt. Der männliche Körper wird dabei zum Austragungsort sozialer Zumutungen, während Carmen als Projektionsfläche gesellschaftlicher Erwartungen sichtbar wird, ohne zur bloßen Figur zu verflachen. Formal wie ethisch verweigert der Text den Mord als erzählerischen Höhepunkt und belässt ihn als Leerstelle, wodurch die Aufmerksamkeit auf Bedingungen statt auf Sensation gelenkt wird. So versteht die Rezension “Détruire tout” als literarische Untersuchung gesellschaftlicher Gewalt, die gerade im Scheitern von Erklärung und Katharsis ihre politische und ästhetische Kraft entfaltet.

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Québecs großer Moment im Spiegel der Desillusionierung: Carl Leblanc

Carl Leblancs Roman „Le printemps en novembre“ (2025) entwickelt seine Handlung zwischen dem euphorischen Wahlsieg des Parti québécois am 15. November 1976 und der desillusionierten Gegenwart des Jahres 2006. Im Zentrum steht Étienne Vallières, der an der Premiere eines Dokumentarfilms über den historischen Wahlsieg teilnimmt. Diese äußere Rahmenhandlung führt Étienne in seine Jugend in der Gaspésie zurück, wo sich politische Erweckung und private Initiation überlagern: Der kollektive Triumph der Unabhängigkeitsbewegung fällt mit seiner Liebe zu Julianne zusammen, deren plötzliche Abreise den politischen Aufbruch bereits im Moment seines Entstehens unterminiert. Der Roman verschränkt kollektive Geschichte und individuelles Begehren, indem er den „einzigen großen Sieg“ Québecs zugleich als Höhepunkt und Verlust markiert. Die zeitliche Struktur – der ständige Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart – macht sichtbar, dass das nationale Projekt nur noch in der Erinnerung fortlebt, während es politisch gescheitert ist. Die Rezension liest den Roman als eine poetische Neubewertung des québécoischen Autonomiekampfs darstellt. Der Dokumentarfilm wird als ästhetisches Widerstandsmedium gelesen, das der „Barbarei des Vergessens“ entgegentreten soll, indem es dem historischen Moment eine emotionale Evidenz verleiht, die der nüchternen Gegenwart fehlt. Zugleich dekonstruiert der Text jede triumphale nationale Narration: Die Autonomie erscheint als unerfülltes Versprechen, das sich in Nostalgie, Ironie und Zynismus verflüchtigt. Étiennes persönliches Scheitern – seine emotionale Immobilität, sein Verharren im Diskursiven – wird dabei zur Allegorie eines postnationalen Québecs, das zwischen individuellem Liberalismus und dem Verlust eines kollektiven „nous“ schwankt. Die Rezension liest den Roman somit als melancholische, aber notwendige Selbstvergewisserung: nicht als Verteidigung eines souveränistischen Programms, sondern als literarischen Akt der Erinnerung, der die emotionale Wahrheit des Aufbruchs bewahrt, selbst wenn das politische Projekt gescheitert ist.

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Der Naive und die Spießer bei Voltaire und Dominique Fernandez

In „Un jeune homme simple“ (2024) zeichnet Dominique Fernandez den Weg des jungen Auvergnaten Arthur nach, der als unverbildeter Provinzler in das hyperideologisierte Paris gerät. Seine Begegnungen u.a. mit radikal-feministischen, ökologischen und literarischen Milieus machen die Gegenwartsgesellschaft als von Moralismus, Woke-Dogmen und kulturellem Konformismus durchdrungen sichtbar. Die Naivität des Helden fungiert dabei als Prüfstein moderner Eliten: Gerade weil Arthur die „Codes“ der Hauptstadt nicht versteht, legt er deren Heuchelei frei und entscheidet sich am Ende für die Rückkehr in die Auvergne, wo „valeurs sûres, éprouvées“ und eine einfache Liebe auf ihn warten. – Die Rezension ordnet den Roman explizit in eine intertextuelle Linie zu Voltaires „L’Ingénu“ ein und deutet Arthur als gegenwärtige Reinkarnation des aufgeklärten Außenseiters. Wie Voltaires Hurone entlarvt auch Arthur durch sein unverstelltes Urteil die Absurditäten der jeweiligen Epoche – einst der religiösen Riten, heute der ideologischen Orthodoxien. Dabei kehrt sich Voltaires Impuls jedoch um: Wo der Ingénu zum Widerstand in der Welt gezwungen wird, erscheint bei Fernandez der Rückzug als einzige verbleibende Form von Integrität. Die Argumentation der Rezension arbeitet folglich mit einem doppelten Vergleich: Sie liest Fernandez’ Satire als moderne Fortsetzung voltairischer Kritik – und zugleich als ironische Antithese, in der der naive Held nicht mehr kämpft, sondern die korrumpierte Zivilisation hinter sich lässt. – Zentral für die Rezension ist zudem die Beobachtung, dass Fernandez die sexuelle Befreiung der Gegenwart nicht als Fortschritt, sondern als neue Form des Konformismus zeichnet: Was einst transgressiv war, erscheint im Pariser Milieu als kommerzialisiertes Ritual, das seine rebellische Energie verloren hat. Die Werkgeschichte der Homosexualität bei Fernandez zeigt diesen Verlust der „gloire du paria“ als wiederkehrendes Motiv: Seit „L’Étoile rose“ (1978) und „La Gloire du Paria“ (1987) über den Doppelroman „L’homme de trop“ (2021/2022) beschreibt er die Assimilation der einst widerständigen Minderheit als kulturelle Nivellierung, die Wünsche nach einer neuen radikalen Differenz – zuletzt im Transgender – hervorbringt.

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Okzitanische Transgression: Alain Guiraudie

Die vier Romane des Filmemachers und Schriftstellers Alain Guiraudie bilden eine zusammenhängende Saga, in der sich die Logik des Roman-Flux entfaltet: „Ici commence la nuit“ (2014) eröffnet das Universum mit einem düsteren Dreieck aus Gewalt, Begehren und okzitanisch grundierter Außenseiterexistenz; „Rabalaïre“ (2021) radikalisiert dies zu einer tausendseitigen, delirierenden Odyssee, die den ländlichen Süden Frankreichs in ein zugleich realistisches und mythisches Terrain verwandelt, in dem sexuelle, kriminelle und fantastische Energien ineinanderströmen; „Pour les siècles des siècles“ (2024) verschiebt das Projekt ins Metaphysische, indem die Fusion von Jacques und dem Priester Jean-Marie zu einer theologischen, erotischen und philosophischen Reflexion über Identität, Körper und Koexistenz wird; „Persona non grata“ (2025) schließlich zeigt die Konsequenzen dieser Fusion auf institutioneller Ebene und vertieft das Motiv der Ausgrenzung, während es den paranoid-politischen Resonanzraum der Reihe erweitert. Als Werkganzes bilden die Bände einen immer weiter mäandrierenden Fluss, in dem Genregrenzen, moralische Kategorien und ontologische Fixpunkte systematisch aufgelöst werden. – Die Rezension argumentiert, dass Guiraudies Werk aus dem Prinzip der radikalen Entgrenzung heraus zu deuten ist: Die poétique du flux wirkt als ästhetischer, politischer und anthropologischer Schlüssel, der die Verschmelzung von Oralität, okzitanischer Sprachsubversion, sexueller Transgression und philosophischer Spekulation glaubwürdig macht. Ihre Argumentation setzt auf die konsequente Rückbindung der erzählerischen Exzesse an ein strukturelles Programm – die Aufhebung von Identität als stabiler Kategorie, die erzählerische Durchlässigkeit zwischen Realem und Fantastischem sowie die Verbindung von ländlichem Terroir und utopischer Sehnsucht. Durch diese Perspektive erscheinen selbst die extremsten Motive nicht als Provokationen um ihrer selbst willen, sondern als Bausteine einer literarischen Utopie, die das Begehren als verbindende, politisch wirksame Kraft begreift. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch der Zusammenhang von Trobadors und Sade fassen: Guiraudie aktualisiert die mittelalterliche Dichtung des Begehrens, die bei den Trobadors als kultivierte, oft unerfüllte und zugleich transzendierende Kraft erscheint, und verschränkt sie mit de Sades Erforschung der Körpergrenzen, der Ambivalenz von Lust und Grausamkeit und der radikalen Freiheit jenseits moralischer Kodifikationen.

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Jordan Bardellas Wunschfrankreich: Schönheit und Größe des Ersatzkandidaten

Jordan Bardellas beide Bücher – „Ce que je cherche“ (2024) und „Ce que veulent les Français“ (2025) – bilden eine strategische Doppelfigur aus Selbstmythos und Selbstlegitimierung. Das erste Werk stilisiert Bardellas Aufstieg vom Banlieue-Kind zum „republikanischen Erfolgsmodell“ im Rassemblement National und verbindet dies mit einer Pathetik nationaler Größe, die an Bonaparte und De Gaulle anknüpft. Die Suche nach „Grandeur“ wird zum Selbstrechtfertigungsnarrativ eines Erlösers der „vergessenen Franzosen“. Das zweite Buch transformiert diesen Erlösungsanspruch in eine Galerie scheinbar authentischer Bürgerporträts, die freilich nur die Stimmen eines homogenen, arbeitsethisch moralisierten „Volkes“ repräsentieren, das er selbst verkörpert. Bardella verschmilzt so Erzähljournalismus, politische Mythologie und Wahlkampfrhetorik zu einer ästhetischen Form des populistischen Pathos, in der „Empathie“ zur Bühne ideologischer Vereinfachung wird. Die Nation erscheint als Sakralgemeinschaft gegen Eliten, Migration und Europa; Differenz wird moralisch entwertet. – Der Artikel liest diese Werke als Zwillingsakte politischer Selbstvermarktung: Literatur als Kandidatur. Er zeigt, wie beide Bände den Bolloré-Medienkomplex und dessen rechtspopulistische Agenda stützen: das erste als Biographie eines „designierten Ersatzkandidaten“ für Marine Le Pen, das zweite als emotionalisierter Wahlkampf unter dem Deckmantel volksnaher Authentizität. Die Analyse deutet Bardellas Pathos vom „wahren Frankreich“ als projektive Selbstvergöttlichung und macht sichtbar, dass sein Wunschfrankreich nicht auf Pluralität, sondern auf Symbolmacht zielt: Schönheit und Größe eines Kandidaten – ästhetisch präzise, politisch gefährlich.

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Die unauffindbare Medaille: Laurent Mauvignier

Laurent Mauvigniers monumentaler Roman „La maison vide“ (2025) ist seine Familiensaga und eine Archäologie des Schweigens. Ausgangspunkt ist eine Kommode voller Relikte – Fotos mit ausgeschnittenen Gesichtern, verschwundene Briefe, eine unauffindbare Medaille. Aus diesen Lücken rekonstruiert der Erzähler fünf Generationen seit napoleonischer Zeit, voller Kriege, Scham, Mythen und verschwiegener Traumata. Der Aufsatz zeigt, dass Mauvignier Erfindung nicht als Lüge, sondern als einzige poetologische Möglichkeit begreift, Vergangenheit vor dem Verschwinden zu retten. Familienmythen werden demontiert, verdrängte Geschichten – besonders die von Frauen wie Marguerite – wieder hörbar gemacht. „La maison vide“ erweist sich als Metaroman, der zugleich intime Familiengeschichte, kritische Reflexion über Erinnerungspolitik, poetologisches Manifest und Summa des eigenen Werks ist.

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Brand, Meer, Sandkorn, Stein: Antoine Wauters

Antoine Wauters’ Roman „Haute-Folie“ (Gallimard, 2025) erzählt die Geschichte von Josef, der in eine bäuerliche Familie voller Brüche, Schweigen und Tragödien hineingeboren wird und sein Leben lang gegen die unsichtbaren Lasten seiner Herkunft kämpft. Ausgangspunkt ist ein verheerender Brand, der Hof und Tiere zerstört und eine Kette von Verlusten, Verrat und Tod auslöst, die schließlich in Gewalt, Selbstmord und Schuld mündet. Josef wächst im Schatten dieser Katastrophen auf, zwischen stummen Erwachsenen, zerstörerischen Wiederholungen und dem Zwang, die verdrängte Familiengeschichte mit sich zu tragen – womit sich die Frage verbindet, ob das Aufschreiben eine Form von Befreiung oder eine Wiederholung des Schmerzes darstellt. Wauters’ Prosa arbeitet dabei immer wieder mit lyrisch verdichteten Passagen, die Erinnerungen, Stimmen und Orte ineinanderfließen lassen und die Erfahrung von Verrücktheit (folie) als poetische wie existentielle Grenzerfahrung erfahrbar machen.

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Nachtgeschichten: Laurent Mauvignier

Laurent Mauvignier lässt viele seiner Bücher im fiktiven La Bassée spielen, so auch das für diesen Bücher-Herbst 2025 angekündigte und für die französischen Literaturpreise hoch gehandelte „La maison vide“ (2025). Zur Vorbereitung lesen wir seine Nachtgeschichten aus dem Jahr 2020, an dessen Tatort Mauvignier mit seinem neuen Buch zurückkehrt. Laurent Mauvigniers Roman „Histoires de la nuit“ (2020) entfaltet sich in dem isolierten Weiler „L’écart des Trois Filles Seules“, wo die Malerin Christine als Nachbarin des Bauern Patrice, seiner Frau Marion und ihrer Tochter Ida lebt, deren vermeintlich idyllisches Landleben durch die Vorbereitungen zu Marions 40. Geburtstag eine trügerische Fassade erhält. Diese Ruhe wird jäh zerstört, als Marions Ex-Partner Denis, frisch aus dem Gefängnis entlassen und von jahrelanger Rachsucht getrieben, mit seinen Brüdern Christophe und Bègue auftaucht, um Marion für ihren vermeintlichen Verrat und die vorenthaltene Tochter zu bestrafen, was in der brutalen Tötung von Christines Hund Radjah und der Geiselnahme der beiden Frauen gipfelt. Im Verlauf des Abends enthüllt sich Marions gewaltvolle Vergangenheit, während Patrice, der die Wahrheit über seine Frau lange verdrängt hat, zusammen mit Marion einen verzweifelten Kampf um das Überleben ihrer Familie und die Bewahrung ihrer Tochter in einer Nacht blutiger Konfrontationen führt, die tief sitzende Traumata und familiäre Abgründe offenbart.

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Roman choral eines Tals im Périgord: Renaud de Chaumaray

Renaud de Chaumarays Roman „Quitter la vallée“ (Gallimard, 2025) fügt sich in eine Tradition ein, die man im Französischen „roman choral“ oder als „polyphonen Realismus“ bezeichnen könnte: ein literarisches Projekt, das mehrere Stimmen, Lebensläufe und Perspektiven miteinander verschränkt, um daraus ein überindividuelles Bild einer Region, eines Milieus oder einer Epoche zu gewinnen. Mitten im Périgord, genauer in der Vallée de la Vézère, entfaltet Chaumaray drei zunächst voneinander unabhängige Erzählstränge, die sich allmählich berühren, verschränken und überlagern. Der Roman evoziert Landschaft, Geschichte und Gewalt, Erinnerung, Liebe und Flucht, sodass er nicht allein als Ensemble von Einzelschicksalen gelesen werden kann, sondern als eine Art Fresko, in dem sich individuelle Existenz und kollektive Erfahrung untrennbar verbinden.

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Frankreichs Kontamination 2036: Robert Merle und Emmanuel Ruben

Emmanuel Rubens Roman „Malville“ (Stock, 2024) fügt sich in eine lange Reihe apokalyptischer Literatur ein, die von biblischen Prophetien bis zu Robert Merles „Malevil“ bzw. „Malevil oder die Bombe ist gefallen“ (1972, dt. 1975) reicht, dessen Titel hier bewusst als intertextuelle Folie aufgerufen wird: Auf der Ebene der Gesellschaftskritik ist „Malville“ eine Abrechnung mit der französischen Nuklearpolitik seit den 1970er Jahren. Heute zeichnet Ruben minutiös nach, wie politische Entscheidungen – von Macrons Renaissance des Atomprogramms über den Aufstieg der extremen Rechten bis zur Auflösung der Europäischen Union – in die Katastrophe führten. Robert Merles „Malevil“ erzählt aus der Ich-Perspektive des Landwirts Emmanuel Comte, der nach einem plötzlichen Atomschlag gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Freunden und Nachbarn in der abgeschiedenen Burg Malevil überlebt. Schon vor Beginn der eigentlichen Handlung wird klar, dass Rubens „Malville“ als intertextueller Dialog mit Merle gelesen werden will – Fortführung, Variation und zugleich kritische Umkehrung seines Endzeitromans.

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Pflüger der Erde: Gaspard Kœnig

Gaspard Kœnigs „Humus“ (2023, deutsch 2025), das sich der großen Tradition der realistischen Literatur verpflichtet fühlt, gräbt sich tief in die Materie des Bodens und seiner Bewohner, der Regenwürmer, ein, um existenzielle Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur, Idealismus und Pragmatismus, Scheitern und Neuanfang zu verhandeln. Es ist eine Geschichte von zwei jungen Agronomie-Studenten, Arthur und Kevin, deren Wege sich anfänglich kreuzen, um dann in radikal unterschiedliche Richtungen zu führen und die Komplexität heutiger Umweltkonflikte widerzuspiegeln. Der Roman entscheidet nicht zwischen den beiden großen Optionen der Protagonisten, sondern analysiert sowohl die Fehler als auch die Vorzüge beider Entwürfe.

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Das vergessene Drama von 1940: Aurélien d’Avout

Aurélien d’Avout, La France en éclats: écrire la débâcle de 1940, d’Aragon à Claude Simon (Brüssel: Les Impressions nouvelles, 2023), 390 S. Zäsur und Riss im französischen Selbstbild Aurélien d’Avouts Studie La France en éclats beleuchtet, warum das Jahr 1940, insbesondere der Juni, in Frankreich oft von einem „Schleier des Schweigens“ umgeben ist. Obwohl die …

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Poetiken der Kindheit: Clothilde Salelles, Nos insomnies (2025)

Der Roman „Nos insomnies“ (2025) erzählt die Geschichte einer namenlosen Ich-Erzählerin, die Ende der 1990er Jahre in einem ländlichen Vorort aufwächst. Das zentrale und streng gehütete Familiengeheimnis ist die chronische Schlaflosigkeit, die „wie ein böser Zauber“ von einem Familienmitglied zum nächsten gleitet. Die Protagonistin ist eine aufmerksame Beobachterin, die ihren Vater, seine mysteriöse Arbeit im Labor und seine Reaktionen auf die Außenwelt (insbesondere Lärm und die Bedrohung durch die sich ausbreitende „Lotissement“-Bebauung) mit Argwohn und Misstrauen betrachtet. Sie führt „sehr ernsthafte Ermittlungen“ durch, um die unausgesprochenen Wahrheiten zu entschlüsseln, empfindet dabei aber Neid auf die „Probleme“ ihrer Freundin Julie, die benennbar sind und ihrer Existenz eine „Konsistenz“ verleihen. Sommerurlaube auf einem Campingplatz bieten eine temporäre Auszeit von der heimischen Beklemmung; hier scheint der Vater aufzublühen, und die Insomnie tritt in den Hintergrund, auch wenn der Sommer schließlich selbst von ihr „kontaminiert“ wird.

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Poetiken der Kindheit: Annie Ernaux

Annie Ernaux‘ Poetik der Kindheit ist eine sich entwickelnde, zentrale Dimension ihres Werks, die persönliche Erinnerung untrennbar mit kollektiven, sozialen und historischen Dimensionen verknüpft. Ihre Kindheit im elterlichen Café-Lebensmittelgeschäft in Yvetot prägte ein tiefes Gefühl des „Dazwischenseins“ und der „Zerrissenheit“ – entstanden durch fehlende Privatsphäre, frühe Konfrontation mit Armut und sozialen Unterschieden, die sich in ihrer Privatschulzeit verstärkten und einen Bruch mit dem Herkunftsmilieu bewirkten. Anstatt eine lineare, traditionelle Erzählung der Kindheit zu präsentieren, zerlegt Ernaux ihre Erinnerungen, analysiert die prägenden Einflüsse von Sprache, sozialer Herkunft, Geschlechterrollen und kulturellen Normen und beleuchtet, wie diese Faktoren ihre Identität als Kind und junge Frau formten. Sie ist bemüht, die „unsagbare Szene“ ihrer Kindheit aufzulösen und sie in die Allgemeinheit von Gesetzen und Sprache einzubetten, oft indem sie sich selbst als „Ethnologin ihrer selbst“ präsentiert. Ihre Kindheitsdarstellungen sind daher keine idealisierten oder nostalgischen Rückblicke, sondern scharfe, oft schmerzhafte Untersuchungen, die die Ambivalenz und die sozialen Spannungen ihrer Herkunft offenlegen.

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Neuer Raum, neuer Mensch: Agnès Riva

Welche Spannung entsteht zwischen visionären Entwürfen und der komplexen urbanen Realität? Agnès Rivas jüngstes Buch, „Un autre ailleurs“ (2025), widmet sich der Entstehungsgeschichte von Neu-Créteil im Jahr 1973 und fokussiert dabei auf die Perspektive des 23-jährigen „Animateurs“ Gilles. Er ist anfangs zutiefst fasziniert von der Modernität und dem revolutionären Potenzial Créteils, das für ihn „gerade aus dem Boden entsteht“ und eine „nagelneue Landschaft, Inkarnation der Zukunft“ ist, in der „alles möglich schien, einschließlich eines neuen Lebens“. Agnès Riva versteht die Stadt Créteil als „Erinnerungs- und Imaginationsraum“ sowie „laboratoire romanesque“, um die Geschichte der „neuen Stadt“ zu beleuchten. Die Untersuchung beginnt mit der Darstellung der anfänglichen, modernistisch-utopischen Visionen für solche geplanten Städte, die stark von Le Corbusiers Ideen einer radikalen Neugestaltung und Funktionalität beeinflusst waren. Diese anfängliche Begeisterung wird durch den Romanprotagonisten Gilles veranschaulicht, der Créteil als „nagelneue Landschaft, Inkarnation der Zukunft“ sieht und mit dem Slogan „Neuer Raum, neuer Mensch!“ die Idee eines Neuanfangs unterstreicht. Der Kern der Argumentation liegt dann in der schrittweisen Desillusionierung: Der Artikel zeigt auf, wie die hochfliegenden utopischen Versprechen in der realen Erfahrung der Bewohner, geprägt von „generischer und austauschbarer Architektur“, Gefühlen des „Eingesperrtseins“ und sozialen Problemen, Risse bekommen. Diese Ernüchterung wird durch die fundierte theoretische Kritik Henri Lefebvres am modernen Urbanismus vertieft, insbesondere durch seine Konzepte des „Rechts auf Stadt“ und die Unterscheidung zwischen dem gelebten „habiter“ und dem geplanten „habitat“ sowie dem Verlust des „Werks“ zugunsten des „Produkts“. Abschließend argumentiert der Artikel, dass trotz dieser dominanten Tendenzen des geplanten Urbanismus Elemente des Widerstands und der Aneignung existieren, die eine „urbane Revolution“ als „reale Entwicklung“ aufgreifen und somit eine Neudefinition utopischer Hoffnungen andeuten, anstatt ein einfaches Scheitern der Utopie zu konstatieren.

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Soziale Verachtung in Frankreich: Rose Lamy

Rose Lamys Buch „Ascendant beauf“ (Aszendent Spießer, Seuil, 2025) befasst sich mit der sozialen Verachtung und Klassendominanz in Frankreich, insbesondere durch die Analyse der abfälligen Figur des „Beauf“, Inbegriff des Spießertums. Der Begriff „Beauf“ ist höchstwahrscheinlich eine Kurzform von „beau-frère“ (Schwager). Er wurde 1972 vom Comiczeichner Cabu als Comicfigur erfunden. Der Begriff „Beauf“ wird als Werkzeug der Dominanz beschrieben, das von den dominierenden Klassen verwendet wird, um die populären Klassen zu stigmatisieren und zu „entmenschlichen“. Der „Beauf“ wird im Gegensatz zum „Grand Duduche“ beschrieben, einer Figur, die der Comiczeichner Cabu als sein Selbstporträt schuf. Der Duduche ist idealistisch, humanistisch, gebildet, nicht gewalttätig, offen, feministisch, antirassistisch, wählt links oder extrem links. Dies verdeutlicht die dichotome Sichtweise.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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