Der Rassemblement national als Nutznießer einer neuen Konfiguration

Résumé
Gewönne der Rassemblement national 2027 das Präsidentschaftsamt, träfe eine Partei mit wenig Regierungserfahrung auf ein machtvolles Amt, das Außen-, Sicherheits- und Europapolitik bestimmt, und sie wäre auf Überläufer aus der Rechten, Geldgeber und wohlgesinnte Medien angewiesen. Für die deutsch-französischen Beziehungen hieße das, dass der Motor der europäischen Politik ins Stocken geraten könnte: Gemeinsame Rüstungsvorhaben wie das Kampfflugzeug FCAS, abgestimmte Positionen zur Ukraine-Hilfe, Kompromisse bei Haushaltsregeln und Migrationspolitik sowie die Absprachen vor jedem EU-Gipfel wären nicht mehr selbstverständlich, weil Berlin einer Präsidentin gegenüberstünde, die nationale Vorrechte über die europäische Integration stellt. Für Europa wöge das schwer, weil Frankreich als Atommacht und ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats in einer unsicheren Weltlage eine gemeinsame europäische Antwort tragen oder blockieren kann. Wie es so weit kommen konnte, erklären Patrick Lehingue und Bernard Pudal in „Du FN au RN“ (2026) mit einer Beobachtung, die zunächst überrascht: Die Partei ist innen dünn besetzt. Ein Funktionär der Jugendorganisation räumt ein, die veröffentlichten Mitgliederzahlen seien um das Zehnfache überhöht, von den 35 Abgeordneten des Jahres 1986 gehörten 2020 nur noch zwei der Partei an, und Vereine oder Gewerkschaften, die sie tragen würden, gibt es kaum. Trotzdem erreicht sie seit 1984 fast immer mehr als zehn Prozent, und 2022 stimmten in der Stichwahl 41 Prozent für Marine Le Pen. Die Autoren erklären das wie bei einem Laden mit wenig Personal, der trotzdem voll wird, weil sich die Umgebung verändert hat und die anderen Geschäfte der Straße schließen. Vier Veränderungen benennen sie: Die Sicherheit im Berufsleben schwindet, die Politik schottet sich in einer Schicht von Berufspolitikern ab, die Schule sortiert aus und kränkt viele, und in der Verunsicherung gewinnt das Gefühl, „wir sind hier zu Hause“, neue Kraft. Die Rezension geht das Buch kapitelweise durch und prüft es an seinen eigenen Zahlen. Überzeugend ist der Blick auf alle Wahlberechtigten statt nur auf die Abstimmenden: Von den Menschen ohne Abschluss blieben 2017 mehr als 37 Prozent der Wahl fern, ihre häufigste „Wahl“ war also die Enthaltung. Angreifbar bleibt der Gedanke des Glücksfalls, der fast jeden Erfolg erklärt und deshalb schwer zu widerlegen ist, ebenso die knappe Antwort auf die Frage, was die Partei selbst richtig macht. Nach Lehingue und Pudal hat der FN/RN das Parteiensystem vor allem über die Themen und über die Rechenspiele der anderen verändert. Sozialisten und klassische Rechte haben ihn zunächst für taktische Vorteile instrumentalisiert (Verhältniswahl 1986, regionale Absprachen), später übernahmen die Etablierten seine Themen und Formeln, und der „Front républicain“ gilt den Autoren seit 2022 als verbraucht. Seit 2024 ist der RN mit 142 Abgeordneten und einem Bündnis mit Teilen der Republikaner zugleich die stärkste Einzelfraktion und ein Schiedsrichter über die Lebensdauer der Regierungen, während der Niedergang von PS und LR (zusammen 6 Prozent 2022) nach dem Buch vor allem auf die Schließung des politischen Feldes zurückgeht und nur teilweise auf den RN selbst.

 

Eine schwache Organisation und ein dauerhafter Wahlerfolg: die Ausgangsfrage

Patrick Lehingue und Bernard Pudal, Du FN au RN: les raisons d’un succès (Paris, Presses Universitaires de France, Januar 2026)

Kaum eine Partei Westeuropas ist so oft untersucht worden wie der Front national (FN), seit 2018 Rassemblement national (RN). Lehingue und Pudal schätzen die französische Literatur auf mehr als 250 Bücher und über 400 wissenschaftliche Aufsätze und Qualifikationsschriften. Sie zitieren Caterina Froio mit dem Befund, dass über Rechtsaußenparteien seit den 1980er Jahren mehr geschrieben wurde als über alle anderen Parteifamilien zusammen. Ihr Buch beginnt trotzdem mit dem Hinweis, dass die Frage nach dem Erfolg dieser Partei nicht beantwortet sei.

Das Rätsel, das sie formulieren, hat zwei Seiten. Frankreich ist das einzige westeuropäische Land, in dem eine Rechtsaußenpartei seit 1984 fast ohne Unterbrechung mindestens jede zehnte Stimme erhält: Bei 29 nationalen Wahlen zwischen 1984 und 2024 gibt es nur drei kurze Ausnahmen. Zugleich beschreiben die Autoren die Organisation als schwach: wenige aktive Mitglieder, ein hoher Personalwechsel, kaum Vorfeldorganisationen, ein Familienbetrieb mit einer Marke. Die Leitfrage lautet daher, wie ein so brüchiges Unternehmen derart große Wahlerfolge einfahren konnte.

Dahinter steht eine allgemeinere Problemstellung der Parteien- und Wahlforschung. Erklärungen für den Aufstieg von Rechtsaußenparteien suchen häufig beim Angebot (Führungsfigur, Programm, Strategie der „Entdämonisierung“) oder bei der Nachfrage (Wählerprofil, Krisenerfahrung, Einstellungen). Lehingue und Pudal verschieben den Blick: Der Erfolg lasse sich nicht aus der Partei ableiten, sondern aus einer veränderten Umgebung, die die Partei nutzt, ohne sie herbeigeführt zu haben. Die politische Dimension benennen sie selbst zu Beginn. Nach dem Einzug Jean-Marie Le Pens in die Stichwahl 2002 gingen rund 1,3 Millionen Menschen in fast 300 Gemeinden auf die Straße, 2017 blieben es magere Demonstrationen, 2022 wurde die dritte Qualifikation der extremen Rechten mit gedrückter Resignation aufgenommen. Diese Gewöhnung soll das Buch nicht bestätigen. Die Autoren wollen die Fähigkeit zum Staunen wecken und die Präsenz des FN/RN wieder als erklärungsbedürftig behandeln.

Die Einleitung: drei Unzufriedenheiten und eine Umkehrung der Blickrichtung

Die Einleitung begründet das Unternehmen über drei Mängel der vorhandenen Forschung. Erstens sei sie parzelliert. Es fehle an kritischen Synthesen, die drei Ebenen zusammenführen: die Parteiorganisation, die Anpassungsarbeit an vermutete Erwartungen der Wähler und die Entstehung einer neuen gesellschaftspolitischen Konstellation, die die extreme Rechte an die Macht bringen kann. Zweitens werde die klassische Soziologie zu wenig herangezogen. An ihre Stelle träten Werturteile und ein kaum verhüllter Klassendünkel gegenüber den Arbeiter- und Angestelltenwählern; „Unbildung“, „Rassismus“, „Ressentiment“ und „Abschottung“ würden immer wieder aufgerufen, was die Autoren ein „déni d’analyse“ nennen, eine verweigerte Analyse. Appelle zur „Umerziehung“ verstärkten die gegenseitige Blindheit eher. Drittens stünden kurzfristige, an einzelne Wahlkonjunkturen gebundene Erklärungen neben zu schwach berücksichtigten Langzeitprozessen: dem Abbau des Sozialstaats, der Prekarisierung der Arbeit, der Schließung des politischen Feldes, dem Wandel des Schulsystems, dem Wiederaufleben nativistischer Ideen.

Eine zweite Klärung betrifft das Verhältnis von FN und RN. Die Parteiführung behauptet einen tiefen Bruch. Die Autoren halten dagegen, dass Generationswechsel, Personalwechsel und taktische Zugeständnisse (zu Europa, Israel, Feminismus, Laizität, Ökologie) zwar vieles verändert hätten, der ideologische Kern aber gleich geblieben sei: das Schema des Niedergangs und ein übersteigerter Nationalismus, gekoppelt mit der Abwehr des „Fremden“. Für diesen Kern verwenden sie den Begriff Nativismus. Organisationsform und Führerkult kommen als Konstanten hinzu. Deshalb behandeln sie beide Parteien in einem Zug.

Die Kernhypothese lässt sich knapp fassen. Die Gründe für den Erfolg lägen weder im Charisma der Führungsfiguren noch in Zahl und Eifer der Aktiven noch in der Mehrdeutigkeit des Programms, sondern im Übergang von einer relativ stabilen Konstellation (1945 bis Mitte der 1970er Jahre) zu einer neuen. Aus diesem Übergang ziehe der FN einen Glücksfall-Effekt (effet d’aubaine), ohne dessen Urheber zu sein. Vier Reihen von Veränderungen sollen den Übergang tragen: die wirtschaftlichen Krisen und die daraus folgende Konkurrenz um knappere Ressourcen, die Umgestaltung des politischen Feldes, der Wandel des Schulsystems und die Reaktivierung eines nationalen Alltagsverstandes samt den Kanälen, über die nativistische Ideen zirkulieren. Für die zweite Reihe berufen sich die Autoren auf Ian Kershaw: Wer Hitlers Macht verstehen wolle, müsse zuerst die anderen untersuchen, nicht Hitler selbst. Die Einleitung endet mit dem Ausblick, dass diese Ursachenbündel in Frankreich außergewöhnlich dicht zusammenträfen, was die Schlussfolgerung im europäischen Vergleich prüft. Der Aufbau spiegelt die Argumentation: Die ersten beiden Teile etablieren das Rätsel, der dritte liefert die Erklärung.

Beide Verfasser sind emeritierte Professoren der Politikwissenschaft: Bernard Pudal lehrte an der Université Paris Nanterre, Patrick Lehingue an der Université de Picardie Jules Verne, wo er zudem am Forschungszentrum CURAPP arbeitete. Pudal ist vor allem als Historiker und Soziologe des französischen Kommunismus bekannt, mit einer Dissertation zur Ausbildung der Führungskader und zur Entwicklung der Arbeiterbewegung am Beispiel der PCF 1934 bis 1939 und dem Buch Prendre parti: pour une sociologie historique du PCF (1989). Lehingue hat sich auf Wahlsoziologie und Umfragekritik spezialisiert, mit Le Vote: approches sociologiques de l’institution et des comportements électoraux (2011) und Subunda: coups de sonde dans l’océan des sondages (2007). Beide stehen zudem der Bourdieu-nahen Soziologie und dem Umfeld von Daniel Gaxie nahe, worauf ein gemeinsamer Sammelband über dessen Arbeiten (2022) hinweist. Das erklärt, warum ihr Buch Parteigeschichte, Wahlstatistik und Umfragekritik verbindet.

Thesen, Begriffe und Vorgehen

Aus der Einleitung und dem Gesamtaufbau ergeben sich sechs Thesen. Erstens klafft zwischen der Schwäche der Organisation und der Stärke der Wahlergebnisse eine Lücke, die sich nicht mit Parteiarbeit schließen lässt. Zweitens ist der FN/RN ein „parti aubaine“: eine Gelegenheitsstruktur, in der Akteure mit wenig Ressourcen eine eingeführte Marke nutzen, für Karrieristen wie für die Führung. Drittens erklärt eine neue Konfiguration den Erfolg, die aus mehreren zunächst unabhängigen Kausalreihen besteht, die „System bilden“. Viertens ist die „Entdämonisierung“ weitgehend ein Schirmwort: Sie tauscht Sprache, Personal und einzelne Programmpunkte aus, lässt aber die nativistische Matrix bestehen. Fünftens sind Wahlentscheidungen für die Partei selten programmatisch begründet, sie beruhen auf einer Nähe der Weltbilder zwischen Führung und Wählerschaft. Sechstens ist der Erfolg der Partei kein Zeichen eigener Stärke, sondern Folge von Verschiebungen im Umfeld: bei den Etablierten, in der Schule, bei den Vermittlern zwischen Politik und Volksklassen (classes populaires).

Begrifflich arbeiten die Autoren in der Tradition Pierre Bourdieus, ergänzt durch Norbert Elias‘ Konfigurationsdenken und Albert Hirschmans Modell von Abwanderung, Widerspruch und Loyalität (exit, voice, loyalty). Zentral sind das „parti de masse simulacre“ (eine Partei, die die Form einer Massenpartei nur vortäuscht), die „entreprise politique familiale“, das Fehlen eines „système d’action“ (eines Geflechts aus Vereinen, Gewerkschaften und Netzwerken), das politische Kapital in seiner persönlichen und delegierten Form, die Homologie zwischen sozialem Raum und politischem Feld, das Themeneigentum (issue ownership), der „Alltagsverstand der Nation“ (sens commun national) und die „intellectuels-relais“, also Pfarrer, Lehrer und Arbeiterfunktionäre, die früher zwischen Politik und Volksklassen vermittelten. Von „Ursachen“ wollen die Autoren nicht sprechen, sondern von „Möglichkeitsbedingungen“, die Wahrscheinlichkeiten verschieben.

Methodisch handelt es sich um eine „kritische Synthese“, die überwiegend auf vorhandener Forschung beruht, aber eigene Datensätze einführt. Dazu gehören eine prosopografische Datenbasis von 229 nationalen Kadern (1972 bis 2021) mit einem Kern von etwa dreißig Führungsfiguren, die Auswertung der Kandidatenlisten zu den Parlamentswahlen 2017 und 2022 nach Berufsgruppen, die Auswertung der Bewerbungsschreiben zum Parteitag von Lille 2018, ein selbst gebauter Index für das „relative Gewicht“ des FN/RN von 1972 bis 2024 (gewichteter gleitender Mittelwert über fünf Wahltypen), ein Vergleich von rund zwanzig durch den FN/RN eroberten Städten anhand sozialer Indikatoren und Auswertungen von Wahlbüro- und Gemeindeergebnissen. Hinzu kommen Fallstudien: das Porträt eines Parteiaspiranten aus dem Dokumentarfilm „La Cravate“, eine biografische Studie von Ivan Bruneau und die Langzeitinterviews von Christèle Lagier. Auffällig ist, dass die Autoren Umfragedaten nicht als Ausgangspunkt nehmen, sondern zuerst kritisieren und dann durch amtliche Ergebnisse und Feldforschung ergänzen.

Forschungsstand und Positionierung

Die Autoren stellen sich gegen mehrere Schulen. Gegen die Politikwissenschaft, die stark auf Umfragen baut, führen sie ein ganzes Kapitel zur Fragilität dieser Daten. Den Begriff „Populismus“, den sie mit Annie Collovald eine „höfliche Beleidigung“ nennen, verwerfen sie als begrifflich leer. Jacques Lévys Theorie eines urbanen und periurbanen Wertesystems, das sich im Wahlverhalten niederschlage, halten sie entgegen, dass Wohnorte häufig unter finanziellem Zwang gewählt werden. Der Formel „Die Wirtschaft erklärt nichts“ (Kommentare von Arnaud Leparmentier und Sylvie Kauffman) werfen sie vor, mit dem falschen Datum der Krise (2008) und selektiven Beispielen wie Polen zu arbeiten. Der Entgegensetzung von „wirtschaftlichen“ und „kulturellen“ Erklärungen begegnen sie mit Félicien Faury und Kai Arzheimer, nach denen sich beides kaum trennen lasse.

Positiv knüpfen sie an die ethnografischen Arbeiten von Faury, Lagier, Benoît Coquard, Violaine Girard und anderen an, an die Wahlsoziologie von Daniel Gaxie und Nonna Mayer, an Studien zur Ansteckung der etablierten Parteien durch die Themen der extremen Rechten (Joost Van Spanje) und an die europäische Vergleichsforschung (Piero Ignazi, Cas Mudde, Nicolas Lebourg). Roger Eatwells zehn Theorien (2003) und Arzheimers Auswertung von rund 600 Titeln (2008) dienen als Beleg dafür, dass die Literatur bei einer „Prévert’schen Aufzählung“ von Faktoren gelandet sei. Die Autoren halten es ausdrücklich für naiv, die Faktoren gewichten oder in eine Rangfolge bringen zu wollen. Ihre Antwort besteht darin, sie als ineinandergreifende Reihen zu beschreiben.

Organisation und Führung: die Schwäche als Strukturmerkmal

Der Familienbetrieb ohne Basis

Das erste Kapitel behandelt den FN/RN als Unternehmen und fragt, was ihn von anderen Parteien unterscheidet. Die Autoren zeigen, dass die Mitgliederzahlen aufgebläht sind. Für 2015 nennt Alexandre Dézé rund 51 500 zahlende Mitglieder, ein Funktionär der Jugendorganisation räumt in einem Dokumentarfilm ein, die veröffentlichten Zahlen seien um das Zehnfache überhöht. 2021 lag die offizielle Zahl bei 20 000 bis 25 000, während die Parteiwebsite 2024 von 83 000 „Mitgliedern und Sympathisanten“ sprach. Der Personalwechsel ist hoch: Nur 12 Prozent der rund 500 Kandidaten von 2007 wurden 2012 wieder aufgestellt, von 358 Regionalräten 2016 hatte ein Fünftel nach weniger als zwei Jahren die Fraktion verlassen, und von 1584 Gemeinderäten des FN von 2014 saß zur Halbzeit ein Drittel nicht mehr für die Partei im Rat (beim PS 14,6 Prozent, bei der UMP 11,8 Prozent). Ein Vorfeld aus Vereinen und Gewerkschaften fehlt, die angeblichen Berufsgruppen der Partei bestehen aus wenigen Personen im Netz. Resonanz findet die Partei dagegen bei Polizei, Militär und Sicherheitsberufen und im Umfeld rechtsextremer Kleingruppen.

Der Begriff des „parti aubaine“ wird dann auf Führung, Abgeordnete und Kader angewandt: das Erbe des Sohnes eines Zementindustriellen namens Lambert für Jean-Marie Le Pen (1976), die Verhältniswahl von 1986 mit ihren Überläufern, die Ämter und Pfründen, die mit Wahlerfolgen wachsen. Eine soziologische Geschichte der Führungsgenerationen unterscheidet sechs Kohorten, von den „Besiegten der Geschichte“ (Vichy-Anhänger, Algerien-Veteranen) über die Gruppenmilitanten der 1970er Jahre, die Zugänge der Institutionalisierungsphase, die letzten Jahre unter dem Vater und die „Generationen Bleu Marine“ bis zu den 2019 beförderten Jüngeren wie Jordan Bardella. Ein Abschnitt über Familie und Geld schildert die Verflechtung von Verwandtschaft, Aufträgen und Darlehen (die Vereinigung Cotelec, die Kleinpartei Jeanne, der Streit um ein Darlehen über 6,5 Millionen Euro des Druckers Rachinel).

Im Gefüge des Buches legt das Kapitel die erste Hälfte des Rätsels frei. Wer den Erfolg erklären will, kann dies nicht durch Verankerung, Schulung oder Netzwerke tun. Zugleich macht es die Partei vom Wahlergebnis abhängig: Öffentliche Parteienfinanzierung und Posten hängen an Stimmen, weshalb Führung und Marke nur halten, solange gewählt wird. Die Autoren warnen außerdem, dass Ehemalige und Kleingruppen in einer schweren Krise ein latentes Mobilisierungspotenzial bilden könnten, auch für gewaltsame Formen.

Die Entdämonisierung als Deckname für Aneignung und Generationswechsel

Das zweite Kapitel zeichnet nach, wie Marine Le Pen die Partei sich zu eigen macht, und nutzt dazu Bourdieus Begriff des politischen Kapitals. Ihr persönliches Kapital sei bei jedem Schritt vorweggenommen gewesen: der Aufstieg ab 2002, die Autobiografie von 2006, die schrittweise Verdrängung von Rivalen bis 2011, die Rolle Florian Philippots und der von ihm geformte Programmband von 2011, der der Kandidatin intellektuelle „Höhe“ verschaffen sollte, der Ausschluss ihres Vaters 2015. Von den vierzehn Vorwürfen im Disziplinarverfahren gegen Jean-Marie Le Pen betrafen nur zwei die Gaskammern und Pétain, der Rest die innerparteiliche Machtfrage. Das Programm 2017 mit 144 Verpflichtungen folge einem „Sondagismus“, also der Ausrichtung an Umfragen, und verzichte auf ideologische Herleitung, um Streit zu vermeiden. Nach der schwachen Fernsehdebatte 2017 und dem Rückschlag bei den Regionalwahlen 2021 folgt die Umschichtung der Führung, dann die Kandidatur von Éric Zemmour, der laut den Autoren zum „nützlichen Idioten“ wurde, weil er Marine Le Pen gemäßigter erscheinen ließ. Bardella erscheint als Nachfolger ohne eigenes politisches Kapital, der an der Marke arbeitet.

Die These zur „Entdämonisierung“ hat zwei Seiten. Als Mittel gegen Gegner und Skeptiker sei sie ein Schirmwort, das Verschiedenes deckt. Als Veränderung der Partei sei sie zunächst eine Frage der Generation: Wer 1968 oder 1969 geboren ist wie Marine Le Pen und Louis Aliot, für den ist der Zweite Weltkrieg nicht der eigene Krieg. Aliot habe die Entdämonisierung so beschrieben, dass sie nur den Antisemitismus betreffe, den er als das eigentliche Hindernis bei den Wählern sah. Der Nativismus bleibe die ordnende Matrix, und der Islamhass übernehme im FN der 2010er Jahre die Funktion, die früher der Antisemitismus hatte.

Für die Gesamtargumentation entwertet das Kapitel eine gängige Angebotserklärung. Wenn die Führung für ihren Erfolg nicht auf eigene Ideen, Kader oder Kompetenz bauen kann, wird ihre Umgestaltung nicht zur Ursache des Aufstiegs, sondern zur Anpassung an eine Lage, die andere geschaffen haben. Zugleich hält das Kapitel fest, dass der Wandel einer Partei ihren ideologischen Kern nicht verschwinden lässt.

Wahlerfolg und Wählerschaft: ein Aufstieg mit Brüchen

Ein Ausbreitungsprozess mit Rückschlägen

Das dritte Kapitel gibt die Wahlgeschichte in sechs Phasen. In der Gruppenphase (1972 bis 1983) erhält der FN 1973 gerade 1,32 Prozent und scheitert 1981 schon an den Unterschriften für eine Kandidatur. 1984 folgt mit 10,95 Prozent bei der Europawahl der Durchbruch. Von 1986 bis 1998 wächst die Verankerung, mit 25 000 Kandidaten bei den Kommunalwahlen 1995. Die Spaltung durch Bruno Mégret (1999) halbiert Kader und Mitglieder; 2002 wird als weniger dramatisch gelesen, als es wirkte, weil Le Pen nur etwa 230 000 Stimmen gegenüber 1995 gewann und die Qualifikation der Zersplitterung der Linken (acht Kandidaturen) verdankte. 2007 wird seine Wählerschaft von Nicolas Sarkozy „abgesaugt“, bei den Parlamentswahlen bleibt der FN bei 4,3 Prozent. Ab 2011 folgt der Wiederaufstieg: 24,85 Prozent bei der Europawahl 2014, 27,7 Prozent bei den Regionalwahlen 2015, 21,3 Prozent 2017 (gemessen an den Umfragen eine Enttäuschung), 23,3 Prozent bei der Europawahl 2019, ein Rückschlag bei den Regionalwahlen 2021 (3,3 Millionen Stimmen weniger als 2015, ein Drittel der Mandate verloren), dann 2022 und 2024. In den Stichwahlen steigt der Stimmenanteil von 17,8 Prozent (5,5 Millionen, 2002) über 34 Prozent (10,6 Millionen, 2017) auf 41,45 Prozent (über 13 Millionen, 2022). Der Abstand zum Sieger halbiert sich jeweils: rund 20 Millionen Stimmen, dann 10 Millionen, dann gut 5 Millionen. In der Stichwahl erhielt der Kandidat 2002 in keinem Departement mehr als 30 Prozent, 2017 in 71, 2022 in 90 von 96. Bei der Europawahl 2024 kommt die Liste Bardella auf 31,4 Prozent, in der ersten Runde der vorgezogenen Parlamentswahl 2024 liegen RN und Verbündete im Mittel bei 33,2 Prozent, am Ende stehen 142 Abgeordnete.

Der zweite Teil des Kapitels fragt, warum die ersten zwölf Jahre so schwierig waren und warum 1984 der Durchbruch kam. Kurzfristige Erklärungen (Verhältniswahl, Zwischenwahlcharakter, Simone Veil als Gegenkandidatin, der Fernsehauftritt bei „L’Heure de vérité“) reichen nicht. Die Autoren zeichnen dagegen das Bild einer erschöpften Konstellation: Die 1970er Jahre seien von starker Polarisierung, steigender Gewerkschafts- und Parteimitgliedschaft und einem Gefühl offener Möglichkeiten geprägt gewesen, die Krise war noch jung. 1983 und 1984 fielen mehrere Reihen zusammen: die Streiks ausländischer Arbeiter in der Autoindustrie, der Marsch der „Beurs“ für Gleichheit, die neue Sichtbarkeit der Einwandererkinder, der Wechsel des Feindbildes von der sowjetischen zur islamistischen Bedrohung, die Wende zur Sparpolitik unter Mitterrand, der Beginn der Wahlenthaltung und das Verwischen der Grenze zwischen links und rechts. Der FN wird zum „Eigentümer“ des Themas Einwanderung.

Das Kapitel liefert den empirischen Nachweis des Rätsels und die erste Fassung der Konfigurationsthese. Der Erfolg verläuft nicht geradlinig, er folgt den Brüchen im Umfeld, während die Organisation bei Spaltungen und Krisen kaum abfedert. Als eigentliche erste Leistung des FN/RN bezeichnen die Autoren seine Dauer, die mehrere voreilige Todesurteile überstand.

Ein Wählerbild, das die Umfragen nicht tragen

Das vierte Kapitel geht der Frage nach, was man über die Wählerinnen und Wähler des FN/RN weiß. Zunächst wird das übliche „Phantombild“ wiedergegeben: männlich, jung, Arbeiter oder Angestellter, wenig Bildung, ländlich oder in Einfamilienhausgebieten wohnend, rechts, fremdenfeindlich und verschwörungsgläubig. Dann kommt die Kritik. Die Umfragen widersprechen einander: Der Geschlechterabstand bei der Wahl 2017 schwankt je nach Institut zwischen etwa einem und sieben Punkten, der Altersabstand zwischen fünf und zehn Punkten, der Abstand zwischen Arbeitern und leitenden Angestellten zwischen 23 und 38 Punkten. Dazu kommen Auswahl-, Selbstauswahl- und Antwortverzerrungen (soziale Erwünschtheit), zu grobe Berufsgruppen (Rentner als Block), Werturteile in scheinbar neutralen Merkmalen und der Satz, Zählen sei nicht Verstehen.

Danach wechselt das Kapitel die Werkzeuge in drei Schritten. Erstens der „Basiswechsel“: Bezieht man die Stimmen auf die Eingetragenen statt auf die abgegebenen Stimmen, dann ist die erste „Wahl“ der Volksklassen die Enthaltung. Von den Wahlberechtigten ohne Abschluss enthielten sich 2017 37,5 Prozent, während 28 Prozent der abstimmenden Nichtabsolventen für Marine Le Pen stimmten. Von den jungen Wahlberechtigten ohne Abschluss haben 2022 nur 4,4 Prozent an allen vier Wahlgängen teilgenommen. Ein Beispiel aus Amiens (Europawahl 2014) zeigt, dass der FN im wohlhabenden Wahlbüro absolut mehr Stimmen bekam (69) als im ärmsten (56), obwohl sein Prozentanteil dort nur bei 12 statt 27,4 Prozent lag. Zweitens die „Gewinnformel“ der etwa zwanzig eroberten Städte: mittelgroße Städte im Norden und Süden, viele Arbeiter und Angestellte (nur 6,2 Prozent Selbstständige), eine Arbeitslosenquote von 19,1 gegenüber 10,9 Prozent, Armut, Niedergang, Skandale und Klientelismus der Vorgänger, verschlissene und zerstrittene Lokalpolitik, Dreieckswahlen, ein um ein Drittel über dem Durchschnitt liegender Immigrantenanteil (12,5 gegenüber 9,6 Prozent) und ein langer Vorlauf lokaler Basisarbeit (Steeve Briois, Louis Aliot, Robert Ménard). Drittens die Langzeitinterviews von Christèle Lagier: Politik nimmt im Leben der Befragten wenig Raum ein, die Entscheidung entsteht in Familie und Nahkreis, Auslöser sind Heirat, Trennung und Todesfälle, geteilt wird das Gefühl der Benachteiligung.

Im Buch dient das Kapitel dazu, die Erklärung von der Person des Wählers auf den Kontext zu verlagern und den programmatischen Wähler zu relativieren. Es stützt die These, dass der Erfolg außerhalb der Partei entsteht, und öffnet den Weg zum dritten Teil.

Nähe durch Homologie statt durch Organisation

Das fünfte Kapitel prüft, wie ähnlich sich Kader und Wähler sind. Es stützt sich auf die 229 Kader und auf Kandidatenlisten. Frauen waren lange ausgegrenzt (nur eine von 36 Abgeordneten 1986), Parität kam aus finanziellem Kalkül. Selbstständige sind viermal so häufig unter den Kandidaten vertreten wie in der Bevölkerung (13,8 Prozent 2017 gegenüber 3,5 Prozent der Erwachsenen), beim Parteitag 2018 stellen sie 40 Prozent der Bewerber für das Zentralkomitee. Der öffentliche Dienst ist stark unterrepräsentiert, mit Ausnahme von Polizei, Militär und Gendarmerie. Nach einer Auswertung stimmten 2017 41 Prozent der Soldaten und 54 Prozent der Polizisten für Marine Le Pen. Arbeiter machen 1 bis 2 Prozent der Kandidaten aus, mit den Angestellten zusammen 2017 aber 18,6 Prozent, ähnlich wie beim PCF (20,4 Prozent). Ein von den Autoren „rudimentär“ gebauter Repräsentationsindex ergibt für 2022 einen Wert von 63 beim RN gegenüber durchschnittlich 99 bei den vier anderen Formationen. Mit der Bedeutung des Amtes sinkt allerdings der Anteil der Kandidaten aus den unteren Berufsgruppen, und 2018 gab fast jeder vierte Bewerber fürs Nationalkomitee einen Beruf an, der sich als politische Berufsarbeit lesen lässt.

Der zweite Teil fragt, ob die Wahl „blind“ ist, wie ein Aufsatz von 1993 meinte. Die Autoren antworten mit drei Einwänden: Die Wählerschaft sei ein Catch-all-Gemisch, weshalb die Führung Unschärfe wolle; von Wählern Kenntnis von Programmen zu verlangen, die ihre Verfasser vage halten wollten, sei naiv; und die Nähe liege in einfachen geteilten Schemata. Als solche nennen sie Distanz und Verachtung gegenüber der Politik („apolitisme combatif“), einen reaktionären Habitus mit dem Schema des Niedergangs und der Angst vor dem Statusverlust (die „subjektive Steigung“ zählt mehr als die objektive Lage; vier von fünf Le-Pen-Wählern sahen 2017 ihre Lage langfristig verschlechtert) und eine rassisierte Weltsicht (Faury). Der Begriff der Homologie erlaubt, von „gemeinsamem Elend“ abzurücken und stattdessen die gleichgerichtete Wahrnehmung der Laufbahnen im sozialen Raum und im politischen Feld zu beschreiben. Die moralischen Warnungen vor dem RN kämen bei den Adressaten oft als Belehrung von Wohlsituierten an, die deren Lage nicht verstünden, eine Art „sozialer Rassismus“.

Für den Gesamtaufbau erklärt das Kapitel, wie eine organisatorisch schwache Partei trotzdem Resonanz erzielt: nicht durch Apparat, sondern durch Nähe der Habitus und durch einen geringeren Abstand zu den Wählern als bei den Konkurrenten, deren Verbürgerlichung die Lücke öffnet.

Vier Erklärungsreihen: eine neue Konfiguration

Die Krise als Konkurrenz um knappe Ressourcen

Das sechste Kapitel beginnt mit einer Debatte. Die Autoren lehnen die Behauptung ab, die Wirtschaft erkläre den Aufstieg der extremen Rechten nicht. Die „Krise“ beginne nicht 2008, sondern mit Ölschock, Währungsschwankungen, Finanzialisierung und dem Abbau der fordistischen Regulierung. Die Gegenüberstellung von Wirtschaft und Kultur sei ein falsches Dilemma: Wirtschaftliche Not mache es leichter, Gefühle der Bedrohung zu aktivieren. Arbeitslosigkeit und Benachteiligung seien „notwendige, aber wohl nicht hinreichende“ Bedingungen.

Danach werden drei Dimensionen ausgeführt. Erstens die „Krise des demokratischen Kapitalismus“ (Wolfgang Streeck) und ein „autoritärer Liberalismus“. Zweitens die Rückkehr der sozialen Unsicherheit im Sinne Robert Castels: 1972 gab es rund 400 000 unbefriedigte Stellengesuche, Anfang 2024 waren in allen sechs Dateien von Pôle Emploi rund 6 Millionen Menschen eingetragen. Frankreich sei mit seinen Armen wenig großzügig (2015 betrug der RSA-Grundbetrag 27 Prozent des Medianeinkommens, in Belgien 59 und in Dänemark 82 Prozent), zugleich hätten Arbeitsverdichtung, Unfälle und psychosoziale Risiken zugenommen (Bruno Palier). Drittens die Kontinuität der Wirtschaftspolitik seit den 1980er Jahren, von der „wettbewerbsfähigen Disinflation“ bis zu den Maastricht-Kriterien, mit den Sozialisten an der Macht in 15 von 20 Jahren zwischen 1981 und 2002. Die Gelbwesten erscheinen als reaktive Bewegung, die aus dem Gefühl der Ungerechtigkeit und der Missachtung entstand.

Im Buch bildet das Kapitel die Hintergrundfolie: Es liefert die materielle Grundlage für Konkurrenz, Ressentiment und Enttäuschung, ohne dass daraus ein automatischer Ausschlag in den Wahlen folgt.

Das politische Feld schließt sich

Das siebte Kapitel betrachtet die Entwicklungen im politischen Feld. Die Wahlenthaltung wächst: Bei 14 von 26 Wahlgängen zwischen 2010 und 2024 lag sie über 50 Prozent, und die Unterschiede zwischen sozialen Gruppen wurden „klaffend“. Das „Abhängen“ der Volksklassen hat nach Hirschman vier Bewegungen: Abwanderung (exit) in die Enthaltung, Rückgang der Loyalität gegenüber der Linken, Verschwinden der früheren Basis der klassischen Rechten und Widerspruch (voice) in Form der Wahl des FN. Die Frage „Warum wählen Volksklassen den FN?“ solle umgedreht werden: Warum haben Parteien, die einmal eine Arbeiterklasse mitgeformt haben, sie verlassen? Das Vertrauen in die Politik schwindet (Cevipof 2016: 89 Prozent sagen, Politiker kümmerten sich wenig um Leute wie sie, gegenüber 45 Prozent 1977), Wahlen werden zu Abstrafungen der Amtsinhaber (acht Erdrutsche zwischen 1981 und 2017), PS und LR kommen 2022 zusammen auf 6 Prozent, nach 55 Prozent 2012.

Das Feld schließt sich zugleich sozial: Arbeiter verschwinden aus den Parlamenten, „reine Berufspolitiker“ (Mitarbeiter, Parteiangestellte, Kabinettsmitglieder) nehmen zu, der Anteil ehemaliger Parlamentsmitarbeiter unter den Abgeordneten stieg von 14 Prozent 1978 auf ein Drittel 2012. Hier greifen die Autoren zu Marx‘ Wort vom „parlamentarischen Kretinismus“. Dann die Instrumentalisierung: die Bérégovoy zugeschriebene Aussage, den FN zu stärken, um die Rechte unwählbar zu machen, die Verhältniswahl von 1986, Absprachen der Rechten auf regionaler Ebene. Schließlich die „Verschiebung der Debatten“ auf Themen der extremen Rechten, für die sie Ansteckungsbefunde aus Vergleichsstudien anführen, und die Rolle der Medien: Jean-Marie Le Pen trat zwischen 1983 und 1997 im Schnitt 75-mal im Jahr auf, zwischen 1988 und 2010 191-mal, Marine Le Pen zwischen 2011 und 2013 842-mal jährlich; zwischen Juli und Dezember 2023 lieferte ein Institut für CNews zwanzig Umfragen zu Einwanderung, Islamismus und Unsicherheit. Beim Medienkapitel bleiben die Autoren vorsichtig: Medienwirkung sei schwer zu messen, sicher sei vor allem der Glaube an ihre Allmacht.

Für die Gesamtargumentation liefert das Kapitel die Kershaw-Perspektive: Der Raum, den die Partei besetzt, wurde von den anderen freigelassen oder geöffnet.

Die Schule als Quelle symbolischer Kränkung

Im achten Kapitel geht es um das Bildungssystem. Ausgangspunkt ist der statistische Befund, dass der Bildungsabschluss inzwischen die Wahl des FN/RN gut vorhersagt. Die Autoren wollen ihn soziologisch erklären. Sie führen drei Fälle vor: den Jugendlichen im Dokumentarfilm „La Cravate“, der an einer elitären Privatschule scheiterte, einen Angriff auf Lehrkräfte plante und später im FN Aufnahme suchte; die Studie Ivan Bruneaus über einen Wähler mit Schulerfahrungen von Demütigung und Distanz zur Bildungskultur; schließlich eine alleinerziehende Parteimilitante, die das System als undurchschaubar und unfair beschreibt. Historisch wird der Weg von der Einheitsschule (Loi Haby, 1975) zur Zielmarke von 80 Prozent Abiturienten (1985) verfolgt: Die Reform habe Kinder und Eltern über die erworbenen Kompetenzen getäuscht und ihnen die Verantwortung für die Laufbahn zugeschoben. Die Folge sei eine „symbolische Sezession“: Abstiegserfahrungen, Bruch mit den Lehrkräften und Antiintellektualismus.

Der FN nutzt diese Krise. Er schlachtete den Schulstreit von 1984 (Savary-Gesetz) aus, forderte unter Jean-Marie Le Pen den Schulgutschein und band die Schulkrise an die Einwanderung. Marine Le Pen gab den Gutschein auf und wechselte in eine „republikanische“ Rhetorik bei gleicher Niedergangserzählung.

Das Kapitel ergänzt die materielle Erklärung um eine symbolische Reihe: Bildung erzeugt Kränkung und entwertet diejenigen, die früher vermittelten. Damit bereitet es das nächste Kapitel vor.

Der Rückgriff auf den nationalen Alltagsverstand

Das neunte Kapitel handelt vom Slogan „On est chez nous“ („Wir sind hier zu Hause“). Es geht vom Gefühl aus, nicht mehr zu Hause zu sein (in einem Barometer 2016 stimmten 40 Prozent zu, man fühle sich in Frankreich nicht mehr wirklich daheim), und deutet es mit Alfred Schütz und Gérard Noiriel als Reaktivierung eines früh eingeübten „nationalen Alltagsverstandes“ in Krisen. Dass dieser Rückgriff sich ungehemmt äußern kann, führen die Autoren auf das Verschwinden der Vermittler zurück, die früher als „Zensoren“ wirkten: Landpfarrer, Volksschullehrer, kommunistische Funktionäre. Heute sei die „kulturelle Kleinbourgeoisie“ symbolisch von den Volksklassen getrennt.

Drei Formen des „Wir zuerst“ werden unterschieden: das Kapital der Ortsansässigkeit (Benoît Coquard über junge Landbewohner, die sich „100 Prozent Le Pen“ nennen), die Ökonomie der Nation als Marke (Terroir, Tourismus, Luxus, die Klasse der Vermögenden und der Mehrfach-Eigentümer von Immobilien) und die Genealogie mit dem Bild des „Français de souche“. Der „Große Austausch“ und Jean Raspails „Le Camp des saints“ stehen für die Vorstellung einer Überflutung. Die Autoren fragen zudem, wogegen sich das Gefühl der Fremdheit eigentlich richtet, und lesen die Abwehr der Einwanderer als Symptom eines allgemeineren Unbehagens.

Im Gesamtaufbau liefert das Kapitel den Nährboden für die ideologische Waffe des FN: den Ersatz des Klassengegensatzes durch einen ethnisierenden Gegensatz.

Die Schlussfolgerung: Frankreich als Modell und Ausnahme

Die Schlussfolgerung führt die vier Reihen zusammen. Sie beeinflussten sich gegenseitig: Der Schulwandel verändere das ideologische Feld, die Krise nähre die Abwendung von der Politik, die Schließung des Feldes lasse Identitätsthemen als einzig noch „lösbare“ erscheinen. Auf dieser Grundlage überrasche es nicht, dass eine „Aubaine-Partei“ weiter wachse. Die Autoren beziehen sich auf Karl Polanyi: Phasen liberaler Globalisierung würden von politischen und kulturellen Gegenbewegungen gefolgt.

Es folgt ein Vergleich mit etwa zwanzig Parteien, mit denen der FN/RN im Europäischen Parlament Fraktionen gebildet hat. Sie zeigen eine „Familienähnlichkeit“ (air de famille): Einwanderungsabwehr (bis hin zur „Remigration“ bei der AfD), Islamfeindschaft bei gleichzeitiger Hinwendung zum christlichen Erbe, Ablehnung der Elite, ein Verhältnis zum Zweiten Weltkrieg zwischen Nostalgie und Verweigerung von Reue (die AfD wird hier genannt). Nach Lebourg nimmt der FN eine mittlere Stellung zwischen radikalen und „radikalisierten“ Rechten ein (zu letzteren zählen UKIP und AfD) und dient als „Kompass“. Als einzige Partei gehört er bei allen europäischen Wahlen von 1984 bis 2024 zu den sechs Rechtsaußenparteien, die bei der Stimmenverankerung vorn liegen; seine Delegation stellte 1984 zehn von 16, 2014 vierundzwanzig von 48 Abgeordneten der jeweiligen Fraktion.

Zur französischen Ausnahme bieten die Autoren nur Vermutungen an: die Leidenschaft für Gleichheit und die zentrale Rolle des Staates, der hohe Stellenwert der Politik im Alltagsgespräch, die Personalisierung der Macht mit der Kluft zwischen Allmacht und schwachen Ergebnissen, die starke Reproduktion sozialer Ungleichheit im Schulsystem (PISA), das alte Nationalgefühl mit kolonialem Erbe. Die Frage, ob der RN „faschistisch“ sei, behandeln sie vorsichtig: Der Vergleich mit dem historischen Faschismus führe leicht in endlose Streitigkeiten um Kriterien, und die Rede von der Rückkehr der „bête immonde“ sei irreführend. Mit Ugo Palheta halten sie fest, dass der RN nicht faschistisch sei, es aber schnell werden könne, und mit Robert Paxton, dass er die zweite von fünf Phasen (Verwurzelung) erreicht habe. Sie empfehlen eine „Wachsamkeit ohne Kleinmut“.

Stärken und Grenzen der Argumentation

Stark ist das Buch dort, wo es die drei Ebenen (Organisation, Wählerschaft, Umgebung) zusammenführt und dabei mit eigenen Daten arbeitet: die Kaderdatenbank, die Kandidatenprofile, der Gewichtsindex, die Städtevergleiche. Der „Basiswechsel“ auf die Eingetragenen ist ein einfacher und zugleich wirksamer Eingriff, der viele Aussagen über „die Jugend“ oder „die Arbeiter“ korrigiert. Auch die Weigerung, Wähler durch Werturteile zu erklären, verdient Zustimmung, ebenso die Erinnerung daran, dass Umfragen nur begrenzt tragen.

Es gibt aber Grenzen, die zum Teil aus der Anlage folgen. Der Begriff der „Aubaine“ ist dehnbar: Jeder Erfolg wird als günstige Lage gelesen, jeder Misserfolg als fehlende Passung, was die Behauptung schwer widerlegbar macht. Wer die Gewichtung der vier Reihen für naiv erklärt, schützt sich vor Monokausalität, lässt aber offen, welche Reihe zuerst nachgibt, wenn sich etwas ändert. Die Handlungsfähigkeit der Partei kommt kurz: Dass Marine Le Pen 2022 mit 23 gegenüber 7 Prozent klar vor Zemmour lag, obwohl beide dieselbe Gelegenheit hatten, wird mit Zemmours Rolle als „nützlicher Idiot“ erklärt, die Frage nach ihren eigenen Fähigkeiten bleibt offen. Die Kapitel zu den eroberten Städten zeigen selbst, dass Basisarbeit vor Ort zählt, was der These vom Fehlen einer Verankerung Grenzen setzt. Die Autoren räumen eine „teilweise Institutionalisierung“ seit 2022 ein (89 und dann 142 Abgeordnete, rund 300 parlamentarische Mitarbeiter, um 82 Prozent höhere Parteienfinanzierung), doch das Etikett „débile“ passt dann nur noch bedingt. Der europäische Vergleich bleibt kurz, und die Erklärung der französischen Ausnahme besteht aus Hypothesen, wie die Autoren offen sagen. Im Ton fallen Wendungen wie „nützlicher Idiot“ oder die „impéritie“ (Unfähigkeit) der Parteichefin auf, die zu ihrem Anspruch, Werturteile zu meiden, nicht ganz passen. Schließlich verlangt das Buch viel Vorwissen: Bourdieu’sches Vokabular, dichte Fußnoten und ein Aufbau, der Wiederholungen enthält.

Deutsche Perspektive: eine anwendbare Blickumkehr und die Grenzen des Vergleichs mit der AfD

Das Buch behandelt die AfD nur am Rand, als Beispiel für „Remigration“, für die Verweigerung von Reue und als Teil der „radikalisierten Rechten“. Alles Folgende ist deshalb eine Anwendung auf Deutschland und kein Befund der Autoren.

Was sich auf Deutschland anwenden lässt

Die Blickumkehr ist ein zentraler Anstoß für die deutsche Debatte. Ob die AfD durch Programm, Führung oder Protest erklärt werden kann, ist in Deutschland oft die erste Frage. Lehingue und Pudal würden fragen, was sich in der Umgebung verändert hat, die der Partei Raum gab: die Schließung des politischen Feldes, das Schrumpfen der Vermittler (Kirchen, Gewerkschaften, Vereine), die Verschiebung der Migrationsdebatte durch die Konkurrenten und die Gewöhnung der Medien an ihre Themen. Ihr Hinweis, dass die Konkurrenz die Ansteckung selbst befördert, hat in Deutschland Entsprechungen, etwa in der Frage, wie CDU und SPD auf das Thema Migration reagiert haben und welche Rolle die „Brandmauer“ spielt.

Die Kapitel zu den eroberten Städten und zu den entleerten Dörfern erinnern an ostdeutsche Verhältnisse. Eine dpa-Analyse zu den Umfragen vor der Wahl in Sachsen-Anhalt nennt selbst das Gefühl von Menschen, die sich in ihren Dörfern ohne Arzt und ohne Geschäft allein gelassen fühlen 1. Das entspricht dem Befund des Buches, wonach der Verlust von Läden, Post, Schulen und Treffpunkten mit dem Erfolg der extremen Rechten auf dem Land zusammenhängt. Auch die These vom Fehlen der Vermittler passt zur Frage, ob Kirchen-, Gewerkschafts- und Vereinsbindung in Ostdeutschland schwächer sind als im Westen und der „Alltagsverstand der Nation“ dort weniger gebremst wird. Das ist eine Vermutung, die man empirisch prüfen müsste.

Die Warnung vor dem Klassendünkel gilt hier ebenso. Wer die Wählerschaft der AfD mit Begriffen wie „Abgehängte“ oder „Modernisierungsverlierer“ beschreibt, riskiert das, was die Autoren Verachtung nennen, und übersieht, dass sich auch wohlhabendere Milieus für die Partei entscheiden. Der Bildungsgradient zeigt sich auch in Deutschland: Bei der Bundestagswahl 2025 lag die AfD nach den Nachwahlbefragungen unter Arbeitern und Arbeitslosen vorn.

Wo die Fälle auseinanderliegen

Die Organisation unterscheidet sich. Der FN gilt den Autoren als Simulakrum einer Massenpartei, ein Familienbetrieb mit gepolsterten Zahlen. Die AfD wurde 2013 gegründet und wuchs von rund 17 700 Mitgliedern 2013 auf etwa 51 300 Ende 2024 2 und rund 73 000 im Februar 2026 3. Sie hat damit deutlich weniger Mitglieder als SPD oder CDU (jeweils rund 360 000 Ende 2024) 4 und bewegt sich in der Größenordnung dessen, was der RN offiziell angibt, allerdings mit nachgewiesenen Mitgliedern. Die Parteienfinanzierung (2025 rund 18,2 Millionen Euro) und die Fraktionsmittel bei 151 Bundestagssitzen 5 schaffen ähnliche Anreize wie beim RN, dessen Zuschüsse nach 2024 von 10 auf 18,5 Millionen Euro steigen sollten. Ob man die AfD deshalb als „parti aubaine“ lesen kann, wäre nur mit einer eigenen Untersuchung von Fluktuation und Rekrutierung zu klären. Die Abspaltungen von Bernd Lucke (2015) und Frauke Petry (2017) und der Austritt Jörg Meuthens sprechen für Instabilität an der Spitze, die dem Muster der Mégret-Spaltung ähnelt.

Die ideologische Bewegung verläuft gegenläufig. Der FN begann radikal und hat sich unter Marine Le Pen nach außen gemäßigt, ohne die Matrix zu verlassen. Die AfD begann als euro-kritische Partei und radikalisierte sich; Teile werden vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Der RN wahrt seine Marke gegenüber der AfD: 2024 wurde sie aus der gemeinsamen Fraktion im Europäischen Parlament ausgeschlossen, und beide gehören heute verschiedenen Gruppen an (Patriots for Europe beziehungsweise Europa der Souveränen Nationen). Was das Buch über die Generationenlogik sagt, ließe sich auf die AfD anwenden: Wer 2013, wer 2015 bis 2017 und wer nach 2020 eintrat, hat andere Bezüge und andere Loyalitäten.

Das Wahlsystem und die Regierungsform machen einen weiteren Unterschied. In Frankreich zwingt die Stichwahl zu Ausschluss oder Bündnis, und der „Front républicain“ war ein Mechanismus, den das Buch für verbraucht hält. In Deutschland regiert die Verhältniswahl, und die Auseinandersetzung läuft über Koalitionsausschlüsse. Eine Zuspitzung auf eine einzelne Person ist im parlamentarischen System weniger angelegt; die AfD wird von einer Doppelspitze geführt.

Ein Prüfstein aus Sachsen-Anhalt

Die Wahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 stellt eine Annahme des Buches auf die Probe. Die AfD erzielte laut den vorliegenden Berichten 43,8 Prozent (2021: 20,8 Prozent) und verfehlte die absolute Mehrheit 6, bei einer Beteiligung von rund 77 Prozent (2021: 60,3 Prozent) 7. Lehingue und Pudal beschreiben die Enthaltung als ersten „Wahlakt“ der Volksklassen und zeigen, dass der RN bei niedriger Beteiligung verliert (Parlamentswahl 2017, Regionalwahlen 2021). Der Fall Sachsen-Anhalt legt nahe, dass der Wechsel von „exit“ zu „voice“ auch in die andere Richtung laufen kann: Hohe Mobilisierung nützt hier der extremen Rechten. Das widerspricht dem Buch nicht, denn es beschreibt die Haltungen der Volksklassen als beweglich, es macht aber deutlich, dass die Formel „hohe Beteiligung schadet der extremen Rechten“ nicht trägt.

Präsidentschaftswahl 2027: Abstimmung gegen Amtsinhaber, offene Mobilisierung und unsicheres Regieren

Zum Stand: Marine Le Pen wurde im März 2025 in erster Instanz wegen Veruntreuung von EU-Mitteln verurteilt, mit sofort vollziehbarer Unwählbarkeit 8. Am 7. Juli 2026 bestätigte das Berufungsgericht Paris die Schuld, reduzierte aber die Strafe auf drei Jahre Haft (davon eines fest, mit Fußfessel) und 45 Monate Unwählbarkeit, von denen 30 zur Bewährung ausgesetzt sind 9. Der feste Teil der Unwählbarkeit (15 Monate) war durch die sofortige Vollziehung seit dem 31. März 2025 bereits abgelaufen; sie ist damit für die Wahl am 18. April und 2. Mai 2027 zulassungsfähig 10. Sie hat Kassationsbeschwerde eingelegt 11. Nach einer Übersicht bei Wikipedia hat sie ihre Kandidatur danach offiziell gemacht 12. Die Stichwahlumfragen dieses Herbstes sehen sie in hypothetischen Duellen vorn: Harris Interactive (22. bis 24. September) 57 zu 43 gegen Édouard Philippe und 69 zu 31 gegen Jean-Luc Mélenchon, OpinionWay (9. bis 10. September) 55 zu 45 gegen Philippe 13. Diese Werte beruhen auf angenommenen Paarungen, sieben Monate vor dem Wahltag.

Das Buch ist im Januar 2026 erschienen und kennt weder das Berufungsurteil noch diese Umfragen. Die folgenden Punkte sind daher meine Lesart seiner Ergebnisse, keine Prognosen der Autoren.

Erstens trennt das Buch Wahlerfolg und Regierungsfähigkeit. Die Schwäche der Organisation mindert die Zahl der Stimmen nicht, wohl aber die Fähigkeit, nach einem Sieg zu regieren. Das Kapitel zu den Parlamentswahlen 2024 nennt rund fünfzig Kandidaten mit rassistischen, homophoben oder verschwörungsgläubigen Äußerungen, etwa vierzig, die Debatten verweigerten, ein abgespecktes Programm und den „Amateurismus“ einer als solide dargestellten Organisation. Nach dem Buch kann Marine Le Pen kaum auf Regierungserfahrung, ein Kaderreservoir oder Netzwerke zählen, sie ist auf Überläufer aus der Rechten (Ciotti, Mariani), Wirtschaftsspender und ein wohlgesinntes Medienumfeld angewiesen. Für 2027 lautet die Frage nach dem Buch weniger, ob sie gewinnen kann, als welche Abhängigkeiten ein Sieg mit sich brächte.

Zweitens beschreibt das Buch die Stichwahl als Abstimmung gegen jemanden. Wahlen sind zu Abstrafungen der Amtsinhaber geworden, Stimmen für den RN werden oft ohne Begeisterung abgegeben, Programme spielen eine untergeordnete Rolle. Das erhöht die Chancen gegen ein Lager, das als Fortsetzung der Regierung gilt. Zugleich hält das Buch fest, dass der „Front républicain“ 2022 kaum noch trug und dass die Stichwahlwerte in Gestalt von Böden statt Decken wachsen: 90 von 96 Departements gaben 2022 mehr als 30 Prozent. Hinzu kommen Reserven (fast 1,5 Millionen Stimmen von Reconquête, Debout la France und den Patriotes bei den Parlamentswahlen 2022) und neue Verbündete in der klassischen Rechten. Die Barriere in der zweiten Runde ist damit niedriger geworden.

Drittens hängt vieles an den Volksklassen und ihrer Beteiligung. Der RN verlor 2017 bei den Parlamentswahlen und 2021 bei den Regionalwahlen, als sich seine Basis enthielt. Für 2027 folgt daraus, dass die Mobilisierung von Arbeitern und Angestellten, die sonst zu Hause bleiben, in beiden Runden mehr entscheiden kann als ein Kandidatenwechsel. Der Blick nach Sachsen-Anhalt zeigt, dass sich diese Gruppen auch für die extreme Rechte mobilisieren lassen.

Viertens rät das Kapitel zu den Umfragen zur Vorsicht. Die Institute haben den FN zunächst unterschätzt (2002) und später überschätzt (2017 wurde der erste Platz erwartet, sie erhielt 21,3 Prozent; 2021 galt der RN in vier Regionen als Favorit und gewann keine). Der Erwünschtheitsdruck bei der Antwort sinkt inzwischen, was Unterschätzungen unwahrscheinlicher macht. Umfragen zu hypothetischen Stichwahlen sind aus Sicht des Buches Hinweise auf eine Stimmung, keine Vorhersagen.

Fünftens warnt das Buch vor einer Wiederholung der moralischen Ermahnung. Warnungen von gut ausgestatteten Sprechern kämen bei den Adressaten als Belehrung an, mit der Gefahr symbolischer Abwendung. Der Vergleich der Demonstrationen von 2002, 2017 und 2022 weist darauf hin, dass der Reflex an Kraft verloren hat. Wer 2027 Stimmen zurückgewinnen will, müsste eher an den vier Reihen ansetzen (Beschäftigung und Dienste vor Ort, Schule, politische Repräsentation, Migrationsdebatte) als am Programm des RN. Das ist eine Folgerung aus den Befunden, keine Wahlkampfempfehlung der Autoren.

Sechstens die Führungsfrage. Nach dem Buch ist Marine Le Pens persönliches wie delegiertes politisches Kapital schwach, sie stützt sich auf Wahlerfolge und muss ihren Vorrang ständig neu absichern. Bardella gilt den Autoren als Nachfolger ohne eigenes Kapital und Erbe einer Marke. Solange Le Pen antreten kann, ist der Erbschaftsstreit aufgeschoben; ein Kassationsurteil oder ein Umschwung in der Stimmung würde ihn wieder öffnen.

Siebtens bleibt der Blick auf das Risiko. Die Autoren nennen den RN heute nicht faschistisch, halten aber eine schnelle Radikalisierung in einer plötzlichen Krise für möglich und verweisen auf Paxtons Phasen: Auf die Verwurzelung folgt die Machtübernahme, bei der Bündnisse mit konservativen Eliten und Unternehmern den Ausschlag geben. Diese Einschätzung ist ihre eigene normative Position (das Gebot der Wachsamkeit) und aus den Daten des Buches allein nicht ableitbar.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Der Rassemblement national als Nutznießer einer neuen Konfiguration." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Oktober 1, 2026 at 20:38. https://rentree.de/2026/10/01/der-rassemblement-national-als-nutzniesser-einer-neuen-konfiguration/.
Anmerkungen
  1. Dörthe Hein und Anne-Beatrice Clasmann (dpa), Umfragehoch für AfD – Wer regiert Ende 2026 in Magdeburg?, Yahoo Nachrichten>>>
  2. Statista, Entwicklung der Mitgliederzahlen der politischen Parteien in Deutschland bis 2024>>>
  3. statistiken-aktuell.de, Mitgliederzahlen der Parteien 2026: alle Parteien im Vergleich>>>
  4. Statista, Entwicklung der Mitgliederzahlen der politischen Parteien in Deutschland bis 2024>>>
  5. Wikipedia, Alternative für Deutschland>>>
  6. Hanns-Seidel-Stiftung, Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 AfD wird stärkste Kraft>>>
  7. Wikipedia, Ulrich Siegmund>>>
  8. Touteleurope.eu, Procès des assistants du RN : Marine Le Pen condamnée en appel, mais éligible à l’élection présidentielle 2027>>>
  9. franceinfo, Inéligibilité, peine de prison… Pourquoi la condamnation de Marine Le Pen a été réduite en appel; Touteleurope.eu, Procès des assistants du RN : Marine Le Pen condamnée en appel, mais éligible à l’élection présidentielle 2027>>>
  10. Touteleurope.eu, Procès des assistants du RN : Marine Le Pen condamnée en appel, mais éligible à l’élection présidentielle 2027>>>
  11. Le Club des Juristes, Marine Le Pen condamnée en appel : ce qu’il faut retenir de la décision de justice>>>
  12. Wikipedia, Liste de sondages sur l’élection présidentielle française de 2027>>>
  13. Wikipedia, Liste de sondages sur l’élection présidentielle française de 2027>>>

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